502 Jahre Fake News – Geht’s noch?

Die lutherische Landeskirche Hannovers hat zum Reformationstag ein Video auf Facebook geteilt, in dem eine Dame erläutert, was die Bedeutung jenes Tages sei. Der Fairness halber sei erwähnt, dass das Video nicht von dieser Landeskirche stammt, sondern, wie könnte es anders sein, von der EKiR, der „Evangelischen Kirche im Rheinland“, ihres Zeichens zwangsunierte Einheitskirche, in der gar nichts mehr geht. Trotz Kopfschmerzalarms angesichts so viel Unsinns lohnt es sich, das Video anzuschauen (wenn man in Kauf nimmt, die Klickzahlen zu erhöhen), denn es illustriert eine Nuance reformatorischen Selbstverständnisses, die sehr problematisch ist.

Darin heißt es, Luther sei von der Frage umgetrieben worden, wie er einen gnädigen Gott bekomme. Nun offenbart ja bereits die Fragestellung, wie weit Luther von katholischem Denken entfernt war, denn die Frage ist natürlich, ob Gott gnädig ist, nicht, wie man ihn so denkt, dass er gnädig wäre. Nun könnte man mir dies zu Recht als Wortklauberei anlasten und sagen, Luther habe ja die entsprechende Frage gemeint. Obwohl ich mir da nicht sicher bin, sei der Einspruch angenommen, darum geht es hier gar nicht. Vielmehr setzt die Videobotschaft diese Frage Luthers in Gegensatz zu seinen Zeitgenossen und Vorgängern. Angeblich hätten diese sich Gott als „schlecht gelaunten Diktator“ vorgestellt, vor dem man eigentlich „ständig Angst haben“ müsse, sodass die Reformatoren sich gemeinsam auf die Suche gemacht hätten, ob Gott nicht auch irgendwie „liebevoll und großherzig“ sein könne.

Geht’s noch?

All die Zeugnisse der Kirchenväter, der Kirchenlehrer, der mittelalterlichen Mystikerinnen sprechen eindringlich von Gottes Liebe. Wenn Luther das nicht sehen konnte, ist das ein gravierendes Problem, aber es hat nichts mit einer allgemeinen Sichtweise auf Gott zu tun. Aber natürlich „muss“ man das heute so darstellen, denn ansonsten könnte man nichts feiern. Was bliebe denn übrig, wenn man die historischen Fakten wahrnähme? Das Recht darauf, dass persönliche religiöse Psychosen von der Kirche in Theologie umgesetzt werden? Hier werden Lügen über die Vergangenheit einfach als Tatsachen dreist behauptet, und dadurch, dass deren Hinterfragung Wissen voraussetzt, das viele nicht haben, wird diese Desinformationskampagne einfach hingenommen. So ist die evangelische Konfession solide in Fake News verankert. Das gilt natürlich, wie auf diesem Blog schon öfter untersucht, für so gut wie jede evangelische Doktrin, die versucht, sich von katholischer Lehre abzugrenzen. Streicht man die Diffamierung, bleibt nichts übrig.

Der Witz ist ja nun, dass Puritanismus, Preußentum, Pietismus und viele andere Nuancen des Protestantismus derart freudlos waren bzw. sind, dass man dahinter kaum einen liebenden Gott vermuten kann. Der Protestantismus diagnostiziert hier also (mal wieder) die eigenen Fehler beim Gegenüber. Das nennt man klassischerweise „Balken vor dem eigenen Auge“. Denn natürlich mussten viele Protestanten den Gott ihrer eigenen Denomination, den kontrollsüchtigen, nachtragenden Gott, von dem man nie genau weiß, ob er einem nun vergeben hat, und der jede kleine Vergnügung aufrechnet, von dem man auch meist nicht genau weiß, was er von einem will, erst einmal überwinden, als die Postmoderne langsam einsetzte – nachdem man diesen mehr oder minder abgeschafft hatte, jedenfalls in den Landeskirchen, schob man seine Existenz einfach den Katholiken in die Schuhe, wie bequem. Damit will ich nicht behaupten, es hätte innerhalb der Kirche nicht auch eklatante Fehldeutungen in Bezug auf Gottes Wesen gegeben – die gibt es immer noch, denn natürlich empfindet nicht jeder Gottes Liebe und kaum jemand ist frei von Projektion. Anders als in manchen reformierten Gemeinschaften steht aber zumindest die katholische Lehre glasklar gegen solche falschen Zuschreibungen.

Übrigens war ich zu Beginn des Videos noch erstaunt, dass es überhaupt um Gott und Gnade ging, wenn auch auf unterirdischem Niveau. Das Erstaunen ging in Beruhigung über, als nach einer Minute an Gott orientierter und interessierter Überlegung endlich wieder das postmoderne evangelische Thema Nr. 1 behandelt wurde: Das Ego. Im weiteren Verlauf wird nämlich behauptet, heute sei die Frage ja nicht mehr, wie man einen gnädigen Gott, sondern wie man ein gnädiges Ich bekomme. Na Gott sei Dank, wenigstens tut da niemand mehr auch nur so, als hänge man dem christlichen Glauben an. Wer noch Zweifel an der Irrelevanz des reformatorischen Bekenntnisses hegte, kann sie nun einpacken. Dass Luther eine solche Äußerung lautstark verflucht hätte, versteht sich von selbst.

Nicht vergessen: Der 31. Oktober ist der Gedenktag des hl. Wolfgang und Vigiltag von Allerheiligen. Geht beichten und feiert – bis zur Vesper den hl. Wolfgang und dann Halloween, wenn euch ein Anlass nicht reicht!

5 Kommentare

  1. „Der Witz ist ja nun, dass Puritanismus, Preußentum, Pietismus und viele andere Nuancen des Protestantismus derart freudlos waren bzw. sind, dass man dahinter kaum einen liebenden Gott vermuten kann.“

    Wunderbar! Balsam für die Seele, um in den heutigen Tag zu starten! :)))

  2. Jup. Aber die Protestanten reissen halt gerne die Klappe auf. Sie profitieren von der allgemeinen historischen Legasthenie der Bevölkerung, die sich für ach so aufgeklärt hält. Antikatholizismus ist die Doktrin dieses Staates!

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