Katholizismus und Politik – Gefährliche Liebschaft

Zu dem Thema ist schon viel geschrieben worden. Ich will hier einmal meine persönlichen Gedanken dazu äußern, die bitte nicht als vollständiges, fertig gedachtes Konzept missverstanden werden wollen.

Gerade in letzter Zeit verfolge ich ein wenig den Kampf des Freundes und Mitbloggers Tobias, der sich sehr für Rod Drehers Benedict Option stark macht. Ich habe das Buch (noch) nicht gelesen (ich gehe besser in Deckung, bevor Tobias mir damit eins überbrät…). Das liegt daran, dass ich grundsätzlich gegenwärtige religiös-gesellschaftliche Schriften in Buchlänge nicht mag. Zweitens werde ich immer phlegmatisch, wenn um irgendetwas ein Hype entsteht. Ich fühle mich dann erstmal nicht zuständig. Schließlich erscheinen mir die Inhalte, die sich mir durch Diskussionen und Besprechungen indirekt erschließen, weder kontrovers noch neu. Christentum als kreative Minderheit, im eigenen, persönlichen Leben die Basis schaffen um aus dieser Position heraus durch lebendiges Wirken innerhalb und außerhalb der Kirche missionarisch tätig zu werden, sich als Subkultur dem Mainstream entziehen – where’s the problem? Dafür brauche ich keinen eingängigen Namen, da reicht mir „Catholic Obligation“ statt „Benedict Option“. Diese Einschätzung scheinen aber viele Menschen nicht zu teilen; die Benedict Option wird gern als Feindbild konstruiert: Es wird behauptet, sie werbe für selbstgenügsames, abgekapseltes, apolitisches Christentum. So gab es in der Tagespost eine Absage an die BenOp durch das Ehepaar Kugler, politisch und gesellschaftspolitisch sehr engagierte österreichische Katholiken, die offensichtlich die BenOp als Angriff auf ihr Selbstverständnis empfinden. (Für die Chronologie: Leider mittlerweile im Archiv hinter der Bezahlschranke aber lesenswert: hier die Replik von Tobias Klein und die – wie ich meine recht unangemessene und den Titel betreffend geradezu freche – Erwiderung der Kuglers.) Da ich das Buch nicht gelesen habe, fühle ich mich nicht im Stande, aktiv in diese Debatte einzugreifen, aber meiner Einschätzung nach wirft dies eher ein Licht auf Kuglers denn auf die BenOp. In ihrer Darstellung des „Feindes“ verzerren sie nämlich erkennbar und ziemlich platt das, was Dreher eigentlich aussagt, um so erst das zu konstruieren, was sie dann ablehnen. Wer so tickt, hat offensichtlich etwas als persönliche Verletzung empfunden, und sollte sich selbst gegenüber ehrlich herausfinden wollen, ob man nicht vielleicht wichtige Anstöße Drehers ablehnt, weil man sich, ahnend, dass sie stichhaltig sind, von ihnen entfernt hat.

Langer Rede kurzer Sinn, dies ist die grobe Vorgeschichte dieses Artikels. Anlass ist ein TAZ-Artikel über einen Familienkongress in Verona, der desinformativ Pech und Schwefel ausschüttet über das, was sich in Europa als neue „konservative“ gesellschaftliche Protestfront aufbaut.

Der Artikel benennt als Merkmale dieser Bewegung Gegnerschaft gegen Abtreibung, gegen LGBT-etc.-Rechte, man ist „ultrakonservativ“ und im Schulterschluss mit Rechtspopulisten. Natürlich ist der Artikel von vornherein nicht an Sachlichkeit interessiert. So werden Abtreibungsgegner als „Anti-Choice-Aktivisten“ bezeichnet, was ja schon eine geradezu orwellsche Verzerrung der Tatsachen ist. Es geht um Ideologie und Kulturkampf. Zwar geißelt man seitens der TAZ die kämpferische Rhetorik der Vertreter dieser Bewegung, verfolgt man aber auch nur am Rande linke Diktion, muss man angesichts dessen Schmunzeln, schließlich klingt das, was selbsternannte Feministinnen oder Antikapitalisten sagen, mindestens genauso kriegslüstern und noch deutlich aggressiver.

Nun hat für mich dieser Artikel, obwohl in weiten Teilen unzutreffend, diffamierend und ideologisiert, dennoch eine gewisse Stichhaltigkeit, und zwar gerade weil ich zu denen gehöre, die man als Sympathisant, wenn nicht gar Teil „ultrakonservativer“ Strömungen ansehen könnte.

Ich halte es nämlich für ein Problem, wenn sich Christen derart gesellschaftlich oder politisch einsetzen, dass ihr Engagement verwechselt werden kann mit Zielen von Leuten, denen Christentum maximal ein Feigenblatt ist. In Deutschland ist das noch relativ schwach ausgeprägt, weil wir ein stark offiziöses, kirchensteuergelähmtes Amtschristentum haben, das die öffentliche Aktivität der Kirche und ihrer Mitglieder maßgeblich prägt. Kräfte wie die Identitäre Bewegung kommen hier nur langsam und zum Glück unzureichend voran. In Frankreich dagegen sieht es anders aus, hier befinden sich Rechtspopulismus (ich meine den echten) und „bekennender“ Katholizismus in großer Nähe zueinander – da hilft es wenig, darauf hinzuweisen, dass der Gallikanismus eine alte französische Krankheit ist, die die Kirche schon lange vor der Familie Le Pen bekämpft hat! Da ich über Facebook mit einer Handvoll von Sympathisanten solcher Kräfte verbunden bin, bekomme ich auch immer wieder mal Postings und Kommentare aus dieser „Ecke“ über meine Timeline gespült und ich bin immer wieder erstaunt, was da als christliches Abendland beschworen und aufgefasst wird.

Ich will ein Beispiel bemühen, damit es nicht abstrakt bleibt: Christlicher Lebensschutz bemüht sich um den Schutz und die Würde jedes einzelnen Menschen von der Empfängnis bis zum Tod. In der rechtspopulistisch abgetakelten Version kommt in Karikaturen, Aphorismen oder sonstigen Elaboraten zum Ausdruck, das Leben europäischer Kinder sei zu schützen, denn durch Abtreibung stürben ja vorrangig diese, was einer Agenda diene, die einen Bevölkerungsaustausch anstrebe. Dies verliert natürlich (abgesehen vom NWO-Freimaurer-Verschwörungstheorie-Touch) erstens völlig internationale und historische Zusammenhänge aus dem Blick, schließlich ist die Abtreibungslobby nicht nur in ihrer Entstehung eugenisch und rassistisch, sondern auch heute noch stark gegen Menschen in Entwicklungsländern (und in den USA gegen die afro-amerikanische Minderheit) gerichtet. Zweitens ist es schlicht und einfach rassistisch. Ein Christ liebt Europa um seiner kulturellen Eigenheiten willen, aber er ist nicht an Nationalismen gekettet. Ob die Kinder einer Schulklasse weiß oder schwarz sind, ist ihm völlig gleichgültig, ganz egal, ob diese Klasse in Nairobi oder Nürnberg lernt, wie man Christus liebt und ihm dient. Damit seien Probleme, die verfehlte und überforderte Migrations(nicht)Politik bringt, nicht geleugnet! Bloß: Wenn sie sich ins Thema „Lebensschutz“ verirren, sind sie entlarvt als tatsächlich rassistisch, nicht sachlich motiviert – dann geht es eben gar nicht um Lebensschutz, auch, wenn es oberflächlich so aussehen mag.

Die Versuchung, die sich dem Katholiken hier darbietet, ist Macht. Über 1000 Jahre lang (ich vereinfache) waren wir es gewöhnt, dass katholischer Glaube und Macht miteinander verbunden waren, mal mehr oder weniger innig, immer mehr oder weniger konfliktreich, in einem komplexen Verhältnis, das schon. Aber dass die prägende Kraft Europas auch in politischem Sinne das katholische Christentum war, das lässt sich nicht leugnen. Natürlich gab es nie eine derartige Machtfülle, wie es antikatholische Mythen behaupten. Trotzdem ist es demütigend und ermüdend, seit der Reformation sukzessive die Abnahme der Prägekraft des Glaubens zu durchleiden. Und da winkt nun die Versuchung, sich auf halbseidene Kompromisse mit Kräften einzulassen, die nicht koscher sind. Sie bieten kämpferische, oft jugendliche, frische Rhetorik, sie bedienen in ihrer „Ikonographie“ gerne unser Verlangen nach Ruhm und Ehre und danach, einer großen Sache zu dienen.

Es ist eine Anfechtung, in der Hitze des tobenden Gefechts um die gesellschaftliche Ordnung Europas nicht in bourgeoise, spießige, puritanische und sonstige Reflexe zu verfallen und die Ordnung Gottes mit der Ordnung der 70er Jahre des 19. oder der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts zu verwechseln. Immer, wenn Christen versucht haben, Gottes Reich auf Erden politisch-gesellschaftlich zu etablieren, kamen entweder diabolische Karikaturen dabei heraus – man denke nur an Jan van Leidens münstersches Jerusalem – oder die christliche Botschaft wurde korrumpiert und dadurch in ihrer Legitimation und Wirksamkeit nachhaltig geschwächt, man denke an die Conquista, die Ausweisung der Juden aus verschiedenen Ländern Europas etc. Ein mit Blinklichtern und Sirenen eindringlich warnendes Beispiel sollte die Orthodoxie sein, die nicht nur mit kleinlichen Nationalismen zu kämpfen hat, sondern die in der Vereinnahmung durch Politik sogar nicht verhandelbares Glaubensgut aufgegeben hat!

Wenn wir diffamiert zu werden als „Anti-LGBTetc.“, ist wichtiger, zu fragen: Sind wir „Anti-LGBTetc.“? Suchen wir den Dialog mit Menschen, die meinen, benachteiligt zu sein, hören wir ihre Argumente an und argumentieren wir fair, ruhig, ohne Schaum vor dem Mund und ohne Verschwörungstheorien im Kopf dagegen? Das wunderbare am katholischen Bekenntnis ist ja, dass es gerade nicht sich als homosexuell identifizierende Menschen verurteilt. Dieses Bekenntnis zum Menschen kommt in der gesellschaftspolitischen Debatte meistens zu kurz, und wer, wenn nicht wir, ist dazu berufen, es in die Debatte hineinzuzwingen, koste es, was es wolle?

Es ist extrem anstrengend, in einem immer weniger an Sachlichkeit und Redlichkeit orientierten Umfeld an diesen Werten festzuhalten, der Komplexität von Themen immer gerecht zu werden und niemals das Prinzip über die Person zu stellen. Aber was ist unser christlicher Glaube wert, wenn er nicht genau da, wo es anficht, schwierig und unangenehm ist, zur Leitschnur unseres Handelns wird?

Wann immer wir also abseits der persönlichen Ebene etwas erstreben, müssen wir extrem vorsichtig sein, dabei nicht am Ende Christus, die Liebe, zu verraten. Kritiker meiner Darlegung werden sagen, dass die Feinde des Lebens, der Freiheit und der Menschenwürde uns auch dann diffamieren werden, wenn wir uns nicht korrumpieren lassen. Das mag stimmen. Aber im Hinblick auf das, was zählt, ist es gleichgültig, ob wir verurteilt werden, wenn wir uns in der Liebe nichts vorzuwerfen haben. Die Agenda eines Christen ist keine Weltordnung, sondern das Seelenheil des Einzelnen. Natürlich stehen diese beiden Dinge miteinander in Verbindung, aber der Christ muss sich an die individuelle Seele halten (und an die eigene natürlich), wenn er nachhaltig etwas erreichen will. Darum werde ich misstrauisch, wenn konservative Gruppen oder Bewegungen, die sich in weiterem Sinne als katholisch verstehen, kämpferisch-revolutionäre Rhetorik nutzen. Wir können keine Revolution in unserem Sinne anstreben, weil Christentum in sich antirevolutionär sein muss. Es geht uns nicht darum, dass „die Richtigen“ unter der Guillotine landen, sondern dass keiner darunter endet. Wir suchen nicht Krieg, sondern echten, umfassenden Frieden. Die Herausforderung ist, dem wirklich grundlegend „Anderen“ des Christentums zu vertrauen, und nicht doch insgeheim auf die Wege der Welt.

Übrigens sehe ich durchaus den Schmerz, den diese Einsicht birgt: Es ist schmerzhaft, zu sehen, wie Menschen einander und sich selbst tiefe Verletzungen zufügen, weil in der Gesellschaft kein Konsens mehr besteht, der die Hürde zu solchem Verhalten höher ansetzen würde. Natürlich würden weniger Kinder sterben, wenn Abtreibung verboten wäre und natürlich wird durch Homoehe die Leihmutterschaft befördert, die Kind und Mutter der Würde beraubt. Und ja, der Relativismus beschert uns eine Gesellschaft, die gegen Polygamie und andere kulturelle Unarten, die durch das Christentum in Europa ausgerottet worden sind, keine rechte Handhabe mehr hat. All das tut weh. Aber es gehört eben auch zum Christsein, dieses Leid mitzutragen. Wenn unser öffentliches Wirken mit Hinweis auf dieses Leid anderes Leid und andere Ungerechtigkeiten billigt, ist es in Wirklichkeit ein heuchlerisches Ablegen des Kreuzes.

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12 Kommentare

  1. So sehr der Konnex zw den orthodoxen Nationalkirchen und der Politik zu kritisieren ist – welches Glaubensgut haben sie aufgegeben? (Nicht de­s­pek­tier­lich gemeint, ich würde wirklich gern wissen, woran du da denkst.)

    • Ich denke an die in der Orthodoxie erlaubte Ehescheidung – in meinen Augen eine Generalkapitulation, die Ehe ist auf so geheime und doch spürbare Weise mit dem innersten Wesen Gottes verbunden, nicht umsonst gibt es eine Reihe großer Märtyrer, die ihre Heiligkeit bezeugen.

  2. Auf die von Dir nachvollziehbar als frech empfundene Kuglersche Erwiderung gibt es eine Erwiderung von mir, allerdings nicht in der Tagespost: https://katholischlogisch.blog/2019/03/19/eliten-bilden-kultur-praegen-werte-bestimmen/

    Ich finde Rod Dreher deshalb sehr lesenswert, weil er mich an Dinge erinnert und mahnt, die wichtig sind – und weil er praktische Möglichkeiten zeigt. Auch wenn die in Deutschland nicht 1:1 kopierbar sind, haben sie mich zum Nachdenken über andere praktische Möglichkeiten angeregt. (Mit „Ich finde lesenswert“ meine ich allerdings nicht „Lies das oder Du wirst entfreundet“.)

    Was mich besonders an Relativisten nervt, ist ihre ständige Forderung, man müsse für alles einen Grund haben. Nein, ich muss keinen Grund haben, warum ich Scheiße nicht für essbar halte, und ich muss keinen Grund haben, warum ich Kindermord für schlecht halte. Im Gegenteil: In dem Augenblick, wo wir anfangen, zu erklären, warum es schlecht ist, Kinder umzubringen, haben wir schon Terrain verloren. Es genügt völlig, zu sagen, daß bei Abtreibung Menschen umgebracht werden (was ja leider nicht jedem klar ist).

    • Ja, deinen Text dazu fand ich auch super. Wie gesagt, ich halte die BenOp auch gar nicht für nicht lesenswert, aber sie steht halt auf meiner Liste einfach nicht oben, gerade auch durch gründliche Aufarbeitung und Analyse durch die in der Bloggerszene und durch Artikel in der englischsprachigen Szene. Ich bin mir sicher, dass sie auch gute Impulse geben kann.

  3. Ich finde, du vermischst hier ein paar Sachen zu sehr. Ich meine, es ist prinzipiell schon möglich und wäre auch gut, christliche Politik zu machen, ohne falsche Kompromisse einzugehen oder Glaubensgut aufzugeben. Es gibt dafür ja auch positive Beispiele: Die Zentrumspartei im 19. Jahrhundert oder die heiliggesprochenen Könige und Königinnen aus dem Mittelalter zum Beispiel. Klar gibt es da Gefahren, und viele Möglichkeiten, etwas falsch zu machen, aber die gibt es bei *allem*, wenn man den Glauben praktisch umsetzen will. Und es gibt zwar Wichtigeres als Politik, aber der Glaube sollte im Idealfall eben doch die ganze Welt „durchsäuern“. Die Alternative ist eben eine antichristliche Politik, die ganz konkret Schaden anrichtet (z. B. Leihmutterschaft, Abtreibung, Euthanasie).

    (Das Problem bei den orthodoxen Kirchen ist, dass sie die Gemeinschaft mit der Weltkirche aufgegeben haben und stattdessen die Nation zu hoch einschätzen.)

    – Lg, Crescentia.

    • Ich finde ehrlich gesagt überhaupt nicht, dass ich irgendwas „vermische“ (allerdings gebe ich zu, dass ich verschiedene Gedankengänge aneinanderreihe). Ich behaupte ja nun gerade nicht, dass es keine christliche Politik geben kann.

      Ich bin auch grundsätzlich der Ansicht, dass die Ordnung des hl RömReiches die beste und die bestmögliche Ordnung war. Dennoch möchte ich hier nicht idealisieren (gerade weil ich ein Fan bin 😉 ): Immer, wenn Macht und Christentum zusammenkamen, war die Gefahr der Korruption nicht nur da, sondern es ist auch passiert. Das bedeutet für mich nicht, dass man nicht versuchen sollte, eine gute Ordnung anzustreben, sondern, O-Ton: Dass man dabei „extrem vorsichtig“ sein muss!

      Ich gebe dir auch Recht, was die „Durchsäuerung“ angeht. Ich wende mich gegen die gerade im Augenblick konkret oftmals deutlich werdende stillschweigende oder offene Koalition mit Kräften, die nicht katholisch sind, aber gerne mit christlichem Abendland argumentieren, und mit der Vermischung von katholischem Glauben mit bürgerlichem Konservatismus. Wenn ich Leuten wie Beverfoerde zuhöre, dann höre ich da nichts von christlicher Liebe. Ich höre verallgemeinernde, leicht verschwörungstheoretisch angehauchte, bittere Aggression, und ich denke, dass wenn solche Leute an die Macht kämen, das eine furchtbare Situation heraufbeschwören würde. Z.B. kenne ich viele, die die osteuropäische (insbesondere russische) Haltung in Sachen Homosexualität etc. sehr befürworten. Fakt ist aber, dass Homosexuelle in Russland oftmals Angst haben müssen, Opfer von Gewalt werden. Das hat mit christlicher Haltung also überhaupt nichts zu tun! Vielen reicht aber die äußerliche Ablehnung von Homosexualität, egal, wie dann mit den Menschen umgegangen wird (solange es dann nicht wiederum um Steinigung durch Muslime geht, klar, aber da geht’s dann eben auch gegen den Erzfeind…)

      Ich möchte z.B. nicht, dass Frauen für Abtreibung ins Gefängnis gehen (ich behaupte nicht, dass in den deutschen Lebensschutzkreisen diese Haltung vorherrschend wäre, keinesfalls, ich nenne es nur als Beispiel). Ich möchte auch nicht, dass homosexuelle Handlungen bestraft werden. Nach katholischen Maßstäben, die das Prinzip über den Menschen stellen, wäre dies aber „wollbar“, du verstehst, was ich meine, also, WÄREN wir politisch mächtig, WÄRE eine politische Auseinandersetzung über solche Dinge gar nicht so abwegig – und in dem Augenblick wäre ich plötzlich gezwungen, LGBT-Aktivistin und Frauenrechtlerin zu werden – weil meiner Ansicht nach hier der katholische Glaube falsch umgesetzt würde, wenn er in Gesetzgebungen dieser Art münden würde. Deshalb habe ich gerade aus dem Mittelalter und der Neuzeit Beispiele gebracht, weil eben selbst in jener Zeit oftmals politische Belange über die christlichen gestellt wurden – und das Problem dabei ist dann eben, dass es auf den Glauben zurückfällt.

      Also, wie gesagt, nirgends behaupte ich, christliche Politik sei nicht möglich, nicht nötig oder zu vermeiden!

  4. Die „Benedikt-Option“ wird sich – wenn überhaupt – erst im Nachhinein (etwa für Soziologen oder Historiker) anhand konkreter Ereignisse als objektiv feststellbares, tatsächliches Geschehen herausstellen, bei dem unabhängig voneinander Gruppen und Einzelpersonen, jeweils auf sich gestellt, handelten.
    Eine koordinierte, flächendeckende Aktion halte ich für (derzeit) fast ausgeschlossen.

    Was die „Spitze“ betrifft: Jeder (wie Rod Dreher oder Dr. T. Klein) hier neu hinzu Kommende wird von den namhaften Platzhirschen automatisch als mißliebiger Konkurrent um die knappe Medienaufmerksamkeit betrachtet, Dr. Kleins Auftritt in k-tv möge hier als Beispiel genügen. Beispielsweise hat eine Verlags-Inhaberin bereits ein vitales ökonomisches Interesse, potentielle Mitbewerber auf dem schmalen christlich-orientierten „Kundenmarkt“ abzublocken, auch ein umtriebiger Publizist und Chef der deutschen Sektion einer Gruppierung aus Brasilien wird wenig Interesse haben, das recht kleine Medienfenster mit anderen zu teilen. Beide sind zu sehr auf Selbstdarstellung und Eigen-PR bedacht, um eine Kooperation auch nur in Betracht zu ziehen. Treffen wie jüngst in Fulda haben häufig lediglich die Funktion, den eigenen Namen im Gespräch zu halten und (notfalls als Statist) wahrnehmbarer Teil „der Szene“ zu bleiben. Von der Bereitschaft, sich ein- (geschweige denn unter-) zu ordnen ist nicht auszugehen, vielmehr geht jeder gleichsam naturgegeben davon aus, dass genau seine Schar der Organisationsrahmen der zukünftigen Reconcista sein wird…

    Nicht anders sieht es m. E. nach an der sog. „Basis“ aus: Katholische Gruppen im konservativ-traditionellen Spektrum machen sehr häufig einen verschlossenen bis verschrobenen Eindruck, weder neue Gesichter noch neue Ideen sind dort gerne gesehen – man kennt sich untereinander, seine Ansichten und die bisherigen Abläufe und dies soll auch bitteschön genau so bleiben. Die führenden Personen an der Basis zeichnen sich oftmals durch signifikante Schrullen aus (z.B. fehlende oder sehr unwillige Antworten und völliger Kontaktabbruch ohne Anlass) und sind derart teamunfähig, dass es zu permanenten Abspaltungen von Gruppen kommt. „Am Rande“ sind diejenigen Personen, welche zum Teil im Internet oder Zeitungen ihre resignierenden Kommentare abgeben und weiterhin unverdrossen auf die Hierarchie hoffen. Bereits ein Kontakt mit Klarnamen wird in der Regel verweigert, geschweige denn ist man zu irgendwelchem Engagement bereit.

    Das angesprochene Duo Kugler&Kugler befürchtete wohl, dass aufgrund Rod Drehers Buch nunmehr auch der letzte ÖVP-Wähler sein Tascherl packt, sich mit seinem Rosenkranzerl in die raue Bergwelt zurückzieht und somit fürderhin nicht mehr an der Wahlurne für sie zur Verfügung steht. Diese Sichtweise steht für alle, welche entweder noch in der goldenen Vergangenheit leben oder noch nicht ihre Schäflein im Trockenen haben und daher um wertvolle Kontakte zu den Spitzen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft fürchten.

    • Eine traurigerweise sehr realistische Einschätzung. Wobei ja solche Verhaltensweisen meiner Ansicht nach nicht einmal reflektiert sind – und ich den „marktwirtschaftlichen“ Gedanken im Normalfall für sehr viel weniger entscheidend halte als den Verschrobenheits-Faktor.

      • Klar, der „marktwirtschaftliche Faktor“ (plus reichlich Egozentriertheit) ist beim (zahlenmäßig nicht großen) Führungspersonal anzutreffen, welches sich eine ökonomische Basis geschaffen hat, welche durch „newcomer“ potentiell bedroht wird. Beim breiten Fußvolk (aber beileibe nicht bei allen) herrschen eher die Macken und Absonderlichkeiten vor, sei es übersteigerter Kult um Privatoffenbarungen, sei es böses Blut als Resultat jahrzehntelanger Streitigkeiten um des Kaisers Bart.

        Nur kurz zum interessanten Thema: Über „Katholizismus und Politik“ mache ich mir derzeit wenig Gedanken. Bevor man definieren kann, was „katholische Politik“ denn sein soll (deskriptiv oder normativ zu verstehen?), wäre zu klären, ob „Katholizismus und Staat“ überhaupt zusammen gehen? Vom Herrenwort „Des Kaisers, was des Kaisers ist“ über Fürstbischöfe bis zur staatsfrommen DBK-Hierarchie? Hier gibt es interessante Gedanken von Prof. Bellers bzgl. „Anarcho-Katholizismus“ – gerade im aufkommenden Gender-Staat ein fruchtbarer Gedankengang, dem man nachgehen sollte. Momentan von meiner Seite aber nur eine lose Gedankenfolge, mehr noch nicht.

      • Ich deute ja im Artikel an, dass ich die Kompatibilität von Staat und Kirche selbst in einem angenommenen katholischen Staatsgebilde eher kritisch sehe. Also, laut Jesus gehen sie ja zusammen, bloß halt nicht so, wie der Triumphalist in uns das gerne hätte 😀

      • Nun: für das Gleichrichten der unterschiedlichen Initiativen (und, speziell, gerade dort, wo Dinge an und für sich an und für sich Adiaphora sind) Überwinden gewisser individueller Schrullen im Dienste der Schlagkraft der Truppe ist ja nuneinmal tatsächlich die Hierarchie zuständig, und niemand anders kann das schaffen.

        Einstweilen bleibt uns sicher der Versuch der Zusammenarbeit, aber der Vorstellung gegenüber, daß man sich, außer der heiligen katholischen Kirche – die der Herrgott genau deswegen ja außerordentlich kraftvoll beglaubigt hat -, noch irgendeiner anderen Initiative anschließen müßte, weil in ihr das Momentum liege, unter Inkaufnahme von (zu Recht oder zu Unrecht) Dingen, wo man die Linie für falsch oder doch eine andere für auch wahr und wichtiger hält – der gegenüber ist das Herumwursteln in einzelnen Träumen und Kleininitiativen, gelegentlich gewürzt mit Zusammenarbeit, noch das kleinere Übel.

        (Zumal zumindest in meiner Erfahrung da doch immerhin das Prinzip „man kennt sich und man mag sich“ vorherrscht, auch über gewisse „Initiativen“-Grenzen hinweg – sagen wir: zwischen Schönstättern und Petrus, zwischen der KPE und der Gemeinschaft Emmanuel, oder zwischen der Jugend 2000 und der Fachschaft Theologie. Das ist, in aller Mickrigkeit, immerhin nicht nichts.)

      • Zum letzten Absatz: Ja, das ist wahr. Zum Absatz davor: Klar, aber um das von dir beschriebene größere Übel geht es ja nicht. Zum ersten: Da bin ich mir nicht so sicher, ob ich das so unterschreibe. Schließlich sollte im Rahmen des allgemeinen Menschenverstands ein jeder Getaufte dazu in der Lage sein, katholisch zu sein und zu bleiben. Ich sehe da die Aufgabe der Hierarchie eher im Beschneiden auswuchernder und fördern benachteiligter Zweige. Das Ausrichten zur Sonne hin sollte man selbst hinkriegen 😉 Damit meine ich: Adiaphora oder selbst notwendige Dinge verabsolutieren und im schlimmsten Fall vergötzen muss niemandem passieren, auch unter dysfunktionaler Hierarchie nicht.

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