Sexuali-was?

Perfiderweise haben im Zuge der Missbrauchsdebatte nicht antikatholische Kräfte den Zölibat auf die Agenda gesetzt, sondern größtenteils „Katholiken“, darunter auch Priester und Bischöfe.

Ich habe so meine Vermutungen, wieso gerade das simpel gestrickte Glaubensvolk und intellektuell eher weniger belichtete Kirchenmänner gegen den Zölibat und insgesamt gegen die kirchliche Lehre sind – ich meine, diese Leute leben selbst ein derart langweilig-spießiges Leben und eine derart oberflächliche Beziehung zum Herrn, dass ihnen die Dramatik und Bedeutung von Sexualität überhaupt nicht klar ist. Aber das ist erstens nur eine Vermutung und zweitens ein anderes Thema.

Ein anderer Punkt ist der, dass große Teile der Getauften ein vom 19. Jahrhundert (pfui bäh) geprägtes, latent freudsches Bild von Sexualität übernommen haben. Kern dieses Bildes ist, dass Sexualität ausgelebt werden müsse, sonst würde man krank. Angesichts einer durchgehend sexualisierten Gesellschaft und angesichts der Tatsache, dass auch die meisten (westlichen) Katholiken die Lehre der Kirche in dieser Hinsicht ignorieren, wundert es mich da, dass Deutschland nicht voller gut gelaunter, innerlich wie äußerlich befriedigter, psychisch gesunder und ausgeglichener Wonneproppen ist. Sollten am Ende die Leute ihren eigenen Rat nicht befolgen und schlicht untervögelt sein?

Sexualität ist mehr

Spaß beiseite: An dieser Idee ist natürlich etwas Wahres dran. Unterdrückte oder verdrängte Sexualität macht krank. Bloß: Sexualität ist eben nicht Sex. Wir decken diesen begrifflichen Schwindel auf, wenn wir Sexualität einfach mal übersetzen, und es „Geschlechtlichkeit“ nennen – da käme keiner auf die Idee, dass das in erster Linie nur Sex (schon gar nicht im Sinne hedonistischer Triebbefriedigung) meinen könnte. In der „Vulgärdebatte“ bedeutet „Sexualität ausleben“ aber praktisch „Sex haben“, und durch diese Verkürzung entsteht der Kurzschluss, wer keinen Sex hat, wird bzw. ist krank. Stellvertretend für diese Stammtischanthropologie sei hier die Äußerung eines Bekannten von mir genannt, der sagte, Kloster sei nur etwas für Asexuelle, und das sei ja auch okay, wenn die sich da sammelten. Das geht natürlich völlig an der (gewünschten) Realität vorbei. Das Aussiebeverfahren der Klöster durch Postulat, Noviziat und zeitliche Gelübde ist ja nicht aus Jux und Dollerei so lang und gründlich, man will natürlich auch (nicht nur) verhindern, dass Leute eintreten, die psychisch nicht stabil sind – und die katholische Kirche betrachtet ein gesundes Verhältnis zur Sexualität als durchaus wichtigen Bestandteil der Gesundheit eines Menschen.

Der Zölibat ist seit jeher als Opfer und Zeichen der Hingabe an Gott angesehen worden. Der Kirche ist klar, dass der Mensch, der ihn lebt, auf die Erfüllung eines zutiefst menschlichen Bedürfnisses verzichtet. Aber dieser Verzicht bedeutet keinesfalls, dass man seine eigene Geschlechtlichkeit ablehnt. Man kann dennoch seinen Körper achten und beachten, sich zu jemandem hingezogen fühlen, Begehren empfinden – aber man entscheidet eben in Freiheit, diesem Begehren nicht nachzugeben, und die Gründe dafür können recht unterschiedlich sein.

Übrigens würde kaum jemand behaupten, ein Mensch, der sein Leben für andere hingeben wolle, sei krank. Obwohl der Überlebenstrieb stärker ist als der Sexualtrieb, wird allgemein anerkannt, dass es, wenngleich nicht verpflichtend, so doch beeindruckend und ruhmvoll ist, sein Leben einzusetzen um andere zu retten. Zumindest der priesterliche und klösterliche Zölibat sind gar nichts anderes als Teil der Hingabe des eigenen Lebens für andere.

Let’s talk about Sex

Ich will überhaupt nicht leugnen, dass der Zölibat tatsächlich eine Problematik bietet. Diese lässt sich aber nur vor dem Hintergrund der katholischen Lehre behandeln, nicht gegen sie. Ich kenne persönlich viele Menschen, deren Sexualität in irgendeiner Form krank ist: Pornographie, Unfähigkeit zu Treue und Hingabe, Unfähigkeit, den eigenen Trieb um des anderen willen auch einmal zu kontrollieren, geringes Selbstwertgefühl, das kompensiert werden soll etc. All diese Probleme können einen Menschen betreffen, ganz gleich, ob er zölibatär leben will oder nicht, sie haben aber Einfluss darauf, ob er es überhaupt kann. Ja, die Kirche ist auf Vertrauen gebaut, und Vertrauen kann missbraucht werden. Deshalb werden immer, ganz egal, unter welchen Umständen, skrupellose oder schlicht kranke Menschen die Kirche und ihre Strukturen benutzen. Es wird immer diejenigen geben, die bei der Kirche unterschlüpfen wollen auf der Flucht vor sich selbst oder auf der Suche nach Macht. Die Kirche versucht, ihnen auf die Spur zu kommen und zu verhindern, dass sie sich im Priesteramt einrichten. Sie muss darin besser werden, und ein wichtiger Schritt dahin ist, keine Rücksicht auf Ansehen und öffentliche Meinung zu nehmen, sondern ehrlich zu sein. Eine weitere Maßnahme ist die offene, offensive und kompromisslose Verbreitung der unverkürzten Lehre der katholischen Kirche die Sexualität betreffend. Denn diese Lehre kann zu einer ausgeglichenen, integrierten, umsichtigen Sexualität verhelfen, sie stellt sich gegen Sex als Konsumgut und gegen Egoismus und Ausbeutung. Je weniger die Kirche zu dieser Lehre steht, desto leichter macht sie es auch falschen Lesarten und entgegengesetzten Haltungen, sich einzunisten.

Die Kirche sollte also tatsächlich mehr über Sex sprechen, aber nicht in irgendwelchen schwammigen Ausweichformulierungen, die irgendwie von Verantwortung, Partnerschaft oder sonst was faseln, sondern glasklar. Das geht aber nur, wenn sie zu ihrer Lehre steht. Sonst merkt man nämlich sehr schnell, dass da irgendwas nicht stimmt: Schon Nächstenliebe und Promiskuität schließen einander z.B. aus; und weil das so offensichtlich ist, bekommt man von unseren Kirchenfürsten auch keine klaren Ansagen diesbezüglich, sondern nur schemenhafte Floskeln, alles andere wäre hochnotpeinlich.

An der Schwierigkeit, Ungeeignete vom Priesteramt fernzuhalten, würde die Aufhebung des Zölibats nun allerdings nichts ändern. Man würde nur im Gegenteil suggerieren, ein aktives Sexleben sei per se „gesund“. Damit würde man das Aufspüren ungesunder Neigungen noch erschweren. Was hindert denn einen Kinderschänder daran, zu heiraten? Und dann eben Priester zu werden? Angesichts der Missbrauchszahlen in der evangelischen Kirche, in Schulen, Sportvereinen und nicht zuletzt Familien wissen wir, dass es insgesamt mehr nicht zum Zölibat verpflichtete Täter gibt.

A propos

Als Nachtrag übrigens noch etwas, das mich als Frau am meisten ärgert an der Idee, es sei irgendwie folgerichtig, dass ein Mann, der keinen Sex haben darf, Missbrauch ausübe: Erstens geht es bei Missbrauch nicht zuerst um Sex, sondern um Macht und Perversion: Jeder Priester, den der Hafer sticht, kann sich eine Geliebte suchen, mit der er auf Augenhöhe machen kann, was beide wollen, wenn ihm die Kirche egal ist. Missbrauchsopfer sind Opfer, keine Sexualpartner.

Und ich fühle mich als Frau durch diese Aussage in meiner Geschlechtlichkeit und Würde aufs Niederträchtigste missachtet und degradiert: Im Klartext bedeutet das nämlich, eine Frau sei in erster Linie eine Matratze, die zur Verfügung steht um einen Mann davor zu bewahren, zum Monster zu werden. Das ist schlicht ekelhaft und sagt doch unglaublich viel aus über den Zustand unserer Gesellschaft. Dass ein solcher Gedanke, ohne je explizit zu Ende gedacht zu werden, allgemein akzeptiert sein kann, ist skandalös. Wie viel schöner ist da das christliche Menschenbild, das von gegenseitiger Hingabe und Liebe ausgeht, und den Trieb als Teil der gottgewollten Ordnung betrachtet, nicht als unvermeidlichen Hang zur Erniedrigung anderer?!

7 Kommentare

  1. Gut dargelegt, aber wenn die “synodalen Prozesse“ losschlagen, ist eine Abschaffung des Zölibats( eh nur eine kirchliche Erfindung) das geringste Problem.

    • Naja. „Eh nur eine kirchliche Erfindung“ klingt, als sei es beliebig. Ist es aber nicht. Was ist z.B. mit der Gefahr, dass das Priesteramt in westlichen Ländern dann als auskömmliches Ruhekissen ähnlich dem Beamtenstand angesehen wird, wie es in der evangelischen Kirche zum Teil schon ist? Was ist mit Afrika, wo die traditionelle Anspruchshaltung der Familie gegenüber den Versorgern dazu führen würde, dass die Priester unter Korruptionsdruck geraten würden (noch mehr als eh schon der Fall) etc etc. Die Kirche war nicht dumm. Aber ich stimme trotzdem zu: Es wäre das geringste Problem. Ja.

      • Auch hier: Ja ein zölibatäres Leben für Gott ist ein großes Zeichen, aber dass die Berufung zum Priester daran gebunden wird halte ich für falsch. Aber ja -Pfarrer Fliege auf katholisch braucht auch keiner.

      • Richtig ist: Der Zölibat ist kein Dogma.

        Falsch ist: Der Zölibat ist „nur eine kirchliche Erfindung“, jedenfalls dann, wenn wir die Worte wie der Mann auf der Straße verstehen: Also, daß die zuständigen kirchlichen Oberen irgendwann mal gesagt haben „so, das führen wir jetzt ein“ – also etwa wie die Pflicht, unter Ungültigkeit, die Ehe vor dem kirchlichen Amtsträger zu schließen oder nach einer Messe ohne Gesang drei Ave Maria, ein Salve Regina, eine spezielle Oration und dann noch das Michaelsgebet zu beten.

        Gerade eine solche „Erfindung“ war nämlich umgekehrt der verheiratete *und mit seiner Frau die Ehe praktizierende* Priester des Ostens – eingeführt, wohl als erstmalige Duldung einer eingerissenen Praxis, auf der Trullanischen Synode Ende des 7. Jahrhunderts. Es gibt – man korrigiere mich, ich habe das nicht selbst erforscht, weiß es aber aus glaubwürdigen Sekundärquellen – keinen Beleg, daß vorher ein Priester, einmal geweiht, mit Akzeptanz seitens der Kirche die Ehe mit seiner Frau vollzogen hätte.

        (Wo sie verheiratet waren, ist es natürlich technisch kein „Zölibat“, caelebs heißt unverheiratet, wohl aber alles oder doch im wesentlichen alles, was den Zölibat ausmacht.)

        —–

        Im übrigen ist das ein klassischer Fall von „nur weil etwas kein Dogma ist, heißt das nicht, daß man das ändern sollte“. Mir ist noch kein – nicht ein – gutes Argument dafür, warum man den lateinischen praktizierend-verheirateten Priester einführen sollte, über den Weg gelaufen, das sich nicht entkräften ließe – außer vielleicht „naja ein paar mehr hätten wir dann vielleicht“, aber auch das wiegt sehr schnell, gerade in der heutigen Situation, von Gegenargumenten aufgewogen.

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