Literarisch-liturgisches Ragout von zweierlei Irrwegen und schuld ist das 19. Jahrhundert

Ein sonnendurchfluteter Sonntag, 11-Uhr-Messe im Osnabr… ups…ich will doch diskret sein…im Dom zu O. Ich habe vorher im Internet nachgeschaut, und keinen Hinweis auf irgendwelche Abstrusitäten gefunden, und dann heißt es in der Begrüßung doch, dass es sich um eine Familienmesse handele. Dafür ist die Präsenz junger Menschen erstaunlich gering. Nach dem Orgelvorspiel folgt ein vollkommen infantiles Lied, das mit Händeklatschen und Liebhaben zu tun hat, aber nicht mit Gott oder Gottesdienst. Es folgt kein Kyrie (warum auch), dafür aber wird nach dem Evangelium (der einzigen „Lesung“ übrigens) „Jesus Christ, you are my life“ gesungen. Das soll wohl eine Annäherung an die Jugend sein, leider ist die nicht übermäßig präsent und niemand kennt dieses Lied – als unverbesserliche Altritualistin meine ich natürlich, dass das Mitsingen (-können) keinesfalls eine Voraussetzung für tätige Teilnahme ist – spannend, wenn man sich mit den Modernisten auf unvermutetem Terrain mal so ganz und gar einig ist! Es folgt keine Predigt (warum auch), sondern eine Frau tritt mit Mikrophon nach vorn und bittet Kinder, zu ihr zu kommen, denn sie wollen den Gottesdienstbesuchern „etwas zeigen“. Ab da bekomme ich nichts mehr mit, da ich mich meiner chronistischen Pflichten kurzerhand entziehe und flüchte. Es ist noch früh, und irgendwo in gesegneteren Gegenden wird es eine Abendmesse für mich geben, mit der ich meiner Sonntagspflicht nicht nur äußerlich, sondern sogar geistlicherweise werde gerecht werden können.

Dies ist die eine entsetzliche Richtung, in die Religion abdriftet, wenn man sich nicht fest an die Lehre Petri klammert. Eine ganz andere aber hat mich an diesem Sonntag fast noch mehr entsetzt, und gerade als „konservativer“ Katholik (im Sinne einer Tautologie) tut es (schmerzlich) gut, sich bewusst zu werden, dass eine lebendige Beziehung zu Gott nicht automatisch winkt, da, wo man so tut, alles so zu machen wie die Altvorderen.

Kurz vor dem Gottesdienst betete ich vor der Ikone der Hilfe der Christen. Dort war es ziemlich voll mit Betern, und hinter mir schob eine indische Schwester einen alten Mann im Rollstuhl vor die Bankreihen. Er war geistig bereits etwas angeschlagen und hatte große Mühe zu sprechen. Er sagte zur Schwester „Ach ja, die Muttergottes… die Muttergottes… die ist lieb. Die ist viel lieber als…“. Er stockte, und mir lief es eiskalt den Rücken herunter, weil ich genau wusste, was er sagen wollte. Offensichtlich, obwohl nicht mehr ganz fit im Kopf, war auch ihm dieser Gedanke nicht geheuer, und er scheute sich, ihn auszusprechen. Er druckste herum, dann aber brach es doch auch ihm heraus: „Die ist viel lieber als der Herrgott selbst.“ Die Schwester sagte nichts, ich weiß nicht, ob sie ihn wirklich verstanden hat, und selbst wenn, kann man einem solchen Greis ja nun keine katechetische Vorlesung mehr halten. Mich hat diese Episode recht traurig gemacht. Schließlich ist Mariens Liebe nur deshalb so unermesslich, rein und groß, weil sie so unmittelbar aus Gott durch sie hindurch fließt. Man kann sich für diesen Mann nur wünschen, dass sie in der Stunde seines Todes bei ihm sein wird um ihm zuerst das große Licht der Liebe Gottes zu zeigen. Es ist gut möglich, dass dieser Mann Zeit seines Lebens oder wenigstens eine lange Zeit seines Lebens lang ein „guter Katholik“ gewesen ist. Und dennoch ist etwas dramatisch schiefgelaufen in der Vermittlung des Glaubens an ihn – denn was außer den am tiefsten sitzenden Regungen und Prägungen wird ein Mensch in seinem Alter noch halbwegs eloquent äußern können?

Ich habe gerade „Das Lied von Bernadette“ ausgelesen, und angesichts der Schilderung der Muttergottes in diesem fantastischen Werk fiel mir dieses Erlebnis wieder ein. Ich habe nämlich mit den Erscheinungen insbesondere von Lourdes (und Fatima) lange gehadert, nicht, weil es mir an Glauben gefehlt hätte, anzunehmen, dass die Erscheinungen wahr sind, sondern, weil die Art, wie Maria dargestellt wird, dieses blutleere, püppchenhafte Gesicht mit den wässrigen Äuglein, diese übermäßig „sanfte“ Aura, mir überhaupt nicht behagt. Werfel macht deutlich, dass diese „Verarbeitung“ der Erscheinung durch das Volk zwar legitim ist, dass diese gewisse Legitimität sich aber auf das Recht der Menschen bezieht, ihre Gefühle bezüglich der heiligen Jungfrau auszudrücken, nicht auf die Muttergottes selbst. Es ist also „in Ordnung“, kitschige Marmorbüsten her- und aufzustellen, aber das bedeutet keineswegs, dass sich die heilige Gottesgebärerin in solchen Darstellungen auch nur annähernd einfangen ließe. Diese eigentlich leicht begreifliche Feststellung hat mich innerlich richtiggehend aufatmen lassen – ich muss diese Darstellungen weder schön noch angemessen finden. Es reicht, sie hinzunehmen. Aber auch dieses Hinnehmen hat seine Grenzen, wenn es in Fehlvorstellungen mündet, wie sie der alte Mann aus O. entwickelt hat. In der Tradition der Kirche hat Maria keine blutleeren Namen. Sicher, sie ist Rose und Lilie, aber sie ist eben auch die Zertreterin der Häresien, die, die Ägyptens Götzen vom Thron gestürzt hat. Sie ist die Schutzwehr der Christenheit, eine mächtige Streiterin. Wer alte Ikonen betrachtet, der wird keine herkömmliche, abgegriffene „Lieblichkeit“ in der Darstellung Mariens finden, sondern viel herbe Schönheit, viel Strenge. Mittelalterliche Darstellungen dagegen sprühen vor Leben, mit Pausbäckchen, Wallehaar und so manchem verschmitzen Lächeln. Beide Richtungen schaffen etwas, das das 19. Jahrhundert der bürgerlichen Empfindsamkeit geopfert hat: Sie umgehen weiträumig die Gefahr, Gott und Maria als latenten Gegensatz zwischen Gericht und Gnade, väterlicher Strenge und mütterlicher Sanftheit zu konstruieren. Maria erscheint vielmehr tatsächlich als der „Mond“, der das Licht der Sonne (Christus) reflektiert: Was ihn ausmacht, sowohl Strenge als auch Macht als auch Freundlichkeit, das zeichnet auch sie aus, wenn auch alle Eigenschaften sekundär sind angesichts der Liebe, denn „Gott ist die Liebe.“ Ohne ihn könnte auch Maria nicht „lieb“ sein. Ihre Mütterlichkeit ist kein eigenständiges Prinzip neben Gott, sondern fließt ebenso wie Väterlichkeit aus dem Schöpfer aller Dinge. Wir tun gut daran, z.B. zu bedenken, dass das hebräische Wort für „Barmherzigkeit“ anatomisch nicht beim Herzen ansetzt, und explizit weiblich-mütterlich besetzt ist: רחמים („Rachamim“ – Barmherzigkeit) ist der Plural von „Mutterschoß“, „rächäm“.  Es ist also eine durchaus bedeutsame Beschneidung des Gottesbildes, wenn wir das mütterliche Prinzip Maria so vorbehalten, als sei sie eigentlich „autonom“ mütterlich und nicht auch dies durch Gott.

Wir „konservative Katholiken“ (i.S. einer Tautologie) benutzen gerne mal den Spruch „Zu Jesus durch Maria“. Wir ergehen uns in ausgiebiger marianischer Frömmigkeit. Das ist gut so. Aber gelingen kann das nur, wenn wir, so, wie wir auf der Suche nach dem ganzen Christus sind, auch die ganze Maria verehren, die kein sanft-verstrahltes Püppchen ist. Schiefe Mariologie, auch „Vulgärmariologie“ führt in alle Richtungen zu einem schiefen Gottesbild.

14 Kommentare

  1. Neulich, beim Tempel:

    Das ganze Volk kommt zu ihm und Jesus lehrt sie. Da bringen die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden ist, stellen sie in die Mitte und sagen zu ihm: „Meister, diese Frau ist beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt worden. Im Gesetz aber hat Mose uns vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Du nun, was sagst du dazu?“ Dies sagten sie, um ihn auf die Probe zu stellen, damit sie einen Grund hätten, ihn anzuklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie immer wieder fragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: „Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie!“ Plötzlich trifft ein dicker Brocken die Ehebrecherin am Kopf. Sie fällt sofort tot um. Darauf Jesus: „Mama! Manchmal gehst Du mir echt auf die Nerven!!“

    Vielleicht nicht gerade neu, und sorry für die Unernsthaftigkeit… 🙂

  2. Das Urteil über den Glauben des alten Mannes finde ich vorschnell, hart und ungerecht. Aus seinen Worten spricht ein Schmerz, der nicht mit Katechese zu behandeln ist, sondern seelsorgerlich gehört werden will. Mit liebevollem Interesse für die Erfahrungen, die ihn zu so einem Satz gebracht haben. Gerade die Erfahrung, dass sich jemand dafür interessiert und Anteil nimmt, kann dazu beitragen, dass er nicht dabei bleiben muss. Ähnlich wie die angeführten Erkenntnisse über die Mariendarstellung. Es tut mir leid für ihn, dass er bei Dir in solchen Kategorien gelandet ist. Aber das hat mit Dir tun, nicht mit ihm und nicht mit einem berechtigten Interesse an gut vermittelter Dogmatik. Vielleicht denkst Du mal darüber nach?

    • Könntest du mir genau sagen, welche meiner Aussagen „vorschnell, hart und ungerecht“ wäre? Ich glaube ehrlich gesagt, du hast mich ziemlich missverstanden:

      1. Ich schreibe selbst, dass ihm nicht durch Katechese, sondern durch Liebe geholfen werden kann – und weil er so greis ist, hoffe ich eben, dass diese sich ihm möglichst direkt durch die Muttergottes vermitteln möge, der er sich ja anvertraut, offensichtlich.

      2. Diese Geschichte ist nur die ANEKDOTE, anhand derer ich weitergehe. Verurteilen tue ich nur, dass ein Mensch in seinem Leben Erfahrungen machen musste, die in ihm den Eindruck erweckt haben, dass die Muttergottes „lieber als Gott“ sei: Hat der Pfarrer immer nur vom strafenden Gott gesprochen? Haben die Eltern eine Drohbotschaft vermittelt? Hat die Kirche den Eindruck erweckt? Natürlich weiß ich nicht, was im Leben dieses Mannes dazu geführt hat, das behaupte ich auch nirgends. Ich gehe von dort aus lediglich den Schritt zur Bewusstmachung, dass man in seiner Marienverehrung eben darauf achten muss, in sich selbst nicht einen solchen Gegensatz zu konstruieren zwischen Gott und Maria. Das ist alles. Was daran den alten Mann verurteilen soll, verstehe ich nun überhaupt nicht! Ich bin dankbar für Aufklärung, wie es zu so einer eklatanten Fehldeutung meines Textes kommen konnte! Gruß! (P.S.: Mit Dogmatik hat das übrigens gar nix zu tun)

      • Ich kann Ihnen soweit beispringen, dass ich hier nichts anklagendes wahrgenommen habe, verstehe aber auch das Gefühl, mehr Wärme und Zuneigung an anderer Stelle als Gott selbst zu verorten, auch wenn das glaubenstechnisch nicht korrekt sein mag und welcher Gegensatz könnte größer sein, als der zwischen Gott und jedem anderen Wesen, dass er geschaffen hat.

        Und bei vielen alten Menschen sind die Erfahrungen von Leid und Not auch von anderer Intensität, haben eine andere Prägung hinterlassen, als wir jüngeren uns das vorstellen können. Ich habe Verständnis für den alten Mann. Gott sei mit ihm.

      • Nun, erst einmal verstehe ich wirklich nicht im Geringsten, wie der Eindruck entstehen konnte, dass ich KEIN Verständnis für den alten Mann hätte – wirklich nicht :D.

        Zum Gedanken an sich: Ich verstehe es (ich finde, ich mache das auch deutlich). Nur: Das macht es eben nicht gut. Genau das ist ja mein Einwand, dass, wenn wir das zulassen in unserem Gottesbild, etwas schief gerät. Als Christen dürfen wir in der Würde der Kinder Gottes den kennen, den wir anbeten – ein ungeheures Privileg, das aber nicht ohne Verantwortung kommt, den dann auch kennenzulernen. Man mag als einzelner sagen „Naja, gefühlsmäßig finde ich halt Padre Pio netter als Gott“. Aber was ist das für eine Haltung ihm gegenüber? Wenn ich mir vorstelle, dass mir der Mensch, den ich am meisten liebe, eines Tages sagt, dass ich ihn ja gar nicht soooo lieb hätte, was für ein Schmerz wäre das? Gott ist eben nicht unsere Projektion, sondern eine echte Person (drei 😉 ). Und es ist eben nicht nur eine private Sache, sondern hat Auswirkungen: Wenn Leute, die Gott nicht als den ultimativ Liebenden wahrnehmen, anderen Gott vermitteln sollen, wie soll das gut gehen? Es bringt ganz konkret Leid, Zweifel und Verzweiflung in die Welt, wenn Priester, Eltern, Missionare, Du und Ich Gott nicht als die Liebe vermitteln. Es verhindert auch die Bekehrung von Menschen ZU Gott, weil Gott nur dann wirklich stringent und vernunftgemäß verstanden werden kann, wenn er uns als die Liebe entgegentritt. Anders lassen sich Probleme wie Theodizee etc. ja gar nicht lösen.

        Und wenn ich schon verstanden habe, dass meine Gefühle trügen, warum nicht gleich daran arbeiten? Es verlangt ja niemand, dass man in einem Blitzakt des Glaubens alle falschen Gottesvorstellungen in sich ausrottet, wie soll das auch gehen, wir sind Menschen. Aber ich verstehe nicht, worin der Vorteil bestehen soll, eine als falsch erkannte Vorstellung beibehalten zu wollen, wenn sie uns doch von dem trennt, der uns liebt. Wie gesagt: Im Alter kann man das nicht mehr – umso wichtiger, dass man daran arbeitet, wenn man es noch kann.

      • Kurzer Nachtrag, weil man meinen Kommentar missverstehen könnte: Ich bin mir der „Gütergemeinschaft“ und Liebesgemeinschaft in Christus durchaus bewusst und lebe sie ja auch als Katholikin. Keineswegs meine ich, dass Zuneigung, Liebe und Verehrung zu einem Heiligen oder einem anderen Mitmenschen Gott irgendwas wegnähme! Ich beziehe mich, auch im Artikel, nur auf die „echte“ Konstruktion eines Gegensatzes, der dem Geschöpf mehr Liebe zuweist als dem Schöpfer. Ich war eigentlich immer der Ansicht, dass eine solche Haltung praktisch nicht machbar sei, und wollte mit diesem Artikel eben auch darauf hinweisen, dass es DOCH machbar ist und TATSÄCHLICH existiert. Also bitte nicht missverstehen in die Richtung, ich sei skeptisch gegenüber dem Geschöpf erbrachter Liebe! Gruß!

  3. Oh! Sehr interessantes Thema!

    Nein, kein Widerspruch von mir (was mich gerade selbst ein bißchen wundert).

    Höchstens dazu:

    >>Hat der Pfarrer immer nur [oder hauptsächlich oder mit besonderer Betonung, etc.] vom strafenden Gott gesprochen?

    Das würde ich für relativ irrelevant – nicht ganz irrelevant, aber relativ irrelevant – halten. Allein das Wissen darum, daß Gott (auch) ein strafender Gott *ist*, prägt sich von ganz alleine dem Gedächtnis ein. Dazu muß es nicht unbedingt häufig wiederholt werden. – Coming to think of it, wäre eher zu fragen: Hat der Pfarrer den Weg des Christen im Leben, mit seiner Vermeidung der Sünden, die zu der Strafe führen, schwerer dargestellt, als er tatsächlich ist (sorry, Standardthema)? Es macht nunmal einen Unterschied, ob man sich eher denkt, man kommt selber mal in die Hölle oder wenn nicht, dann schrammelt man so um ein Haar daran vorbei, oder ob man (um es mal zur Abwechslung wörtlich zu übersetzen) „Richte mich, o Gott, und unterscheide meinen Casus von dem [des] unheiligen Volke[s]“ betet. Wir brauchen etwas mehr Altes Testament – zumal wenn es mit dem präreformatorischen Katholizismus übereinstimmt.

    Aber letztlich ist auch das, was Eugen Roth so dichterisch auf den Punkt gebracht so ausgedrückt hat:

    Ein Mensch, der recht sich überlegt,
    daß Gott ihn anschaut unentwegt,
    der bittet Ihn, erfüllt von Grauen,
    nur fünf Minuten wegzuschauen.
    Er wolle unterdes, allein,
    auch sicher brav und artig sein.
    Doch Gott, davon nicht überzeugt,
    ihn weiter unbeirrt beäugt.

    – die etwas biblischere Variante davon steht im Psalm, größenordnungsmäßig, 139 – durchaus auch zum religiösen Empfinden.

    Tatsächlich geht es mir allerdings, zu meiner Schande muß ich es geschehen, fast ein wenig umgekehrt: der Herrgott, auch wenn er, um einmal ganz ausnahmsweise einen aktuellen Hiphop-Hit zu zitieren, bisweilen einen harten linken Haken hat (ein sehr interessantes und mE durchaus frommes Bild), jagt mir im Grunde genommen weniger Schauder ein als die Allerseligste, wenn ich nur einmal allzusehr darüber nachdenke: eine Frau! und sündenlos! und das als Mensch[, der nicht Gott ist]! und dann ist das auch noch meine Mutter! Standpauken von der Mutter sind härter zu ertragen als solche vom Vater – und dauern in der Regel auch länger. Und sündelose Menschen tendieren, der Erfahrung nach (die sich auf in gewissen Punkten vergleichsweise sündelose Menschen bezieht, klar), dazu, streng zu sein. Hier dann lauthals „Wunderschön prächtige“ zu schmettern (was ich tue) erfolgt dann gewiß aus dem Wissen heraus, daß das richtig ist, was man singt, und dann auch ein wenig aus Spaß an der Freude – aber wenn man’s mal genau nimmt, hat es auch schon etwas von „Pfeifen im Wald, damit man das Fürchten nicht merkt“.

    Aber solang man sie die Allerseligste Jungfrau wie die Lateiner oder Unsere Liebe Frau wie die Deutschen oder die Gnä‘ Herrin wie die Engländer und Franzosen nennt, geht’s; wenn Leute allerdings anfangen, von der Himmelsmami zu sprechen, dann wird’s emotional wirklich schwierig. Nicht weil ich das nicht glauben würde, sondern gerade weil es natürlich stimmt.

    (Für mich ist *das* Marienbild natürlich logischerweise nach wie vor die Schwarze Madonna von Altötting. Das vertreibt den Kitsch, legitim wie er sein mag, von ganz alleine.)

  4. „…denn was außer den am tiefsten sitzenden Regungen und Prägungen wird ein Mensch in seinem Alter noch halbwegs eloquent äußern können?“

    D’accord. Und der Gedanke, dass Maria die Menschliche, Barmherzige ist, an die man sich in Nöten zuerst mal wendet, ist doch schon seit dem Mittelalter prägend. Warum gibt es wohl Schutzmantelmadonnen? In den Pfarrkirchen meiner Herkunftsgegend sind sie immer noch DER Anziehungspunkt. Warum pilgern die Leute massenhaft zu den Orten von Marienerscheinungen? Warum stehen in jeder Kirche wesentlich mehr Kerzen vor den Marienbildern als sonst irgendwo? Weil für die meisten Menschen die Mutter den ersten Eindruck von unbedingter Liebe und Güte darstellt. Gegen so eine Prägung dann eine neue Prägung mit „Aber eigentlich ist doch Gottvater viel, viiiiiel …“ angehen zu wollen, scheint mir schwierig bis aussichtslos.

    Aber wahrscheinlich bin ich voreingenommen, ich habe besonders deshalb mit dem Christentum nicht recht viel anfangen können, weil es mir zu männlich geprägt erscheint. Das spricht mich einfach nicht an.

    • Was die „Prägung“ betrifft: Das Christentum ist sehr wohl auch sehr weiblich geprägt. Auch hier kann ich mich nur wiederholen: Je nachdem, was man erlebt, ist es natürlich, gewisse Prägungen besonders zu empfinden. Aber ob ich dabei stehen bleibe, entscheide ich doch selbst (solange ich noch entscheidungsfähig bin).

      Du schreibst: „Gegen so eine Prägung dann eine neue Prägung mit „Aber eigentlich ist doch Gottvater viel, viiiiiel …“ angehen zu wollen, scheint mir schwierig bis aussichtslos. “

      Darum geht es eben nicht, genau das schreibe ich: Da es hier keine zwei widerstreitenden Prinzipien gibt, soll man eben auch nicht versuchen, eines gegen das andere auszuspielen. Gott (weder männlich noch weiblich laut christlicher Lehre) ist der Ursprung allen Seins. Man braucht darum also gar nicht sagen Gott sei lieber als Maria, weil Gott schlicht die Liebe selbst ist. Indem Maria sich völlig mit Gott vereint hat, hat sie natürlich auch vollkommen Teil an dieser Liebe. Das ist alles gut so. Maria wird verehrt und geliebt, und das völlig zu recht. Nichts davon ist verwerflich, im Gegenteil. Ich bin ja selbst eine ziemlich glühende Marienverehrerin, je länger ich katholisch bin, je mehr. Es ist aber eben ein Unterschied, ob ihre Liebe als Ausfluss der göttlichen Liebe verstanden wird, oder als EIGENES autonomes Prinzip. Nur letzteres (NUR das) kritisiere ich. Ist das so sperrig?

      Das Christentum lehrt ja einen Gott, der weder weiblich noch männlich ist, aber Mann und Frau gemeinsam als sein Ebenbild geschaffen hat. Mir geht es um diese Ebene, also noch eine Schicht tiefer.

      • So kann ich gut nachvollziehen, was gemeint war, vielen Dank für die Erklärung, so ergibt das natürlich Sinn. Ich
        und meine Altersgenossinnen haben in unserer katholischen Kindheit Maria immer als die Mamma betrachtet, bei der man sein Herz ausschüttet, wie man das bei Müttern tun kann – wir haben sie nie als eine Art goddess in her own right betrachtet, sondern als eine zugewandte, zugängliche Zwischeninstanz zwischen dem doch sehr abstrakten Gott der Christen.

        NB: Das Christentum mag einen Gott lehren, der weder männlich noch weiblich ist, aber die Attribute, bzw. die Sprache, mit der Gott beschrieben wird, ist überwiegend männlich, nicht weiblich, und von 50:50 weit entfernt. Vater, Vater, Vater, Vater, Vater, …wie die Glucke unter ihren Flügeln, Vater, Vater, Windhauch, Vater, Vater. Zumindest in meiner Bibelübersetzung ergab sich für mich immer das Bild eines MÄNNLICHEN Gottes, sehr unglücklich, das Ganze.

        NB: Frouwefreija, vielen Dank für den Tipp, ich würde gerne in den Artikel hineinlesen (man lernt ja nur ungern aus), aber der Titel fehlt? Magst Du in vielleicht noch dazufügen?

      • „wir haben sie nie als eine Art goddess in her own right betrachtet,“ Nein, eben, „natürlich nicht“, würde ich sogar sagen – deshalb hat mich dieses Erlebnis ja so erstaunt und extrem befremdet.

  5. @supersansa: Genau jenes Problem, welches du bezüglich der „fehlenden Weiblichkeit Gottes“ im Christentum bzw. Katholizismus schilderst, hatte ich auch.
    Mittlerweile hat sich dies Gott sei Dank, denn es hat mich ganz entschieden vom Glauben abgehalten, gelöst und ich könnte einiges an Literatur hierzu empfehlen und schreiben.

    Ein sehr guter Artikel zur Thematik ist meiner Meinung nach folgender – auch, wenn Schriften des ein oder andere häretische Autors zitiert werden – da der glorreiche Dogmatiker Mathias Joseph Scheeben des Öfteren zitiert wird und man nach Lesen seiner Ausführungen hierzu (siehe die von im verfasste Dogmatik und „Die Mysterien des Christentums“) eigentlich gar nicht weiter zu forschen braucht, sondern dort alles Wesentliche findet.

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