Momoa, Mittelalter und toxic Masculinity

Bis vor kurzem hatte ich keine Ahnung, wer Jason Momoa ist. Seit einiger Zeit jedoch flackert er öfter über meine Timeline. Der Machart der Bilder und Videos zufolge scheint man davon auszugehen, dass die Zielgruppe dieses Stars vor allem aus Frauen jungen bis mittleren Alters besteht. Spannend ist die schamlose Sexualisierung und die Fixierung auf seinen Körper. Da ich Mehrheitskultur nur sparsam konsumiere, ist an mir vorübergegangen, dass man mittlerweile nicht Frauen weniger, sondern Männer mehr sexualisiert. Dabei ist es ja nicht so, dass es nicht auch früher männliche Sexsymbole gegeben hätte. Im Gegensatz zu den Frauen, bei denen Nacktheit immer ein irgendwie wichtiger Faktor war, waren es bei Männern aber (von Ausnahmen abgesehen) der gut sitzende Smoking, die übermütige Haarlocke, die lässige Haltung oder irgendwelche anderen Attribute, die die Frauenherzen erobern sollten. Offensichtlich setzte man bei Frauen neben einfachen Trieben durchaus Geschmack und Eleganz voraus (oder war sich vielleicht auch gar nicht bewusst, dass auch Frauen solche einfachen Triebe haben). Nun, ist es nicht ein Zeichen von Gleichberechtigung, wenn man auch Frauen zugesteht, einen wohlgeformten unbedeckten Oberkörper  zu schätzen zu wissen? Ich würde es eher als Gleichentrechtung bezeichnen. Mittlerweile wird die Degradierung des Menschen zum Objekt eben auf Männer ausgeweitet. So weit so gut, das würde mich nicht weiter stören, kann doch die Mehrheitskultur machen, was sie will, mich zwingt ja keiner, mitzutun.

Allerdings finde ich doch eines höchst erstaunlich: In einer Zeit, in der der Mann als Sündenbock für alles herhalten muss, in der „toxic masculinity“ als wissenschaftlicher Fachbegriff geführt wird, anstatt als Erfindung neurotischer Frauen, wird hier ausgerechnet ein Mann gefeiert, dessen erfolgreichste Filmfigur der IN-BE-GRIFF toxischer Männlichkeit ist, wie man sie definiert. Archaisch, gewalttätig, gefühllos. Klar, er wird von dem armen Mädel, das durch Vergewaltigung traumatisiert ein Stockholmsyndrom entwickelt, „gezähmt“, so ungefähr auf dem Niveau eines Groschenromans; aber so wirklich konform mit dem „Männlichkeits“ideal der Postmoderne ist der Typ trotzdem nicht. (By the way: Ich habe in meinem Leben nur einen Groschenroman gelesen, und das, weil die Aufmachung seriös war und einen echten Historienroman vorgaukelte…der einzige Unterschied ist, dass GoT noch mehr Gewalt noch expliziter beschreibt). Bände sprechen auch Youtube-Zusammenschnitte von Szenen mit Khal Drogo und seiner Khaleesi, die mit kitschiger Musik unterlegt worden sind und deutlich machen, dass Game of Thrones- Enthusiasten auf Gleichberechtigung und Menschenwürde im Film nicht viel geben und eine seltsame Vorstellung von „Liebe“ haben. Wenn man bedenkt, dass in anderen Filmen (Star Wars, Herr der Ringe…) oftmals Story und Qualität darunter leiden, dass auch ja genügend schlagkräftige Frauen rumturnen müssen, die sich auch ganz bestimmt nicht binden sollen oder wollen, und die sowieso jeden Mann immer und ständig übertrumpfen, ist das doch… seltsam. Oder vielleicht auch nicht:

Zweierlei kann man aus diesem Phänomen lesen. Zum einen: Antimännliche Indoktrination gerät an ihre Grenzen, sobald Hormone ins Spiel kommen. Wenn wir uns von der Soja-Latte-Elite ab- und der einfachen Plebs zuwenden, dann spielt Hyperemanzipation keine Rolle. Basta. Leider spielt aber auch die Veredelung der menschlichen Natur keine, weshalb aus der Indifferenz gegenüber Entmännlichungsforderungen keinesfalls eine dem christlichen Menschenbild entsprechende, auf Liebe abzielende Beziehungskultur entspringt, sondern reine Triebbefriedigung gelebt wird, und zwar geschlechterübergreifend.

Natürlich kommt man in einer vom Diabolus regierten Epoche nicht mit einem Irrtum aus. Die Sache mit muskelbepackten Barbaren hat nämlich noch einen Twist (herzlichen Glückwunsch, Screwtape). Wie klügere Menschen (s.u.) bereits festgestellt haben, handelt es sich bei GoT um eine imaginierte mittelalterliche Welt ohne die mittelalterliche (katholische) Ethik*. Es wäre eine klassische Projektion des sinnsuchenden Menschen, der sich in die „bessere“ Welt träumt – die nicht besser ist, weil es dort friedlich ist, sondern, weil man weiß, wofür man kämpft und dass man für das Richtige streitet, leidet und stirbt. Bloß: Der postmoderne Mensch wagt nicht einmal mehr, diese legitime und höchst menschliche Sehnsucht auch nur in einer Fantasiewelt ungebrochen aufscheinen zu lassen, zu sehr schämt er sich dessen, was er als „Idealisierung“ bezeichnen würde. Es ist auch nicht so, als würde GoT eine Welt spiegeln, die noch unerlöst ist, wie es ja in den Jahrtausenden vor Christi Geburt der Fall war. Das Gute, geschweige denn der Gute, existiert schlicht nicht, darum muss auch die Welt der Ritter und Drachen nun ohne das rechtschaffene Element klarkommen, bzw. das rechtschaffene Element ist in relativistischer Manier ggf. frei gewählt, freigegeben zum Abschuss und tendenziell kurzlebig. Das heißt aber nicht, dass man nicht dennoch meinen würde, tatsächlich so eine Art Mittelalter mit Drachenupgrade darzustellen. Was sich also in die Gehirne einbrennt, ist die Idee, das Mittelalter sei so gewesen: Archaisch, brutal, gewissenlos, gefühllos, frauenverachtend, die Menschenwürde mit den Füßen tretend. Natürlich sind das vor allem Attribute unserer Zeit (Denk mal drüber nach…). Aber Projektion und Reflexion schließen einander leider normalerweise aus. Der postmoderne Mensch lehnt sich zurück und schaut auf das mittelalterliche Europa durch eine Momoa-isierte GoT-Brille. Andernfalls müsste er das oftmals ziemlich wohlgeordnete Mittelalter für zivilisiert und sich selbst für einen Barbaren halten. Und gegen diese virtuelle Realität dürfen wir nun antreten, bewaffnet nur mit Vernunft und gesundem Menschenverstand. Na, herzlichen Glückwunsch. Da kämpfe ich lieber mit bloßen Händen gegen die Weißen Wanderer.

*Dringende Leseempfehlung für den fantastischen Artikel von Harley J. Sims auf catholicexchange.com sowie für den ebenso wunderbaren, detaillierten Dreiteiler „Tolkiens Werk, Martins Beitrag und der machiavellistische Zeitgeist“ beim Löwen – deutlich ausgeglichener und wohlwollender als meine Einschätzung Martins übrigens.

 

14 Kommentare

      • Ach meine Güte, ich finde ein ehrliches kennen von GOT (Sie verwendeten den Begriff ja ebenfalls) als dieses hochnäsige rumgezicke, das nachher wieder darin mündet viel schlimmere Gewohnheiten bekennen zu müssen.

        Was ihren Artikel selbst angeht, bin ich nicht sicher ob Ihre Einschätzung zutrifft, hier die üblichen Kräfte am werke zu vermuten, die beispielsweise Star Wars mit diesem lächerlichen „ein Mädchen kann das auch“ Wahn in eine Erziehungskolummne zu verwandeln.

        Ich denke mir beispielsweise , dass der Riesenerfolg peitschenschwingender Jungmillionäre bei zu kollektiven Wutanfällen im Genderschwachsinnslager geführt hat.

        Von daher mag die Präsentation muskulöser männlicher Oberkörper auf eine hintergründige Art einen Kampf gegen die derzeit überall tonangebenden Anhänger von 39 (oder war es mehr) Geschlechtern hindeuten.

        Und ganz ehrlich: Worauf soll man bei Krippendarstellungen mit weiblichem Paar und Regenbogenflagge in der katholischen Kirche auch sonst setzen?

      • Den ersten Absatz verstehe ich nicht, da muss irgendwie ein Verb fehlen oder so…

        Naja, mir geht es in dem Artikel ja eigentlich genau darum, dass Gender“wahn“ und Sexualisierung lustigerweise Hand in Hand gehen und eben nicht konträr zueinander, sondern zwei Seiten derselben Medaille sind. Ich halte GoT für symptomatisch, das ist alles.

        Zum letzten Absatz: in EINEM katholischen Kirchengebäude, bitte…so viel Zeit muss sein 😀 Sonst bliebe nur Verzweiflung.

  1. @Maryofmagdala: Stimmt, da fehlt besser.
    Und mit einem katholischen Kirchengebäude haben Sie auch Recht, wenngleich es mir da an der Glaubenstiefe fehlt und deshalb die Verzweiflung öfter mal Hallo sagt.

  2. ‚Vielen Dank für die interessante Perspektive auf GoT!
    Ich weiß ja nicht, ob sie die Bücher gelesen oder sich die Blutoper angesehen haben; in den Büchern kommt m. Erachtens nach schon stark raus, dass die Kahleesi nicht der gepflegten Brustmuskulatur von Khal Drogo verfällt. Sie durchläuft nach dem üblen, üblen Anfang ihrer Ehe einen regelrechten Selbstfindungsprozess, der sie eben NICHT auf die Rolle des anhimmelnden Weibchens beschränkt. Anders als in ihrer Existenz vor ihrer Ehe wird sie in ihrer Ehe erst handlungsfähig und findet sowohl ihre Stärke als auch den Kern ihrer Persönlichkeit. Natürlich ist das ein anderes Szenario als das Selbstfindungsszenario einer modernen jungen Frau, die sich nicht als Teil eines Paares (oder einer engen Gemeinschaft), sondern als Single selbst finden würde.Aber schließlich sind wir ja im Pseudomittelalter.

    Ich fand Ihre Überlegung interessant, dass das Mittelalter, das die GoT-Fans imaginieren, unsre chaotische Welt weitaus eher widerspiegelt als das historische Mittelalter. Hm. Jein. Martin hat sich ja relativ schamlos aus der mittelalterlichen Geschichte bedient – viele Ereignisse liefen tatsächlich ähnlich moralbefreit ab wie im Buch/Film dargestellt. Dann geht es ihm auch um das Einbrechen des Chaos in Form von Machtvakuum und Krieg in ein halbwegs geordnetes Gemeinwesen. Das ist ja auch eine große Angst im mittelalterlichen/frühneuzeitlichen England (auf das sich Martin oft bezieht): ohne den König als Garant für Stabilität und Kontinuität lauern Bürgerkrieg, Terror und völlig verrohtes Verhalten gleich hinter der nächsten Ecke. Wenn Martin das so darstellt, greift er m. Erachtens eine reale Angst und eine Lebenswirklichkeit mittelalterlicher Menschen auf.
    Was Martin aber NICHT aufgreift, da gebe ich Ihnen recht, ist die ordnende, normengebende Kraft des Christentums im europäischen Mittelalter. Im Vergleich blieben die Sieben recht konturlos, blass und schwach. Die politische Macht der Kirche der Sieben existiert in den ersten Bänden gar nicht; irgendwann trifft Cersei auf eine Art radikalisierten Savonarola und seine Leute. Aber eine mächtige Amtskirche, die Politik, Gesellschaft, Gesetzgebung prägt kommt nicht vor, Glaube wird eher privat gelebt, und außerhalb der Sieben finden sich diverse Alternativen der Spiritualität.

    Wobei ich finde, dass man Buch und TV-Serie nicht in einen Topf werfen darf – die Bücher neigen ja auch mitunter zu unschönen Szenen, aber ich persönlich habe irgendwann aufgehört, GoT zu gucken, weil ich diese pornösen Blut-und-Vergewaltigungsorgien ohne jegliche Notwendigkeit irgendwann nicht mehr ertragen habe.

    • Also, ich habe auch das erste Buch gelesen, danach aber ziemlich angewidert aufgehört. Das Buch ist nicht weniger geschmacklos als der Film. „I’d let his whole khalasar fuck you if need be, sister, all forty thousand men, and their horses too…“ Das ist für mich einfach keine Literatur, sondern Geschreibsel. Das kann man natürlich völlig anders sehen, das ist eine rein subjektive Meinung. Aber für mich das schriftliche Wiedergeben einer Geschichte nicht zwangsläufig Literatur, und gerade das, was Marco Gallina in seinem Artikel beschreibt, die drehbuchartige Erzählweise, macht die an sich ja durchaus fesselnden Geschichten für mich total banal und langweilig zu lesen. Sicherlich kann das Buch detaillierter die Entwicklung der Charaktere eingehen. Aber ich sehe Film und Buch da durchaus in Einklang, nur, dass eben bestimmte Feinheiten der Entwicklung im Film nicht wiedergegeben werden können, man erkennt aber schon, dass sie stattgefunden haben. Im Grunde ist das aber natürlich auch wurscht, ich nehme ja die Filmserie so wie sie ist, um daran eine Beobachtung festzumachen. Man kann sicher das Buch besser finden, das beeinträchtigt ja nicht die Beobachtung, die man beim Film machen kann.

      Für mich ist die Neuzeit gerade das Scharnier, an dem die mittelalterlichen Gesellschaften umkippen. Eine „eher privat gelebte“ Religion ist völlig unmittelalterlich und das entscheidende Kriterium meiner Einordnung: Ich meine ja nicht, dass Martin eigentlich unsere Welt darstellt, sondern, dass er entscheidende Merkmale unserer Zeit (Relativismus) auf das Mittelalter projiziert. Bitte nicht falsch verstehen: Ich will das Mittelalter nicht übermäßig idealisieren, und Intriganten und gewissenlose Menschen gab es zu allen Zeiten. Aber die mittelalterliche Ordnung war ja eben nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich und damit nicht nur ordnungsstiftend, sondern auch sinnstiftend. Und eine solche Ausrichtung an Normen, noch mehr, an der Ewigkeit, kann eine relativistische Gesellschaft eben nicht bieten, und sich solches auch offenbar nicht mehr vorstellen: Nehmen wir an, wir sollten einem mittelalterlichen und einem postmodernen Menschen erklären, wieso Abtreibung schlecht ist, oder warum Sexualität verantwortungsvoll gelebt werden sollte oder wieso man sich nicht selbst umbringen sollte. Das alles lässt sich einem mittelalterlichen Menschen völlig problemlos vermitteln (nehme ich an). Wenn bei GoT jemand gut ist, dann muss er das in sich selbst finden und hat keine äußere Entsprechung dafür. Der Mensch bei GoT steht allein und schafft sich seine eigenen Werte. So wie der postmoderne Mensch auch.

      Also: Ich würde auch „Jein“ sagen :).

      Übrigens ist das ja auch eigentlich nur ein Nebengedanke. Eigentlich geht es mir um die Beobachtung, dass dieselbe Gesellschaft, die Männer am liebsten nicht mal Stricknadeln in die Hand geben würde, testosterongesteuerte Gewalt abfeiert.

      PS: Irgendwie wird Ihr Kommentar nicht richtig angezeigt, keine Ahnung wieso…ich hoffe, dass er noch auftaucht…

      • Ich bin mir ja nie so sicher, inwieweit diese intensive Religiosität im Mittelalter tatsächlich vom Individuum gelebt wurde. Ja, religiöse Fragen hatten einen viel zentraleren Stellenwert, als sie für den typischen postchristlichen Europäer haben. Ja, die Leute schwammen in einer stark religiös geprägten Kultur wie Fische im Wasser, und natürlich prägte das ihr Denken und Fühlen, ihre Sprache, ihre Metaphern, ihre Werte massiv.
        Trotzdem: erstens handelten diverse Menschen recht beherzt gegen christlichen Prinzipien, auch und gerade im Bereich der Sexualität (wenngleich die gesellschaftliche Ächtung mitunter recht drastisch ausfiel, s. Heloise und Abelard), abgetrieben wurde auch, und wenn ich mir meine ländlich-konservativ-traditionell-gutkatholisch erzogene Großeltern- und Urgroßelterngeneration ansehe, war da EINE Person von +10 tatsächlich gläubig. Der Rest tat halt, was nötig war und dachte sich sein Teil. In dieser Generation konnte ich noch fragen – d. h. das Bild „alle gut katholisch aufm Dorf“ differenziert sich aus in Individuen, von denen sich alle das religiöse Stützkorsett anzogen, privat aber nicht gläubig waren. Die Quellenlage im Mittelalter ist aber doch so, dass mir der direkte Einblick in die Welt der meisten Individuen verwehrt bleibt. D. h. ich SEHE eine Gesellschaft, in der die überwältigende Mehrheit sich das religöse Stützkorsett anzieht, aber wieviel an echter Gläubigkeit dahintersteckt,… nichts Genaueres weiß man nicht.

        Aber um bei Ihrem Thema zu bleiben –

        „Eigentlich geht es mir um die Beobachtung, dass dieselbe Gesellschaft, die Männer am liebsten nicht mal Stricknadeln in die Hand geben würde, testosterongesteuerte Gewalt abfeiert.“

        => Da sind wir uns sehr einig, generell müsste man sich ja mal entscheiden, ob der Mann an sich ein Tier zu sein hat oder ein ganz lieber Frauenversteher und „Ally“. Offensichtlich ist der gute Khal Drogo ein man men want to be and women want to be with, auch heute.
        Wenn Erwachsene sich gleichzeitig einen wilden Hengst und Windelwechsler wünschen, ist das ja irgendwo ganz witzig, das wahre Drama für mich liegt darin, dass für Jungs so gar keine klaren Signale mehr zu erkennen sind, wo die Reise ihrer Männlichkeitsentwicklung hingehen soll. Für die vielen vaterlosen Jungs eine Katastrophe.

      • Ja, das Thema ist sehr interessant und vielschichtig. Man sieht ja auch an den Auseinandersetzungen und Entwicklungen im Mittelalter, dass man das nicht einfach so oder so sagen kann. Ich nehme an, dass es nicht VIEL anders war als auf dem Dorf, mit der Einschränkung, dass auch das Dorf schon durch Reformation, 30jährigen Krieg und französische Revolution gegangen ist, ob das den Leuten in den 50ern nun übermäßig bewusst war oder nicht… aber dennoch denke ich, dass die menschliche Natur auch so schon relativ gleichbleibend ist. Dass das Stützkorsett aber existierte, ist unbestritten, denke ich.

  3. Großartiger Artikel!

    Ich hab ja alle GoT-Bücher vor längerer Zeit gelesen (ja, ich weiß, mea culpa) und kann da nur zustimmen. Manchmal schreibt er schön und man fühlt mit den Figuren und will wissen, wie es weitergeht – und dann merkt man doch wieder einfach diese diabolische Lust am Zerstören, die der Autor offenbar empfindet.

    Übrigens gab es auch mal einen tollen Artikel bei First Things dazu: https://www.firstthings.com/article/2018/10/vice-and-fire

    Ach ja, und hier noch was für diejenigen, die meinen, das Mittelalter wäre ständig so extrem grausam gewesen und Ritter nur Monster:

    https://inforo1300.wordpress.com/2018/01/25/ritter-edle-helden-oder-ungehobelte-schurken/

    https://inforo1300.wordpress.com/2018/02/12/rechtsprechung-um-1300/

    (Die Antike war übrigens viel grausamer.)

    – Crescentia.

  4. Also was Got angeht, muss ich sagen dass ich mit den Filmstaffeln gestartet bin und danach den ersten Band gelesen habe. Weitere habe ich nicht gelesen, da ich die Verfilmung – entgegen der üblichen Ansichten zu Buchverfilmungen- besser fand, eben spannender, die Charaktere besser herausgearbeitet und die Handlung fesselnder.
    Was den Bezug zum Mittelalter angeht, finde ich das allein schon deshalb schwierig zu beurteilen, weil da nach meiner Kenntnis ein Zeitraum von ungefähr 800 nach Christus bis etwa 1500 zugeordnet wird, ich würde die Serie eher mit Elementen des Frühmittelalters (wenn Fantasy da überhaupt vergleichbar ist) vergleichen.
    Die Faszination für die Serie und auch dem Mittelalter ist aus meiner Sicht immer stark von persönlichen Projektionen geprägt, die neben allem möglichen vielleicht durch ein Fehlen von Mystik im weiteren Sinne im modernen Alltag geprägt ist.
    Was das „stützende Korsett“ durch die christliche Religion angeht, kann ich gerade als Nichtkatholik nicht einschätzen, ob das – gerade wenn wir von Mittelalter ab 800-1000 ausgehen, für das Alltagleben der Menschen wirklich zutraf. Ich verbinde mit dieser Zeit die Christianisierung z. B. der Sachsen durch Karl den Großen und die entsprechenden Gewalttätigkeiten. Ich denke auch, dass selbst bei vielen Menschen, die sich bereits zum Christentum bekannten, der Alltag noch von vielen heidnischen Vorstellungen und Bräuchen geprägt war.
    So gesehen, wenn wir Got als am ehesten von frühmittelalterlichen Elementen geprägt einordnen, würde also ein „Stützkorsett“ nicht fehlen.
    Ob die Antike tatsächlich gewalttätiger war, als jede Phase des Mittelalters, kann ich nicht beurteilen. Es fällt mir aber schwer zu glauben. Wenn ich an die Rechtsprechung, die entsprechenden Strafen denke, oder z. B. auch die Eroberungen der Städte Jerusalem oder Beziers.

    • 500-1500, nicht 800, um genau zu sein.

      Mit dem frühen Mittelalter hat GoT wenig gemeinsam. Die Turniere, die Größe der Städte, die militärische Ausrüstung – das würde alles eher zum Spätmittelalter passen.

      Sie scheinen eine sehr falsche Vorstellung von der Rechtsprechung in Antike und Mittelalter zu haben. Zum Mittelalter habe ich oben einen sehr guten Artikel verlinkt, daher hier mal nur zur Antike: Die Antike hatte sehr grausame Strafen. Ähem, zum Beispiel die Kreuzigung. Verurteilte wurden auch den Löwen im Amphitheater vorgeworfen, oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt (jawohl, das gab es damals), oder in Säcke eingenäht in einen Fluss geworfen, oder oder oder… Folter gab es natürlich auch, v. a. bei Verhören von Sklaven.

      Ich greife mal als Beispiel eine antike Quelle heraus: Ein römischer Statthalter in einer Region in Kleinasien schreibt an den Kaiser, weil ihm Angehörige einer neuen Sekte angezeigt wurden; er will nachfragen, ob er richtig gehandelt hat; er hat die, die nicht von ihrer Sekte lassen wollten, einfach gleich hinrichten lassen, „Denn ich war der Überzeugung, was auch immer es sei, was sie damit eingestanden, daß auf alle Fälle ihr Eigensinn und ihre unbeugsame Halsstarrigkeit bestraft werden müsse“; aber er wusste eben nicht genau, worum es eigentlich ging, daher hatte er es auch noch mit der Folter versucht: „Für um so notwendiger hielt ich es, aus zwei Mägden [Sklavinnen], die Dienerinnen genannt werden, unter der Folter herauszubekommen, was wahr sei.“ Der Brief stammt von Plinius dem Jüngeren, der so zwischen 110 und 113 n. Chr. an Kaiser Trajan schrieb, und wie Sie vielleicht schon erraten haben, ging es um die Christen. (http://www.uni-siegen.de/phil/kaththeo/antiketexte/ausser/8.html?lang=de)

      Und was glauben Sie wohl, wie antike Eroberungen abliefen? Lesen Sie antike Kriegsberichte. Da sehen Sie, wie grausam die Römer z. B. während des jüdischen Aufstands vorgingen, etwa als sie 70 n. Chr. Jerusalem zerstörten (da sollen sie u. a. Überläufern die Bäuche aufgeschlitzt haben, weil die Goldstücke verschluckt hatten, um sie zu verstecken). Oder was die Westgoten unter Alarich bei der Plünderung Roms im Jahr 410 alles anrichteten. (Es hat seine Gründe, dass der heilige Augustinus, der in seiner Schrift „De civitate dei“ auf dieses katastrophale Ereignis Bezug nahm, sich gezwungen sah, auf solche Fragen einzugehen wie „macht es etwas aus für die Auferstehung des Fleisches, wenn Leichen von anderen Menschen oder von Tieren gegessen wurden?“ oder „soll bzw. darf eine Frau sich umbringen, wenn sie vergewaltigt worden ist?“. (Die Antwort lautet übrigens beide Male „nein“.))

      Dann die Gladiatorenkämpfe. Es war legal, Kinder auszusetzen oder in die Sklaverei zu verkaufen. Mit Sklaven konnte man sowieso machen, was man wollte – das sollte sich in christlichen Zeiten ändern, im Hoch- und Spätmittelalter existierte die Sklaverei dann ja in unseren Breitengraden gar nicht mehr. In manchen antiken Völkern (Phönizier, Gallier) gab es Menschenopfer (wobei man zugeben muss, dass die Römer zumindest *das* schrecklich fanden). Die Griechen hatten kein Problem mit der Päderastie. Und so weiter…

      – Crescentia.

      • Ich hätte auch wie Crescentia GoT im Spätmittelalter angesiedelt, mit Ausnahme der „Wilden“ jeder Couleur, die eher ans Frühmittelalter gemahnen (Wikinger, Steppenvölker).

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