Der Schatz der Kirche #1

Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen und da die Diebe nachgraben und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, da sie weder Motten noch Rost fressen und da die Diebe nicht nachgraben noch stehlen. (Mt 6, 19-20)

In einer sehr schönen und spannenden Korrespondenz mit einer lutherischen Leserin im Rahmen meines Artikels Verehrung vs Anbetung kam die Frage nach dem Gnadenschatz auf, aus dem „die Heiligen austeilen“. Ich werde später darauf zurückkommen, aber nur, um hier schon eine sprachliche Barriere deutlich zu machen: Man mag es umgangstheologisch „Gnadenschatz“ nennen, es heißt aber „Kirchenschatz“ und bezeichnet per definitionem „die geistlichen Güter der Gemeinschaft der Heiligen“ (Katechismus der katholischen Kirche §1476)

Eigentlich ist das eine ganz einfache Sache: Dieser Schatz der Kirche besteht aus geistlichen Gütern, und zwar zuerst und vor allem aus Christi Verdienst in seinem Leiden, Sterben und Auferstehen – dieser geistliche Schatz ist natürlich unendlich. Aber da auch der kleine Mensch von Gott gewürdigt wird, ihm zu helfen in seinem Weinberg, hat er auch jeweils einen kleinen Verdienst aus dem Anteil Mitarbeit, den er beisteuert, wenn er in Christus ist. Christus nun hat sein Erlösungswirken der Kirche anvertraut – darüber kann es keinen Zweifel geben, er hat dies ja etwa in der Einsetzung der Sakramente eindeutig gezeigt; es könnte ja z.B. keine Taufe geben, wenn er nicht gewollt hätte, dass Menschen diese „verwalten“ – und so haben grundsätzlich alle Katholiken Zugriff auf diesen Schatz, z.B. durch den Erwerb von Ablässen. 

Nun sind die Heiligen bereits vollkommen in Christus und damit ein vitaler Teil der Kirche als (Mit)verwalter dieses Schatzes. Der Gedanke dahinter ist, dass jeder Verdienst in, durch und mit Christus erworben wird, und dass in Christus keine Gütertrennung besteht.

Was so einfach klingt, löst bei Protestanten verschiedene gravierende Fragezeichen aus. Da diese wiederum zu komplexen Fragen führen, ist es etwas schwierig, sich ihnen stringent zu widmen. In diesem Artikel will ich mich drei „einfacheren“ Einwänden widmen und in einem zweiten Teil mit einem letzten Aspekt die grundsätzliche Problematik bearbeiten, die Protestanten und Katholiken hier trennt:

I. Die Rede vom Heil und sprachliche Grenzen 

II. Die Heiligen als Teil des Leibes Christi

III. Was ist mit „Gnade“ gemeint?

IV. Die Mitwirkung des Menschen am Heil (eigener Artikel)


I. Die Rede vom Heil und sprachliche Grenzen

Vielen Christen stößt Sprache übel auf, wenn sie über das Heil in geschäftlichem Vokabular spricht, so als ginge es hier um Handel, Geld und Besitz. Das ist ein Treppenwitz der Fehlkommunikation zwischen Gott und uns. Warum? Nun. Gott und seine Mysterien sind unbegreiflich. So viel ist klar. Gott will aber auch geliebt werden, und was man nicht kennt, kann man nicht lieben. Es ist also in seinem Sinne, sich zu offenbaren. Wer sich offenbaren will, muss aber so sprechen, dass er verstanden wird. Die Sprache Jesu Christi, die Sprache der Schrift und die Sprache des Geistes orientieren sich also an der Lebens-, Erfahrungs- und Denkwelt des Menschen. Und, Überraschung, Wirtschaft und Besitz gehört zu den sehr alten, den Menschen intuitiv zugänglichen kulturellen Vorgängen (tja, Kommunismus, du kommst zu spät).

Nun bemüht also nicht zuerst die Kirche, sondern die Bibel, ja, Jesus selbst eine Sprache, die sich sehr oft an wirtschaftlichen Bildern orientiert, und gerade diese Analogie wird nun von vielen Menschen als den Umgang mit Gott betreffend unangemessen abgelehnt. Wenn die Kirche also von „Schatz“ oder „Gut“ spricht, dann tut sie nichts anderes als Jesus, der das Reich Gottes mit einem Schatz vergleicht, der den törichten Jungfrauen kein Öl für ihre Lampen schenken lässt, sondern sie zum Händler schickt, der von Verwaltern Fähigkeiten im Bereich der Veruntreuung und der Börsenspekulation erwartet und sich der Gemeinde von Laodicea als geschäftstüchtiger Händler anbietet, der ihr das Heil verkaufen will.

Der Kirche ist dabei durchaus klar, dass es sich bei derlei Vokabeln um Analogien handelt, die auch Gefahren bergen. So sagt der Katechismus unmissverständlich:

„Er (Der Kirchenschatz) ist nicht so etwas wie eine Summe von Gütern nach Art von materiellen Reichtümern, die im Lauf der Jahrhunderte angesammelt wurden. Vielmehr besteht er in dem unendlichen und unerschöpflichen Wert, den bei Gott die Sühneleistungen und Verdienste Christi, unseres Herrn, haben, die dargebracht wurden, damit die gesamte Menschheit von der Sünde frei werde und zur Gemeinschaft mit dem Vater gelange. Der Kirchenschatz ist Christus, der Erlöser, selbst, insofern in ihm die Genugtuungen und Verdienste seines Erlösungswerkes Bestand und Geltung haben.“

(Hervorhebung von mir)

Hier wird also die wichtige Präzisierung vorgenommen, die vor Krämermentalität schützt: Es geht nicht um eine „Summe“ klar abgrenzbarer „Güter“, sondern um eine Art spirituellen Pool. Auch die Heiligen sitzen also nicht jeder mit einer individuellen Schatulle da und teilen Güter aus. Vielmehr haben alle Anteil und Zugriff auf das, was allen zugänglich ist durch Gottes Gnade: Christus selbst. Es wird übrigens auch klar gelehrt, dass geistliche Güter nicht käuflich sind.

Wieso benutzt die Kirche überhaupt Worte wie „Verdienst“ oder „Schatz“, wenn diese missverstanden werden können? Tja, missverstehen kann man alles, und wie oben dargelegt, handelt es sich hier um Jesu und der Schrift eigene Sprache. Und er wählt sie offensichtlich, weil jeder versteht, dass ein Schatz erstrebenswert und kostbar ist, dass man sich mühen soll und will um ihn zu erhalten, und dass man ihn begehrt und schützen und pflegen wird, wenn man ihn hat. Also vielleicht doch keine so unpassende Analogie?! Wir nennen ja übrigens auch eine geliebte Person „Schatz“.

II. Die Heiligen als Teil des Leibes Christi

Tatsächlich berichtigt diese Lehre überdies ein Missverständnis, das im real existierenden Katholizismus gar nicht vorkommt, ihm aber oft vorgeworfen wird: Gerne wird ja geargwöhnt, bei den Heiligen handele es sich um Abarten heidnischer Gottheiten. Nun macht aber gerade die Lehre vom Kirchenschatz deutlich, dass die Heiligen nicht aus eigenem Recht, eigener Hoheit und eigener Autorität, sondern in, mit und durch Christus wirken. Sie sind eben keine autonomen Minigötter, sondern wie jeder noch nicht vervollkommnete Mensch Teil der Kirche und des Leibes Christi und können nur wirken durch Christus.

Wiederum könnte man fragen: Was haben die Heiligen überhaupt mit Christi Wirken zu tun? Reicht es nicht, wenn Gott seine Schätze austeilt? Natürlich „reicht“ das: Und es hat ihm offensichtlich gefallen, seine Schätze durch Menschen auszuteilen – nicht nur, aber überwiegend. In der Zeit zeigt sich das in den Sakramenten: Zwar ist es Christus, der tauft, aber doch durch Menschen. Oder noch viel einfacher: Gott schafft die Frucht der Erde, aber meistens säen und ernten Feldarbeiter, bereiten Köche zu: Jeden Tag empfängt jeder Mensch eine Vielzahl von Segnungen Gottes durch Menschen, die sich in seinen Dienst stellen um uns zu dienen. Die katholische Kirche nimmt ernst, dass ein Mensch, der sich von Gott vervollkommnen lässt, auch vollkommen ist und bei Gott und in Gott lebt und lebendiger Teil der Kirche bleibt. Wir wissen von irdischen und geistlichen Gütern, dass sie uns durch Menschen zugewendet werden. Wieso dann nicht von heiligen Menschen?

III. Was ist mit „Gnade“ gemeint?

Wie in der Einleitung angerissen, kann die Wortwahl vom „Gnadenschatz“ ein Missverständnis auslösen. Das liegt mal wieder an dem unterschiedlichen Umgang mit Sprache. „Gnade“ kann im katholischen Sinne durchaus unterschiedliche Dinge bedeuten. Anders als evangelische Theologie, die mit Gnade immer die heiligmachende (Tauf-) Gnade meint und daher natürlich von einer einzigen und nicht zählbaren Gnade ausgeht, kann man im Katholischen neben dieser auch von „Gnaden“ sprechen und damit jegliche Gottesgabe meinen. Da man normalerweise auf den Zusatz „heiligmachend“ verzichtet, wird aus dem Kontext klar, was gemeint ist – die Gnade oder eine aus vielen „Gnaden“. Bevor man als Protestant also rumrantet, sollte man sich fragen, ob einem klar ist, in welcher Bedeutung die Kirche gerade von Gnade spricht. Klar sollte auch sein, dass es hier um die Verwaltung dieses Schatzes geht, nicht um die Stiftung – denn die geht natürlich von Gott aus. So bezeichnet ja auch Jesus in den Evangelien die mitarbeitenden Menschen stets als Verwalter oder Arbeiter, nie als Herren. Herr über den Schatz ist allein Gott.

Und nun zum vierten Teil, der eigentlich am Anfang stehen müsste: Kann der Mensch überhaupt einen Verdienst erwerben?

Disclaimer: Dieser Artikel erscheint innerhalb der Weihnachtsoktav. Es ist Weihnachten. Immer noch.  Jawohl. O du fröhliche!

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Ein Kommentar

  1. […] Im ersten Artikel ging es um die Rede der Kirche von einem „Gnadenschatz“ (eigentlich „Kirchenschatz“). Kritik daran entzündet sich u.a. daran, dass durch das gewählte Sprachbild der Eindruck von quantifizierbarem Besitz entsteht. Wenn man sich auf diese Sprachebene aber einlässt, so kann man an der konkreten Lehre, wie sie etwa im Katechismus dargelegt ist, unschwer erkennen, dass diese Einwände nicht haltbar sind bei korrektem Verständnis der Begriffe, zumal diese durch Christus und die Schrift bestens legitimiert sind. So ist der eigentliche Knackpunkt ein anderer: Wir verstehen nicht nur Christi Verdienst als Stiftung dieses „Schatzes“, wir glauben auch, dass Maria und die Heiligen selbst „Verdienst“ in diesen Schatz eingebracht haben – und damit, dass auch wir in diesen „Fonds“ einzahlen können. Dies bedeutet, dass wir nicht „nur“ Empfänger der Gnade Christi sind, sondern am Heil in irgendeiner Weise mitwirken. Wen dieser Gedanke nicht gruselt, der ist kein Protestant. Zur Beruhigung schon einmal vorweg: Verdienst abseits von Christus gibt es nicht. […]

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