Der evangelische Kirchentag im Abgang – Warmtippen gegen das Reformationsjubiläum #4

Manchmal ist man von sich selbst überrascht. Ich halte mich z.B. regelmäßig für gehässiger, als ich bin. Angesichts der missglückten Antiterror-Demo tun mir Lamya Kaddor und die tapferen Aufgeklärten einfach nur Leid, dabei hätte ich erwartet, dass ich zumindest gegen einen starken schadenfrohen Impuls würde ankämpfen müssen. Nichts da, ich finde es wirklich traurig, dass man sich wider alle Mahner und Warner so verschätzt, und frage mich beunruhigt, wie all die Wohlmeinenden es auch wohl machen können. Und nun das: Da offenbart ein Zeit-Artikel das ganze Elend der evangelischen Kirche in Deutschland und bin ich schadenfroh? Nicht die Bohne! Das ist für den Zustand meiner Seele sicherlich förderlich, aber meinem Gemüt fehlt doch der bitterbös-satirische Zugriff. Naja. Vielleicht finde ich bald wieder etwas, das meine Gemeinheit entfesselt. In diesem Fall jedenfalls bleibe ich bei ungläubigem Kopfschütteln. Jeder weiß, dass die Evangelische Kirche in Deutschland nicht besonders geistlich, religiös oder christlich ist. Dass sie aber so gar keine religiöse Tragfähigkeit mehr hat, hätte ich nicht erwartet. Das ist natürlich nicht die intendierte Aussage des Artikels. Kurzfassung: Es wird beschrieben, wie die EKD in ihren Schätzungen zu den Besucherzahlen des Kirchentags und der „Kirchentage auf dem Weg“, also den Veranstaltungen an Orten, die mit Luther und der Reformation in Verbindung stehen, hoffnungslos daneben lag. An manchen Orten wurden Dauerkarten in nur dreistelliger Höhe verkauft, statt der erwarteten 50.000 Besucher für Leipzig kamen nur 15.000 etc. Natürlich wurden aber in umfangreichen Konzepten Marketingeffekte etc. beschworen, die den Kommunen und Ländern Geld für die Förderung entlocken sollten.

Dass eine pseudointellektualisierte „Kirche“ die Form für wichtiger erachtet als den Inhalt, ist nicht neu: Beide Konfessionen geben viel Geld und Zeit aus für Konzepte und Projektentwicklung, gute Initiativen dagegen können nicht auf Unterstützung hoffen, wenn sie nicht mit Worthülsen zu gewaltigen Aktions- und Relevanzgebirgen aufgetürmt werden. Eine corporate identity, hochwertige Printprodukte, ein hipper, durchgestylter Online-Auftritt – das sind Dinge, gegen die der Heilige Geist zwar nichts einzuwenden hat, durch die er sich aber nicht zum Herabsteigen nötigen lässt, wenn die Inhalte nicht stimmen. Eigentlich ein Treppenwitz der Weltgeschichte, dass man nach 500 Jahren denen, die u.a. angetreten waren, weil die katholische Kirche angeblich zur Formsache verkommen war, erklären muss, dass ohne die Zentrierung auf das Wesentliche formaler Glanz keine Früchte trägt.

Leider reduziert der Artikel das Problem auf einen deutsch-deutschen Konflikt: Hier die Event-Planer aus dem kommerziellen Westen, arrogant und eigensinnig, dort die heimischen Ostdeutschen, die ihre Klientel kennen und die westdeutschen Konzepte als untauglich für den Osten verwerfen, aber ignoriert werden.

Die These, Eventkultur gefalle den Ostdeutschen nicht, weil sie sie mit Parteitagen etc. identifizieren, halte ich höchstens teilweise für stichhaltig. Zum einen beugte ja das dezentrale Konzept einem solchen Argwohn bereits vor, es sollte „lokal“ zugehen. Zum anderen zeigt sich hier viel eher die tiefe Inhaltslosigkeit der evangelischen Konfession, zumindest in Deutschland: Wenn der Glaube tief ist, will man sich mit ihm beschäftigen und ihn gemeinsam feiern. Nun ist das einstige Kernland der Lutherischen durch die DDR gründlichst entchristlicht worden – auch, weil die evangelische Konfession gegenüber einem übergriffigen ideologischen Staat wenig Resilienz zeigt. Sie hat nicht die Kraft, gut inszenierte Ersatzangebote auszustechen, und regt auch nicht in hohem Maße dazu an, das Martyrium auf sich zu nehmen und gegen eine Staatsideologie anzukämpfen. Damit will ich nun überhaupt nicht den evangelischen Widerstand und das evangelische Zeugnis in totalitären Regimen verleugnen, aber wenn man es im Kontext betrachtet oder gar vergleicht, so sprechen die Fakten eine eindeutige Sprache: Aus evangelischen Landstrichen des ehemaligen Ostblocks ist das Christentum weitgehend verschwunden. Das ändert natürlich nichts daran, dass diejenigen, die den Glauben bewahrt haben, auch großen Anteil am Wandel hatten. Das erste Problem ist also, überhaupt Christen für ein Event zusammenzubekommen, unabhängig davon, ob diese nun eine Event-Kultur mögen oder ablehnen. Und hier haben sich die Planer nun auf das Reformationsjubiläum verlassen und damit auf ein totes Pferd gesetzt: Luther ist eine olle Kamelle, könnte man sagen, was seine Anziehungskraft angeht. Den letzten Rest haben ihm die eigenen Leute gegeben mit erhöhtem Problembewusstsein für seinen Antisemitismus (Antikatholizismus scheint kein Ausschlusskriterium für Vorbildcharakter zu sein). Luther als Mythos, das ging noch: Ich liebe trotz Konversion immer noch den pathetischen Duktus der Lutherstatuen vor evangelischen Kirchen. Eine Hand mahnend gen Himmel gerichtet, mit der anderen die Schrift umklammernd, oder ernst auf diese verweisend, hach, der mächtige Prediger, der Streiter gegen das Unrecht, der Befreier des Gewissens, der Verfechter des Wortes, fest, unwandelbar – da die Evangelischen aber in preußischer Manier alles gründlich machen, haben sie auch die Entmythologisierung Luthers bis zur Karikatur betrieben. Nun ist aus dem strahlenden Helden ein in seiner Zeit gefangener Antisemit geworden. Da offenbar nur die akademischen „Eliten“ an so etwas Spaß haben, dient er als Identifikationsfigur also nun niemandem mehr (außer der SELK, die sich an so etwas natürlich nicht beteiligt), und als Gegenstand der Auseinandersetzung jener kleinen Schar von Theologen, die eine Person erst dann spannend finden, wenn sie sie komplett zerstört haben.

Diese haben nun darin Recht, dass Luther nicht war, wozu man ihn später gemacht hat. Für sie ist er aber vor allem „politisch“ unbequem. Knackpunkt ist aber, dass der religiöse Irrtum ihn uninteressant und seine Lehre für den Menschen von heute unattraktiv macht. Kein Musiker auf dieser Welt findet Wagner sympathisch, aber seine Musik bleibt für viele Menschen „relevant“: Sie wird lebendig gehalten, weil sie die Menschen tief bewegt. So würden auch evangelische Lehren trotz eines problematischen Urhebers am Leben erhalten, würden sie bewegen.

Das übrigens wusste bereits 2015 Dr. Thies Gundlach, der in einem EKD-Papier (!) über „Die Bedeutung der Reformation in Gegenwart und Zukunft“ schrieb:

Wie bekomme ich ein relevantes Reformationsjubiläum? Mit der faktischen Sach- und Sprachfremdheit, ihrer weithin unverständlichen Rechtfertigungsbotschaft und ihrer ins Museale verweisenden Erinnerungskultur gerät die aktuelle Relevanz der Reformation zunehmend ins Abseits. Und machen wir es uns nicht zu leicht: Es ist das Herzstück der Reformation selbst, die Lehre von dem von Gott allein aus Gnade allein durch Jesus Christus allein im Glauben befreiten sündigen Menschen, die zunehmend keine kraftvolle Botschaft für das 21. Jahrhundert bereitzustellen scheint.

Das heißt im Klartext: Es ist unmöglich, in den Kerninhalten der Reformation Relevanz zu erblicken. Wäre Luther eine Identifikationsfigur, wäre seine Lehre relevant für den Menschen von heute, dann würden die Menschen auch zu lokalen Angeboten eines Kirchentages pilgern. Ja, es würde ausreichen, wenn die Lehren der unter der EKD zusammengefassten kirchlichen Gemeinschaften relevant wären. Diese kann man aber, anders als jene Luthers, meist nicht einmal genau bestimmen, da es sich entweder um mit vagem Gottesbezug versehene Gemeinplätze grüner und vulgär-marxistischer Ideen handelt oder um mit ebenso vagem Gottesbezug versehene Esoterik und Seelenwellness. Diese Mischung erregt nicht einmal Neugier: Was man politisch zu denken hat, sagen uns ARD und ZDF jeden Tag. Und dass wir gut und moralisch sein sollen, weshalb wenig Fleisch essen, sich nur positiv ausdrücken und gewaltfrei kommunizieren gut ist, wissen wir auch. Sicher geben Menschen kein Geld aus oder investieren Zeit, um sich all diese langweiligen Sachen noch einmal im Stuhlkreis erzählen zu lassen. Und das ist gut so. Wer behauptet, Kirche im eigentlichen Sinne zu sein, aber Marketing, Worthülsen und dem Zeitgeist huldigt, wird nicht gebraucht.

 

Dies ist ein Beitrag der Reihe „Warmtippen gegen das Reformationsjubiläum“. Da man sich nicht auf destruktive Artikel beschränken sollte, hier der Hinweis: 2017 ist Fatimajahr!

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