Das Gesetz lieben

Ein großes Missverständnis im Austausch zwischen Protestanten und Katholiken, aber auch im Verhältnis der Gläubigen zur Kirche, besteht im Zusammenhang mit „dem Gesetz“ und den „Geboten“. Das Thema ist sehr spannend und spannungsreich, aber auch sehr komplex. Man in im Hinblick auf dieses Thema jeden Tag etwas dazulernen, denn natürlich sind wir als Christen und einfach allgemein als Menschen ständig mit der Frage konfrontiert, wie wir mit bestehenden Regeln umgehen sollen.

Erst einmal ist ja überhaupt die Frage, was wir meinen? Das göttliche Gesetz? Das göttliche Gesetz in Form des mosaischen? Jenes, das Gott den Heiden ins Herz gelegt hat? Sagen wir „Gesetz“, meinen aber eigentlich „Gebote“ oder „Regeln“? Da hier normalerweise schon eine Begriffsbestimmung gar nicht vorgenommen wird, sondern „Gesetz“ einfach irgendwie alle Regeln meint, die einen irgendwie betreffen, ist die Kommunikation hier bereits signifikant erschwert. Darin liegt also bereits die typische ökumenische Stolperfalle, der Begrifflichkeitsnebel.

Viele Menschen ignorieren ironischerweise einen Großteil dessen, was die Bibel zu diesem Thema sagt und behaupten, die in der Bibel kritisierte „Gesetzlichkeit“ sei generell ein Vorhandensein von oben vorgegebenen Regeln. Das kann nicht sein: Zugleich würde nämlich kein Protestant behaupten, man müsse sich an die 10 Gebote, an soziale Regeln im Umgang miteinander oder auch an Naturgesetze nicht halten. Was sich mit Christus verändert hat, ist nicht das Vorhandensein von Regeln. Das mosaische Gesetz aber ist in Christus erfüllt. Diese Formulierung ist unglaublich wichtig, denn es wäre ein ziemlicher Schuss ins Knie, wenn der allmächtige, ganz gute, ganz liebende, allwissende Gott ein Gesetz gegeben hätte, dass er dann wieder „aufhebt“ oder „auflöst“ oder gar „abschafft“. Denn dann wäre an diesem gottgegebenen Gesetz ja etwas nicht gottgemäß, falsch, wenn es so beschaffen wäre, dass man es abschaffen würde. Oder aber, es ist eben von Mose erdacht, nicht von Gott gegeben, aber dann wäre Mose ein Lügner, alles in allem auch nicht befriedigend. Nun ist aber das Gesetz eben nicht abgeschafft, sondern in Christus erfüllt. Allein über diesen Sachverhalt kann man mit Sicherheit ein ganzes Leben lang nachdenken und nicht zum Ende kommen. Erfüllt, d.h. Christus hat dieses tatsächlich von Gott gegebene und nicht von Menschen erdachte Gesetz als erster und einziger tatsächlich ganz und gar ergriffen. Und in seinen Lehren und in seinem Leben macht er auch uns den tiefsten Sinn des göttlichen Gesetzes deutlich: Liebe.

Gesetzlichkeit ist nicht, dass Regeln vorhanden sind, sondern das Befolgen (und Aufstellen) von Regeln um der Regeln willen. Tatsächlich sollen sowohl das Aufstellen von (notwendigen) Regeln wie auch das Befolgen derselben von Liebe ausgehen und von Liebe geprägt sein. Grundlage dessen ist Vertrauen in die Wahrheit und Güte Gottes: Wenn Gott wirklich vollkommen gut und vollkommen wahr ist, dann sind alle Regeln, die er gibt, nicht nur geboten, sondern auch geschenkt, und dann kann es nicht ein einziges geben, das nicht aus Liebe an den Menschen ergeht. Wenn ich ein Gebot nicht erfüllen will, dann bedeutet das, dass ich im Grunde Gott nicht wirklich vertraue. Nehmen wir ein leicht einsichtiges und kaum beachtetes Gebot wie das Sonntagsgebot. Es besagt, dass jeder Christ jeden Sonntag an der Feier der heiligen Messe teilnehmen muss. Wie für alle christlichen Gebote gilt hier, eben weil sie um des Menschen willen und aus Liebe existieren, dass Not keines kennt, d.h., wer aus einem schwerwiegenden Grund fernbleibt, begeht keine Sünde. Warum nun hat die Kirche dieses Gebot aufgestellt? Weil Gott eitel ist und eine ihm frenetisch zujubelnde Menge braucht? Weil Priester ihre prächtigen Messgewänder publikumswirksam ausführen wollen? Gut, völlig überzogen. Aber schon hier wird es brenzlig: Vielleicht, weil die Kirche ihre Macht festigt, in dem sie die Menschen dazu zwingt, zumindest einmal in der Woche ihre Lehren anzuhören? Weil sie die Kollekte will? Das wären Vermutungen, die man schon eher in freier Wildbahn antrifft. Weil die Kirche kontrollieren, gängeln will. Wer – wenn auch halb unbewusst – so denkt, der zeigt damit, dass er der Kirche nicht vertraut, und damit auch Gott nicht: Wenn Gott die Kirche eingesetzt hat, dann muss man ihr vertrauen, wenn nicht, dann haben wir ein Problem, denn dann könnten wir über Gott nichts sagen oder wissen, denn wenn uns die Offenbarung nicht durch die Kirche übermittelt und tradiert würde, hätten wir keine und wüssten also gar nichts. Tatsächlich gibt es dieses Gebot, damit wir immer fester in der Liebe Gottes gegründet sind, damit wir  von der Kirche lernen, wie man in Lobpreis, Dank und Bitte allezeit vor Gott steht, nicht nur eine Stunde pro Woche. Damit wir die Gemeinschaft des Glaubens erfahren, die uns stärkt, wenn wir wieder allein in unserem Alltag sind. Damit wir die wahre Freude erfahren. Damit wir Christus in uns aufnehmen können. Damit wir die Gnade geschenkt bekommen, wie Maria und Johannes unter dem Kreuz wahre Zeugen des Kreuzesopfers, und wie Maria Magdalena Zeugen der Auferstehung sein können. Das Sonntagsgebot ist also ein einziges Gebot der Liebe, Liebe, Liebe. Und was sind die Reaktionen der Feld-Wald-und-Wiesen-Theologiestudenten und -dozenten, die man damit konfrontiert? „Ich brauche das nicht.“ „Das gibt mir nichts.“ „Das ist doch überholt.“ Kein Witz. Alles schon gehört. Das ist nicht „ungesetzlich“ sein, das ist pure Gesetzlosigkeit. Da nun aber in Christus ja das Gesetz erfüllt, nicht abgeschafft ist, ist Gesetzlosigkeit ebensowenig in Gottes Sinne wie Gesetzlichkeit.

Natürlich wäre es auf der anderen Seite tatsächlich gesetzlich, wenn ein Mensch nur in die Kirche ginge, weil er „muss“. Manchmal begegnet uns diese Haltung unter „guten“ Katholiken: Da wird bis eine Minute vor Messbeginn gegessen, schließlich besagt das Nüchternheitsgebot ja „eine Stunde vor Empfang der heiligen Kommunion“, und wenn das Hochamt eineinhalb Stunden dauert, kann man ruhig bis 9.59 Uhr essen. Da wird in der Fastenzeit der Teller vollgehauen, schließlich „dürfe man ja eine sättigende Mahlzeit am Tag essen.“ Wenn nicht nach dem tieferen Sinn, nach der Liebe in einem Gebot gefragt wird, besteht die Gefahr, dass man nicht mehr gemäß der Bergpredigt das Maximum sucht – zur größeren Ehre Gottes – sondern immer am Minimum, an der Grenze zur Übertretung entlangkraucht, und bald sein Vergnügen nicht mehr daraus zieht, sich von Gott erheben zu lassen, sondern daraus, sorgfältig am Abgrund entlangzubalancieren. Das mag als „Kölsch-katholisch“ in gewissen Gegenden geduldet sein, sollte aber auch dort nicht zur Gewohnheit werden. Man gerät also schnell in die Netze der Gesetzlichkeit, wenn man nur von dem ausgeht, was noch in Ordnung ist, anstatt zu fragen, was man mehr tun könnte (oder gar sollte). Das ist die Haltung, die bei den Pharisäern deutlich wird, wenn sie Jesus spitzfindige Fragen stellen – und das ist der Unterschied zu ebenfalls durchaus manchmal spitzfindigen Fragen, die sich auch in christlicher Theologie stellen: Nicht das genaue Wissenwollen dessen, was Sache ist, ist das, was Christus kritisiert, sondern, dass die Grundlage des Wissenwollens nicht die Liebe und das Vertrauen, sondern Pingeligkeit oder gar Bigotterie sind: Wie kann ich bei all den Regeln das Maximum an Eigenwillen für mich herausholen? Wer das Gesetz so befragt, fragt falsch.

Ein Ziel für den Christenmenschen muss es also sein, zu erkennen, dass das Gesetz Gottes nicht existiert, um ihn zu bremsen (auch rote Ampeln wurden ja tatsächlich nicht erfunden, um unschuldige Autofahrer ihres Vergnügens zu berauben, auch, wenn es manchmal wirklich den Anschein hat), sondern, um ihn sicher nach Hause zu bringen. Noch klarer ausgedrückt: Ich muss verstehen, dass es sich bei Gottes Geboten um Manifestationen seiner Liebe handelt. Im Idealfall bedeutet das, die Gebote Gottes lieben zu lernen. Nun ist es aber gar nicht so einfach, Gott wirklich zu vertrauen, und wirklich und tatsächlich anzunehmen, dass er durch die Einsetzung von Regeln das Leben der Menschen besser, sicherer und schöner machen will. Wie kann man das lernen?

 

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40 Kommentare

  1. Grundsätzlich Zustimmung zum Artikel; nur eins als Ergänzung: Es ist nicht zwangsläufig pharisäisch, zu fragen, was noch okay ist und was nicht mehr; und es führt auch nicht *zwangsläufig* zu größerer Heiligkeit, zu sagen, man soll mehr tun, als man eigentlich tun soll.

    1) Das ist ein Randproblem, aber es gibt psychisch nicht ganz gesunde Menschen, die sich wirklich damit quälen, wie viel genau sie machen müssen, um nicht in der Hölle zu landen, Skrupulanten wie Martin Luther oder auch mich (wobei es bei mir schon langsam besser wird). Bei so jemandem kann „Also vorgeschrieben ist nur x, aber wenn man Gott *wirklich* liebt, macht man eigentlich nicht nur x“ ankommen als „wenn ich nicht auch noch y und z tue, komme ich in die Hölle, weil ich dann nur pharisäerhaft die Regeln befolgt habe“. Und das führt dann eher zu Verzweiflung und dem Gefühl, im Endeffekt eh nie genug tun zu können. Luther hat dann deswegen am Ende das ganze Gesetz über Bord geworfen und beschlossen, dass „allein der Glaube“ rette; eine unglaubliche Erleichterung für ihn, kann ich mir vorstellen, weil er sich damit des Zwangs entledigte, genug tun zu müssen (natürlich könnte, wenn man Luthers Lehre folgt, dann immer noch der Zweifel kommen, ob man denn auch *wirklich* glaubt; und wenn man, anstatt Werke oder einen Glaubensakt auf seiten des Menschen zu verlangen, an eine unabänderliche Prädestination glaubt wie Calvin – das ist ehrlich gesagt erst recht nicht tröstlicher; und da können Skrupel dann sogar auch noch in dem Gewand wiederkommen, dass gute Werke (oder anderes) immerhin als *Zeichen* der Auserwählung gelten (anstatt als Bedingung), was für den einzelnen Skrupulanten dann aufs selbe hinausläuft – wenn ich nicht gut bin, heißt das, ich komme in die Hölle).
    Jedenfalls, es kann auch sein, dass jemand sich denkt, „also, vorgeschrieben ist zwar nur eine Stunde der Nüchternheit, aber wenn man Gott *wirklich* liebt, macht man mehr als vorgeschrieben, also esse ich ab jetzt mal lieber grundsätzlich zwei Stunden vor Messbeginn nichts, auch, wenn ich bis halb sechs bei der Arbeit bin und die Messe um sieben anfängt und ich zuvor schon aus irgendeinem Grund acht Stunden lang nichts essen konnte“, oder „vorgeschrieben ist zwar nur die Sonntagsmesse, aber vielleicht sollte ich lieber zur täglichen Messe in der Nachbarpfarrei um sieben Uhr früh gehen – ich bin zwar immer den ganzen Tag müde, wenn ich weniger als neun Stunden Schlaf hatte, aber der Heilige XYZ hat schließlich auch nur fünf Stunden am Tag geschlafen, und da hab ich eigentlich nicht das Recht, mich so anzustellen“. Oder dass man, so wie ich mal, sich heulend im Bett verkriecht, weil man sich nicht sicher ist, ob man genug Bauchschmerzen hat, um der Sonntagsmesse fernzubleiben, oder sich einfach mal nicht so anstellen sollte. Kurz gesagt, es kann dann sein, dass man einfach nur das Gesetz unbestimmt ausweitet, und sich nie sicher ist, ob man jetzt genug getan hat.
    Natürlich ist das Heilmittel dafür dann nicht, alles, was über das gesetzliche Mindestmaß hinausgeht, von vorn herein zu lassen, sondern, die Angst vor Gott loszuwerden, und sich gelegentlich mal in *Freiheit*, ohne Druck, zu entscheiden, dass man gerade irgendetwas zusätzlich tun *will*.

    2) Nicht nur für religiöse Neurotiker, sondern auch für normale Menschen in konkreten Gewissenskonflikten ist es manchmal nötig, zu wissen, welche Wege innerhalb der katholischen Moral noch gangbar sind und welche nicht mehr. (Ich hab hier ausführlicher dazu geschrieben: https://nolitetimereweb.wordpress.com/2017/03/04/kasuistik-ist-etwas-gutes/) Ansonsten scheitert man vielleicht oder macht sich unnötig unglücklich, weil man sich denkt, die strengstmögliche Möglichkeit wählen zu müssen, oder aber man verschätzt sich in der laxeren Richtung und tut das objektiv Falsche.
    Und gerade was solche Dinge wie das Fasten (auch im Sinne des Verzichts auf Kaffee o. Ä.) angeht, das kann manchmal sogar eher kontraproduktiv sein, wenn man sich zu viel vornimmt – da ist man dann hungrig/müde und schlecht gelaunt und unleidlich gegenüber den anderen, was auch nicht Sinn und Zweck war (vgl. z. B. auch, was Simcha Fisher hier schreibt: https://www.simchafisher.com/2017/03/06/homemade-cake-with-a-side-of-red-herring/ , https://www.simchafisher.com/2017/02/15/does-god-get-off-on-seeing-us-suffer/).
    Was ich im Endeffekt sagen will:
    Am Bild des Straßenverkehrs: Es ist sinnvoll, Geschwindigkeitsbegrenzungen einzuhalten und an roten Ampeln zu stoppen, aber es macht keinen Sinn und ist sogar kontraproduktiv, auf Autobahnen 50km/h zu fahren (gefährdet die anderen Autofahrer sogar, die von hinten mit 130 km/h ankommen), oder vor jeder Ampel vorsichtshalber mal vom Gas zu gehen, falls sie auf Rot umschalten sollte.
    Es macht, wie Sie geschrieben haben, keinen Sinn, Regeln um der Regeln willen einzuhalten, egal ob es normale Regeln sind oder ob man sie sich zu streng (lieber immer 10-20 km/h unter der Begrenzung) oder zu lax (10-20 km/h drüber macht nichts) macht, sondern man sollte sie einhalten, weil man dahinter den Sinn sieht (sich selber und andere nicht zu gefährden). Das kann eben bedeuten, grundsätzlich dasselbe zu tun, wie wenn man nur auf die Regeln schauen würde (100 km/h fahren, wenn 100 km/ vorgeschrieben ist), aber aus anderen Gründen. Das „Maximum“ ist nicht *immer* das Sinnvollste.

    Viele Grüße, Crescentia.

      • Vorrede: Man kann Inhalte eines Artikels kritisieren, oder Sachverhalte. In diesem Fall bezieht sich die Kritik KOMPLETT (!) auf Sachverhalte, die nichts mit dem Artikel zu tun haben. Beispiel?

        Es wird gesagt: „Es ist nicht zwangsläufig pharisäisch, zu fragen, was noch okay ist und was nicht mehr; und es führt auch nicht *zwangsläufig* zu größerer Heiligkeit, zu sagen, man soll mehr tun, als man eigentlich tun soll.“

        Nun, mein Artikel behauptet gar nicht, dass es pharisäisch sei. Was dann also ist der Kritikpunkt AM ARTIKEL? Es handelt sich um eine Ergänzung, der ich voll zustimme, vielleicht um Klärung für Leute, die den Artikel nicht richtig verstanden haben, und in diesem Fall natürlich auch der persönliche Einwand eines von Skrupeln gequälten Menschen, der aus persönlichen Gründen mit einer gewissen Hypothek an solche Fragen herangeht. Aber es ist keine Kritik an Inhalten des Artikels, da diese kritisierten Inhalte im Artikel gar nicht vorliegen, mein Lieber!

        Wichtigster Punkt in *unserer* Auseinandersetzung: So ich nicht irgendwo „denkt falsch“ geschrieben und vergessen habe, dass ich es geschrieben habe, so habe ich folgendes geschrieben:

        „Nicht das genaue Wissenwollen dessen, was Sache ist, ist das, was Christus kritisiert, sondern, dass die Grundlage des Wissenwollens nicht die Liebe und das Vertrauen, sondern Pingeligkeit oder gar Bigotterie sind: Wie kann ich bei all den Regeln das Maximum an Eigenwillen für mich herausholen? Wer das Gesetz so befragt, fragt falsch.“

        Das „falsch“ bezieht sich also eindeutig auf den Willen, im Befragen des Gesetzes im Eigenwillen zu verharren, und NICHT darauf, nach dem Minimum zu FRAGEN, im Gegenteil, ich weise sogar mehrfach darauf hin, dass das genaue Wissenwollen total okay ist. Was soll man eigentlich noch tun?

        Ich würde ja gerne zumindest wirklich (!) verstehen, was dein Problem ist, aber ich verstehe es nicht, weil ich deine Kritikpunkte allesamt im Artikel nicht finde (bis auf einmal Anführungszeichen…) 😀

      • >>Das Minimum beachten, weil man nicht sündigen will, ist völlig legitim. Das Minimum zu beachten, weil man möglichst keine Mühe haben will, ist es nicht.

        Ich würde insofern widersprechen, es ist durchaus keine Sünde, und damit legitim, sich im Rahmen des Erlaubten möglichst wenig Mühe zu machen. (Wie Du ja auch selbst richtig bemerkst, statt der Werktagsmesse darf man sich im allgemeinen auch eine Serie anschauen.)

        Und selbstverständlich hat die Reihenfolge gefälligst 1. nicht sündigen 2. sich darüber hinaus anstrengen 3. es sich gemütlich machen zu sein (wobei die Nr. 2 und übrigens auch die Nr. 3 freiwillig sind), das ist aber eh klar.

      • Ja.
        Allerdings möchte ich an die Absolutheit eine kritische Anfrage stellen, mit der du in allem, was nicht perfekt ist, eine Sünde siehst. Es gibt doch nicht nur Sünde und nicht Sünde, sondern innerhalb des Bereichs nicht Sünde Gutes, Besseres, Okayes…oder nicht?

    • Ich finde das spannend. Ich habe noch an anderer Stelle eine Auseinandersetzung um diesen Artikel und auch dort geht es um dieses Problemfeld.

      Ich weiß eigentlich kaum, wie ich deutlicher formulieren könnte: „Nicht (!!!!!!!!!) das genaue Wissenwollen dessen, was Sache ist, ist das, was Christus kritisiert, sondern, dass die Grundlage des Wissenwollens nicht die Liebe und das Vertrauen, sondern Pingeligkeit oder gar Bigotterie sind: Wie kann ich bei all den Regeln das Maximum an Eigenwillen für mich herausholen?“ Was ich damit sagen will: GENAU. Es ist nicht nur nicht zwangsläufig pharisäisch, es ist gar nicht pharisäisch, zu fragen, was noch okay ist.

      Das Problem, das Sie beschreiben, kann ich nachvollziehen. Das ist aber genau nicht das, was ich mit dem Artikel vermitteln will (wurde mir aber an eben anderer Stelle auch vorgeworfen, jedenfalls, wenn ich die Kritik richtig verstanden habe, was ich aber nicht ganz sicher sagen kann, ob dem so ist…).

      Wenn Sie schreiben „Man muss nur x tun, aber wer Gott wirklich liebt, tut auch y“, so ist das nicht, was ich meine. Man muss nur x tun, soll aber LERNEN, es aus Liebe zu tun. Und das kann man, denke ich, nur, wenn man eben den liebenden Sinn hinter dem Gebot erkennt. Damit meine ich übrigens nicht zwangsläufig kognitives Verstehen um den tieferen Sinn eines Gebotes. Das ist für unsere Lebenswelt vielleicht seltsam, weil wir sehr auf „Verstehen“ bedacht sind. Ich meine aber, dass das Erkennen der Liebe nicht verstandsmäßig geschehen muss.

      Ihren Punkt zum Protestantismus teile ich natürlich. Es ist für mich ein Punkt, den ich am Liebsten auf großen Transparenten durch Innenstädte tragen würde: Protestanten sind nicht gegen Werkgerechtigkeit, sie machen den Glauben zum „Werk“, was eine sehr grausame Werkgerechtigkeit ist.

      Sie nennen ja den Kern, um den es auch mir geht: Die Freiheit. Und es geht in der Gottesbeziehung eben auch nie um „Jesus und „man““, sondern um „Jesus und ICH“. Natürlich ist es oft auch tatsächlich schwierig, den inneren Schweinehund von einem echten Bedürfnis zu unterscheiden. Ich gehe z.B. sehr häufig nicht zur Werktagsmesse, habe aber *interessanterweise*noch genügend Kraft, eine Serie zu schauen. Aber es ist eben keine Sünde, nicht in die Werktagsmesse zu gehen. Punkt. Aber ich DARF. Und ich darf auch meinem Inneren Schweinehund mal sagen, dass er sich verziehen soll. Ich werde beschenkt, wenn ich es tu. Aber ich werde nicht „bestraft“, wenn ich es nicht tu. Es ist eben eine echte Freiheit, keine vorgegaukelte, und auch keine mit drohendem Zeigefinger. Natürlich gilt für Menschen, die unter Skrupeln leiden, etwas anderes, aber bei einem in dieser Hinsicht gesunden Menschen kann man ja schon sagen, dass er eben selbst entscheiden kann, und zwar mit seiner Vernunft. Das zu den Beispielen, die Sie nennen: Man hat Standespflichten, und man hat auch die Pflicht, für sich zu sorgen. Es ist natürlich immer ein Abwägen, und das kann auch ab und zu schief gehen. Man muss es bloß merken und daraus seine Lehren ziehen. Wenn man einen Gründonnerstag mal die ganze Nacht Anbetung durchzieht und einem danach elend ist, heißt das: Das nächste Mal den eigenen Stolz und Willen einpacken zu Gunsten einiger Stunden Schlaf. Wie gesagt, bei Menschen, die in der Hinsicht kein klares Urteil treffen können, sieht das anders aus.

      Sie schreiben, dass man nie sicher sein kann, wann man „genug“ getan hat. Diese Antwort lässt sich auf zwei Arten beantworten. Die eine ist: Nie. Weil wir Gottes Liebe nie 100% zurückgeben können, haben wir nie „genug“ getan, aber das ist völlig in Ordnung. Die andere Art, diese Frage zu beantworten wäre: Dann, wenn man das, was man getan hat, aus Liebe getan hat. Auch hier ist es ein Prozess, ein learning by doing, ein Vortasten, Vorarbeiten, Herausfinden und Lernen, und auch das ist völlig in Ordnung.

      Zu 2)
      Wieder möchte ich darauf hinweisen, dass das zwar stimmt, aber in keiner Weise in meinem Artikel anderes behauptet wird! Ich möchte mich jetzt nicht nochmal zitieren, aber ich schreibe eben NICHT, dass man nicht das Minimum auch beachten darf, sondern, dass es auf die MOTIVATION ankommt, mit der man das Minimum betrachtet. Das Minimum beachten, weil man nicht sündigen will, ist völlig legitim. Das Miminum zu beachten, weil man möglichst keine Mühe haben will, ist es nicht.

      Was das ewige Fastenthema anbetrifft, frage ich mich da auch ganz ehrlich (weil viele Leue da total grantig werden): So what? Wenn ich mir einmal zu viel vorgenommen habe, mache ich es das nächste Mal anders. Warum muss man alles sofort perfekt drauf haben? Wieso kann man sich nicht entwickeln? Ich habe z.B. den Verzicht auf Kaffee erst mal aufgegeben. Das heißt nicht, dass ich es nie wieder versuchen würde. Ich trinke weniger davon, gebe vielleicht nicht dem erstbesten, sondern erst dem zweiten Wunsch nach einem Kaffee nach, aber der totale Verzicht passt gerade nicht. Hab ich mich nun in die Psychose gefastet, als ich es versucht habe? Nö. Auch hier: Das geht nicht an Leute mit Skrupeln. Aber wenn gesunde Menschen so tun, als würden sie geistlich sterben, wenn sie mal einen Fehler machen und sich zu viel aufhalsen, dann krieg ich zu viel. Man muss halt auch mal was ausprobieren.

      Sie schreiben: Das „Maximum“ ist nicht *immer* das Sinnvollste. Genau. Aber vor allem deshalb, weil unsere Richtschnur nicht mehr Leistung ist, sondern mehr Liebe.Schauen wir uns das Hohelied des Paulus an: Man kann sogar sein Leben hingeben (!) und es kann zu nichts nütze sein. Es SIEHT AUS wie ein Maximum, ist aber keins.

      Edit: Und auch das ist wichtig, denke ich: Ich schreibe nirgends davon, ein Maximum zu leisten, sondern, danach zu SUCHEN. Auch das finde ich eben wichtig, und ich meine das nicht als Soziologen-Pastoralreferenten-Bla, sondern ganz ehrlich: Wir suchen und streben nach Heiligkeit. Es wäre fatal, zu denken, das sei eine Leistung, die man erbringt.

      • Mein Kommentar war wirklich nicht als Angriff gemeint! Nur als „Manchmal kann das so und so ankommen, auch wenn es nicht so gemeint ist, das wollte ich noch sagen“.

      • Nein, keine Sorge, er ist gar nicht als Angriff bei mir angekommen! Ich bin nur gerade mit Nepomuk in einer heftigen Facebookdiskussion eben um dieses Thema begriffen 😉 Und da er jetzt hier schrieb, Ihr Kommentar sei etwas, das er auch hätte schreiben können, wollte ich klarstellen, wieso das, was Sie geschrieben haben, eben keine Kritik ist (wobei ja auch Kritik noch kein „Angriff“ ist).

        Sorry, das ist nur die Verve, mit der ich Nepomuk betippt habe, die auf Sie übergeschwappt ist! No offense!

      • Bin nicht offended 🙂 (Aber ehrlich gesagt habe ich persönlich gar nicht den Eindruck, dass Sie und Nepomuk grundsätzlich so weit auseinander sind.)

      • So wie Sie oben geschrieben haben: „Nun, mein Artikel behauptet gar nicht, dass es pharisäisch sei. Was dann also ist der Kritikpunkt AM ARTIKEL? Es handelt sich um eine Ergänzung, der ich voll zustimme, vielleicht um Klärung für Leute, die den Artikel nicht richtig verstanden haben, und in diesem Fall natürlich auch der persönliche Einwand eines von Skrupeln gequälten Menschen, der aus persönlichen Gründen mit einer gewissen Hypothek an solche Fragen herangeht. Aber es ist keine Kritik an Inhalten des Artikels, da diese kritisierten Inhalte im Artikel gar nicht vorliegen“ Das stimmt. Mein Kommentar war eine persönliche Ergänzung, auch für Leser gedacht, die vielleicht selber ähnliche Probleme mit Skrupeln haben, wie ich schon hatte und auch zum Teil noch immer habe, falls so jemand mitlesen sollte, aber keine Kritik an dem, was Sie eigentlich sagen. Viele Grüße, Crescentia.

      • Das habe ich auch so verstanden. Und danke für die Ergänzung! Mir ist durchaus klar, dass gewisse geistliche Dispositionen nach etwas anderem verlangen. Und ich finde das auch sehr wichtig und interessant, was Sie geschrieben haben!

    • >>Allerdings möchte ich an die Absolutheit eine kritische Anfrage stellen, mit der du in allem, was nicht perfekt ist, eine Sünde siehst. Es gibt doch nicht nur Sünde und nicht Sünde, sondern innerhalb des Bereichs nicht Sünde Gutes, Besseres, Okayes…oder nicht?

      This is precisely my point.

      Nur daß ich, weil ich es allenfalls bei einer Sünde für legitim halte, anderen einen moralischen Vorwurf (oder for that matter sich selbst einen allzu heftigen) zu machen, davon, wenn Du in vorwurfsvollem Tone sprichst, automatisch davon ausgehe, daß Du alles, was nicht perfekt ist, für eine Sünde hältst oder doch so behandelst… jaja, die Mißverständnisse…

      • Wie ich bereits MEHRFACH gesagt habe heute, nehme ich dafür keine Verantwortung auf mich. Wenn ich in einem Artikel gefühlte 10.000 Mal „Liebe“ schreibe, und jemand möchte dennoch einen moralischen Vorwurf darin finden, dann ist das sein (dein) Problem. Ich habe in diesen Kategorien gar nicht gearbeitet. Ich frage danach, wie man als guter Christ von seiner Freiheit Gebrauch machen kann, so dass es einem dient. Darin muss niemand einen Angriff erblicken.

      • Nichts für ungut, aber empfindest Du keinen moralischen Vorwurf in der Aussage, jemand gebrauche seine Freiheit nicht zu seinem Besten und würde sie besser anders gebrauchen, oder gar, sein Verhalten entspreche keiner rechten Liebe zu Gott?

        (Nicht daß ich unbedingt etwas gegen einen moralischen Vorwurf hätte, eben bei Sünden. Aber man hört da doch jedenfalls einen.)

      • Nun, die Frage ist doch: GEBRAUCHT man seine Freiheit zu seinem Besten? Und wenn nicht, wieso nicht? Das ist kein Vorwurf, sondern eine Frage, die man sich in erster Linie selbst stellt. Wenn ich zu einem Menschen eine Beziehung habe, frage ich mich auch, wie ich sie gut gestalten kann. Das ist doch nicht in sich ein Vorwurf?!

      • Das Problem ist, daß der Vorsatz, seine Freiheit immer zu seinem Besten zu gebrauchen, von dieser Freiheit nichts praktisch übriglassen würde.

        Nun *kann* man das machen: „ja, dank recht schön für die Freiheit, ich geb sie aber lieber zurück“. Aber man muß es nicht, und es entspricht auch eher dem Mönchsstand. Als Laie hat man die Beschaulichkeit und die Ruhe, den Glanz und den Glamour eines Mönchs nicht, da wird man doch wenigstens im Bereich erlaubte Genüsse nach Laune etwas bequemer mit sich umgehen können!

        Und auch wenn Du mir jetzt aufs Dach steigst, Du klingst halt doch immer so, als ob der, der – zum Beispiel – kurz vor der Messe noch einen Kaffee trinkt, weil er weiß, daß sie lang dauert, und er’s somit kann, und dann zur Kommunion geht – sich gefälligst zu besinnen und das zu verändern hätte.

        Nun soll man die Sünden und die Gelegenheiten-noch-besser-zu-handeln schon bei sich selber sauber auseinanderhalten, das hilft. Was aber letzteres bei anderen Leuten betrifft, da gilt, mit Verlaub: was Gott für rein erklärt hat, das erkläre du nicht für unrein… und natürlich, was hier der Punkt ist, auch nicht für „an sich zwar schon rein aber“.

        Letzteres ist vermutlich unser Streitpunkt hier: Wir sind uns darüber einig, daß der Prediger „Du mußt“ nur mit Vorsicht und Überlegung predigen darf; aber Du scheinst zu denken, sobald du mal offiziell zugestanden hast, an sich sind die Dinger erlaubt und das weitere freiwillig, bist Du fein heraus und darfst die Leute für mit Verlaub so unglaublich schwerwiegende Dinger wie ein üppiges Mittagessen am Fastentag oder das Ausreizen der eucharistischen Mindestnüchternheit schelten, so viel Du magst (ja, okay, vielleicht nicht so viel Du magst, aber doch immerhin ein gehöriges bißchen). Und ich denke eben, sofern ein Prediger anderen Leuten und nicht sich selber predigt, daß ähnliche, wenn auch vielleicht einen Tick geringere Vorsicht und ähnliche Überlegung auch das einem „Du darfst“ folgende „zwar, aber trotzdem“ gilt.

        – Und zum Thema Beziehung, ja, *ich* frage mich schon, wie *ich* meine Beziehung gut gestalten kann. Aber ich frage mich nicht, wie mein Freund das mit der seinigen tun kann. Außer wenn ich fühlen würde, daß ich das müßte, wenn er seine Freundin etwa betrügen wollen würde (Äquivalent zur Sünde), aber sicher werde ich ihm keinerlei Ratschläge, außer auf Nachfrage, erteilen, wie er etwa die Beziehung frischhalten könnte, selbst wenn ich solche auf Vorrat hätte.

        Und ich halte es übrigens auch für innerhalb der legitimen Spannbreite des Beziehung-gut-Gestaltens, sofern die Freundin gesagt hat „aber natürlich darfst du hin und wieder auch zur Entspannung ohne mich ins Wirtshaus gehen“, das dann auch zu tun.

      • Nein, ich „klinge“ nicht so, du MÖCHTEST das hören. Das ist, wie ich bereits mehrfach betonte, dein Problem, nicht meines.

        Ansonsten bin ich in einigen Punkten absolut nicht d’accord, aber ich habe keine Lust, da herumzudiskutieren, wenn dein Ausgangspunkt eine trotz meiner Beteuerungen falsche Bias gegenüber meiner Ansicht ist.

      • Oder kürzer: Ratschläge sind auch Schläge… (die man natürlich, wie auch Schläge ohne Rat, manchmal auch verdient hat).

      • Allerdings: Zum Thema Ratschläge für eine Beziehung: Es darf ja aber auch Ratgeber im Internet zum Thema Beziehungsgestaltung (bzw. dem religiösen Äquivalent) geben, denen man logischerweise nicht folgen muss, die aber für den ein oder anderen trotzdem ganz nützlich sein können – und man würde „10 Tipps, deine Freundin zu überraschen“ auch normalerweise nicht als Vorwurf an alle sehen, die ihre Freundin nicht auf eine dieser 10 Weisen überraschen wollen. Es macht sicher Sinn, gegenüber Neurotikern, übereifrigen Neubekehrten o. Ä. klarzustellen, was Gebote sind und was nur Empfehlungen, die dem einen helfen können und dem anderen vielleicht gerade nicht und die keinen Verpflichtungscharakter haben. Aber „ungebetene Ratschläge“ – na ja, wahrscheinlich besteht das Internet zu 90% aus „ungebetenen Ratschlägen“, das liegt in seinem Wesen.

      • Jep. Wenn man Nepomuk wörtlich nehmen würde, dann wäre 90% der geistlichen Literatur, und bestimmt 60% dessen, was Paulus schreibt, gesetzliches Rumgenerve mit Ratschlägen, die niemand braucht, und die nur schlechte Gewissen machen sollen.

      • Was Paulus betrifft stimmt das nicht. Der fordert nämlich alles, was er fordert, strikt ein, außer seine Empfehlung zur Ehelosigkeit und die Bitten zur Spende für Jerusalem.

      • Was die geistliche Literatur betrifft, so liegt ein gewisser Fokus auf dem Mehr-als-notwendig in der Natur der Sache, denn das, was wir „geistliche Literatur“ nennen, wurde für Leute, die mehr tun wollen, von Leuten, die danach gefragt worden sind, geschrieben und sind so auch zu verstehen.

        Der hl. Franz von Sales schrieb an „Philothea“: Mache eine tägliche Betrachtung, Imperativ, Ausrufezeichen (also so sinngemäß). Würde ein Prediger auf der Kanzel (oder am Ambo^^) das ohne den Zusammenhang vorlesen, daß das eine Antwort ist auf die Frage, was die Adressatin der „Philothea“ denn nun tun soll, wäre das auch nicht ganz richtig.

      • Ah, also mein Fehler ist, dass ich einen Blog schreibe, auf den man gezwungen ist zu gehen?! Ich verstehe! Es ist also dann in ORdnung, wenn ich einen Disclaimer davor schlate: „Dieser Artikel enthält fakultative Vorschläge für Menschen, die nach Vorschlägen suchen.“ Ist es dann genehm? *Das ich nicht lache.*

      • Um mein Bedürfnis zu befriedigen, zu erklären, wo ich herkomme, falls es Dich interessieren sollte, worauf ich keinen Anspruch erheben kann:

        natürlich drückt das wieder mal am besten ein Zitat von Chesterton aus.

        >>Men can enjoy life under considerable limitations, if they can be sure of their limited enjoyments; but under Progressive Puritanism we can never be sure of anything.

        „Die Menschen können das Leben unter bemerkenswerten Einschränkungen genießen, wenn sie nur ihrer so eingeschränkten Vergnügungen dann wenigstens sicher sein können. Und unter Progressivem Puritanismus können wir nie irgendeiner Sache sicher sein…“

        und während ich Dir selbstverständlich *keinen* „progressiven Puritanismus“ unterstellen will, könnte man auf Grund des Faktums, daß der Verzicht auf ein irdisches Gut ceteris paribus immer besser ist als es zu gebrauchen, und je besser das Gut, desto wertvoller der freiwillige Verzicht, sich *ebenfalls* keiner Sache mehr sicher sein, wenn man sich freiwillig dazu zwingen würde, aus Grundsatz gegenüber dem Guten immer freiwillig das Noch-Bessere zu wählen.

      • >>und man würde „10 Tipps, deine Freundin zu überraschen“ auch normalerweise nicht als Vorwurf an alle sehen, die ihre Freundin nicht auf eine dieser 10 Weisen überraschen wollen.

        Gewiß. Da steht im Titel allerdings „Tipps“.

        Wenn man allerdings wie unsere hochgeschätzte Gastgeberin einem Katholiken über den Weg läuft, der schnell noch eine Semmel ißt mit der Bemerkung „das Hochamt dauert heute lang genug“, und dann feststellt: „das macht der nicht aus Liebe zu Gott, sondern weil er’s kann“, dann erlaube ich mir eben, die Worte so, wie sie dastehen, durchaus als verbale Ohrfeige des Betreffenden zu verstehen.

        Damit das klar ist, hätte man hier gesagt: „Er hätte hier ohne augenscheinlich nennenswerte Mühe seinem Herrgott eine weitere Freude machen können und hat das nicht gemacht“, so hätte man ein Faktum beschrieben. Ob man ihn darüber unbedingt behelligen sollte, wäre dann in der Tat auch noch zu bedenken (was weiß man denn schon, was der zum Beispiel sonst gerade so durchmacht?), aber meine Kritik bezieht sich in erster Linie auf so Dinge wie Leuten die Gottesliebe abzusprechen (und z. B. eine mit Gottesliebe *gar* nichts mehr zu tun habende Gesetzlichkeit zu unterstellen), nur weil sie nicht so handeln, wie es diese Liebe am meisten ausdrücken würde.

      • „und man würde „10 Tipps, deine Freundin zu überraschen“ auch normalerweise nicht als Vorwurf an alle sehen, die ihre Freundin nicht auf eine dieser 10 Weisen überraschen wollen.“

        Et voilà. Du bist ja sogar dazu in der Lage, dein seltsames Problem zu beschreiben. Dann kann ja die Lösung nicht mehr weit sein! (Tipp: Fühl dich nicht angesprochen, wenn es dich nicht betrifft)

      • streiche „erlaube ich mir eben“. Gemeint war „kann ich beim besten Willen nicht anders“.

      • (Sorry für den arg verspäteten letzten Kommentar dazu, aber ich habe Nepomuks letzte Kommentare erst jetzt gesehen.) @maryofmagdala: Nepomuks Kritikpunkt wegen des Essens vor der Sonntagsmesse kann ich ehrlich gesagt schon irgendwo nachvollziehen – da ist der Ton im Artikel meinem Eindruck nach schon etwas unnötig vorwurfsvoll. Und bei katholischen (allgemein religiösen) Blogs ist das halt immer so eine Sache: Ob man die Anfänger und die Ungläubigen darüber belehren will, was Pflicht ist, oder ob man denen, die schon alle allgemeinen katholischen Grundsätze kennen und teilen, weitere Tipps geben will, ist ja von Artikel zu Artikel verschieden, und wenn man etwas (absichtlich oder unabsichtlich) als religiöse Pflicht hinstellt, das keine ist (in dem Fall: im Zweifelsfall lieber länger fasten), dann kann das durchaus schlechte Folgen haben. Manchmal ist es klar, dass es bloß um Tipps geht – hier auf dem Blog bei den Artikeln zur Fastenzeit zum Beispiel -, manchmal ist es weniger klar. (Sorry, ich will jetzt nicht die ganze Diskussion noch mal von neuem anfangen, ich wollte nur das noch zum Thema Internet loswerden, weil es mir noch eingefallen ist, als ich die Diskussion noch mal durchgelesen habe.)

      • Nein, kein Problem.
        Will ich auch nicht, aber ich möchte doch gerade zu diesem Punkt einfach recht verstanden werden! Und ich habe das Gefühl, dass ihr das einfach nicht tut! 😉
        Also: Ich habe ja NICHT geschrieben, dass man NICHT ESSEN SOLL bis kurz vorher. Das scheint ihr aber so zu verstehen. Das habe ich aber – nota bene! eben NICHT geschrieben!
        Weil es mir nicht darum geht, bis wann jemand isst. In extremen Notsituationen/Todesgefahr könnte man ja sogar bis 30 Sekunden vorher essen (man könnte nun die Frage stellen, inwiefern das eine realistische Situation ist, weil wenn ich eh sterbe, ist essen ja auch schon wurscht, is klar 😉 ).
        Was ich geschrieben HABE, um es mit Pontius Pilatus zu sagen, ist, dass es eine gewisse Haltung gibt (wiederum behaupte ich nicht, bestimmen zu können, wann sie bei jemandem vorliegt, aber ich habe schon erlebt, dass es explizit so gesagt wurde!), die sozusagen nur um des Segeln an der Grenze willen diese ausreizt. Und meiner Meinung nach ist das bei pubertierenden Jugendlichen eine verständliche Haltung, aber keine gute. Sie wäre ebenso schlecht, wenn es darum ginge möglichst lang vor der Messe nicht zu essen. Weil es bei diesem Gedankengang nicht um den Sinn des Gebotes geht! Das ist ALLES (Was mir ja Nepomuk einfach nicht glauben will). Es geht darum, dass ich meine, dass man sich immer dem SINN des Gebotes entsprechend verhalten sollte, was unterschiedlich aussehen kann und darf. Und natürlich ist das auch nichts, was vom Himmel fällt, man muss das einüben und wird das auch immer mal falsch machen. Es liegt also überhaupt kein Vorwurf gegen Mindesteucharistisches Fasten in dem, was ich geschrieben habe, das lest ihr aber hinein, weil ihr die Hälfte einfach ignoriert, nämlich das, was ich extra zur Klärung danach schreibe, und was zu der Erläuterung integral dazugehört.Wie gesagt, ich würde dasselbe über jemanden sagen, der, einfach nur um seine Kraft auszutesten, drei Tage vorher nichts isst. Wenn dagegen jemand aus Liebe zum Heiland drei Tage vorher nichts isst – okay.

        Ich wehre mich also vehement gegen den Vorwurf, ich hätte hier etwas „als religiöse Pflicht dargestellt, was keine ist „. Das habe ich nicht. Die religiöse Pflicht ist, eine Stunde vorher nüchtern zu sein. Die religiöse Kür ist, herauszufinden, was in einer Situation für einen selbst eine angemessene Verhaltensweise ist. Natürlich hast du Recht, es ist immer die Frage, was man mit einem Artikel bezwecken möchte. Die Reaktionen zeigen mir ja, dass ich offensichtlich einen Punkt getroffen habe, der problematisch ist. Und zwar nicht, weil ICH ein Problem draus mache, sondern, weil es offenbar schwierig zu sein scheint, sein eigenes Verhalten verbesserungswürdig zu finden, ohne es zu verdammen. Vielleicht muss man auch einfach entspannt kölsch katholisch sein, um das zu können: Also zu sagen „Dat war jetzt nicht das Gelbe vom Ei, aber auch okay.“ Wenn man natürlich der Ansicht ist, jedes nicht perfekte Verhalten sei gleich latent sündhaft, dann kann man natürlich nicht damit leben, dass man in einer Situation vielleicht besser hätte handeln können als man gehandelt hat. Meiner Ansicht nach versperrt man sich damit aber Wege.

        Ich will es mal mit einem anderen Beispiel versuchen. Das Stundengebet. Es ist ein besonders gutes Gebet, weil es DAS Gebet der Kirche ist. Ist jetzt jemand ein schlechter Katholik, weil er das nicht betet? Nein. Er muss ja auch gar nicht. Wenn man es betet, besteht de Gefahr, dass man sich selbst unter Druck setzt, weil man sich doch dann fragt „Hm…wieso eigentlich nur die Vesper? Müsste ich jetzt nicht auch die Terz, die Non, die Sext beten?“ Meine persönliche Erfahrung dabei ist: Tatsächlich ist es mühsam und ich habe oft keine Lust, die kleinen Horen zu beten. Aber immer wenn ich mich durchringe, es zu tun, werde ich mit krassen Gebetserfahrungen beschenkt. Und das MUSS mich doch zu der Einsicht führen, dass es besser ist, die kleinen Horen zu beten, als sie zu lassen. Denn ich WERDE ja jedes Mal beschenkt. Hat diese Einsicht nun dazu geführt, dass ich konstant kleine Horen bete? Nein. Ich bete noch nicht einmal konstant die großen. Ich habe Phasen, und gerade z.B. bete ich gar kein Stundengebet. Fühle ich mich deshalb schlecht? Nein. Aber ich WEIß, dass da ein Geschenk auf mich wartet, das ich auspacken könnte, und ich weiß, dass es gut für mich wäre, es zu tun. Im Augenblick bin ich halt noch nicht so weit. Aber ich möchte mir nicht einreden, es sei egal. Es ist nämlich nicht egal.

        Ehrlich gesagt vermute ich, dass viele Menschen einfach nicht so ein entspanntes Verhältnis zur eigenen Schwäche haben und deshalb gerne versuchen, die Dinge, in denen sie schwach sind, als irrelevant darzustellen, weil sie sich dann besser fühlen. Ich finde es schade, dass das so sein muss. Man kann auch einfach nicht perfekt sein und das ganz entspannt akzeptieren. Finde ich.

      • Oh, jetzt hatte ich noch einen langen Nachtrag dazugeschrieben 😉 Egal. Ich hatte es nochmal mit nem anderen Beispiel versucht… Gruß!

      • Hahah. Sorry. Wie gesagt, müssen nicht alles nochmal Durchkauen. Ich bin ja VOLL EURER MEINUNG, deshalb möcht ich so gerne nicht missverstanden werden. Also. Es ist j nicht problematisch, unterschiedlicher Meinung zu sein, aber wenn manb gar keine abweichende Meinung HAT, ist das doch immer ein wenig frustrierend. So nach dem Motto „Grün ist die schönste Farbe“ „Ja, grün ist die schönste Farbe“ „Du findest gelb schöner?“ „Ähhh…nein“ „Doch“ „Ähh…nein“…

  2. [außer daß ich die tatsächlich der Auffassung bin, daß 10-20 km/h über der Höchstgeschwindigkeit im Normalfall aus Sicht der Moral kein Fehlverhalten ist. Laut Wikipedia meint der staatliche Gesetzgeber bei Ordnungswidrigkeiten selbst nicht, daß er über sie per se ein moralisches Unwerturteil fällt und sie z. B. auf Grund seines Gehorsamsanspruchs zu Sünden erklärt; das läßt dann, während man bereit sein muß, das Bußgeld zu zahlen, für die moralische Bewertung Detailerörterungen zu. Aber ich schweife ab.]

  3. Noch kurzer Nachtrag zum Thema „Freiheit“: Ich finde dazu so wunderbar, was zum Beispiel das Benedictus sagt (eins meiner Lieblingsgebete) : „Er hat uns geschenkt, dass wir, aus Feindeshand befreit, ihm furchtlos dienen in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinem Angesicht all unsre Tage.“ (Lk 1,74f.) Wir können furchtlos sein. Oder auch das Buch der Weisheit: „Auch wenn wir sündigen, gehören wir dir, da wir deine Stärke kennen; doch wir wollen nicht sündigen, da wir wissen, dass wir dein Eigentum sind.“ (Weisheit 15,2) – Wir *wollen* von uns selber aus nicht sündigen.

    • Ja, die Bibel hat zu dem Thema sehr viel zu bieten, was uns helfen kann, ungute Vorstellungen zu korrigieren. Am Ende ist alles eine Frage des Vertrauens ins Gott, denke ich.

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