Fakenews

Fakenews sind in aller Munde. Katholiken wissen das. Seit 500 Jahren ergießt sich eine missgünstige und verlogene Fakenews- und Hatespeech-Kampagne über die katholische Kirche, so effektiv, dass viele Katholiken diesen Botschaften ebenfalls glauben.

Ein besonders schönes Beispiel dieser Fakenews-Kampagne durfte ich am Sonntag erleben. Dabei sind gewisse Dinge mittlerweile so selbstverständlich „common sense“, dass Menschen ihre eigene Borniertheit gar nicht mehr mitbekommen.

Ich war in einem evangelisch-lutherischen Gottesdienst. Ein bisschen Nostalgie kommt schon auf, wenn das lutherische Kyrie gesungen und das Gloria Deutsch angestimmt wird. Man fühlt sich ein bisschen wie Zuhause, und den Psalm kann man natürlich auswendig mitbeten: „Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben, mit ihren Brünnlein, da die Wohnungen des Höchsten sind.“ So schön kriegen das die prosaisch gewordenen Katholiken nicht hin. Dann kommt die Lesung des Evangeliums. Ich schlage den Schott auf und lese auf Latein mit, schließlich haben selbst Protestanten den Kalender aller Zeiten und feiern den 3. Sonntag nach Epiphanias („Jahreskreis“ – was soll das sein?). Schließlich aber hört die liturgische und brüderliche Eintracht auf, die Predigt erhebt ihr realitätsverzerrendes Haupt.

Luther ist damals ja angetreten, lerne ich, um gegen Mangel an Bildung anzutreten. Jawohl. Die Reformation hat Schulen gefordert, gegen das Dummhalten der Menschen. In meiner Liste der Fakenews zur katholischen Kirche ist der Bildungsmythos eine meiner Lieblingsgeschichten. Klar: Der Mensch von heute kann kein Latein. Deshalb ist ihm das Netz katholischer Universitäten, das Europa durchzog, verbunden durch eine einheitliche, analytische, für wissenschaftliche Arbeit hervorragend geeignete Sprache, nicht nur suspekt, nein, es ist schlicht nicht existent. Und hat doch auch dem einfachen Mann nichts gebracht, der konnte ja kein Latein. Dabei werden verschiedene Dinge vergessen. Z.B.:

-Der einfache Mann des 16. Jahrhunderts hatte keinen Supermarkt, die Frau keine Waschmaschine. Die Dinge, die es dem einfachen Mann von heute ermöglichen, sein Leben mit lauter nicht lebensnotwendigen Dingen zu verbringen, gab es nicht, weshalb sinnvolle Bildung je nach Stand und Lebenswandel notgedrungen etwas anderes war als heute.

-Auch Luther und Konsorten loquierten durchaus weiterhin lateiniter und bewegten sich im „akademischen“ Umfeld ihrer Zeit. Von einem protosozialistischen Ideal keine Spur. Außer natürlich bei jenen „Schwarmgeistern“, die auch Luther scharf verurteilte, und die regelmäßig für eine Menge Blutvergießen und Unglück verantwortlich zeichneten.

-Der angebliche Freund des einfachen Mannes, Luther, forderte, dass man die Bauern, die sich durch seine Freiheitsrhetorik angesprochen gefühlt und sich erhoben hatten, totschlagen solle wie die Hunde. Klingt nach echter Hingabe. Ihm waren die Armen und Geknechteten sooo wichtig. *not*.

Diese drei Beispiele mögen als Einblick genügen. Hier findet also eine völlig unhistorische Verquickung statt, die nicht bedenkt, dass heutige und damalige Maßstäbe sich durchaus unterscheiden, und die die Reformatoren einseitig glorifiziert. Noch ungünstiger ist allerdings, dass eben bereits die Grundannahme falsch ist: Die katholische Kirche war nie wissensfeindlich, im Gegenteil, aus dem Glauben heraus, dass die Schöpfung wunderbar ist und dass man über das Durchdringen dieses Wunders ins Gotteslob hineingeführt wird, wurde Wissenschaft für wichtig erachtet und von der Kirche gefördert. Klöster waren die Orte, an denen Menschen Bildung erhielten, weil Klöster die Orte waren, an denen Know-How, Manpower und Muße dazu vorhanden waren. Und hier wurde übrigens auch das Prinzip des „lebenslangen Lernens“ gelebt, lange, bevor es irgendwer formuliert hat! Die Kirche lehnte aber natürlich die neue Doktrin ab, die Reformatoren über die Bildung an das Volk weitergeben wollten. Denn im Grunde war die Gemengelage nicht viel anders als heute: Wer neue Ideen hat und will, dass diese verankert werden, der muss schauen, dass diese Ideen den Menschen beizeiten eingeimpft werden. Dazu bedarf es der Indoktrination in Schulen, über die Kultur (Liedgut) und über die Wissenschaft, die dem Ganzen eine „legitime“ Grundlage verschafft. Deshalb wollte die Kirche natürlich nicht dabei zusehen, dass machtgeile Fürsten über eine neue Lehre die Oberhoheit über den Glauben ergriffen, und noch weniger, dass diese neue Lehre den Glauben erschüttert. Es ist ein ziemlicher Coup, die Ablehnung einer neuen Lehre als Ablehnung von Lehre per se zu deklarieren und somit die katholische Kirche als bildungsfeindlich darzustellen. Ein Mythos, der trotz zahlloser katholischer Wissenschaftler geistlichen Stands und des Laienstands, trotz der jahrhundertelangen Tradition katholischer Bildungseinrichtungen, die grundlegende Bildung für ziemlich viele ermöglichten, als sie eigentlich noch weithin ein Privileg besser situierter Kreise war, munter weiterbesteht. Auch an einem Sonntagmorgen in einer nicht weiter bezeichneten Stadt in Norddeutschland.

Der zweite Punkt, den ich aus der Predigt herausgreifen möchte, ist mit dem ersten Punkt eng verwandt: Luther und seine Mitstreiter waren gegen „blinden Glauben“, so der werte Herr Prediger. Nun ist der Begriff „blinder Glaube“ ein zweischneidiger. Jesus sagt ganz klar: Selig, die nicht schauen, und doch glauben. D.h. Von biblischer Seite aus kann gegen so verstandenen „blinden“ Glauben nichts Ablehnendes gesagt werden: Es ist größerer Glaube, wenn er allein auf das Zeugnis vertraut, und nicht eigener Erfahrung bedarf. Und größerer Glaube ist gut. Wenn dagegen mit „blind“ gemeint ist, dass man generell glauben solle ohne zu verstehen, dann ist das sehr wohl eine ernste Anschuldigung. Die katholische Kirche hat (s.o.) stets sehr viel Wert auf eine denkerische Durchdringung des Glaubensguts gelegt. Nicht umsonst gehören unsere Kirchenlehrer zu den klügsten und analytischsten Geistern, die die Menschheit zu bieten hat. Nur war die katholische Kirche fest verankert auf dem Boden der Tatsachen, nicht abgehoben im Akademikerschlösschen der eigenen Intellektualität. Sie wusste, dass nicht jeder zu denkerischen Höchstleistungen fähig ist. Und die Kirche legt zu Recht Wert darauf, dass denkerische Durchdringung des Glaubens nicht heilsnotwendig ist. Annahme des Glaubens ist nicht in erster Linie ein intellektueller Akt, und das ist gut so! Christ kann man auch sein, wenn man ohne Hirn geboren wird oder stark eingeschränkt ist: Egal, ob man von Geburt an oder durch den Lebenswandel, durch äußere oder innere Faktoren etwas nicht begreifen kann, wer den Glauben annehmen will, kann das tun. Dabei geht die römische Kirche, anders als die Orthodoxe, dennoch den für sie typischen Mittelweg: Wenn es etwa um den Empfang der Kommunion geht, wird erwartet, dass Unterscheidungsfähigkeit zumindest grundlegend besteht, während in der orthodoxen Kirche auch Babys die Kommunion empfangen können. Während die Kirche also gut findet, wenn jemand den Glauben durchdringt, verlangt sie nicht, dass jeder es können müsse. Damit verhindert sie auch, dass Menschen sich denkerisch überfordern.

Das führt nämlich erfahrungsgemäß mit am Ehesten zum Glaubensabfall: Wenn ich der Ansicht bin, ich müsste alles verstehen, dann gehe ich im Prinzip derselben Illusion auf den Leim wie schon Adam und Eva. Ich nehme die Grenze meines Erfahrungshorizonts nicht mehr wahr, und zwar derart, dass ich ihn mit der Grenze der Erkenntnis an sich identifiziere. Das heißt: Die Welt endet da, wo mein Blick endet. Anstatt „blind“ zu glauben, glaube ich dann nur noch das, was ich sehen kann, halte „sehend“ aber für „allsehend“ und denke dann eben, ich könne den Glauben ermessen, schließlich bin ich ja „sehend“. Kommt man an die Grenze seiner Erkenntnisfähigkeit, konstruiert falsch, einseitig, subjektiv etc., erkennt man dies nicht mehr. Wenn man dann nicht weiterkommt, glaubt man entweder den selbst konstruierten Individualglauben weiter so gut es eben geht, oder man wendet sich ab, weil man irgendwie doch noch ahnt, dass es so nicht stimmen kann, wie man sich das zurechtgedacht hat. Die Kirche sagt also nicht „Glaube blind“, sondern „Versuche, zu verstehen, aber glaube nicht, du würdest dann alles sehen können!“.

Auch hier steht neben der falschen Grundannahme über die Haltung der Kirche die gegenteilige Folge der Anstrengungen der Reformatoren. Denn am Ende führt die Individualisierung und Relativierung des Denkens zwangsläufig zu dessen Verflachung, da ja der eigene Denkhorizont zum Erkenntnishorizont an sich wird.

Die klaren, gut durchdachten, vielfach geprüften und sprachlich auf Exaktheit bedachten Formulierungen der Lehre sind nicht „100%“ der Wahrheit, sondern geben sich Mühe, eine unsagbare Realität – den transzendenten Gott – so weit wie möglich begreiflich zu machen. Während für die Größe Gottes „Raum nach oben“ offen ist, wird gegen den menschlichen Irrtum so klar wie möglich abgegrenzt. Typisch für die Reformation ist nun, wenn etwas im Letzten unbegreiflich bleibt, nicht nach besten Möglichkeiten ein begrenztes Verstehen zu erstreben, sondern nach dem Motto „ganz oder gar nicht“ sämtliche Erklärungsversuche zu unterlassen, sobald etwas über den Verstehenshorizont eines Menschen hinausgeht. Das ist natürlich in der nicht theologischen Realität ein undenkbares Vorgehen: Ich kann Mathe nicht gänzlich verstehen, also weigere ich mich, Addition zu erlernen. Was Thomas Mann genau sagen wollte, wird immer ein Stück weit ein Geheimnis bleiben, deshalb versuche ich erst gar nicht, etwas von ihm zu interpretieren. Genau dieses aber ist reformatorische Haltung zum Verstehen: Ich kann das Wunder der Wandlung nicht begreifen, deshalb lehne ich eine möglichst genaue Beschreibung (wie etwa durch den Begriff „Transsubstantiation“) ab. Die Vergebung Gottes und die Sünde sind irgendwie immer auch ein Mysterium, deshalb lehne ich einen möglichst stimmigen Sündenbegriff ab. Am Ende stehen dann die Aufgabe des Glaubens an die Wandlung überhaupt (für Lutheraner eigentlich ein Unding) und eine Ablehnung oder aber eine unangemessene Ausweitung des Sündenbegriffs: Der reformierte Christ lehnt also am Ende ab, das zu sehen, was ihm zu sehen möglich ist, weil er nicht alles sehen kann.

Im Grunde ist also die Blindheit des reformatorischen Glaubens eine völlig selbstverschuldete Angelegenheit, die aus Anmaßung hervorgeht. Als Analogie drängt sich der Turmbau zu Babel auf: Ich will alles wissen, am Ende stehe ich vor dem Nichts.

Die Predigt streifte noch gewisse Begebenheiten um Luther und sein Leben und setzte am Schluss dem Ganzen eine auf den ersten Blick versöhnliche Krone auf: Ressentiments von damals gälten heute nicht mehr, gegenseitige Verurteilungen seien zurückgenommen. Dieser Satz am Ende einer Predigt, in der minutenlang Ressentiments aufgewärmt und als „historische Fakten“ dargelegt werden, offenbart entweder Humor oder jedes Verständnis übersteigende Chuzpe. Oder aber, und das halte ich für wahrscheinlicher: Einen eklatanten Mangel an Reflexionsvermögen – an sich wiederum ein Beleg für das Grundproblem des Protestantismus: Die Gleichsetzung der eigenen Perspektive mit der Wahrheit, die Einschrumpfung von Gottes Größe auf Menschenmaß und andersherum die klammheimliche scheinbare Erhöhung des Menschen zum „Gott“.

Dies ist ein Beitrag der Reihe „Warmtippen gegen das Reformationsjubiläum“. Da man sich nicht auf destruktive Artikel beschränken sollte, hier der Hinweis: 2017 ist Fatimajahr!

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3 Kommentare

  1. Wer übrigens, und zwar ganz ausdrücklich, einen blinden Glauben verlangte ist Luther. Umgekehrt wird also ein Schuh daraus.

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