Don Quijote und die Pseudo-Awareness-Windmühlen

Manchmal fühle ich mich wie das Kind im Sandkasten, das die anderen immer beworfen hat. Da sitzen Leute zusammen und schwelgen in Einvernehmen – bis der böse Katholik kommt und Argumente zerfleddert und in ihrer Irrationalität zur Schau stellt. Ich habe mal angefangen, einer Freundin den Glauben zu erklären, die irgendwann entnervt fragte, wieso wir immer alles unterscheiden müssten. Ich kann mich erinnern, dass in diesem Erklärungsversuch jeder dritte Satz „Das ist ‚was anderes!“ war.

Dieser Sachverhalt ist eigentlich paradox: Es gibt kein Glaubenssystem, keine Weltanschauung, die so ganzheitlich ist, wie die authentische katholische Lehre. Eines greift in das andere und alles ist innig miteinander verknüpft, so dass jemand, der sie logisch durchdenkt, an keiner Stelle auf Ungereimtheiten stößt: Auf Mysterien, ja, auf Dinge, die wir nicht begreifen, ja: Aber da dieses Nichtbegreifen bereits „eingepflegt“ ist in dieses Glaubenssystem, da es grundlegend dazu gehört, ist auch das eben wieder rational fassbar. Wissenschaft und Glaube, Vernunft und Gefühl, Natur und Mensch, alles ist miteinander verbunden. Aber anders als Glaubensmodelle, die alles als „eins“ betrachten, ist die Voraussetzung für die Einheit (nicht das „Einssein“) der Dinge und ihre Verbundenheit, dass ich sie gegeneinander jeweils abgrenzen kann.

Es gibt eine Tendenz in der Welt, in dieser rationalen und analytischen Herangehensweise einen Affront zu sehen. Das ist nachvollziehbar: Wer das Sein der Dinge als Ziel seines Strebens nach Erkenntnis betrachtet, der erscheint unbekümmert gegenüber den Empfindungen von Menschen, die davon ausgehen, dass etwas sei, weil sie finden, dass es sei. Man könnte sagen: Fossile wie wir glauben an das Vorliegen einer Sachlage, der Rest der Welt glaubt nur an Befindlichkeiten.

Ich hatte zuletzt ein spannendes Gespräch mit einer Anhängerin des Tantrayoga. Ich muss sagen, dass ich mich mit derlei Glaubensmodellen so gut wie gar nicht auskenne. Sie entstammen nicht meinem Kulturkreis, und bezüglich meines Strebens nach Wahrheit kamen sie nicht auf meinen Weg. Ich bin mir sicher, dass sie einiges an Wahrheit beinhalten, und dass es hochspannend sein muss, sich damit zu beschäftigen, aber solange ich die Summa noch nicht gelesen und verstanden habe, stehen sie auf meiner To-do-Liste ziemlich weit unten, es kann ja nun nicht jeder alles wissen. Während des Gesprächs war ich natürlich wieder mal ein „Falke“, was mir sogleich als Aggression unterstellt wurde. Das ist verständlich: Denn ich halte ja nicht alles für existent, was mir als existent dargestellt wird, und wenn ich die Existenz dessen, was jemand glaubt, hinterfrage, dann kann das als aggressiv ausgelegt werden. Ich möchte hier übrigens auf einen großen Unterschied zum atheistischen Standard-Hinterfragen hinweisen: Hinterfragen ist nicht dasselbe, wie der Behauptung von Existenz die Behauptung von Nichtexistenz gegenüberzustellen, sondern, das System so zu befragen, dass man herausfinden kann, ob es in sich stimmt und ob es mit der Realität zusammenpasst.

Nun war ein interessanter Punkt, um den sich die Diskussion drehte, dass ich angeblich durch eine Aussage wie „Dieses oder jenes ist nicht wahr“ oder „Dieses oder jenes ist wahr“, urteilen würde. Überhaupt sei jede Aussage über den Wahrheitsgehalt einer Sache oder eine ethische Bewertung „Urteil“. Das englische Wort dazu ist „judge“, sollte also besser mit „richten“ wiedergegeben werden. Ich habe diesem Thema einen eigenen Artikel gewidmet.

Dem wurde entgegengesetzt, dass das yogische System dies nicht täte. Interessant war, dass die Diskussionspartnerin das Christentum als „dualistisch“ bezeichnete. Ich war in diesem Augenblick nicht genug auf Zack, denn natürlich ist das Christentum eben nicht dualistisch, da es zwar zwischen gut und böse unterscheidet, das (bzw. der) Gute aber der grundlegende und machtvolle (und bereits siegreiche) Faktor ist, der Böse aber selbst bloß Geschöpf, nicht Schöpfer. Es gibt also keine gleich machtvollen Prinzipien, sondern nur eines, gegen das man sich aber entscheiden kann. Das Böse entsteht durch Ablehnung des Guten. Das ist ein großer Unterschied zu echtem Dualismus! Aus der Tatsache, dass im Christentum unterschieden wird zwischen gut und böse, wurde der dualistische und „richtende“ Charakter hergeleitet. Nun ist es eigentlich lachhaft, so zu argumentieren, denn wenn man den Ansatz, dass alles eins, alles gleich und alles wahr sei, durchziehen wollte, befände man sich in der Zwickmühle, dass man das christliche System nicht gutheißen kann, wenn man sein eigenes System aufrechterhalten will, da das Christentum dieses explizit als unwahr begreift, man kann es aber auch nicht schlechtheißen, wenn man dabei bleiben will, dass man selbst nicht richten würde. D.h., ich sage, gemäß meinem Leitsatz „Alles ist wahr“ oder „Nichts ist wahr“, dass das Christentum dieselbe Relevanz (oder Irrelevanz) wie alle anderen Glaubenssysteme habe, damit begehe ich aber bereits einen logischen Lapsus, denn wenn es ebenso relevant ist, aber Dinge beinhaltet, die die anderen als nicht wahr entlarvt, dann ist es eben wahrer als die anderen, womit nicht mehr alles wahr ist. Ist es aber irrelevant, so qualifiziere ich Bestandteile des Christentums ab, und bezeichne sie als weniger wahr. Beides kann ich mir nicht leisten, wenn ich tatsächlich nicht zwischen wahr und falsch unterscheiden will, weil angeblich alles eins und gleich sei. Nun hatte ich noch diverse kritische Anfragen an dieses System, da, was sich als menschenfreundlich darstellt, eigentlich ignorant gegenüber dem Menschen und seiner Würde ist: Wie kann man gleichzeitig behaupten, kein Leid zufügen zu wollen, und das zugefügte Leid nicht als „schlecht“ (im Sinne von: Nicht dem eigentlichen Soll-Zustand gemäß) qualifizieren? Warum soll ich dann Leid verhindern oder nicht zufügen? Dies finde ich z.B. im Hinblick auf den Veganismus wichtig, denn wenn ich vegan lebe, um Leid zu verhindern, dann sage ich damit, dass Leid etwas Verhindernswertes sei. Warum aber soll es verhindernswert sein, wenn alles gleich ist? Ich hätte gerne etwas wirklich Handfestes erfahren, aber natürlich kamen wir irgendwann an das Ende einer rationalen Argumentation, und es hieß am Ende, dies sei einfach „ein Gefühl“.

An diesem Punkt begibt man sich in gefährliches Fahrwasser, denn nichts ist so verpönt, als das judging von Gefühlen. Ich bin in dieser Hinsicht gnadenlos: Ich hatte schon oft Gefühle, die an sich natürlich sehr real waren, aber dennoch nicht die Disposition dessen wiedergaben, auf den oder das sie sich bezogen. Extrembeispiel: Wenn ich „fühle“, dass jemand mich liebt, der mich nicht liebt, dann ist mein Gefühl real und echt, aber die Liebe beim anderen deshalb dennoch nicht existent. Wenn ich nicht dazu bereit bin, mein Gefühl an der Realität zu messen, werde ich im Extremfall zum Stalker. Allerdings vermeidet die aktuelle Tendenz, esoterischen und asiatischen (natürlich normalerweise arg abgespeckten Varianten) Weltanschauungen zuzuneigen, Gefühle zu überprüfen, weil eben angeblich alles eins ist, und Gefühl und Gegenstand des Gefühls einfach als deckungsgleich betrachtet werden. Jeder Zweifel daran ist dann ein Mangel an Respekt, Achtung und „Awareness“ gegenüber den Gefühlen des anderen, weil behauptet wird, eine Leugnung des Gegenstands sei zugleich eine Leugnung des Gefühls, was natürlich nicht im Geringsten zutreffend ist.

Mich machen solche Diskussionen viel müder als harte Gefechte mit Atheisten, weil paradoxerweise in ziemlich „unawarer“ Manier einem Christen all diese Respektlosigkeit, Aggression und mangelnde Achtung völlig ungeniert vorgeworfen werden, während man sich gleichzeitig in seiner eigenen „Ausgeglichenheit“ suhlt. Wer vorwurfsvoll sagt, „du richtest“, der impliziert ja, dass richten nicht gut sei, und der andere somit etwas Negatives tue, und widerlegt also selbst, dass man Dinge nicht qualifizieren könne. Da nun dieses Qualifizieren der Dinge offenbar unvermeidlich ist, selbst, wenn ich sage, dass ich die Dinge lediglich „annehme“ scheint doch der qualitative Unterschied der Dinge ein bestimmendes und ungleugbares Merkmal der Schöpfung zu sein, und das Christentum ist in dieser Hinsicht vernunftgemäß und an der Realität zumindest orientiert.

Den Vogel schoss übrigens eine indisch-amerikanische Kollegin von mir ab, die normalerweise per social media immer nur love spreaded, for every one und so weiter, mich aber entfreundete, als ich respektvoll schrieb, dass mich bei einer person of colour die kritiklose Unterstützung von Planned Parenthood verwunderte – da ich ja bereits wusste, dass sie eine Advokatin der Sanftheit ist, packte ich die Kritik in klare, aber ungemein nett formulierte Worte, begann den Post mit einer Entschuldigung, dass ich eine andere Meinung vertreten würde, und dachte, dass ich damit alle Fährnisse auf dem Weg, einem faschistoiden Menschen Kontra zu geben, ausgemerzt hätte: Als sie darauf hin aggressiv (mais non!) und völlig unsachlich „Hass“ meinerseits unterstellte, und außerdem utilitaristisch Planned Parenthoods Abtreibungstätigkeiten mit anderen medizinischen Angeboten kontrastierte, als seien diese eine Rechtfertigung; und ich antwortete, dass ich erstens nirgends irgendeinen Hass postuliert hätte, sie aber mit ihrer Antwort ihre Awareness und Toleranz als reine Hülle entlarvt, da sie einer schlicht anderen Meinung derart intolerant entgegentrat, war ihr awareness-Pegel offenbar so hoch, ihre Toleranz so groß, ihr Nicht-Judgment so sublim, dass sie unsere Facebook-Freundschaft umgehend beendete. Spätestens da fragt man sich, wer hier eigentlich das Problem hat.

 

 

 

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