Heiligkeit im Kathopuritanismus

Einer meiner Lieblingsheiligen ist der Heilige Augustinus. Das war vorauszusehen, ich war ja mal evangelisch, und wie alle Häretiker nach Augustinus finden Protestanten bei ihm ganz viel, was ihnen gefällt. Unter entsprechender Missinterpretation kann man aus Augustinus nämlich ziemlich viel machen. Spaß beiseite. Was an Augustinus auffällt, ist sein bis zur Bekehrung ziemlich modern-materialistisches Leben – lebt unverheiratet mit einer Frau zusammen, hat ein uneheliches Kind, schließt sich zweifelhaften Sekten an – so weit alles normal im spätantiken römischen Reich (wenn mir noch einer kommt mit „Früher, da war man ja gaaaanz anders drauf als heute“, werd ich fuchsteufelswild. Menschen sind seit Adam und Eva erst einmal latent gleich drauf).

Dann aber kommt die Bekehrung und damit beginnt der Weg, der uns schließlich einen der größten und zugleich menschlichsten Kirchenlehrer beschert. Augustinus hat wirklich alles erlebt – in geistiger wie leiblicher Hinsicht ist er vom Weg der Kirche abgeirrt (bzw. ging schlicht und einfach nicht darauf), und er wurde doch ein Heiliger. Leider neigt Volksfrömmigkeit dazu, negative Seiten von Heiligen mit der Zeit ein wenig einzuebnen. Das ist natürlich der Begeisterung geschuldet und der Betonung dessen, was der betreffende Heilige schließlich und endlich als das Einzige, was zählt, erkannt hat.

Bei Augustinus ist das anders, weil er selbst so offen und herrlich direkt und einfühlsam seine eigenen Irrungen und Wirrungen beschreibt, dass man diese nur schwerlich ignorieren kann. Außerdem ist er jetzt nicht der Mainstreamheilige, der ohne Ende verehrt wird – vielleicht zu modern, vielleicht zu intellektuell, aber wenn ich ein Problem habe, kommt er auch mir nicht unbedingt als erstes als Helfer in den Sinn. Bei den Märtyrern wiederum ist es es egal, wie sie „drauf“ waren, weil nur ihr letztes und gültiges Blutzeugnis gilt und auch dieses in erster Linie „relevant“ ist. Und sodann haben wir seit der Neuzeit den Trend zum Vollzeitfrommen: D.h. in Ermangelung der Möglichkeit, als Märtyrer zu enden, finden wir mehr und mehr „Alltagsmärtyrer“ – Menschen, die schlicht und einfach ständig und immer heiligmäßig leben und dementsprechend dann auch heilig gesprochen wurden. Das ist zwar toll, leistet aber einem Missverständnis Vorschub: Heilig bedeutet eben nicht, sein ganzes Leben irrtums- und sündenfrei gelebt zu haben, auch, wenn das optimal wäre. Auf dem Weg zur Heiligkeit beschreiten die allermeisten Menschen Umwege, nehmen falsche Abzweigungen, oder brauchen bis zum Ende ihres Lebens, um überhaupt zu erkennen, was der richtige Weg ist. Ehrbarkeit und Irrtumslosigkeit mit Heiligkeit zu verwechseln, ist ein puritanischer Zug, der heute vielen Menschen eigen ist, vor allem aus den Kreisen der Traditionalisten. Ich kann schon nicht mehr an einer Hand abzählen, wie oft die Heiligkeit Johannes Pauls II. wenn nicht in Abrede gestellt (so weit würde man nicht gehen), so doch ein wenig verächtlich gemacht oder abwertend kommentiert wurde mit Hinweisen auf die interreligiösen Treffen in Assisi (vor meiner Zeit – Gott sei Dank), seinen Korankuss oder sonstige vermeintliche oder tatsächliche Fehler, Irrungen oder gar – bibber zitter – Sünden. Dabei ist nichts davon ausschlaggebend für seine Heiligkeit. Mit Sicherheit hat dieser große, wahrhaft heilige Papst (Vorsicht, Polen bitte jetzt nächstes Wort überlesen) gesündigt. Der Punkt ist, dass er ab einem bestimmten Punkt die Sünde hinter sich gelassen und ganz und gar Gott angehört hat. Manchmal habe ich den Eindruck, in gewissen Kreisen gäbe es nur Maria Goretti, Padre Pio und die kleine Thérèse, und auch diese jeweils nur mit Weichzeichnerfilter, kitschigen Blümchen im Hintergrund und Goldrand. Nichts gegen diese grandiosen Heiligen, aber manchmal kann der Satiriker in mir nicht anders, als diese Kreise mit gewissen modischen Fails zu vergleichen: Es gibt ja die Anwandlung unter Frauen, das Kaufen der Schminke, die von Cate Blanchett beworben wird, mache so schön wie Cate Blanchett, und das Tragen einer Skinny-Jeans so dünn wie Kate Moss. Wenn dann jemand oben genannte Heilige mit sich herumträgt, und gleichzeitig immer als erstes dabei ist, JPII zu rügen oder irgendwen zu verachten, der dummerweise nicht bereits als Kind den Märtyrertod sterben drufte und dementsprechend allen möglichen Versuchungen ausgesetzt wurde, und einer gehörigen Anzahl davon auch auf den Leim gegangen ist, dann kommt mir das ein wenig äquivalent vor, oder bin ich einfach nur zu unheilig?

Natürlich gibt es auch das andere Extrem – da die Heiligen auch gesündigt haben, wird einfach behauptet, jeder sei heilig, weil ja alle Sünder seien. Die logische Inkontinenz muss ich wohl nicht weiter erörtern! Zumal mir dies arg nach kryptolutherischem Gedankengut klingt, da heißt das Prinzip „simul justus et peccator“ (jawohl, auf Latein, und damit trotz Irrtum immer noch katholischer, als wenn unsere Freunde vom BDKJ oder ZDK oder sonst wo so etwas behaupten). Ich muss ehrlich sagen, dass ich dieses Prinzip nie gründlich durchdrungen habe – wie ein guter Lutheraner habe ich lutherische Dogmen eben einfach an- und hingenommen; und jetzt sehe ich keinen Sinn mehr darin. Aber jedenfalls kann man mit Sicherheit sagen, dass, obgleich die meisten Menschen sündigen, wir durch die Taufe von der Erbsünde ganz und gar befreit sind, und dass unsere zurückbleibende Neigung zur Sünde selbst keine Sünde ist. Natürlich können wir darüber, bei allem Mysterium, nur deshalb relativ klar sprechen, weil wir, anders als der Protestantismus, ein klares Verständnis über die Begriffe Sünde, Schuld und „einfach blöd gelaufen“ haben, und darum auch so klar sagen können, dass durch Taufe Sünden nicht zugedeckt oder lediglich nicht zugerechnet werden, sondern weg sind, richtig weg, ganz und gar. Deshalb ist auch die Reduzierung der Heiligkeit eines Menschen auf seine (äußerliche) moralische Überlegenheit eigentlich ein urprotestantisches Problem: Da nicht so ganz klar ist, wie stark man nun auf die Taufe vertrauen kann, da man keine Möglichkeit zur Wiederherstellung der Taufgnade hat, und da irgendwo im calvinistischen Hinterzimmer die Prädestination lauert, ist man eben gerettet oder auch nicht, und das merkt man woran? Richtig, daran, dass man gottgefällig lebt. Witzig ist es daher, wenn bei einem kritischen Artikel auf evangelisch.de über Heiligenverehrung diese verengte Sichtweise den Katholiken untergeschoben wird. So haben wir es gerne: Erst Blödsinn erfinden, und dann behaupten, wir wären’s gewesen. Die Katholiken sind eben die Russen des 19. Jahrhunderts – schuld an so ziemlich allem, in was sich der Protestantismus selbst hineinmanövriert hat. Tatsächlich ist die Heiligenverehrung ein Schutz vor dieser Bigotterie, weil wir eben so viele Heilige haben, deren Scheitern allzeit präsent ist (wie war das mit Petrus und dem Hahn?). Übrigens würde ich selbigen Artikel nur allzugern verreißen, denn wie nahezu alle Texte heutiger evangelischer Theologen ist er einseitig, anmaßend und gleichzeitig dumm. Vielleicht habe ich wann anders die Muße dazu, das Reformationsjubeljahr dauert ja noch eine Weile, und so ein paar Guy Fawkes-Aktionen müssen drin sein.

Zurück zum Thema: Die Verkürzung und Verengung von Heiligkeit auf die Abwesenheit von Sünde stört auch, wenn es nicht gerade um kanonisierte Heilige geht. Dann trifft es den Menschen von nebenan oder auch Promis und Personen des öffentlichen Lebens, deren Nichtheiligkeit polternd oder missbilligend konstatiert wird. Bitte nicht falsch verstehen: Fehlverhalten darf und soll sicher benannt werden. Aber den Menschen nur auf seine Sünde, seine Fehler, seine Schwächen zu reduzieren und daran alles zu messen, was er tut, ist eben alles andere als katholisch! Als Künstlerin bin ich da extrem empfindlich, weil ich ständig mit gebrochenen, zerbrochenen, abgewrackten und gewöhnungsbedürftigen Charakteren zu tun habe: Von Schubert bis Wagner, von Wilde bis Zweig. Unter den Großen, die Großes vollbracht haben, die das Schönste und Beste aus ihren Talenten herausgeholt haben und uns bis heute nachhaltig dadurch erbauen und erheben, sind Ehebrecher, die an Syphilis elendiglich krepiert sind, Egomanen, Antisemiten, Alkoholiker, Selbstmörder, Psychopathen, Soziopathen, Drogensüchtige, Knabenschänder und ich weiß nicht, was noch alles. Ja, sogar Menschen, die sich irren oder die irrige Weltanschauungen vertreten und proklamieren sind darunter! Sacre bleu! Und ich muss diese Taten und Dispositionen keinesfalls gutheißen. Aber wenn ich von Salome schwärme und ein Kathopuritaner mich skeptisch anguckt und auf die Verurteilung wegen Homosexualität oder auf einen unmoralischen, unsteten Lebenswandel hinweist, dann „krieg ich zu viel“. Erst einmal etwas derart Expressives, Dämonisch-Kraftvolles, Animalisch-Wegfegendes selbst verfassen, und dann können wir weiterreden. Diese Engstirnigkeit geht also zwangsläufig einher mit einer gewissen intellektuellen Leere, denn wenn ich nur Autoren lesen darf, die sündlos waren, und nur das, was nichts Unheiliges zum Thema hat, dann kann ich eben gar nichts lesen außer kleinen Andachtsheftchen mit zweifelhaften Privatoffenbarungen (von denen ich auch einige besitze, nichts für ungut). In diesem Zusammenhang muss ich immer an ein Zitat aus einem Werk des Hl. Alfons von Liguori denken. Er zitiert darin (ich habe leider bisher keine Quellenforschung betrieben) ein reuetriefendes Bekennerschreiben Metastasios, in dem sich dieser Meister der Dichtkunst von seinen Werken aufgrund ihrer Immoralität distanziert – nun will ich das Urteil Metastasio selbst, und das letzte Urteil Gott überlassen, aber seine Opernlibretti sind wunderschön, wenn auch gerne mal hintersinnig, und offenbaren neben der typisch barocken Indifferenz gegenüber dem 6. Gebot vor allem auch tiefe psychologische Einblicke, wenn man denn über die stilisierte Form hinausblicken will. Sicher hätte er seine Fähigkeiten auch nutzen können, um langweilige moralisierende Traktate zu verfassen. Ob er damit Gott und den Menschen mehr gedient hätte, weiß ich nicht. Vielleicht bezieht er seine Umkehr auch eher auf seine Motive, die weniger ehrbar sein mögen, als die Werke erhaben sind, die durch ihn entstanden sind – Gott schreibt ja bekanntlich auf krummen Linien gerade, wenn er will, und aus der größten Zerbrochenheit, das schildert schon die heilige Schrift, geht oftmals die größte Dankbarkeit und eben auch die größte Umkehr, der stärkste Wille, Gott ab jetzt zu dienen, hervor.

Keiner von uns ist als Heiliger geboren worden, im Gegenteil: Ungetauft, mit dem Makel der Erbsünde behaftet sind wir in die Welt gekommen. Wir alle verdanken es der Gnade Gottes, dass wir gerettet wurden, und Gnade ist es, wenn wir darin feststehen können bis zum Schluss. Wie gut, dass Gott kein Puritaner ist, dass er uns irren und fehlgehen lässt, dass er uns den Weg der Heiligkeit rennen, gehen, taumeln, kriechen und langschleichen lässt, so, wie es jeder von uns vermag. Am Ende zählt die Entscheidung für Gott, wann auch immer man sie trifft.

Nachtrag: Natürlich gibt es einen zugegeben problematischen Bereich, den ich in diesem Artikel gar nicht anschneide: Das ist der der „öffentlichen“ Sünde. Es ist natürlich ein Ärgernis, weil es auch andere auf Abwege zu bringen vermag, wenn Menschen, deren Aufgabe es ist, moralische Vorbilder zu sein, daran grandios und womöglich unter Blitzlichtgewitter scheitern. Besonderen Schaden richtet es an, wenn solches Katholiken passiert, die gerade als Katholiken in der Öffentlichkeit stehen. Da ist es dann nicht so leicht, über den offensichtlichen Mangel hinwegzusehen. Aber es geht ja eben auch nicht um „Schwamm drüber“, sondern um eine vernünftige Einordnung, um ein unaufgeregtes Bewusstsein für die Schwäche des Menschen. Dass unter dieser schon die Heiligen litten, was ja z.B. auch Paulus und Petrus eindrucksvoll bezeugen, kann uns in unserer Unvollkommenheit trösten!

Ach ja, und weil alle meine Freunde auf der MEHR waren und jetzt mit charismatischen JESUS-rettet-Schildern durchs Netz geistern, hier noch der unvermeidliche Hinweis, dass schließlich und endlich JESUS, GOTT, der HERR, der einzige und wahre und eigentlich Heilige und Quell aller Heiligkeit ist, dem wir alles verdanken. Schon deshalb gibt es keinen Grund, auf andere herabzublicken. amÄN, aber so was von.

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