In Jesus we trust (oder auch nicht)

Manchmal bin ich dankbar dafür, dass ich nicht in die katholische Kirche hineingeboren wurde. So seltsam es klingt: Es gibt einem die Freiheit, ohne Vorurteile alles zu feiern und zu lieben, was katholisch ist, ohne Scheuklappen. Als ich noch evangelisch war (Freunde wissen, das ist mein „Es war einmal“-Äquivalent und sie warten sehnsuchtsvoll auf das Buch, das alle Anekdoten dieser unglaublichen Zeit versammelt), wohnte ich in einem beschaulichen Städtchen, in dem sonntags alle Kirchen voll waren: Im Bethaus beugten sich Vater und bekopftuchte Russlandmennoniten-Mutter mit zehn bis zwölf Kindern über die Heilige Schrift, in der katholischen Kirche holte man sich eine Weihrauchvergiftung, und bei den Lutheranern wurde während der Schweinegrippe-Epidemie kurzerhand ohne irgendein Aufhebens Mundkommunion ausgeteilt, damit man weiterhin unter beiderlei Gestalt empfangen konnte, ohne inakzeptablerweise zu tunken statt zu trinken, bei den Methodisten wurde gesungen und bei den Reformierten spielte die Band und man traf sich hinterher beim Gemeindekaffee. Kurz, die Welt war in Ordnung, und wer weiß, wo die Welt noch in Ordnung ist, dem ist klar: Es muss im schönen Lipperlande gewesen sein, beschirmt vom Teutoburger Wald und vom mächtigen Hermann, aber eigentlich ist das auch egal, darum geht es nicht. Worum es geht: In dieser Zeit habe ich gelernt, was Vertrauen heißt. Vertrauen als Christ heißt, weil ich in Christus bin, und du in Christus bist, heißt mein ja- ja, und dein nein – nein. Darum kann ich mich auf dich verlassen. Ich kann dir Schlüssel zum Gemeindehaus geben und du gibst sie hinterher dem oder jenem und sie landen sicher wieder bei mir, du kannst mir dieses oder jenes kostbare Gerät anvertrauen, und ich sorge dafür, dass es heil wieder bei dir ankommt. Wenn du sagst, dass du kommst um zu helfen, dann tust du das, Handschlag, Ehrenwort, und ich mache mir keine Sorgen, auch nicht fünf Minuten vorher, denn du hast es gesagt, und ich weiß, dass dein Wort zählt. Wir können miteinander feiern und streiten, weil es keine Grenzüberschreitungen untereinander gibt, und wenn Küng sein Weltethos-Buch herausbringt, lieber katholischer Pfarrer, dann kannst du dir sicher sein, dass in der lutherischen Kirche eine Predigt dagegen wettert, dass die Kronleuchter zittern (das war jetzt nicht bildlich gemeint, das war wirklich so, ich dachte kurz, Luther sei wiederauferstanden). Ach ja, und natürlich wissen wir auch von uns selbst, und daher auch voneinander, dass wir nicht perfekt sind, und dass unser Streben nach Heiligkeit Grenzen hat, und dass wir einander immer wieder auch mit Geduld begegnen und einander vergeben müssen.

Verkläre ich meine Zeit unter Protestanten? Vielleicht ein bisschen – man kann ja in anderen Artikeln nachlesen, was ich sonst so davon halte. Aber ich weiß, tatsächlich, ganz egal, ob ich unter Mennoniten, Baptisten, Lutheranern oder Pfingstlern war: Der Name Jesu Christi hat Vertrauen geschaffen. Der Name Jesu Christi hat Herzen geöffnet, und sofort wurde man als Mitglied der Familie aufgenommen.

Wenn ich die katholische Kirche in Deutschland betrachte, dann muss ich sagen: Fragt nicht nach Priestermangel oder Glaubenswissen, oder was sonst noch im Argen liegt. Das Hauptproblem ist der Mangel an Vertrauen (der natürlich mit den anderen Problemen aufs Engste verknüpft ist!). Tatsächlich heißt ja das griechische Wort, das wir mit „Glauben“ übersetzen, eigentlich nichts anderes als „Vertrauen“. Und so ist es gleich, ob ich von einem Glaubens- oder einem Vertrauensmangel spreche, es ist dasselbe.

Als Reisende bin ich gezwungen, in vielen unterschiedlichen Gemeinden zu Gast zu sein, und ich erlebe so oft, dass die Sonntagsmesse nichts anderes ist, als die Gelegenheit, sich seinen Keks zu holen (man verzeihe mir die drastische Ausdrucksweise), respektive eine Möglichkeit zum Ausleben infantiler selbstdarstellerischer Triebe. Dagegen gibt es nichts Schöneres, als als Christ in eine Kirche zu treten, vom Küster eines Lächelns gewürdigt zu werden, hinterher gefragt zu werden, ob man zum Gemeindekaffee kommen will. Das gibt es auch unter Katholiken, aber es ist selten. Menschen, die fragen, wie es dir geht, ob du etwas brauchst, die dich teilhaben lassen und dir Gelegenheit geben, dich einzubringen.

Ich wollte einmal ein Benefizkonzert in meiner Gemeinde durchführen, und bat den Gemeindepfarrer (es war mit dem Pfarrer der Kirche, in der es stattfinden sollte, abgesprochen) dieses abzukündigen. Der Pfarrer, der mich nicht richtig kannte, blaffte am Telefon, da könne ja jeder kommen, er würde das mit Sicherheit nicht tun. Ich hätte ihm gerne Aufnahmen von mir geschickt, er hätte mich einladen, sich mit mir unterhalten können. Aber ich gehörte nicht zu den paar Engagierten, die seiner Aufmerksamkeit würdig waren. Ich wäre gerne Teil der Gemeinde geworden! Ja! Und es hätte dazu weder eines Ausschusses für Nettigkeit noch eines großangelegten Projekts noch eines Besuchsdienstes bedurft: Alles, was es gebraucht hätte, wäre ein Pfarrer gewesen, der nicht rumblafft, weil er jemanden nicht kennt, sondern denkt: Wenn jemand im Namen Jesu ein Konzert machen will, dann könnte das eine gute Sache sein – Ich bin bescheiden! Von einem Freikirchlicher wäre sicher anzunehmen, dass er denken würde: Dann IST das eine gute Sache. Aber wir wollen nicht zu viel auf einmal verlangen, von unseren offenen, dialogbereiten, modernen, der Welt und den Menschen zugewandten Hirten. Mittlerweile kennt mich der Priester aus anderem Kontext, et voilà, ich bin würdig, freundlich behandelt zu werden. Und da fragt sich einer, wieso die katholische Kirche unattraktiv ist? Weil WIR, ihre Vertreter, ihre Botschafter, unattraktiv, ja, nachgerade potthässlich sind. Deshalb.

Ein anderes Beispiel: Kurz nach Ostern betete ich in der Kirche meiner Pfarrei, und sah, wie ein orthodoxer Priester und zwei Frauen die Kirche betraten. Sie konnten kein Deutsch, bewunderten aber die wirklich ausnehmend schöne Kirche. Eine Frau sah die Beichtstühle und ging neugierig hinein, offenbar kannte sie das nicht. In dem Augenblick kam der Küster und – blaffte sie an (ja, ganz recht, das ist der normale Umgangston. Noch Fragen, wieso ich die Alte Messe bevorzuge? Da wird gesungen oder geschwiegen, und wer keinen netten Ton anschlagen kann, darf die Klappe halten). Ich kam zu Hilfe, erklärte ihm, dass doch dort hinten in der Ecke auch der Priester sei, und, voilà, eine schwarzberockte Respektsperson- Freundlichkeit brach sich bahn. Übrigens war es schwierig, dem Küster dies verständlich zu machen, so sehr war er in seinem Film, dass da gerade Unerhörtes passiert, und dass man keinesfalls erst einmal herausfinden muss, was, um das klare Urteil fällen zu können, dass niemand etwas in seiner Kirche zu suchen hätte. Klar, ein Küster mag immer wieder Vandalismus erleben, das soll ihn ruhig wachsam sein lassen. Aber wenn ich als Christ immer erst das Schlimmste vermute, dann stimmt etwas nicht mit meinem Vertrauen in den Namen Jesu. Wenn er als erstes an etwas Böses denkt, wenn jemand in den Beichtstuhl geht, dann ist das falsch! Selbst wenn es jemand wäre, der einfach keine Ahnung hat: Ich könnte es zum Anlass nehmen, zu erklären, was die Beichte ist, könnte mich informieren über das Glaubensleben des anderen.

Durch diesen Mangel an Vertrauen vergibt sich die Kirche viel. Sie lässt wunderbare Menschen außen vor, weil ihr Aussehen, ihre Eigenarten, ihre Sprache nicht verständlich sind, oder einfach, weil man es nicht als seine Aufgabe ansieht, Menschen einzubeziehen. Man macht die Türen zu. Zuletzt baut man dadurch in der Kirche Fronten untereinander auf: Der andere will auf Latein beten? Dann muss er ein bornierter Mensch sein, der meine Frömmigkeit ablehnt. Der andere will mit Gitarre in der Kirche singen? Dann gehört er zu den Bestien, die nach dem Konzil die Äxte herausgeholt und Kircheninventar zerstückelt haben. Dabei gibt es eigentlich ein einfaches Rezept, um herauszufinden, ob ich dem anderen in Christus vertrauen kann: Rufe den Namen Jesu über ihn aus, und guck, was passiert! Neigt er das Haupt, hellt sich sein Blick auf, reißt er Hände in die Luft oder gibt sonst irgendein Zeichen seiner Anbetung und Hingabe? Dann gibt es keinen Grund, in ihm einen Feind zu vermuten! Wenn wir dieses erste und wichtigste geklärt haben, und auf dieser Basis stehen, dann können wir rational und friedvoll (und auch mal krachend) darüber streiten, was dem Namen Jesu Christi angemessenes Verhalten, Handeln und Beten in der Kirche ist.

Ich wünsche mir, dass diese wunderbare Kirche, die den ganzen Erdkreis umfasst, die pausenlos und unermüdlich für alle Menschen und die ganze Schöpfung betet, ihre Türen offenhält, und wieder mehr lernt, auf Jesus zu vertrauen. Gerade unsere lieben Freunde von der Modernistenfront sind immer sehr eifrig dabei, zu erklären, man begegne Christus in seinem Nächsten. Ja, und dem knallt ihr die Nase vor der Tür zu, dem wollt ihr nicht begegnen, dem steht ihr misstrauisch gegenüber? Den begrüßt ihr nicht einmal mit einem Kopfnicken, wenn er die Kirche betritt, für dessen Woher und Wohin interessiert ihr euch nicht die Bohne, und vermutet immer erst einmal, dass er euch irgendetwas, Geld oder Zeit, stehlen will? Versuchen wir doch in unserem katholischen Umfeld einen Unterschied zu machen, ein Christusträger zu sein, nicht bloß fromm-zeitgeistige Floskeln mit uns herumzutragen!

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2 Kommentare

  1. Meine Erfahrung: Das ist nicht „typisch katholisch“, sondern „typisch deutsch“. Im Urlaub in Österreich wurde ich von der Banknachbarin angesprochen, ob ich denn nicht Lust hätte, in den Kirchenchor einzutreten, in Verona zum Gemeindekaffee eingeladen und der Beispiele sind noch viele …

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