Niemals Weihnachten?

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Wir stehen im sogenannten „Hohen Advent“ – voller Vorfreude und Erwartung gehen wir der Weihnacht entgegen. Kinderaugen leuchten, und auch die Erwachsenen, so sie sich nicht in Grinch’scher Manier zu Weihnachtshassern entwickelt haben oder in der Konsumfalle stecken, genießen die Lichter, die Düfte, die Musik. Wir stellen schon mal die Krippenfiguren auf, und nur eine fehlt noch: Das Jesuskind, um das sich dieses Fest dreht. Oft wird gesagt, dass das Weihnachtsfest auch deshalb über Kulturen und sogar Weltanschauungen und Religionen hinweg für viele Menschen ein besonders zugängliches Fest sei, weil es die Geburt eines Kindes zum Anlass hat – und das kann eben in jeder Kultur verstanden, überall gefeiert werden, unabhängig vom weiteren theologischen Gehalt, der besagt, warum gerade dieses Kind noch wunderbarer ist als die ohnehin schon einmaligen und wunderbaren anderen Babies, die geboren werden. Wenn dem so ist, wieso gibt es dann für so viele Mütter kein Weihnachten? Anstatt wie Maria froh und stolz ihr kleines Kind in den Armen zu halten, wurden sie seines Lebens beraubt, bevor es auch nur geboren werden konnte.

Dass die Wenigsten diese Entscheidung frei treffen, ist eine Tatsache, die pro-„Choice“-Anhänger oft ignorieren, weil sie nicht zum Narrativ der selbstbestimmten Frau passt: Sie schauen sich keine Statistiken an, sie fragen die Frauen nicht, warum sie abgetrieben haben, denn die herzzerreißenden Schilderungen von mangelnder Unterstützung, Angst, Sorgen, gar Erpressung durch den Partner, haben so gar nichts gemein mit der emanzipierten, freien Frau, die bestimmt, was sie mit ihrem Körper tut. Das tut sie nämlich nicht: Andere herrschen über ihren Körper und über den ihres Kindes, Geld, die Gesellschaft, Existenzsorgen und die Angst, allein gelassen zu werden.

Ich finde es unglaublich traurig, dass Tausenden von Frauen Hilfe und Unterstützung vorenthalten werden: Wer sagt „Das ist deine Entscheidung“, der entzieht damit bereits seine Hilfe, denn er sagt damit: „Frag nicht mich, was du tun sollst, frag nicht mich, ob ich dir helfen kann, frag nicht mich, ob irgendwer dir helfen könnte“. Er sagt: „Geh, und komm wieder, wenn du die Lösung gefunden hast.“ Das ist das Gegenteil von Solidarität. Müsste man nicht fragen: Was willst du? Was sind deine Sorgen? Was muss geschehen, damit du trotz deiner Sorgen ja sagen kannst? Aber solche Fragen erfordern echte Empathie, sie erfordern Zeit und Vertrauen. Dinge, die nicht leicht zu haben sind in unserer Welt. Die grenzenlose Freiheit und Selbstbestimmtheit ist der Götze der Postmoderne, und seine Opfer sind Frauen und Kinder. Für sie heißt „Selbstbestimmung“ nämlich oft: Schau, wie du klarkommst. Dass es von äußeren und inneren Faktoren abhängt, wie frei ein Mensch entscheiden kann – egal.

Und noch etwas steht dem persönlichen „Weihnachten“ einer Frau häufig entgegen: Der Perfektionszwang. Kaum einer ist frei davon: Der Baum muss perfekt sein (gibt es Statistiken darüber, wie viele Ehescheidungen auf asymmetrische Weihnachtsbäume zurückgehen?), das Essen, die Geschenke, die Stimmung, das Einvernehmen. Vergleichen wir unsere Ansprüche an Weihnachten mit dem, was Maria, Joseph und Jesus hatten, dann muss man sich eigentlich schämen. Scham aber hilft hier nicht weiter. Weiterhelfen kann uns die liebevolle Einsicht, dass es zwar nicht perfekt war, aber es war dennoch Weihnachten. Sogar das Weihnachten schlechthin. Bei Maria war so ziemlich gar nichts perfekt: Schwanger vor der Hochzeit, nicht vom künftigen Ehemann, Geburt unterwegs, in einer Notunterkunft, Krippe statt Babybettchen. Häufig nähren wir unsere Ängste mit Vorstellungen davon, wie unser Leben zu sein hätte. Diese Ängste halten uns im schlimmsten Falle vom Leben ab, weil wir, anstatt hier und jetzt zu gestalten, was wir haben, gefangen sind von der Zukunft, die wir zu verlieren glauben, indem wir die Gegenwart leben. Ja, und im Extremfall bringen uns diese Ängste dazu, anderen das Leben zu nehmen, weil uns das unsere so unberechenbar erscheint.

Oft sagen „Lebensschützer“, auch ich, dass Abtreibung viel mit Egoismus zu tun habe. Obwohl diese Aussage auch stimmt, ist es eigentlich andersherum: Abtreibung hat mit zu wenig Achtung vor und für sich selbst zu tun. Eine Frau, die abtreibt, lässt es zu, dass in ihr ein Wunder zerstört wird, dass ihr eigen Fleisch und Blut stirbt. Ein Mann, der seine Frau zur Abtreibung drängt, beraubt sich selbst des größten Geschenks, dass ihm gegeben werden kann. Eine Gesellschaft, die Abtreibung stillschweigend unterstützt, weil sie ihr Solidarität erspart, beraubt sich selbst derer, die sie später erhalten, aufbauen und entwickeln würden. Alle, die beteiligt sind, stehlen sich nicht nur aus der Verantwortung, sondern aus der Liebe, und haben zu wenig für sich selbst übrig, um sich das Geschenk, Risiko und Abenteuer eines neuen Lebens zu gönnen.

Der stille Held der Weihnachtsgeschichte ist der, der die junge Mirjam von Nazareth in ihrer prekären Situation nicht allein gelassen, der seine Verantwortung wahrgenommen hat – Als der Engel bei Maria eintrat, war es ihre Entscheidung, aber dennoch war sie damit nicht alleingelassen, nicht auf sich gestellt. Viele, sehr viele Abtreibungen geschehen, weil der Partner die Frau verlässt, weil der, der das Kind gezeugt hat, keine Verantwortung übernehmen will. Sowohl die Folgen einer Abtreibung als auch das Großziehen eines Kindes lasten zumeist allein auf der Frau, und dass dieser angesichts der mindestens 18 Jahre Kind vor ungeklärter Finanzierung die Option „Augen zu und weg ist es“ kalkulierbarer erscheint, ist sicher völlig nachvollziehbar. Das ist ungerecht – Joseph aber war „gerecht“, wie die Bibel schreibt. Er war selbstlos in seiner Liebe und nicht bereit dazu, Maria und das Kind, das nicht einmal von ihm war, zu verlassen, weil sie in einer unvorhersehbaren, verzwickten Situation steckten. Wunder sind immer unkalkulierbar, und das Wunder des Lebens wohl am allerwenigsten planbar!

Was aber kann man tun, wenn man nicht planen kann? Man muss vertrauen. Maria und Jospeh haben vertraut, und zwar grenzenlos. Und sie wurden mit dem größten Geschenk gesegnet, das Gott geben kann: Mit ihm selbst. Und in ihm haben sie auch sich selbst erst wirklich gefunden, in ihrer jeweils eigenen Würde als Vater und Mutter. Maria und Jospeh haben es zugelassen, dass Gott sie in eine völlig einzigartige Situation bringt, in der sie nichts tun konnten, als sich ihm zu überlassen.

Nicht jeder hat diesen Glauben. Aber jeder kann das Resultat dieses Glaubens (und des Glaubens derer, die dieses Zeugnis für wahr halten) sehen: Die Lichterketten, den Kerzenschein, die Weihnachtsfdüfte, den Herrenhuter Stern, den geschmückten Baum und die Stimmung, die sagt „Love is all around“. Wir sehen, dass es sich lohnt, so zu glauben, denn das, was wir vor uns sehen, ist kein Schein, sondern Wirklichkeit, und es wurde nur möglich durch dieses Vertrauen. Und wenn wir uns daran erinnern, wie wir all dies mit Kinderaugen gesehen haben, können wir wirklich irgendeinem Menschenkind nicht gönnen, dies zu erleben, und sei es nur einmal? Weil die Finanzierung dieses Orangen- und-Zimtduft-in-der-Nase-Habens, während Kerzen brennen, nicht geklärt ist? Weil das Kind behindert sein wird und seiner Freude nicht elaboriert Ausdruck verleihen könnte? Weil die Karriereplanung nicht durchgezogen werden kann, wenn man seinem Kind diesen Augenblick zugesteht? Weil es kein perfektes Weihnachten wäre? Können wir uns wünschen, dass die Krippe leer bliebe?

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