Liebe, bedingungslos!

Schon wieder wurde ich über Valerie und den Priester auf Kommunikationsprobleme aufmerksam gemacht. Und mal wieder ging es ums Thema Nr.1.

Zuerst muss ich sagen, dass mich das ein wenig irritiert. Dass für Jugendliche Sexualität ein Riesenthema ist, kann ich gut verstehen. Und natürlich bleibt sie immer wichtig, denn Geschlechtlichkeit ist nun einmal eine Grunddisposition des Menschen. Allerdings meine ich doch, dass die Haltung und Sprachfähigkeit zu dem Thema ab Mitte 20 doch langsam eine gewisse Reife erkennen lassen sollte.

Wenn Valerie zu dem Thema schreibt, dann fühle ich mich irgendwie in Zeiten zurückversetzt, in denen ich die „Bravo“ konsumierte, und schon damals hatte man als aufgeklärtes Mädchen meistens nur ein ungläubiges Kopfschütteln übrig für die hanebüchenen Einstellungen, die einem über Hilferufe ans Dr.Sommer-Team kund wurden.

Also, was war noch einmal das Problem? Ach ja: Die Haltung eines katholischen Priesters zu Homosexualität ist „verletzend“. Nun ist es ja so: Verletztend ist mittlerweile so ziemlich alles. Abgesehen von der Grundverletztheit, die wir alle mitunter spüren, weil wir niemals von Menschen so erkannt werden, wie wir sind, ist es natürlich wichtig, dass wir versuchen, unsere Mitmenschen nicht zu verletzen. Klar.

Nun ist es aber so, dass es hier darum geht, dass immer wieder behauptet wird, die Kirche (oder katholische Menschen) würden Homosexuellen ihre LIEBE entziehen, weil sie deren Tun als Sünde qualifizieren. Mit Liebe ist natürlich nicht nur Liebe gemeint, sondern auch Achtung, Respekt, Wohlwollen, Sympathie, etc. etc.

Ich will gar nicht so sehr auf die konkrete Sache eingehen, schließlich kann jeder im Katechismus nachlesen, was die Katholische Kirche über Homosexualität denkt. Mir geht es um die erschreckend oberflächliche und selbstsüchtige Einstellung zum Begriff“Liebe“.

Hängt Liebe davon ab, dass der andere tut, was ich gut finde? Hängt Liebe davon ab, dass ich gutheiße, was der andere tut? Kann ein BVB-Fan mit einem Bayern-München-Fan nicht befreundet sein? Per se nicht, weil sich Liebe und unterschiedliche Sachen gutfinden ausschließt? Wieder fühle ich mich an eine Lebensphase erinnert, in der Mädchenzeitschriften das Bild dessen prägten, was „Freundschaft“ beinhalte. Und da ich mich in solchen Dingen mehr an David und Jonathan oder an viktorianischen Kinderbüchern mit ihrer unwiderstehlichen, einsichtigen, einfachen, ewiggültigen Ethik orientierte, hatte ich auch nie das, was man „beste Freundin“ nennt: Wer etwas exotischere Hobbies hat, der lernt von klein auf, dass die eigenen Präferenzen nicht Maßstab für Zuneigung und Sympathie sein dürfen, oder man ist passionierter Eigenbrötler.

Liebe ist Hingabe, und, wie Paulus begeistert schreibt: Sie sucht nicht das Ihre. Das heißt, dass echte Liebe, Liebe im eigentlichen Sinne, bedingungslos ist. Man kann eigentlich sehr einleuchtende Beispiele dafür finden, dass lieben nichts damit zu tun hat, dass ich akiv gutheiße, was der andere tut! So kann ein Kind durchaus den alkoholkranken Vater lieben, eine Frau kann sogar den Mann lieben, der sie schlägt. Dennoch kann das Kind dem Vater sagen, was es von seiner Sucht hält, die Frau kann und muss ihren Mann verlassen, obwohl sie ihn liebt: Weil sein Verhalten ein Zusammenleben nicht zulässt, unabhängig von der Liebe der Frau. Eine Mutter kann ihren Sohn auch dann als Sohn lieben, wenn er ein Taugenichts oder gar ein Mörder wäre. All diese Beispiele zeigen doch ganz konkret: Liebe hat nicht in erster Linie etwas mit dem Wohlverhalten dessen zu tun, der geliebt wird.

Natürlich ist es meist die ganze Person, die handelt, weshalb es schwierig ist, Tun und Sein zu trennen. Denn beides hat natürlich miteinander zu tun. Ebenso will man natürlich auch nicht nur als Person, sondern auch durch die Tat und in der Tat anerkannt werden. Aber ich kann niemanden dazu zwingen, mein Tun zu mögen, und ich sollte es auch nicht erzwingen wollen! Dies ist für uns alle und immer wieder eine schmerzhafte Erfahrung, dass das, was wir zu tun lieben, von anderen nicht geliebt wird. Es grenzt aber an Narzissmus, aus diesem Schmerz heraus zu behaupten, man sei deshalb auch als Person nicht angenommen oder geliebt. Häufig werden oben genannte Beispiele abgelehnt, wenn es um die Haltung zur Homosexualität geht, weil sie allgemein als negativ aufgefasste Taten nennen, während Homosexualität nicht mehr allgemein als negativ bewertet wird. So wird dann oft gleich geschrieen „Du vergleichst Homosexualität mit einer Krankheit! Mit einem Verbrechen!“ Ja und, könnte man sagen, die Analogie wird doch deutlich: Denn da nun einmal für einen bekennenden Katholiken ausgelebte Homosexualität eine Sünde IST, kann er sie auch zu allem analog stellen, was er ebenfalls als Sünde betrachtet. Und wenn man etwas verständlich machen will, muss man Analogien wählen, die dem Kulturkreis, mit dem man kommuniziert, verständlich sind. Würde ich ein Beispiel aus der katholischen Kirche nehmen, könnte ich auch schreiben: Ein Priester liebt sein Gemeindemitglied auch dann, wenn es absichtlich nicht zur Sonntagsmesse kommt, aber er wird trotzdem die Kommunion nicht reichen und zur Beichte raten. Ebenso ist es bei Homosexualität. Das würde nur niemand verstehen, weil ein Nichtkatholik nicht versteht, was schlimm daran sein soll, absichtlich nicht zur Sonntagsmesse zu gehen: Denn er weiß weder, was „schwere Sünde“ heißt, noch, dass es ein Kirchengebot gibt, dass dazu verpflichtet, an der Sonntagsmesse teilzunehmen.

Kann ich verstehen, wenn ein homosexuell empfindender Mensch verletzt ist, wenn die katholische Kirche seine Handlungen Sünde nennt? Und wenn sie daraus bestimmte Konsequenzen zieht? Aber natürlich! Aber zurückgefragt: Würde er verstehen, wenn ich verletzt wäre, dass er, was ich als liebvolle, wunderbare, herrliche Wahrheit betrachte, als Irrtum oder gar zerebrale Fehlfunktion einordnet?

Ja, ich verstehe, dass es hart ist, wenn andere das für falsch halten, was man für richtig hält. Es begegnet mir ziemlich häufig. Aber wenn jemand darüber hinaus meint, damit sei er als Person abgelehnt, da sei eine „homophobe“ Haltung der Kirche, dann ist er unfair, denn er unterstellt der Kirche eine Ignoranz, die sie nicht hat. Würde er fair beurteilen wollen, müsste er das Gegenteil bedenken: Wie freundlich und liebend wäre eine Kirche, die, wenn sie etwas felsenfest für schädlich hält, diese Überzeugung zurückhalten würde? Wenn ich Rauchen als extrem schädlich empfinde, dann gebietet es mir die Freundschaft zum Kettenraucher, dass ich ihn darauf hinweise. Natürlich kann er das abtun, mir widersprechen, bei der Zigarette bleiben. Er kann mir auch bedeuten, dass er darauf nicht hingewiesen werden will, weil er sich frei dafür entschieden hat und sich nicht belehren lassen möchte. All das ist legitim und muss wiederum von mir akzeptiert werden. Würde er allerdings behaupten, ich würde ihn nicht mögen, weil ich ihn darauf hinwiese, oder gar, ich würde ihn nicht mehr mögen, weil er raucht, so wäre das allerdings Humbug.

Wenn zwischen jemanden lieben und seine Taten gutheißen kein Unterschied mehr gemacht wird, führt dies im Endeffekt zu einer heuchlerischen Gesellschaft: Denn wer wäre schon ohne Fehler, ohne Sünde? Wenn ich nur den mögen kann, der keine Sünde hat, wenn ich nur den lieben darf, der fehlerfrei ist, was für eine Gesellschaft kann das sein? Eine, in der jeder versucht, sich selbst als tadellos darzustellen, was am Ende nur dazu führt, dass man sich tatsächlich für tadellos hält?! Kann man das wollen? Eine Gesellschaft, in der jeder geächtet wird, der dem hohen moralischen Standard nicht entspricht? Tatsächlich entlarvt sich hier die Gesellschaft als das, was sie der katholischen Kirche vorwirft: Nur, weil sie nicht unterscheiden kann, weil sie nur den lieben will, der willfährig ist und den Standards genügt, fühlt sie sich angegriffen, wenn man aus eigener Sichtweise heraus Mängel diagnostiziert. Diese Mängel darf es nicht geben, sonst müsste man ja den Menschen ablehnen. Das ist in hohem Maße inhuman, und außerdem blockiert es Entwicklung, weil Kritik verunmöglicht wird. Jede Kritik ist damit ja dann die Ablehnung des Kritisierten!

Wir finden diese Tendenz übrigens in allen Lebensbereichen: Im Awareness-Suff, aber auch darin, dass Kindern keine Schulnoten zugetraut werden, und dass sie in der Grundschule unkorrigiert schreiben dürfen sollen. Wir erleben es, wenn man Flüchtlingskriminalität nicht benennen darf, weil es ja so viele friedliche Flüchtlinge und so viele kriminelle Deutsche gibt. Wir erleben es, wenn Kunst nicht hässlich oder sinnlos gefunden werden darf, weil ja alles Kunst ist, was Kunst genannt wird. Wir erschaffen uns so eine Welt, in der die Probleme nicht genannt werden dürfen, weil wir nicht bereit sind, Respekt aufzubringen für etwas, was wir nicht mögen, und somit lieber so tun, als würden wir alles mögen. Da aber nun immer Dinge existieren, die anderen entgegengesetzt sind, wird dann ein Kanon an Dingen aufgestellt, die „nicht mögbar“ sind- amtlich erlaubterweise abzulehnen. Auch das verknüpfen wir dann aber mit der Person, womit wir als persona non grata dann den Nazi, den Neurechten, den Populisten und den Fundamentalisten konstruiert haben: Diesen Menschen gestehen wir dann weder Liebe, noch Respekt, noch grundsätzliche Daseinsberechtigung zu – denn wenn das, was sie denken und tun falsch ist, haben sie ihren Wert verwirkt. Wenn es um Reizthemen in der Kirche geht, werden Menschen oft wütend angesichts der Haltung der Kirche. Das liegt oft daran, dass sie die genaue Haltung im Wortlaut gar nicht kennen, und eigene Schlüsse ziehen, die oftmals falsch sind. Diese Wut hat aber auch etwas damit zu tun, dass man sich selbst mit seiner Meinung so stark identifiziert, dass man zwischen ihr und sich nicht mehr trennen möchte, und sich abgelehnt sieht, wenn die Meinung abgelehnt wird. Davon bin ich selbst auch überhaupt nicht frei. Aber es lohnt sich, in einer ruhigen Minuten zu überdenken, wo Meinung, Tat und Sein tatsächlich untrennbar sind, und wo vielleicht doch noch ein Blatt Liebe dazwischen passt.

Ich möchte jedenfalls immer fester in der katholischen Wahrheit stehen: Gott liebt die Menschen. Er hat sie erschaffen, weil er sie liebt und weil er jemanden wollte, der ihn zurückliebt. Diese Liebe ist bedingungslos, und deshalb hat er den Menschen erlösen wollen, der doch durch eigene Schuld ins Unglück geraten ist. Die Frage ist nie, ob Gott oder die Kirche lieben. Diese Liebe ist gesetzt in Jesus Christus und ist grenzenlos. Wir zeigen unsere Liebe durch Taten, und Gott hat sie durch die größte Tat erzeigt. Die Frage ist immer nur, ob wir zurücklieben wollen, und wie unsere Taten Gottes Liebe erwidern.

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4 Kommentare

  1. Ich verstehe schon mal überhaupt nicht, warum sich die Autorin als offensichtlich nicht Betroffene „verletzt“ fühlen kann. „Verletzt“ kann ich mich doch nur fühlen, wenn ICH persönlich kritisiert werde, nicht jemand anderer. Aber vielleicht führt mich da mein Sprachgefühl in die Irre?

    That said, ich werde nie verstehen, warum sich Menschen ohne kirchliche Zugehörigkeit so massiv erregen können, wenn die Kirchen ihren Mitgliedern Regeln vorgeben. Das sind letztlich aus der Sicht eines Nichtgläubigen Vereinsinterna, die Nichtmitglieder nicht betreffen – mal abgesehen vom politischen Einfluss, den die Kirchen immer noch haben, und den Nichtgläubige durch eine saubere/re Trennung von Kirche und Staat gerne eingedämmt sähen.

    • Nun, da musst du Valerie selbst fragen ;). Offensichtlich identifiziert sie sich derart mit den „Opfern“ ungerechter „Diskriminierung“, dass sie es auf sich bezieht, wenn die Kirche Homosexualität ablehnt. Nun, ich kann schon verstehen, dass man sich da aufregt, schließlich versuchen Christen auch Einfluss auf die Gestalt der Gesellschaft zu nehmen, wodurch auch Regeln oder Vorgaben für Nichtgläubige entstehen. Dass man das sehr sehr sehr schlecht findet, kann ich total nachvollziehen (und finde es trotzdem falsch, aus ebenfalls nachvollziehbaren Gründen 😉 )

  2. Liebe Anna,

    zunächst mal vielen Dank für die eloquente und kenntnisreiche Replik auf „Valerie und der Priester“.

    Sie drücken Ihre Verwunderung über die einseitige Themensetzung und deren stilistischer Umsetzung aus.

    Was verwundert Sie?

    Wie ich bereits einmal erwähnt hatte, ist die „junge Journalistin“ nicht nur bekennende Feministin sondern auch Anhängerin der Genderideologie.

    Wieviele Menschen gleichen Alters kennen Sie, die gleiche Überzeugungen verfolgen?

    Also mir fallen da nur die Vertreter von Jugendorganisationen des linken Randes ein (linke Jugend Solid, grüne Jugend, Jusos) ein zu deren Forderungen zum Thema Sexualität sich jedermann im Netz schlau machen kann..

    Ich weiß nicht welche Ziele die Kirche letztlich mit der Serie verfolgte, die „junge Journalistin“ arbeitet jedenfalls konsequent die ideologische Agenda ab. Für mich hat man sich hier ein klassisches U-Boot eingeladen.

    Die Themensetzung kann da nicht überraschen.

    • Ich sehe das etwas anders. Ich glaube an die ehrlichen Absichten, und man sieht ja auch immer wieder (ich folge dem nicht regelmäßig), dass Valerie zumindest versteht, dass es tatsächlich Menschen mit einem kkomplett anderen Weltbild gibt, und sie versteht auch, dass es oft ein Kommunikations- und Begriffsproblem ist. Soweit finde ich das erst einmal gut. Dass sie oberflächlich bleibt, ist schade, aber, da haben Sie Recht, vorhersehbar.

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