Lost in Translation#2 – Die Jungfräulichkeit Mariens und das Urtext(nicht)argument

Im ersten Teil habe ich erklärt, wieso Maria Jungfrau sein muss, wenn die katholische Lehre wahr und vernunftgemäß sein soll.

Gerne wird aber mit Hinweis auf den Urtext das Argument gebracht, die Bibel widerlege eigentlich das katholische Dogma. Das hätten die Protestanten wohl gerne! Es heißt dann, im Urtext stünde „junge Frau“, nicht „Jungfrau“. Nun: Auch Urtext muss man deuten!

Zuerst einmal ohne Alte Sprachen: Während des überwältigenden Großteils der Menschheitsgeschichte war eine junge Frau eine Jungfrau, verheiratet (dafür gibt es aber normalerweise einen eigenen Begriff), ODER naja…nicht besonders respektabel. Nun hat die Bibel nicht das geringste Problem damit, derartige nicht respektable Frauen unter Jesu (!) Vorfahren zu zählen. Spießigkeit ist Gott fremd. Würde also dort tatsächlich „junge Frau“ stehen, wäre das eine Jungfrau, es sei denn, das Wort würde „Ehe“frau implizieren. Oder aber, es würde allgemein bloß „Frau“ dastehen, das wäre die einzige Möglichkeit, die alles offen ließe. Tatsächlich ist die Benutzung der Worte, die Mann und Frau beschreiben, in den semitischen Sprachen komplex. Im Deutschen eigentlich auch, aber die Sprache ist uns ja vertraut und wir machen uns das oft nicht klar, weil sozialer Stand ohnehin beinahe irrelevant geworden ist. Damals aber gehörte zu einem biologischen Zustand der soziale integral dazu (gute alte Zeit): Der eheliche Akt gehört in die Ehe. Im Lateinischen etwa macht „Matrimonium“ bereits den Zusammenhang zwischen heiraten und Mutterschaft deutlich (Nur zur Sicherheit für Menschen des 21. Jahrhunderts, die es vielleicht vergessen haben: Man macht durch Sex Kinder, und damit Frauen zu Müttern, weshalb die Bezeichnung Matrimonium eben auch den Zusammenhang von Ehe und Sex indirekt deutlich macht.). Natürlich gab es auch immer Ausnahmen, wenn etwa ein junges Mädchen, das eigentlich an sich „Jungfrau“ sein sollte, da unverheiratet, Opfer eines Verbrechens würde und damit dann von der Biologie her nicht mehr wäre, was sie vom sozialen Stand her ist. Aber solche Ausnahmen würden dann ja als solche deutlich.

Zurück zu den Semiten: Im konkreten Fall hätte man ein Wort für Jungfrau gehabt, בְּתוּלָ֛ה – betulah. Das bedeutet aber nicht, (Obacht! Logik!) dass das verwendete Wort, עַלְמָ֗הalmah – nicht Jungfrau bedeutet. Das muss es nicht zwangsläufig, tut es aber prinzipiell, da für andere „Arten“ Frau andere Worte zur Verfügung stünden. Da nun also Alter, Fortpflanzungsfähigkeit, erfolgte Fortpflanzung, sozialer Stand etc. in die Bezeichnung einer Frau hineinspielen, ist die Übersetzung der benutzten Worte auch vor allem kontextabhängig, da der biblische Gebrauch variiert. Und nun erkläre man mir mal bitte, wieso Jesaja als aufsehenerregendes Zeichen, das die Macht Gottes erweist, die Geburt eines Kindes von einer stinknormalen Frau (dann eine verheiratete Frau oder aber zwangsläufig eine Dirne) verkünden sollte? Gegenargument: Die Geburt ist nur TEIL der Prophezeiung, eigentlich geht es um diesen Immanuel und was er tun wird. Gegenfrage: Normalerweise wird doch aber die Geburt eines Helden mit keinem Wort gewürdigt, wenn sie nichts Aufsehenerregendes hat. Wenn es Jesaja um das Auftreten des Immanuel ginge, würde er genau das sagen: Ein Mann wird auftreten mit Namen Immanuel. Es gibt keinen Grund, zu erwähnen, dass dieser Mann von einer Frau geboren würde, denn das wird jeder Mann (außer Macduff). Wenn also hier die Frau eine Rolle spielt, dann muss etwas Besonderes an ihr und dem Umstand der Geburt sein. Dementsprechend übersetzt die Septuaginta almah als parthenos, also die griechische eindeutige Bezeichnung für Jungfrau.

Während also das Alte Testament nicht 100% festlegt, dass es sich bei der Mutter des Immanuel um eine Jungfrau handeln müsse, sagt es auch nichts Gegenteiliges, und der Kontext (sonst sind doch immer alle so heiß auf Kontext?!) legt die Jungfrauschaft nahe.

Schauen wir auf das Neue Testament, wird es allerdings extrem viel eindeutiger. Es gibt nur eine Möglichkeit, zu behaupten, Maria sei keine Jungfrau gewesen: Die Schrift und Maria lügen. Denn hier steht ganz klar und deutlich: Parthenos, Jungfrau, und sie gibt auch selbst Auskunft über darüber, dass sie „keinen Mann erkennt“. Nun gibt es hier ein ideologisches Problem: Der Christ sieht in Christus die Erfüllung der Prophezeiung. Daher ist es übrigens auch völlig und einzig richtig, wo Zweifel bezüglich des rechten Verständnis des Alten Testaments bestehen, dieses im Licht des Neuen zu betrachten: Wenn wir etwa Gewaltexzesse oder harte Strafen im Alten Testament sehen, dann betrachten wir sie im Licht der Bergpredigt und verstehen, wieso für uns Gewaltlosigkeit gilt, und niemand gesteinigt wird, obwohl die Bibel zum einen historisch darüber berichtet und solche Strafen zum anderen als Gesetz schildert. Was angesichts von Gewalt etc. im Alten Testament gilt, gilt für alles: Was der Mensch des Alten Bundes nicht verstehen konnte, versteht der Mensch des Neuen Bundes, aber nur, weil er es von der Erfüllung der Verheißung her betrachtet. Spätestens ab der Verkündigung an Maria ist also zweifelsfrei klar, dass mit almah eine Jungfrau gemeint ist: Denn Maria war (hust: und ist) Jungfrau.

Der Nichtchrist oder Säkuchrist etc. dagegen denkt (auf gut deutsch und ohne wertschätzende Schnörkel ausgedrückt), dass jemand das Alte Testament gelesen hat, das toll fand und dann alles auf die (historischen) Gestalten des Neuen Testaments bezogen hätte, obwohl diese gar nicht „in echt“ gemeint waren (gemeint gewesen sein müssen) – das ist im Grunde eine Leugnung der Herrschaft Gottes über die Geschichte! Dahinter liegt nämlich der Gedanke, die Offenbarung selbst hinge vom Menschen ab, und der Mensch würde die Realität gemäß der Offenbarung hinbiegen. Damit ist aber die Offenbarung keine mehr, denn es ist ja ihr Wesen, dass sie etwas offenbart, was dem Menschen verborgen ist. Hier wird also schlicht andersherum gedacht: Dumme Griechen konnten nicht genug Hebräisch, haben aus Piefigkeit und Pharisäertum aus der jungen Frau eine Jungfrau gemacht, und das dann auf Maria übergestülpt, damit „es passt“. Tatsächlich ist es andersherum: Sie waren nicht dumm, sie konnten sehr gut hebräisch, aber sie haben Maria auf das Alte Testament „übergestülpt“, oder besser, sie haben in Maria die Prophezeiung erkannt. Da sie aber „the real thing“ hatten, wussten sie eben auch wirklich Bescheid. In dieselbe Richtung Denkfehler geht übrigens der Hinweis darauf, dass nahezu alle Mythen irgendwie etwas mit jungfräulichen Müttern von Halbgöttern o.ä. zu tun haben. Isso, ist man versucht zu sagen, weil: Wenn bei Gott keine Kongruenz, wo dann? Aus christlicher Sicht ist der Wahrheitsfunke in Mythen eine Hinführung und Vorbereitung der Menschheit auf „the real thing“, die Erfüllung der Verheißung, und diese Erfüllung ist nicht ihrerseits bloß eine Variante des Menschheitsmythos! Wer glaubt, die Erfüllung sei nur ein Mythos, der glaubt nicht den Glauben des Christentums.

Es gehört ganz schön viel Geschichtsvergessenheit dazu, zu übersehen, dass die „Standardausführung“ eines unverheirateten Mädchens Jungfräulichkeit war (so werden wir geboren, man glaubt es nicht!), es gehört Chauvinismus dazu, zu denken, man hätte aus Frömmigkeit Maria zur Jungfrau „machen“ müssen – wo doch unbestritten großen Heiligen der Makel der Prostitution noch angedichtet worden ist, besteht wirklich kein Grund, anzunehmen, Gott hätte nicht auch von einer „nichtrespektablen“ Frau geboren werden können, wenn er das gewollt und angemessen gefunden oder für gut befunden hätte. Zuletzt gehört Unverschämtheit dazu, jedenfalls auf christlicher Seite, die Bibel, Joseph oder Maria der Lüge zu bezichtigen.

Natürlich ist ein Nichtchrist frei, dieses zu behaupten, wenn es ihm hilft. Aber er sollte die obigen Ausführungen bedenken und zumindest erkennen, dass, wenn das Christentum vernunftgemäß und logisch sein will, es Maria als Jungfrau lehren muss. Mir haben schon einige Menschen, die sich als Christen begreifen, ganz selbstverständlich gesagt, dass das mit der Jungfräulichkeit nur eine Geschichte sei, und auch, dass Jesus nicht leibhaftig Gottes Sohn sei. Diese Menschen haben ihren Glauben offensichtlich noch nie logisch durchdacht, oder sie halten Glauben für eine rein emotional-individuelle „Sichtweise“, weshalb Logik oder Vernunft für sie gar keine Rolle spielen. Das ist schade, denn die Mutter Kirche hat jahrhundertelang viel Schweiß aufgewendet, um Menschen zu stichhaltigem Denken zu erziehen. Man sollte das nicht der Bequemlichkeit halber wegwerfen – denn um Bequemlichkeit handelt es sich hier: Es ist schlicht anstößig, unangenehm, besonders und auffällig, die Jungfräulichkeit Mariens zu bekennen.

Der Vollständigkeit halber möchte ich noch zwei Dinge erwähnen: Dieser Text vernachlässigt völlig alle mystischen etc. Aspekte, die ebenfalls eine Rolle spielen – Zum einen würde der Text dann noch länger, zum anderen interessiert sich der Durchschnittszweifler nicht die Bohne für Mystik und die sinnfälligen Verzahnungen des Lehrgebäudes der Kirche mit dem Kosmos.

Zweitens: Alle militanten Katholiken und solche, die es werden wollen, hätten sich die Lektüre dieses Textes übrigens sparen können, denn im strengen Sinne völlig hinreichend ist mein persönliches Lieblingsargument: Die Jungfräulichkeit Mariens vor, während und nach der Geburt Christi ist dogmatisch definiert und daher nicht diskutabel. Ich möchte keinem meiner Leser intellektuelle Fähigkeiten oder denkerisches Genie absprechen, aber ich gehe davon aus, dass die Gesamtheit der in der Kirche versammelten Denker deutlich mehr gewusst haben als du und ich, und sich deutlich gründlicher Gedanken darüber gemacht haben. Daher können wir ihnen bedenkenlos vertrauen.

 

 

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2 Kommentare

  1. Vielen Dank, von jemandem der langsam versucht einen Weg zurück zu Gott zu finden und sich langsam dabei vorkommt, wie jemand der am Tisch Platz nimmt und dem Teller und Besteck vor der Nase weggeräumt werden.

    • Ich verstehe das sehr gut! Man sollte sich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen! Wenn Bedarf besteht: Ich kenne viele Gruppen, Initiativen und Priester, bei denen noch nicht Zapfenstreich ist! Kann ich gerne empfehlen! Man muss sich ein wenig damit trösten, dass das eigentliche Dinner im Himmel stattfindet. Die Leute, die es HIER aufheben, feiern gar nicht da, wo es eigentlich abgeht…

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