Lost in Translation #1 – Die Jungfräulichkeit Mariens, und wieso man kein Hebräisch braucht, um sie zu verstehen

Einwand zu Beginn: Dieser Artikel in zwei Teilen ist zwar lang, aber nicht vollständig. Viele deutlich klügere und wissendere Menschen als ich haben ihr Leben damit verbracht, das Geheimnis der Jungfräulichkeit Mariens in seiner Weisheit und Menschenfreundlichkeit zu betrachen, zu bewundern und zu bestaunen. Dass ich mich hier zu dem lückenhaften Versuch einer Apologie hinreißen lasse, liegt daran, dass die dagegen vorgebrachten Argumente derart hanebüchen sind, dass selbst ich meine, sie widerlegen zu können.

Eigentlich will ich im ersten Teil auf die nichtbiblische Argumentation eingehen, wieso Maria Jungfrau sein muss. Davor möchte ich die Gelegenheit allerdings nutzen, um über tendenziöse Übersetzungen zu schimpfen, denn das neueste Machwerk dieser Art ist Ausgangspunkt dieses Textes. Ich habe die mangelnde Qualität der EÜ auf diesem Blog bereits mehrfach kritisiert. Als Ex-Prot blutet einem einfach das Herz, wenn die wundervollen Verse voller schöner Worte wie „erquicken“, „Quellgrund“, „Honigseim“, oder auch „Worfschaufel“ zu Gunsten lapidarer Allerweltsplatitüden ihrer poetischen und archaischen Kraft beraubt werden. Ich empfinde eine archaische Sprache besonders für das Alte Testament als besonders angemessen, weil eine gewisse sprachliche Distanz die zeitliche Distanz etwas veranschaulicht. Luther ist sozusagen näher dran am Hebräischen als unsere glatte, undramatische Ausdrucksweise. Die Alten Israeliten saßen nun mal nicht vorm Fernseher und tranken Coke.

Nun schweifen seltsame Informationen durch das Netz, deren Verifizierung ich nicht werde vornehmen können, da ich mir diese Übersetzung sicher nicht besorgen werde. Wenn es etwa heißt, sie sei nah am Urtext, im zweiten Satz aber, dass statt „Brüder“ (Wortlaut) „Brüder und Schwestern“ (Ernsthaft?) verwendet würde, dann habe ich bereits innerlich abgeschaltet. Als ich zu Studienzeiten in einem interkonfessionellen Hauskreis war, hatte jeder seine eigene Bibel dabei, und man verglich jeweils, was da so steht. Die EÜ tat sich durch besonders unorthodoxe Anmerkungen hervor, die oft einfach falsch waren, was damals in mir die Überzeugung festigte, dass das mit dem Katholizismus unmöglich wahr sein kann, wenn das Bibelwort bereits so verpfuscht wird.

Die Jungfraudebatte – der Renner

Wie gesagt, kann ich also zu den konkreten Inhalten der Übersetzung wenig sagen, aber auf befreundeten Facebookpinnwänden sah ich die Behauptung, dass im Hinblick auf Maria und ihre Jungfrauschaft die Jesaja-Stelle mit „junge Frau“ übersetzt worden sei. Wie ich die EÜ kenne, wird eine entsprechende Anmerkung die katholische Lehre dementsprechend unterlaufen und zur allgemeinen Glaubensfreiheit im katholischen Raum beitragen.

Es ist ärgerlich, wenn unter dem Deckmantel von Wissenschaftlichkeit Gotteswort verunklart wird. Da man, um die Jungfräulichkeit Mariens zu verstehen (soweit sie verstehbar ist), keinesfalls der Schriftkenntnis bedarf, noch weniger der Alten Sprachen, sondern einfach nur mit Vernunft die Lehre der Kirche betrachten muss, ist eine solche Fehlleistung besonders nervig, denn sie zerrt die katholische Lehre auf das „sola scriptura“ -Prinzip herab, was in sich bereits eine Beleidigung des Intellekts (und damit eine Beleidigung dessen, der den Intellekt gemacht hat), ist. Ich möchte einmal darauf eingehen, was viele in ihren apologetischen Gesprächen so anhören müssen, bezogen auf die Jungfräulichkeit Mariens. Das ist ein Punkt, der immer wieder aufkommt, also kann es nicht schaden, die Lehre in der Hinsicht einmal andeutungsweise zu durchdenken (weitergehendes Denken erwünscht!). Wie so oft, das Fazit zu Beginn für alle Faulen:

Natürlich war Maria biologische Jungfrau. Alles andere wäre unlogisch. Um das zu belegen brauchen wir erst einmal 0 (in Worten: null, zero, nix) Bibel:

Wäre Maria NICHT Jungfrau (Gott verzeihe mir, dass ich so etwas überhaupt tippe), dann hätte Jesus einen menschlichen Vater. Hätte Jesus einen menschlichen Vater, wäre er nicht Gottes eingeborener Sohn. Er wäre folglich dann auch nicht eine Person der Heiligen Dreifaltigkeit. Es sei denn, ein Mensch könnte Teil der heiligen Dreifaltigkeit sein. Wäre er weder Gottes Sohn noch Gott Sohn, hätte er die Welt nicht erlösen können. Außer natürlich, wir würden behaupten, ein Mensch habe die Macht, die Menschheit zu erlösen.

Naja – vielleicht war er sinnbildlich der Sohn Gottes? Die Idee, Gott habe Jesus „adoptiert“ ist bereits anno dazumal als Häresie abgelehnt worden. Eben wegen der oben genannten logischen Probleme, die bezüglich der Heiligen Dreifaltigkeit etc. aufkommen. Man beachte Paulus Ausspruch über den Kreuzestod und die Auferstehung Christi auch in diesem Kontext: Es mag uns seltsam vorkommen, aber die unaufgeklärten Semiten und Griechen jener Zeit kannten den Unterschied zwischen Märchen und Wirklichkeit, und Paulus weist darauf hin, dass eine „uneigentliche“ Auferstehung das Christentum zur lächerlichsten aller Religionen machen würde. Was soll man anfangen mit einer „nicht wirklichen“ Erlösung? Diese würde nur Sinn ergeben, wenn auch die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen nicht wirklich wäre. Dies führt zu Ideen und Ideologien, die das Leibliche für unwirklich halten. Warum? Nun, mit etwas Naivität kann man noch behaupten, dass das geistige und geistliche Leid reine Projektion sei- vereinfacht in etwa die Yoga-Mentalität: Hast du ein Problem, bist du halt noch nicht weit genug in deinem „Loslassen“. Wenn unsere Erlösungsbedürftigkeit nur von uns selbst und unserem „mindset“ abhängt, also nur eine Projektion (bzw. Einbildung) ist, reicht auch eine projizierte („sinnbildliche“) Erlösung. Sobald wir aber das Stöhnen der ganzen Schöpfung miteinbeziehen, können wir das nicht mehr behaupten: Die Vergänglichkeit des Leibes, Gewalt, Tod, Schmerz und Krankheit sind tatsächlich da; zumindest in diesem Bereich kann die Erlösung also nur mit „leiblichen“ Konsequenzen geschehen, und die sind eben „wirklich“ – ebenso wirklich natürlich wie die für Geist und Seele, aber wie gesagt, es gibt Menschen, die Seele und Geist nur für Ideen oder chemische Vorgänge im Hirn halten.

Ebenso ist es auch mit der Empfängnis und Geburt Christi: Christus ist tatsächlich ganz und gar mit Leib und Seele Gottes Sohn, nicht einfach bloß „so gut als wie“. Ist er es aber wirklich, kann er keinen leiblichen Vater haben. Christentum ist eine Religion der hard facts, nicht des Rumschwadronierens. Jeder hat genau einen Vater und eine Mutter, so viel war selbst dem unaufgeklärtesten Semiten klar.

Eigentlich haben sich durch diese Gedankenführung alle Einwände erledigt: Eine Leugnung der Jungfräulichkeit Mariens würde zu unüberbrückbaren Abgründen führen, was die Stichhaltigkeit und Sinnhaftigkeit der katholischen Lehre betrifft. Dreifaltigkeit, Gottessohnschaft, Erlösung würden am Ende nicht mehr funktionieren. Man müsste im Prinzip das ganze Lehrgebäude umbauen, um am Ende festzustellen, dass es mit der Realität nicht mehr übereinstimmt. Das ist wie mit babylonischen Türmen und berlinerischen Flughäfen: Wer sich von Gott emanzipiert, der steht am Ende vor dem Nichts, wer die Vernunft verachtet, der wird als Narr verlacht. Übrigens ist dies auch ein schönes Beispiel dafür, dass Mariologie „Christologie mit anderen Mitteln“ und keinesfalls beliebig oder einer kitschaffinen Volksfrömmigkeit oder einem Aberglauben geschuldet ist! Sie ist integraler und unersetzbarer Bestandteil der kirchlichen Lehre und Irrtümer über Maria führen immer zu Irrtümern über Christus!

So ist es nur folgerichtig, dass Menschen mit seltsamen Vorstellungen über Jesus versuchen, diese mit der Vernunft und mit einem stringenten Glauben nicht zu vereinbarenden Ideen über die Auffassung über Maria implementieren zu wollen. Daher werfe ich im zweiten Teil mal einen Blick auf das Argument, mit dem sogar die Bibel selbst in Stellung gegen die Lehre gebracht werden soll:

„Eigentlich steht in der Bibel nichts von „Jungfrau“. Es heißt bloß „junge Frau“.

Jetzt wird es spannend…

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4 comments

  1. Die Facebookpinnwände stellen den Sachverhalt nicht ganz korrekt dar. Es heißt weiterhin überall im Text „Jungfrau“:
    „Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galliläa namens Nazaret zu einer Jungfrau gesandt.“ (Lk 1,26f.)
    „Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben.“ (Jes 7,14)
    Allerdings ist dem Jesajavers folgende Anmerkung beigefügt: „Jungrau: G, vgl. Mt 1,23; das hebräische Wort almáh bedeutet eigentlich junge Frau.“

    • Ich hatte es mir fast gedacht. Das ist auch mal wieder medial von den Zeitungen falsch dargestellt worden. Ich werde ein edit hinzufügen. Danke für die Recherchearbeit, die ich hätte machen können, wenn ich nicht einen heiligen Horror vor dieser EÜ hätte und sie möglichst nicht anfassen will. Allerdings ist schon die Anmerkung natürlich tendenziös, da sie den Leser seinen Assoziationen überlässt…

  2. Zu dem sehr guten Kommentar folgende technische Anmerkung:

    Technisch gesehen ist die jungfräuliche Geburt zwar sehr *angemessen* für den Menschen, dessen Fleisch Gottes eingeborener Sohn in hypostatischer Union angenommen hat, aber nicht zwingend.

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