Unter falscher Flagge – Verleumdung einer guten Sache

Ich hatte über den Marsch für das Leben nicht bloggen wollen. Machen doch genug Leute, dachte ich. Und dann las ich auf dem Blog „Theopop“ (Ich verlinke diese Infamie nicht, wer es sich antun will, google Fabian M.s Artikel.) eine derart verschwurbelte, gemeine, unlautere Kritik, dass ich schlechte Laune bekam, zwei Tafeln Schokolade aß und dann mit Bauchschmerzen einen geharnischten Beitrag für ein online-Magazin verfasst habe. Genaugenommen blogge ich hier also nun auch nicht über den Marsch, sondern über das, was seine Gegner daraus machen.

Es gibt eine Art von Lüge, die so in sich verdreht ist, dass das Aufdröseln der Falschheit in ihre Bestandteile kompliziert und nicht leserfreundlich ist.

Der Beitrag, der behauptet, man könne als Christ gegen den Marsch für das Leben sein, gehört in diese Kategorie. Denn wenn schon die Grundannahmen nicht stimmen, auf denen die Falschheiten aufbauen, kommt man als Apologet aus der Richtigstellungsmaschinerie gar nicht heraus, und kann zum positiven Werben gar nicht übergehen. Tatsächlich kritisiert der Verfasser alles Mögliche, aber nicht den Marsch für das Leben. Würde er seinen Text „Kritik an falsch verstandenem Lebensschutz“ nennen, könnte man viele der Punkte kommentarlos akzeptieren. Aber er konstruiert einen Zusammenhang mit dem Marsch für das Leben, und das ist eine Frechheit. Wenn ich Kritik an der CDU üben will, schreibe ich ja auch keinen Kommentar, in dem ich über Frau Göring-Eckardt herziehe, den ich aber dann „Warum ich nicht CDU wähle“ nenne.

Leider ist es wichtig, unermüdlich und geduldig die Vorurteile und Falschaussagen auseinanderzusetzen. Die Ungeborenen Kinder und ihre Mütter haben es jedenfalls verdient.

Zum einen ist da die Fehlinformation bezüglich des Anliegens des Marsches. In erster Linie ist der Marsch selbst schlicht und einfach ein Schweigemarsch, der an die im Mutterleib getöteten Kinder erinnert. Es kann nicht falsch sein, der Toten zu gedenken. Dazu kommt in den Grußworten und in der Kundgebung ein Zeugnis dafür, dass jedes Leben lebenswert ist. Im letzten Jahr war da unter anderem das Zeugnis eines aufgrund eines Suizidversuches behinderten Mannes, der kundtat, wie dankbar er für sein Leben – auch dieses durch den Versuch, es zu beenden geschädigte – sei. Will man so einem Menschen die Stimme verbieten? Was hat ein solcher Mensch zu sagen, das andere stört und zu Aggression treibt? Sein Wissen aus nächster Nähe darum, wie lebenswert das Leben ist, selbst, wenn man das streckenweise selbst gar nicht mehr bemerkt?

Ich hole ungern Nazikeulen heraus, aber wer in Deutschland leugnet, dass es kein lebensunwertes Leben gibt, der sollte vielleicht besser nach Südamerika auswandern, wie seine Gesinnungsgenossen damals.

Wenn man nun also den Marsch nicht unterstützen will, weil man für die Homoehe ist, oder für Adoption durch Homosexuelle, oder für Frühsexualisierung von Kindern, der ist an der falschen Adresse. Zwar sind die Protagonisten solcher Initiativen auch oft mit dem Lebensschutz verbunden, weil es ureigene katholische Anliegen sind, und tendenziell ein engagierter Mensch eben engagiert ist, auch in mehreren Bereichen, aber ich würde, wenn ich demonstrieren gehen wollen würde, durchaus mit Menschen für eine Sache demonstrieren, deren weitere Anliegen ich nicht teile, wenn die Sache wirklich wichtig ist. Und dass 100.000 abgetriebene Kinder in Deutschland nicht sein sollen, ist eine wichtige Sache, für die ich sogar mit Menschen demonstriere, die einen anderen Gott anbeten, Veganer sind, Yoga machen oder Neues Geistliches Liedgut singen.

Dann regt man sich gerne über die zugegeben ärgerlichen Leute auf, die es in der Bewertung von Abtreibung an Empathie mit den Frauen fehlen lassen. Dies sind allerdings Einzelfälle, und eigentlich immer sehr alte Leute, von denen man abendfüllende Differenzierung schlicht nicht mehr erwarten darf. Ich habe auch in meiner Arbeit als Fundraiserin für Schwangerschaftskonfliktberatung schon Frauen getroffen, die mir nach einer Veranstaltung von erzwungenen Abtreibungen in der Jugend – vor 40, 50 Jahren erzählten. Man weiß also nie, welches Trauma, welcher Schmerz, welches Schuldgefühl vielleicht hinter mancher verbalen Entgleisung stecken mag. Und es ist auch die Hilflosigkeit angesichts dieser Millionen getöteten Kinder, die es verständlich macht, wenn Menschen emotional reagieren.

Hier setzt die Diffamierungsmaschinerie besonders perfide ein: Wenn ich ein Statement abgeben würde, in dem ich sage „Die Feuerwehr sollte lieber Feuer löschen“, dann suggeriere ich damit, dass sie das nicht tue, was natürlich eine gemeine Unterstellung ist. Wenn also behauptet wird, der Lebensschutz sei nicht am Wohl der Frauen orientiert, verurteile und differenziere nicht, so ist das eine glatte Lüge. Wer etwa Initiativen wie 1000plus kennt, der weiß, dass der beliebteste Satz unter Lebensschützern „Wir wollen niemanden verurteilen.“ ist, gefolgt von „Man darf niemanden verurteilen.“ und „Es geht um Hilfe, nicht um Verurteilung.“ Tatsache ist aber: Bei jeder Abtreibung stirbt ein Mensch, komplexe Gründe hin oder her. Die Tatsache, dass die Entscheidung der Fau dafür tragisch oder schwer ist, relativiert nicht den absoluten Tod eines Kindes. Differenzierung einfordern ist hier also ein Chiffre für Realitätsverweigerung: Man behauptet, die Aussage „Wenn du abtreibst, tötest du ein Kind.“, eine Verurteilung sei. Es handelt sich aber lediglich um die Wiedergabe einer unleugbaren Tatsache. Man beschäftigt sich nicht mit der Konsequenz der Tat, weil die Tat komplexe Ursachen hat. Das ist, als ob ich einen Kampf gegen rechts mit den Worten abwehren wollte, dass die Gründe für Ausländerfeindlichkeit komplex seien. Tatsächlich ist es also allein der Lebensschutz, der WIRKLICH differenziert, der also sagt: Ja, eine Frau entscheidet, aber die Konsequenz ist nicht relativierbar. Wer tatsächlich die Arbeit der katholischen Beratungsstellen kennt, kann den Vorwurf des Mangels an Sorge und Empathie nicht aufrechterhalten, basta. Und wer es wagt, irgendetwas Negatives über diese Arbeit zu sagen, ohne einmal 1000plus oder ähnliche Initiativen besucht zu haben, der ist ein bigotter Heuchler, dem seine Vorurteile über Erkenntnis und Wahrheit gehen. Das ist durch nichts zu rechtfertigen.

Dazu kommt, dass gerne auf die Selbstbestimmung der Frau abgehoben wird. Auch dies ist wieder ein Chiffre und zwar für Desinteresse und Gleichgültigkeit: Wenn ich ein Problem habe, und um Rat bitte, und mir der, den ich frage, sagt: „Du musst selbst entscheiden“, dann ist das keine Hilfe. Ich erwarte zumindest Vorschläge, Alternativen zu meinen Ideen. Jeder Mensch weiß, dass es manchmal helfen kann, wenn jemand von außen auf meine Situation blickt. In Extremsituationen und unter Zeitdruck kann dieses Bewusstsein manchmal von Panik verdrängt werden. „Raten“ ist aber nicht, vor allem nicht für Christen, die Jesus und damit der Wahrheit und dem Leben verpflichtet sind, zu sagen „Tu, was du willst“, sondern „Tu, was gut für dich ist“ (das ist äquivalent zu dem, was Gott will, denn da Gott der Gute ist, will er das Gute für uns). Eine Abtreibung ist in manchen Fällen verständlich, aus der Komplexität und Tragik der Situation heraus, sie ist aber nie gut, weil die Konsequenz immer ungut ist. Hier drückt man sich schlicht un einfach vor Verantwortung, will nicht Position beziehen, will sich nicht zugehörig zeigen zu Christus und seinem Kreuz. Dabei zeigt ein Blick in die Statistiken, dass nur ein verschwindend geringer Teil der Abtreibungen an Minderjährigen erfolgt, und bei weit unter einem Prozent der Fälle wegen einer Vergewaltigung. Nun sind dies Fälle, die eigentlich einen weiteren Artikel rechtfertigen, ich gehe hier nicht weiter darauf ein, dass es nicht haltbar ist, dass die Gesellschaft völlig irrational beschlossen hat, in diesen Fällen könne man einfach die moralische Veranwortung ruhen lassen.

Sehen wir uns aber den Großteil der Fälle an, dann sind es Behinderung, finanzielle Situation und die Inkompabilität mit dem eigenen Lebensplan, die zu Abtreibung führen, und dies sind allesamt indiskutable Motive: Inklusion zu fördern und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass es möglichst wenige gibt, die inkludiert werden müssen, ist ein Hohn, der kaum in Worte zu fassen ist. In einem Land wie Deutschland kann es nicht sein, dass es nicht genügend Geld für Kinder gibt. Und wenn der eigene Lebensplan über das Leben eines Kindes gestellt wird, dann ist das ein Fall von Egoismus.

Das heißt nicht, dass man nicht dennoch mit Respekt und Feingefühl vermitteln kann, wieso man ein behindertes Kind auf sich nehmen und nicht egoistisch sein soll, dass man Hilfen bekommt, um das Kind großzuziehen etc. Da keiner von uns ohne Schuld ist, und absolut integer und perfekt, besteht kein Anlass zu Verurteilung. Aber man muss es vermitteln!

Zuletzt noch zum Thema „Radikalität“: In unserem Land ist Abtreibung verboten. Wer behauptet, Abtreibung sei ein Recht, bewegt sich nicht auf dem Boden des Grundgesetzes und des Rechts. Wer also behauptet, Lebensschützer seien radikal, der behauptet, das Grundgesetz sei radikal. Es gibt aber keine Alternative zum Lebensrecht. Dass jeder Mensch unabhängig von seiner Konstitution oder seinem Gewollt-Sein da sein darf, ist die Grundlage unserer Zivilisation. Das letzte Mal, als man dies relativiert hat, ist das fürchterlich schiefgegangen, und 100.000 Kinder jedes Jahr, die nicht das Licht der Welt erblicken, und eine zunehmende Offenheit für die These, dass Menschen, die zur Gesellschaft „nichts mehr beitragen“ sich doch ruhig ins Nirvana befördern lassen sollten, zeigen, dass es gerade auch wieder fürchterlich schiefgeht.

Dabei gibt es übrigens zwei Argumente, die mich mehr auf die Palme bringt als alle anderen. Das eine ist der Relativierungsvorwurf. Es ist ein deutsches Trauma, dass man nichts, aber auch gar nichts, so schlimm finden darf wie den Holocaust. Millionen Tote durch Stalin? Naja. Die Roten Khmer? Ein Unfall. Die Armenier? Pech. Bloß nicht zu viel Empathie mit Menschen, die nicht das zweifelhafte Glück hatten, von Deutschen ermordet zu werden, denn das könnte man als Relativierung auffassen, und der Holocaust ist bekanntlich der weltweit einzige Totalausfall der Humanität, denn wenn Deutsche etwas tun, tun sie es gründlich, deshalb waren wir die Gründlichsten und deshalb hat keiner das Recht, anderes Unrecht als Unrecht zu bezeichnen, denn nur unsere Verbrechen waren wirklich perfekt. Das ist krank. Ja. Natürlich ist es verbal dumm, von einem „Babycaust“ zu sprechen. Abgesehen davon, dass dies auch wieder nur eine extrem kleine Anzahl von Menschen tut, ist es aber noch dümmer, aus solchen Vokabeln eine allgemeine Ablehnung der Pro-Life-Bewegung herzuleiten. Denn dass Millionen Unschuldiger umgebracht werden damals wie heute, ist eine hinreichend einsichtige Analogie, ob taktvoll, notwendig oder gut ist eine andere Frage.

Das zweite ist das „Vermies mir nicht mein Essen“-Argument: Hier wird die Legitimität angezweifelt, weil manche Menschen zu drastischen Bildern greifen, um das Grauen der Abtreibung deutlich zu machen. Nun sind diese Bilder ja nicht erfunden oder künstlich grausam gestaltet. Abtreibung ist ein Gemetzel. Definitiv habe ich ein Recht darauf, mir solche Bilder nicht angucken zu müssen. Ich bin auch ärgerlich, wenn Veganerfreunde meinen, Kükenschredderbilder zu posten. Ich ertrage das nicht und esse trotzde mein Frühstücksei. Ja. Aber ich behaupte nicht, der Veganer sei Schuld an meinem Unwohlsein. Schuld an meinem Unwohlsein sind meine Trägheit, die zu einem schlechten Gewissen führt, und die Tötungsindustrie. Der Skandal an den drastischen Bildern der Abtreibung ist nicht, dass solche Bilder existieren oder verbreitete werden, sondern, dass Menschen Menschen so etwas antun, und dass Menschen wie Fabian M. durch ihre verantwortungscheuenden Beiträge andere zum Nichtsstun animieren.

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