Heldenhaft scheitern – Zeugnis geben für Dummies

Es ist gute Tradition, große Sportevents zur Darstellung starker symbolischer Gesten zu nutzen. Ich finde das grundsätzlich vor allem deshalb gut, weil es verboten ist: Wir alle sollen der finanziell gut gepolsterten „Weltverbrüderung-durch-Sport“-Ideologie glauben, aber bitte doch nur so, wie von IOC, FIFA und co. domestiziert und kontrolliert. Daher finde ich es gut, immer mal eine Prise Individualismus hineinzubringen und etwas, das einem wirklich wichtig ist, auch deutlich zu machen. Ob man sich damit dann solidarisiert oder einen Shitstorm entfacht, ist dann Sache der Zeugen des Zeichens. Was würden die Listen der berühmtesten Fotos der Geschichte wohl machen ohne den „Black Power“-Gruß bei den olympischen Spielen 1968? Allerdings gibt es auch Abnutzungseffekte, und Pathos will gelernt sein. Neymar hat es mal wieder mit Jesus versucht, und das finde ich dann doch nicht so ganz gelungen, und zwar abgesehen von der Banalisierung des Glaubens, wenn das Missverständnis aufkommen könnte, Jesus sei vor allem dazu da, bei Gewinnen von Wettkämpfen zu helfen.

Ich gebe zu, auch ich habe ein Problem damit: Als durch und durch pathetisch und heroisch gestimmter Mensch habe ich etwas übrig für die heldenhaft-kämpferische Darstellung des eigenen Glaubens. Aber: Unsere Mitmenschen gehen (zu recht) davon aus, dass, wer sich als Kämpfer für Christus inszeniert, auch bei näherer Betrachtung noch als Christ durchgeht.

Wenn also geistgeküsste brasilianische Pfingstfußballer sich ein Banner mit „100% Jesus“ auf die Stirn klatschen, dann sollten sie sich überlegen, ob, so wie Christus sie mit seinem Namen adelt, sie auch Christus durch ihr Tun glorifizieren. Ein weithin bekannter Steuerskandal ist da vielleicht nicht die beste Idee und sollte vielleicht eher zur Vorgehensweise „In die Kammer gehen, Tür abschließen und Gott bitten“ anregen. Es mag ja sein, dass Neymar ständig vor Augen steht, dass er ein tönernes Gefäß ist. Aber woher bitte sollen das Nichtchristen wissen? Unser Glaubenszeugnis muss sich also in erster Linie durch Demut auszeichnen: Nicht „Ich bin gesund und du bist krank“, sondern „Ich bin krank, aber ich weiß, wo es zum Arzt geht.“ Überhaupt zeichnet sich Christsein erst einmal doch dadurch aus, dass man die Krone des Königskinds schleunigst richtet, sobald man gestolpert ist. Heroisches Scheitern könnte man das nennen: Wir haben eine hohe Hürde, die wir erreichen wollen: Wir schämen uns nicht, das hehre Ziel zu benennen, aber wir stellen uns selbst und vor allem der Verkündigung ein Bein, wenn wir uns selbst als dem Ziel allzu nah inszenieren. Es ist sogar „crucial“, dass wir ständig und penetrant darauf hinweisen, dass Christen, nein, wir, nein, ICH, ständig scheitern an unseren eigenen Maßstäben. Das ist wichtig, weil es heute einen Begriff gibt, der vor allem im Englischen gerne und viel gebraucht wird von Glaubenskritikern jeder Couleur, den Begriff der „Bigotterie“. Mit „bigott“ wird aber eigentlich das Aufstellen von Maximen bezeichnet, die man bei anderen mit Härte einfordert, selbst aber nicht bringen will. Der Begriff bezeichnet also eine Unehrlichkeit. Derzeit wird aber nicht mehr unterschieden zwischen dem, was der Mensch für richtig erkannt hat, aber nicht kann, und dem, was er fordert, aber gar nicht erfüllen will. Tatsächlich kann ich aber selbst, obwohl ich vielleicht Alkoholiker bin, meinem Kind sagen, dass es die Finger vom Alkohol lassen soll. Das ist keine Bigotterie, es ist Fürsorge und Wissen um die eigene Schwäche. Laut Atheo-Neusprech ist es aber bereits Bigotterie, etwas einzufordern, was man selbst nicht erfüllt, weil ein ambitioniertes aber unrealistisches Menschenbild angenommen wird. Der Mensch ist eben durchaus fähig, die Richtigkeit dessen zu erkennen, was er zu tun nicht (oder noch nicht) im Stande ist. Hier hat man die Preußenmaxime „Nicht können ist nicht wollen“ übernommen und tut so, als sei dies grundsätzlich bereits unehrlich. Unehrlich und bigott sind wir aber erst, wenn wir so tun, als würden wir erbringen, was wir von anderen einfordern, während wir, bewusst oder unreflektiert, selbst das Gegenteil leben, ohne selbst nach dem zu streben, was wir fordern.

Nun ist es zugegebenermaßen nicht leicht (und auch nicht angebracht) vor anderen Menschen die eigene Sündhaftigkeit breit und detailliert darzulegen. Darum gibt es kollektive Zeichen, die die Sündhaftigkeit eigentlich zu Genüge darstellen. Nebst den individuellen – Erweckung von Reue, Bußen, etc., die aber in die Kategorie „zwischen Gott und mir“ fallen, also auch nicht detalliert anderen geschildert werden.

Wir müssen hier also auch unserem Auftrag zur Richtigstellung falsch verwendeter Begriffe gerecht werden und immer wieder beharrlich deutlich machen, dass Erkennen und Tun idealerweise identisch sein sollten, es aber de facto nicht sind – und dass Ehrlichkeit und Authentizität im freimütigen Bekenntnis des Grabens zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegen, nicht in der Reduzierung des Wahrheits – und Wahrhaftigkeitsanspruchs. Stellen wir uns nur kurz eine Gesellschaft vor, in der nur noch gefordert werden darf, was man selbst umsetzen kann! Grauenhaft!

Deshalb bin ich Neymar nicht böse: Jeder von uns hat den Anspruch „100% Jesus“, und das ist gut so. Aber man sollte beim Display dieses Anspruchs vorsichtig sein, in welchem Rahmen man ihn darstellt. In der Versammlung und in der Gemeinde, oder unter den Zelten Kedars? Letztere werden das zwangsläufig missverstehen. Ein evangelistischer Stolperstein, der zu vermeiden wäre.

Es gibt auch noch eine leicht andere Nuance in diesem Kontext: Ich kenne auch Katholiken, die sich als katholisch darstellen, dann aber lauter Häresien verbreiten. Oder besonders freizügig und extra unanständig sind. Oder besonders aus dem Ruder laufen, wenn eine Party ist, um zu zeigen „wir sind nicht so, und der leeve Jott auch nicht“. Die sagen „Ach, das ist alles nur symbolisch gemeint“ etc etc. So entsteht ein völlig krudes Bild von dem, was katholisch ist, und der, der es auf sich nimmt, das Bild zu korrigieren, ist zwangsläufig Fanatiker. Wenn wir also Monstranzen sind, durch die Christus in der Welt gezeigt wird, dann muss uns das natürlich einerseits zu einem entsprechenden Lebenswandel animieren, aber wir müssen auch klar sagen: Wir halten uns nicht selbst für die Hostie! Je deutlicher wir das sagen, desto zuverlässiger verkünden wir Jesus in unserer Schwäche. Das ist viel schwieriger, als der Held zu sein, der das Rennen gewinnt, denn es ist diffizil, die Wahrheit im dunklen Spiegel offenbar zu machen!

Ich habe das selbst schmerzhaft lernen müssen. Tatsächlich weiß man als Christ ja nur allzu gut um die eigene Sündhaftigkeit, aber dies ist eben viel schwerer zu vermitteln, da der Christ sich ja dann trotzdem rühmt, bloß eben des Herrn. Das wird logischerweise von Nichtchristen nicht verstanden, denn sie kennen den betreffenden Christen, aber eben nicht den Herrn! Außerdem halten sie im Zweifelsfall unseren Gott ohnehin für eine Projektion, und meinen dann natürlich, dass wir, wenn wir von Gott sprechen, eigentlich uns selbst meinen.

Sparen wir uns also martialische Superchristengesten für den Moment, wenn der IS-Scherge seine Waffe auf uns richtet. Dann ist „Viva Cristo Rey“ angebracht, und wir können uns sicher sein, dass man unser Zeugnis dann nicht mehr nicht umwandelt in ein Zeugnis gegen uns!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s