Miss Fisher vs. the Pope: Ein Beitrag zur apologetischen Hausapotheke

Ich bin als Antimainstreamler grunddisponiert. Ich fange immer erst an, wenn der Hype vorbei ist, die Dunstwolken sich aufgelöst haben, und der Mehrwert einer Sache sicherer bewertet werden kann. Diese Haltung hat mir die Lektüre der Hälfte der Harry Potter-Romane erspart, verschont mich mit WhatsApp und Rumgezwitscher, das ich den echten Spatzen überlasse.

Nun habe ich, seit Beginn meines Studiums erfolgreich und glücklich fernseherlos, beschlossen, spät aber mit Verve auf den Zug des Internetstreamings aufzuspringen in Form eines Netflix-Probeabos. Ausschlaggebend ist eine Sucht, die ich hiermit verschämt öffentlich mache: Ich bin süchtig nach Midsomer Murders, einer englischen Krimiserie, die typisch skurril und einfach nur liebenswert ist. Nachdem ich mich durch 16 Staffeln geguckt hatte, war ich auf der Suche nach einer neuen Wohlfühlkrimiwelt, und nachdem mir von mehreren Seiten „Miss Fisher’s Murder Mysteries“ empfohlen worden waren, beschloss ich, es einmal auszuprobieren.

Miss Fisher’s Murder Mysteries vereint einige Vorteile: Es spielt in den 20ern, ist also Retro und Vintage. Glanz und Glamour der Roaring Twenties, Swing-Musik, und lauter schöne, dekadente Dinge. Es ist skurril. Die Charaktere sind liebenswert und schrullig. Perfektes Krimivergnügen. Wäre da nicht – nun ja. Von britischen Krimis ist man Antiklerikalismus ja gewöhnt. Gute Pfarrer werden ermordet und entpuppen sich in 90% der Fälle als doch nicht so gute Pfarrer, und grundsätzlich sind die scheinheiligen und heuchlerischen Charaktere die mit offen zur Schau getragenem Taufschein. Und als intrigenverseuchte geschlossene Gesellschaften eignen sich Kirchen, Klöster und Pfarrgemeinderäte natürlich in besonderem Maße.

Dagegen habe ich grundsätzlich gar nichts: Genauso wie es mich langweilen würde, wenn der Schwarze, der Ausländer oder der Schwule immer nur „gute“ Charaktere wären, würde es mich langweilen, wenn, ganz entgegen der Realität, die Serienkirchen nur so überfüllt wären von integeren und heiligmäßigen Gläubigen.

Bei Miss Fisher aber fiel mir nun ein Motiv auf, das gleich zu Beginn der Serie vorgestellt wird, und eigentlich hochgradig witzig wäre, wenn man nicht wüsste, dass es auf einem völlig unhaltbaren Vorurteil beruht. Die in der ersten Folge angeworbene kleine Helferin der selbsternannten woman detective ist katholisch – und offenbart ihre Angst vor Elektrizität, weil ihr Priester ihr gesagt habe, dass es „unnatürlich“ sei, und die Welt irgendwann explodieren würde, wenn man mit der Erfindung elektronischer Geräte so weitermache. So weit so witzig, zumal die verängstigten Rehaugen, die das Telefon anstarren, einfach köstlich sind.

Grundlage ist hier aber das Vorurteil, die katholische Kirche sei neuerungs- und wissenschaftsfeindlich. Das Gemeine an diesem Vorurteil ist, dass Skepsis gegenüber Wissen und Forschung, alle christlichen Denominationen betrachtet, für kaum eine Konfession so wenig gilt, wie für den Katholizismus. Ich erinnere zum wiederholten Male an die von der katholischen Kirche errichteten Universitäten und Schulen: Gottes Schöpfung zu durchdringen, durch Wissen zu einer größeren Einsicht in die Größe Gottes, zu tieferem Glauben und zu größerem Lobpreis zu gelangen, ist ein durch und durch katholisches Motiv.

Zahllose Erfindungen, Theorien und Entwicklungen sind auf die Tätigkeit katholischer Wissenschaftler, sehr häufig Mönche oder Priester, zurückzuführen. Spannenderweise wird bei der Nennung der Namen normalerweise der geistliche Stand der Person unterschlagen.

Zwei besonders augenfällige Beispiele: Mendel, der Begründer der Genetik, ist nun wirklich jedem bekannt. Dass er dies allerdings in seiner Eigenschaft als Abt war, und dass die Grundlagen der Genetik in einem Klostergarten herausgefunden wurden, ist eher nicht in den Schulbüchern zu finden. Und gänzlich katholisch ist auch die Urknall-Theorie – formuliert vom katholischen Priester Lemaitre, und übrigens von seinen Kritikern spöttisch ablehnend so benannt.

Es lohnt sich, für die kleine apologetische Hausapotheke einige Internetlisten parat zu haben. Etwa diese oder diese – wobei man eigentlich auch eine Liste mit „Mothers of science“ bräuchte, denn auch Nonnen und andere Katholikinnen sind für wissenschaftliche Errungenschaften verantwortlich. Spannend ist auch die Wikipedialiste, der allerdings „weasel words“ und Mangel an Distanz vorgeworfen werden – was schwer nachvollziehbar ist, da es sich um eine Auflistung von nachprüfbaren Fakten handelt: Namen und die Errungenschaften, die mit dem Namen verbunden werden. Aber wahrscheinlich ist jeder Text, der sich mit katholischen Errungenschaften beschäftigt, per se zweifelhaft…

Nebenbei bemerkt: Es fällt auf, dass man beinahe immer englische Quellen aufsuchen muss, wenn man irgendetwas über die katholische Kirche erfahren will, was über allgemeine preußisch-kulturkampfmotivierte Vorurteile hinausgeht! Soviel zum Thema „Wissenschaft und Objektivität“.

Der Beitrag von Katholiken zur Wissenschaft ist nicht nur wichtig in der Auseinandersetzung mit ewiggestrigen Antikatholiken. Das Perfide an Verleumdung ist, dass sich das Opfer bei entsprechender Intensität der Verleumdung mit den Vorwürfen identifiziert. Einige Katholiken haben sich das gegen sie aufgestellte Vorurteil zu eigen gemacht und verwechseln Modernismus mit Moderne. Auch in diesem Bereich ist es gut, auf die Legionen guter Katholiken hinzuweisen, die die Wissenschaft dorthin gebracht haben, wo sie heute stehen würde, wenn nicht relativistische Atheisten versuchen würden, sie herabzuwürdigen zu einer ideologischen Verdummungsfabrik.

Dass im Hinblick auf Wissenschaft, und – shame on you, Miss Fisher – insbesondere im Bereich des stereotypen Feindbilds Elektrizität keine Berührungsängste bestanden, zeigt sich geradezu rührend an der Akzeptanz und Förderung von Funk und Film im Vatikan:

Beide wurden bereits kurz nach ihrer Entstehung in ihrem Potenzial zur Verbreitung des Glaubens erkannt – Pläne für eine Radiostation gab es im Vatikan bereits 1925, 1931 wurde sie offiziell in Betrieb genommen. Obwohl die Kirche mitten im Kampf gegen den Modernismus stand, zeigen die erste Radioansprache Pius‘ XI., Filmaufnahmen, die Pius XII. beim Segnen in die Kamera zeigen, aber auch die ersten Film- und Tonaufnahmen von Papst Leo XIII. noch vor der Jahrhundertwende (!), dass hier wirklich der „ismus“, nicht die Moderne bekämpft wurde. Durch Radio und Film auch weit entfernte Menschen mit seinem Segen erreichen zu können – was für ein hoffnungsvoller Gedanke für diese Päpste!

Die Geschichte der Elektrifizierung des Vatikan beginnt übrigens 1897. Wenn also im Australien der 20er ein katholisches Dienstmädchen Angst vor dem Telefon hat, dann kann das kaum an einer katholischen Einstellung liegen.

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2 Kommentare

  1. Dass jemandem Miss Fisher gefallen kann, ist ja auch irgendwie tröstlich. Ich fand die Serie vor allem wegen der Dialoge kaum auszuhalten, aber irgendwie so bemitleidenswert, dass ich ihr auch Freundinnen gönne.
    Twitter hingegen lohnt nach meiner Erfahrung einen gelegentlichen Besuch. Es kommt wie bei eigentlich allen solchen Systemen sehr drauf an, wen man liest, naturgemäß. Aber sowas wie #hängewieeinstorchanfilmtitelan ist in meinen Augen schon eine signifikante Bereicherung der Welt.
    (Und in meinem Biologiebuch stand übrigens, dass Mendel Abt war und im Kloster geforscht hat, und so.)

    • 😀 Ich wusste auch erst nicht, ob ich es witzig oder dümmlich finde. Habe mich für witzig entschieden, weil das Plakative meiner Einschätzung nach gemeint und nicht „passiert“ ist. Aber ich kann auch gegenteiliger Einschätzung nichts entgegensetzen 😉

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