Evangelisation statt Burkaverbot

In der letzten Zeit häufen sich Diskussionen um ein Burkaverbot. Das Thema ist komplex, und man ist geneigt, die Frage zu verengen auf die beiden Pole „für Burka“ und „gegen Burka“.

Zuerst einmal muss man, um Strawman-Argumenten aus dem Multikultilager vorzubeugen, klarstellen, dass es sich bei einem Gesetz, das als „Burkaverbot“ in den Volksmund eingehen würde, um ein Gesetz handelt, das „Vollverschleierung“, also Verschleierung des ganzen Körpers inklusive eines irgendwie gearteten Gesichtsschleiers, meint, nicht einfach nur die Burka. Das sackartige Gewand in den schmeichelnden pastelligen Nuancen zwischen taubengrau und taubenblau ist die afghanische Version der Vollverschleierung, viel öfter finden wir aber in Europa arabische Formen der Vollverschleierung. Die verschiedenen Formen haben natürlich alle Namen, und um die Deutungshoheit des Islam und des arabischen Kulturkreises zu unterstreichen, kann man sie alle googeln und lernen, aber man kann es auch einfach Vollverschleierung nennen und hat damit der Differenzierung meiner Ansicht nach Genüge getan. Also, im Folgenden werde ich nicht von einem Burka-Verbot sprechen, denn ansonsten tönt es aus allen Himmelsrichtungen, dass „es ja gar keine Burkas auf deutschen Straßen“ gäbe, was stimmt, keine Burkas, aber eben Vollverschleierung, und darum geht es.

Nun kann ich ganz klar sagen: Ich bin gegen ein Gesetz zum Verbot von Vollverschleierung. Und um dem Differenzierungswahnsinn noch eins draufzusetzen: Ich bin ebenso eindeutig gegen Vollverschleierung. Ja, da kratzt sich der deutsche Michel jetzt ratlos am Kopf. Gegen das Gesetz zum Verbot dessen, gegen das ich bin?! Der Deutsche liebt es, sich das Gefühl zu geben, seine Probleme würden sich lösen, wenn sie nur gesetzlich geregelt würden. Und ich meine: Unser Problem ist gravierend, aber Gesetze sind keine Lösung.

Gute Gründe für ein Verbot

Nun spricht einiges für ein Verbot der Vollverschleierung:

  • Vollverschleierung ist kein religiöses Gebot des Islam, sondern eine extremistische und chauvinistische Auslegung des Gebots zur Verhüllung.
  • Sie kennzeichnet die Frau als Besitz, über den die Ehre des Mannes definiert wird.
  • Sie sanktioniert den weiblichen Körper und
  • ist somit auch männerfeindlich, da ihre „Notwendigkeit“ den Mann zum triebgesteuerten Monster degradiert.
  • Sie soll das Weibliche unsichtbar machen, marginalisieren, raubt ihm Stimme und Gesicht.
  • Sie ist unpraktisch und unbequem.
  • Frauen werden entweder direkt  durch Individuen (durch Drohung, Befehl, Druck) oder indirekt durch sozialen Druck oder sogar durch ihre „Selbsterniedrigung“, ihren eigenen, durch patriarchalisch-islamische Erziehung indirekt oktroyierten Wunsch (also einen unfreien freien Willen) dazu gezwungen, sich voll zu verschleiern. Das kann eine offene Gesellschaft nicht dulden.

All diese Punkte treffen definitiv zu. Sie rechtfertigen dennoch kein gesetzliches Verbot. Ich muss nicht auf jeden Punkt erschöpfend eingehen. Aber viele sind Ansichts- und Empfindungssache. Ich empfinde etwa Hosen als unbequem und klettere auch auf Berge mit Rock. Das würde mancher Emanze bereits als Unterwerfung unter ein patriarchales System vorkommen, während sie sich stolz in viel zu enge Hosen quetscht, weil sie es kann. Allerdings würde sie nicht so weit gehen, Röcke verbieten zu wollen, und ich würde kein bundesweites Gesetz gegen Frauen in Hosen auf den Weg bringen – obwohl ich meiner Ansicht nach ein Recht dazu hätte, denn von einer Frau in Skinnyjeans fühle ich mich regelmäßig beleidigt: Sie beleidigt meinen barocken Schönheitssinn und lässt mich meiner überflüssigen Pfunde innewerden, und das ist non-inclusive, und weil ich schwarz bin, auch noch rassistisch, und wegen meines Migrationshintergrundes ist es rechtsextrem. Dennoch dulde ich auch das Mädel in Skinnyjeans, so schwer es mir fällt.

Bevor wir zum Ernst zurückfinden, möchte ich einen kleinen Einwand noch abhaken: Den weitaus größten Anteil vollverschleierter Frauen bilden Touristinnen. Schön, wenn sie den Schleier ablegen müssen und mal Münchner Freiheit und Berliner Luft schnuppern, aber das eigentliche Problem wird dadurch nicht gelöst.

Liberalität als Grundpfeiler unserer Ordnung

So, in medias res: Ich kann gegen ein Verbot der Vollverschleierung zum einen aus unserer Gesellschaftsordnung heraus argumentieren:

Es besteht die Möglichkeit, dass sich eine Frau freiwillig verschleiert. Beim normalen Schleier wissen wir und sehen wir täglich, dass ihn Mädchen tragen, deren Mütter ihn nicht tragen. Hier kann der Schleier also abgesehen von einem religiösen Symbol ein Mittel zur Abgrenzung sein, oder was auch immer. Klingt seltsam, aber Jugendliche grenzen sich mit blauer Haarfarbe oder Tattoos oder Piercings ab, also so what? Es kann auch Ausdruck des Wunsches sein, sich der die Frau zum Sexualobjekt erniedrigenden säkularen Ordnung zu widersetzen. Etwa so, wie der evangelikal-traditionalistisch-katholische wadenlange Rock. Nun gibt es Menschen, wie etwa Maximilian Krah, die im wadenlangen Rock eine Verletzung der Menschenwürde sehen. Das können sie gerne tun. Aber sie können nicht verlangen, dass er verboten wird, nicht einmal, wenn sie ihn als Beleidigung ihres Geschmacks und als Eingrenzung des Rechts auf Nichtkonfrontation mit wadenlangen Röcken empfinden.

Wir können nicht Küchen verbieten, weil es Männer gibt, die Frauen darin einsperren, die Küche also potenziell und praktisch ein Raum der Unterdrückung ist. Wir können nicht verbieten, dass Frauen putzen, obwohl die putzende Frau nicht selten ihrem Mann und ihren Kindern alles hinterherräumt und in ihrer Freiheit gravierend eingeschränkt ist. Wir können die Pantoffeln und das Bier, die die gute Hausfrau ihrem Mann hinstellt, nicht verbieten. Nicht einmal Fesselspiele und Sadomaso sind verboten, obgleich mit einem reellen Risiko behaftet, einem der Partner Schaden und Verletzung zuzufügen. Obwohl man als Christ weiß, wie schädlich außerehelicher Geschlechtsverkehr für die Psyche, die Vertrauensfähigkeit und die Bindungsfähigkeit sein kann, plädieren wir nicht für Auspeitschungen für unverheiratete Pärchen. Kurz: Unsere Gesellschaft versucht, so weit wie möglich einem Individuum die Freiheit zu lassen, zu tun, was es will, solange anderen nicht geschadet wird, und selbst da gibt es einen Spielraum.

Würden wir etwas verbieten, weil es aus Zwang angewendet werden kann, würden wir, um unseren Freiheitsbegriff durchzusetzen, die Freiheit nehmen, sich zu kleiden, wie man mag: Eine durchaus wichtige (und mit Blick auf die Geschichte der Menschheit keineswegs selbstverständliche!) Freiheit, über die wir glücklich und dankbar sein sollten. Wir würden also unsere eigene Liberalität als reine Heuchelei entlarven: Wir sind liberal, weil und solange Liberalität unsere Meinung wiedergibt. Sobald einer anderen Meinung Duldung (also: Toleranz) winken soll, setzen wir unsere liberalen Werte außer Kraft. Das sollte niemanden wundern, schließlich weiß man nicht erst seit gestern, dass unsere Gesellschaft gar nicht liberal ist, und der freiheitliche Charakter in „freiheitlich-demokratisch“ ein Feigenblatt, das tiefsitzende illiberale Tendenzen kaschiert.

Prägungen

Ein gerne vorgebrachtes Argument ist, dass ja die muslimische Frau durch die sozialen Einflüsse so geprägt sei, dass sie sich ja gar nicht mehr „frei“ im Sinne des Erfinders entscheiden könne. Aber wann ist eine Entscheidung frei? Dieses Argument klingt verdächtig nach gewissen Strömungen, die danach rufen, die Prägungen des Menschen zu verhindern, damit das Individuum maximal frei entscheiden kann. Zu diesen Ideologien gehört z.B., Mädchen nicht mit Puppen spielen zu lassen, damit ja nicht eine „weibliche“ Prägung entsteht, die das Kind später daran hindert, Lastwagenfahrer, Mann oder Katze zu werden, wenn es das denn möchte. Natürlich sind gewisse Prägungen gefährlich, ungünstig, pathologisch verdächtig, bis hin zur Verstümmelung des freien Willens. Aber hier aufgrund eines säkularen Menschenbilds eine Entscheidung zu treffen, die eine Prägung als schädlich definiert, ist eine heikle Angelegenheit.

Ein Mensch ist immer zahlreichen Prägungen ausgesetzt. Wenn in einer Gesellschaft das Abschneiden der Haare ein Schandmaul darstellt, dann wird man eine Frau nicht davon überzeugen können, sich die Haare abzuschneiden. Und das ist in Ordnung. Gesellschaftliche Prägung ist normal, und sie wird nicht über Gesetze reguliert, sondern über ein Umfeld. Einer solchen Frau kann man in einer Gesellschaft der Bubiköpfe Frauen vorstellen, die tugendsam und unbezopft sind, man kann sich unterhalten, man kann eine Atmosphäre schaffen, in der deutlich wird, dass wir Frauen mit kurzen Haaren ehren und achten, und so kann sich ein individuelles Konzept verändern. Ein Gesetz, dass das Abschneiden der Haare befehlen würde, würde man sofort als unrechtmäßige Zwangsmaßnahme geißeln. Und schauen wir in die Türkei: Dort wurde über Nacht der Schleier verboten – und zwar auch das einfache Kopftuch in öffentlichen Gebäuden etc. Geführt hat es zu einer tiefen und nachhaltigen Spaltung der Gesellschaft zwischen denen, die mitkamen und denen, die zurückblieben, und zu einem nicht verarbeiteten, traumatischen Umbruch der überkommenen Ordnung, der einen geradezu verwundern lässt, dass der Rückfall erst jetzt kommt. Man sieht daran, dass selbst 100 Jahre verordneter Laizismus nicht die Köpfe verändert, wenn er auf Zwang beruht!

Zudem zeigt sich hier ein Problem, auf das ich später noch einmal eingehen werde: Unseren Bikini- und Minirockbekleideten Mädchen und Frauen wird von der Gesellschaft nicht die Achtung zuteil, die ihnen gebührt. Wenn eine Muslima aber durch Prägung, Gehirnwäsche oder eigene Meinung der Ansicht ist, dass sie durch den Schleier geachtet wird, kann man sie vom Gegenteil nur überzeugen, wenn unser Umgang mit unverschleierten Frauen und Mädchen so ist, dass sie sich wünschen kann, ebenso behandelt zu werden. Denn es gibt durchaus nicht nur Opfer, es gibt auch genügend Islamistinnen. Und wenn Sie eine verschleierte Frau fragen, warum sie das macht, wird sie sagen, weil sie sich dann respektabler fühlt. Hier handelt es sich um die Pervertierung einer Wahrheit: Verhüllung ist ein Schutz, und Verhüllung ist auch ein Anzeichen für Heiligkeit, ein Hinweis darauf, dass hier Respekt und Achtung angebracht sind (s. dazu gerne meinen Beitrag über die Mantilla). Dies sind erst einmal allgemein menschliche Tatsachen. Darum ist auch gerade der Schleier für Konvertitinnen so anziehend. Für viele Frauen ist es gar kein Problem, diesen Charakter der Verschleierung an sich wahrzunehmen, und die Vollverschleierung ist eben eine Pervertierung des richtign Grundgedankens, wie so vieles im Islam!

Ich bin absolut gegen Vollverschleierung. Wenn ich auf der Straße vollverschleierte Frauen sehe, fühle ich mich unwohl. Ich habe mich nicht unwohl gefühlt, als ich solche Frauen in den islamischen Vierteln Istanbuls gesehen habe, oder in der Altstadt Jerusalems. Warum? Weil ich als Gast in der dortigen Kultur kein Problem damit hatte, mich anzupassen und das Erscheinungsbild der Menschen so zu akzeptieren, wie es nun einmal war. Hier dagegen ist es ein Mittel zur Abgrenzung gegen die Mehrheitskultur, und das passt mir nicht. Aber dass es mir nicht passt, kann kein Grund zum Verbot sein, denn mehr als eine bestimmte Kleidung gehört zu unserer Mehrheitskultur die Diversität.

Die säkulare Agenda: Ein Wolf im Schafspelz

Womit wir zu einer ganz anderen Argumentationslinie kommen, die nicht mehr für die Gesellschaft als solche, sondern für die Christen wichtig ist.

Wer die Vollverschleierung verbieten will mit dem Hinweis auf unsere (abweichende) kulturelle Prägung und auf die Akzeptanz der geltenden kulturellen Regeln, der schleppt sich selbst das trojanische Pferd ein, das seine Kinder einmal bitter beklagen werden. Dem Christen mag es entgangen sein, aber unsere Mehrheitskultur ist nicht mehr christlich. Wie es die Französische Revolution eindrucksvoll und nachhaltig vorexerziert hat, ist eine christlich begründete Staatsordnung in Europa kein Muss. Außerdem waren verschiedene Formen der Verschleierung in Europa bis ins 20. Jahrhundert hinein üblich. Wer also so argumentiert, muss höllisch aufpassen, dass er nicht säkulare Muster nutzt, die sich gegen ihn ebenso anwenden lassen.

In Frankreich wurde nun ein Dekret erlassen,  dass besagt, der „Zutritt zum Strand und das Baden sei Menschen verboten, die ‚keine korrekte Kleidung tragen, die die guten Sitten und die Laizität respektiert(…)'“Eine Renaissance des Jakobinertums im Jahre 2016, und niemand ist beunruhigt? Seit wann ist Kleidung verfassungsgemäß? Und seit wann ist die Verfassung der Götze, dem ich huldigen muss?

Wann wird es ein nicht hinzunehmender Eingriff in die Freiheit der Frau sein, einen Habit zu tragen, im Kloster zu leben, keinen Minirock zu tragen? Ich komme aus einer atheistischen, materialistischen Welt. Ich weiß, was man über Christen sagt. Christen haben ein psychotisches, pathologisches Verhältnis zur Sexualität, sagt man da. Ich bitte, die krasse Wortwahl zu entschuldigen, aber ich glaube, dass es vielen Katholiken nicht ganz klar ist: Eine nicht unverbreitete Meinung ist, dass etwa kein Sex gesundheitlich schädlich sei (ich verweise in dieser Hinsicht auf den in Bezug zu südländischem Hang zu sexuellen Übergriffen mittlerweile allen Ernstes geprägten Begriff „Sexualnot“), und dass bekennende Christen einfach mal gut durchge* werden müssten, um wieder normal zu werden. Sie halten das für geschmacklose Übertreibung meinerseits? Nein. Das ist es nicht. Ich habe das bereits sehr oft gehört, und es wurde mir übrigens auch schon wortwörtlich so gesagt, und zwar wohlmeinend. Und wohlmeinend sind Sie wohl auch, wenn Sie der muslimischen Frau die Freiheit wünschen, oder?

Unsere Vorstellung von einer menschenwürdigen, guten Gesellschaft gilt anderen als totalitär, patriarchalisch im negativen Sinne, pathologisch. Und wenn das die Mehrheitsmeinung ist, ist es irrelevant, ob sie mit der Realität etwas zu tun hat. Wann also soll vorehelicher Geschlechtsverkehr, der bereits Norm ist, zur Pflicht werden, weil es eben unserer Kultur entspricht? Wann wird der Zölibat verboten? Oder nehmen wir ein weniger drastisches aber nicht weniger bedeutsames Beispiel: Was ist mit der öffentlichen Darstellung unseres Glaubens? Was ist mit dem Kreuz? Das Kreuz ist ein widerliches Folterwerkzeug, der Ausweis einer den Menschen knechtenden Religion – so sagen Bekannte von mir – und sollte daher aus dem öffentlichen Raum verschwinden. Wann also wird mit dem Hinweis darauf, dass nur Gehirnwäsche und Indoktrination den Christen zum Christen machen, das Kreuz verboten werden? Die jüngere Geschichte kennt genügend Beispiele, in denen genauso gehandelt wurde. Es handelt sich also weder um eine Übertreibung noch um eine pessimistische Zukunftsvision, sondern um die realistische Einschätzung des Gefahrenpotenzials eines staatlichen Säkularismus. Als in Mexiko Anfang des 20. Jahrhunderts eine antikatholische Regierung (leider muss man das englische Wikipedia bemühen – das deutsche macht der unwissenschaftlich-antikatholischen Haltung alle Ehre und informiert praktisch nicht) an die Macht kam, wurde der Katholizismus de facto verboten. Und haben Sie sich schon einmal gefragt, wieso französische Nonnen Anfang des 20. Jahrhunderts ausgerechnet in England landeten? Nun, weil die antikatholischen Gesetze des Landes die Klöster aufgehoben hatten (zum wiederholten Male seit der Revolution). Vom Kommunismus müssen wir wohl nicht reden – und man sollte bedenken, wie stark sublimierte marxistische Überzeugungen unser Land prägen!

Nun ist einem Christen der unermessliche Unterschied zwischen Islam und Christentum klar: Im Katholizismus besteht die ganze Fülle der Wahrheit, der Islam hat nur ein paar Krumen davon. Aber machen Sie sich nicht lächerlich: Mit welchem Druckmittel, mit welchem Argument könnten wir einen Staat, eine Mehrheitsgesellschaft davon überzeugen, dass dem so sei? Seit über einem Jahr versuche ich einem befreundeten Atheisten den qualitativen Unterschied zwischen Islam und Christentum deutlich zu machen, ohne Erfolg. Sein Schlusssatz ist regelmäßig, dass beides insofern gleich sei, als dass beide auf derselben Unwahrheit (Lüge) beruhen von der Existenz eines Gottes. Wenn diese Weltsicht beginnt, sich in ihrer illiberalen Ausrichtung durchzusetzen, dann wird zwischen Christentum und Islam kein Unterschied gemacht werden.

Unter ein Joch gespannt mit Säkularen?

Es ist zugegeben sehr komfortabel, zu meinen, man könne nun mal mit der Mehrheit zusammenarbeiten, gemeinsam die muslimische Frau befreien und sich vom Joch des Islam freihalten. Der Feind meines Feindes ist aber noch nicht mein Freund, schon gar nicht, wenn seine Agenda zwangsläufig mich als nächstes in die Schusslinie setzt.

Natürlich gäbe es Kniffe und Winkelzüge: Vielleicht kann man den Gesichtsschleier verbieten, weil er eine „Vermummung“ darstellt. Dann aber müssen dieselben Bußen den linksextremen Spinnerten auferlegt werden, die sich ihre Palästinensertücher vors Gesicht ziehen. Dann darf ich mir im Winter den Schal nicht mehr über’s Gesicht ziehen. Aber ganz ehrlich: Wen wird das täuschen? Niemanden.

Es gibt unterschiedliche Gründe, sich voll zu verschleiern, und im Grunde bezieht sich ein Verbot auf zwei möglich Beweggründe: Die Frau wird gezwungen, oder, sie will damit eine verfassungsfeindliche Aussage machen. Im ersteren Fall ist die Frau aber theoretisch durch unsere Gesetze ohnehin geschützt- wenn diese nicht durchgesetzt werden, dann wegen der Multikultipolitik der letzten Jahrzehnte. Diese Politik hat eine Kultur der Handlungsweisen akzeptiert, die wir nicht hätten akzeptieren dürfen. Sie hat dazu geführt, dass unsere Gesellschaft Parallelgesellschaften zugelassen hat, die Vollverschleierung jetzt natürlich für sich nutzen. Aber ganz ehrlich: Würden auf 30.000 Einwohner einer kleinen Stadt 5 Vollverschleierte die Freiheit gefährden? Nein. Nicht einmal dann, wenn sie gleichzeitig verfassungsverachtende Salafisten wären. Jedenfalls, wenn die Gesellschaft ihre Werte nicht preisgibt. Unsere Gesellschaft ist nicht verletzlich durch Burkas oder Tschadors, sondern, weil ihre Werte auf tönernen Füßen stehen! Außerdem ist die Frage, inwieweit nun der Gesichtsschleier tatsächlich eine über die Aussage des normalen Schleiers hinausgehende Aussage machen würden! Es gibt schließlich genügend Helfershelferinnen des Islamismus, die auch mit einem einfachen Tuch auf dem Kopf Übles sinnen. Übrigens ist es auch nicht verboten, in unserem Land gegen die Verfassung zu sein, solange man nicht aktiv etwas tut, um sie zu Fall zu bringen. Verfassungspatriotismus ist eine romantische Angelegenheit für Menschen, die keinen Gott haben, für einen Christen kann es aber nicht mehr als eine Nebenliaison sein. Im Zweifel steht auch für uns Gott über der Verfassung, es klingt ungewohnt und hart, aber sobald unsere Verfassung etwa den Schutz des Lebens aushöhlen würde, könnte sie in dieser Hinsicht von uns keinen Gehorsam mehr einfordern, da dann der Kaiser fordern würde, was Gottes ist, und das müssen wir ihm nicht geben. Dem Kuschelchristen von Heute ist das nicht mehr klar, aber der Säkularist ist sich dieser „Bedrohung“ sehr bewusst!

Unser Auftrag

Die vermeintliche Zwickmühle zwischen Ablehnung der Vollverschleierung und der Ablehnung eines Gesetzes, das persönliche Freiheit einschränkt, lässt sich dann auflösen, wenn wir schauen, was tatsächlich unsere Aufgabe ist. Unsere Aufgabe ist nicht, die Frau vom Schleier zu befreien, sondern aus der Knechtschaft, die sie meint, Allah schuldig zu sein, ihr den Weg zu zeigen aus der Knechtschaft in die Gotteskindschaft hinein. Weniger schön ausgedrückt: Wir haben die Aufgabe, das Evangelium so zu leben und zu verkünden, dass die Frau am Ende nein zum Schleier sagt, weil sie ja zu Jesus sagt. Utopisch? Wieso? Bloß unbequem! Arbeitsreich! Anstrengend! Aber nichts weniger ist der Anspruch Jesu an uns!

Denn das Hauptproblem in der Akzeptanz unserer Gesellschaft durch Muslime ist doch, dass sie das Christentum nur verzerrt oder gar nicht kennen, und in der säkularen Gesellschaft (zu Recht!) nichts finden, woran man sich anschließen sollte. Für viele Muslime besteht die Wahl darin, zwischen Ehrlosigkeit und Islamismus zu wählen. Es gibt eine Alternative, aber die wird zu wenig proklamiert. Dass ich hier nicht hehr und realitätsfern vor mich hinblubbere, sieht man etwa am Zeugnis der Freikirchen (interessanterweise vor allem auch der selbstständigen Lutheraner), die sich vor Taufbewerbern kaum retten können.

Keine Verharmlosung

Ich weiß, dass viele radikale Muslime unsere Offenheit schamlos ausnutzen. Ich bin nicht naiv. Ich weiß, dass der Islam in sich auf eine Gleichsetzung von Recht und Religion abzielt, weil dies zu seinem Wesen gehört. Ich bin nicht bereit, das zu dulden. Aber so wenig ich in diesem Punkt naiv bin, neige ich zu Naivität in der Frage nach einer nachhaltigen Lösung. Nur die Wahrheit macht frei. Darum kann ein heuchlerisches Gesetz meiner Ansicht nach am Ende nicht dem guten Zweck dienen, dem es dienen soll. Wenn Vollverschleierung aus dem Straßenbild verschwindet, verschwindet damit nicht das Gedankengut. Und als freier Gesellschaft fehlen uns die Mittel, die säkularen Diktatoren zur Verfügung stünden. Und das ist gut so. Uns bleibt nur ein aufrechter, christlicher Kampf gegen die Unwahrheit. Nicht gut ist, dass sich ein großer Teil der Christen vor diesem Kampf drücken will.

Der Kampf gegen Vollverschleierung ist also nichts als ein Nebenkriegsschauplatz: Er suggeriert der Mehrheit, man täte etwas gegen radikalen Islam, ohne zu hinterfragen, ob das, was in den Köpfen steckt, weg ist, weil der Schleier weg ist. So, als täte man etwas gegen Nazis mit dem Verbot von Springerstiefeln. Interessanter Ansatz. Sollte man weiterverfolgen. Ebenso wenig wird hinterfragt, ob es den Frauen, die dann tatsächlich nicht mit wehendem Haar im Park, sondern im abgeschlossenen Zuhause landen, einen echten Dienst erweist. Zum dritten verhindert man lediglich, dass von den Christen in Angriff genommen wird, was eigentlich geleistet werden müsste: Evangelisation, Evangelisation, Evangelisation. Das ist keine Utopie, sondern die einzige wahre und nachhaltige Kur gegen menschenfeindliche Ideologien.

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18 Kommentare

  1. Grüß Gott,

    vielen Dank für Ihren neuesten Artikel. Ich kann Ihnen nur zustimmen. Es wäre etwas anderes, wenn wir in einer katholischen Gesellschaft leben würden, indem andere Religionen geduldet, aber nicht erwünscht sind. Aber in einer säkularen Gesellschaft mit Religionsfreiheit müssen wir selber aufpassen nicht verboten zu werden.

    Freundliche Grüße Joachim Ochs

    PS Anbei drei kleine Fehler über die ich gestolpert bin. >

    • Danke! *Hust*. Wie bei der Burka: Der Inhalt zählt…
      Ich bin konstant am Korrigieren 😉 Abgesehen von Stress eine störrische Tastatur, die mit Vorliebe e unterschlägt, u.a.

  2. Hallo Anna

    Das ist ein schöner und langer Beitrag und sogar differenziert, ich dachte immer Katholiken können das nicht;) Ich werde jetzt trotzdem mal meinen Senf dazugeben.

    „Vollverschleierung ist kein religiöses Gebot des Islam[…]“
    Das stimmt so nicht. Der historische Konsens der islamischen Gelehrten ist, dass das Kopftuch Pflicht und der Gesichtsschleier empfohlen ist. Es gibt eine Minderheitenmeinung nach der der Niqab Pflicht ist.
    siehe dazu: https://www.youtube.com/watch?v=N_FvxdngfgY (ein beliebter Shaykh mit finanzieller Unterstützung aus Saudi Arabien)

    „Sie kennzeichnet die Frau als Besitz, über den die Ehre des Mannes definiert wird.
    Sie sanktioniert den weiblichen Körper und
    ist somit auch männerfeindlich, da ihre „Notwendigkeit“ den Mann zum triebgesteuerten Monster degradiert.
    Sie soll das Weibliche unsichtbar machen, marginalisieren, raubt ihm Stimme und Gesicht.“
    Das gleiche gilt für den korrekt getragenen Hijab
    siehe dazu: http://www.patheos.com/blogs/mmw/2013/06/beard-memes-and-the-proper-hijab-narrative/

    „Sie ist unpraktisch und unbequem“
    Stimmt aber wie oben das gilt auch für den korrekten Hijab. Es gibt eine Meinung unter Gelehrten nachdem der Rock der Frau über die Füsse reichen muss. Der Niqab wird erst richtig unpraktisch beim Essen und dergleichen Aktivitäten. Wobei es auch hier auf die Trägerin ankommt. Ich kenne eine Muslimah die mit Niqab schwimmen geht.

    „Frauen werden entweder direkt durch Individuen (durch Drohung, Befehl, Druck) oder indirekt durch sozialen Druck oder sogar durch ihre „Selbsterniedrigung“, ihren eigenen, durch patriarchalisch-islamische Erziehung indirekt oktroyierten Wunsch (also einen unfreien freien Willen) dazu gezwungen, sich voll zu verschleiern.“
    Die meisten Frauen im Westen tragen den Schleier aus „freiem Willen“. Wobei auch hier einiges zu beachten ist. Es gibt viele gerade auch muslimsiche Familien welche den Schleier ablehnen und wo dann die Töchter den Schleier tragen. Auch ist besonders der Gesichtsschleier bei Konvertitinnen sehr beliebt.

    Deine Ausführungen unten finde ich Top. Viele Muslime lachen sich krumm, wenn sie was von christlichen Werten hören. „Was soll das den bitte sein? Bei euch kann ein Mann einen Mann heiraten und junge Frauen haben jeden Abend einen anderen im Bett“ Wenn wir versuchen Muslime in unser Land zu integrieren versuchen wir eigentlich nichts anderes wie sie zum Säkularismus zu bekehren. Der gesellschaftliche Narrativ ist immer mehr anti-religiös. Es gibt vielleicht noch eine gewisse Toleranz für den Islam von Links, weils halt irgendwie anders ist. Aber sonst selbst konservative Politiker sind längst nicht mehr in irgendeiner sinnvollen art und weise christlich. Der gläubige Muslim kann weder Links noch Rechts wählen. Es gibt nur eine Alternative die Flucht in den Extremismus. Es gibt wenige die irgendwie den Spagat zwischen Islam und Säkularismus schaffen. (z.B. Tariq Ramadan https://www.youtube.com/watch?v=wkAor_cObtY )

    Noch etwas zu den Auswirkungen eines Verbotes. Ich vermute das Verbote würde kaum positive Folgen haben. Zum einen würden ein Teil der Niqabträgerinnen wohl kaum mehr das Haus verlassen. Es würden sich sicher einige mit den neuen Begebenheiten arrangieren. Die Bussen werden ja sowieso von jemandem übernommen. Zum anderen würde es viele Muslime den Extremisten in die Arme treiben. Nach dem Minarettverbot 2009 haben sich die Moscheen schlagartig gefüllt. Muslime die vorher kaum was mit dem Islam am Hut hatten beschäftigten sich auf einmal mit ihrer Religion. Ein Niqabverbot würde wohl Moscheen füllen und Leute zur Konversion bewegen.

    Noch ein Gedanke für einen Hardcore Atheisten besteht kein grosser Unterschied zwischen einem Minarett und einer Kirchenglocke. Beides sind Zeichen von Religioten. Ein Minarett und ein Niqab sind einfach einfacher zu verbieten. Es ist aber nur eine Frage bis auch das Christentum dran ist. Den nicht die Muslime wollen die Kreuze los werden sondern die Atheisten. Also die Muslime würden das auch wollen, wären sie an der Macht…

    • „Aber sonst selbst konservative Politiker sind längst nicht mehr in irgendeiner sinnvollen art und weise christlich.“
      Mich macht sowas immer so neugierig. Darf ich fragen, welche Politiker von früher aus deiner Sicht auf sinnvolle Art und Weise christlich waren, und woran du das festmachst?

      • Ich denke, Adenauer z.B. war ein wirklich christlicher Politiker. Dass es früher in der CDU mehr „echte“ Christen gab, sieht man ja konkret an den politischen Inhalten (wie etwa der Haltung zu Abtreibung o.ä.). Adenauer und de Gaulle wollten jedenfalls ein christlich begründetes Europa…

      • Danke schon mal, aber ich wüsste vor allem gerne, woran du das bei Adenauer z.B. festmachst. Wie hat sich in deinen Augen seine christliche Haltung in seinem Handeln ausgeprägt?

      • Wie gesagt, z.B. in der Haltung zu ethischen Fragen. Also etwa in ethischen Fragen keine Gesetze lockern zu wollen. Bei Adenauer konkret: Der Versuchung widerstanden, auf den Zug der Kollektivschuld aufzuspringen, der Versuch, da realistisch zu bleiben, sich nicht zu überheben gegen die Opportunisten. Die Tatsache, dass er vor dem entscheidenden Versuch, die Kriegsgefangenen zurückzubekommen, eine Nacht lang in der Anbetung war…so etwas z.B.

      • Ich will nicht nerven, aber mir leuchtet das nicht richtig ein. Wo lockern heutige Politiker denn in ethischen Fragen mehr Gesetze als die von früher? Sind nicht manche Gesetzesänderungen wie etwa die Legalisierung von Homosexualität und die Strafbarkeit von Vergewaltigungen in der Ehe ethisch evident geboten und trotzdem erst in der jüngeren Vergangenheit endlich gelungen?
        Und ist es ein Zeichen christlicher Einstellung, dass jemand (bei gleichzeitig hartem Vorgehen gegen Kommunisten) NS-Funktionäre nicht nur in wichtigen Ämtern der jungen Bundesrepublik belässt, sondern sie teilweise auch gezielt hineinsetzt? Siehst du das eher in der Bewertung anders als ich, oder im Faktischen?

      • @Muriel

        Der eine Satz von mir hat ja gerade einiges and Diskussion ausgelöst. Ich möchte gerne erklären was ich damit gemeint habe. Um ehrlich zu sein hatte ich keine konkreten Politiker im Sinn sondern Parteien. Ich komme aus der Schweiz und kann desswegen nur bedingt die dt. Politik kommentieren. Auch meine Kenntniss von Adenauer ist auf einige wenige Eckdaten beschränkt.
        Ich habe bei meinem Kommentar spezifisch and die schweizer CVP gedacht. Das C steht für „christlich“. Diese Partei ist somit das Opportunistischte was ich kenne. Wenns gerade den Wählern passt ist man für die Familie d.h. für die 2 Kind, ein Hund, gutes Einkommen Familie. Stellt sich heraus einige Schwule sind nicht so glücklich damit ist man plötzlich voll pro-gay und sowieso. Von den rechts-populistischen Parteien möchte ich lieber nicht reden. Dort hört auch der wiederstand dort auf, wo man Wähler verliert. Es gibt schlichtweg keine grosse Partei, welche pro-life ist. Auch „christliche“ Politiker sind aus Gründen der „Nächstenliebe“ für Sterbehilfe etc.

        Politik ist ein heikles Thema. Ich persönlich habe eine riesen abneigung gegen Parteien/Politiker welche wie ein Fähnchen im Wind ihre Meinung ändern. Es gibt so ganz tolle Gestallten bei der SVP die schaffen es in einem säkular-chridtlich-jüdischen Land mit freiheitlichem Grundprinzip zu Leben und dann für ein Kopftuchverbot sein. Also sowas wie: „wir leben in einem säkularen staat, ihr Muslime gehört hier nicht her, weil ihr Homosexuele diskriminiert“ und dann 2 Tage später bei einer anderen Gelegenheit gegen die Homoehe zu sein. Entweder man ist für oder dagegen. An sich habe ich da Linke Politiker lieber, die bleiben sich wenigstens treu. Das gleiche gilt für Atheisten, die finden einfach jeden Glauben scheisse. Nicht wie gewisse Christen, welche gerne einen 50s lifestyle hätten und alles fremde verdrängen, aber bloss nicht den Armen helfen oder gar evangelisation betreiben.

      • @IsidorFan: Danke für die Erklärung, aber ich fürchte, du findest bei Linken und Atheisten nicht grundsätzlich viel mehr Konsequenz und Aufrichtigkeit als bei anderen Leuten, zumindest meiner Erfahrung nach.

  3. Also, was die Gesetze anbetrifft, denke ich vor allem an Abtreibung (bzw. ich denke NUR an Abtreibung. Ich habe mich mit diesem Thema nie vertraut gemacht, müsste das also im Einzelnen erst einmal durchdenken und vor allem recherchieren und dazu finde ich – nichtsfürungut – das Thema nicht SO RICHTIG spannend – also., zum Durchdenken ja, aber nicht zum Recherchieren :). Allerdings meine ich, dass das Recht auf Leben derart eklatant relativiert wurde, dass es als Beispiel sehr wertvoll ist.

    Dass homosexuelle Handlungen legal sind in einer Gesellschaft, die nicht christliche grundgelegt ist, ist absolut richtig. Aber muss ich als Christ eine Legalisierung betreiben? Ich glaube nicht.

    Ich glaube, in den Fakten sind wir uns relativ einig, ich bewerte sie nur anders. Für mich ist es etwa ein Zeichen von Vernunft, Augenmaß und Realitätssinn, dass man nicht einfach die gesamte bürokratische Ebene austauschen kann. Mit wem denn, nach einem Krieg, der zahllose Leben gefordert hat? Ich glaube, da machten es sich nachfolgende Generationen sehr leicht. Schließlich waren auch unter Nazis viele Opportunisten. Es ist leicht, einfach nach Parteibuchbesitz vorzugehen und ein Urteil zu fällen. Das ist sicher auch natürlich, aber mit der Realität eher nicht ganz kompatibel…es gibt auch heute eine Menge rückgratloser Schwachköpfe, die dennoch gute Beamte sind.

    Anderer Gedanke dazu: Ein Nazi in der Bundesrepublik konnte entweder ein „reuiger“ Nazi sein, also einer, der seine Gesinnung verändert hatte, Opportunist, der sich hatte verführen lassen, oder waschechter Heuchler. Aber selbt letzterer hätte sein Nazitum nicht AUSLEBEN können. Es gab keine Möglichkeit der Wiedererrichtung des dritten Reiches. Kommunisten dagegen waren eine reelle und „aktive“ Bedrohung. D.h., während man einen NS-Mann wegen seiner Vergangenheit sanktioniert (zu Recht natürlich), ist der Kommunist in seiner Gegenwart und für die Zukunft eine Bedrohung. Das macht meiner Ansicht nach ein härteres Vorgehen gegen Kommunisten zum damaligen Zeitpunkt einsichtig. Wobei ich generell schwierig finde, wenn repressiv gegen Haltungen vorgegangen wird, die Kommunistenjagd in den USA etwa ist einfach auch gruselig, allerdings ja auch nicht christlich, sondern kapitalistisch (oder who knows) motiviert. Obwohl man sich natürlich wünscht, Altnazis entfernt zu haben, konnten diese fähige Männer sein und zudem dem Nazismus abgeschworen haben. Ein Kommunist dagegen war und blieb Kommunist. Ich glaube also, dass Adenauer anders gehandelt hätte, wenn er die Kapazitäten gehabt hätte.

    Übrigens finde ich das Verhältnis zwischen Kirche und den beiden totalitären Ideologien des 21. Jahrhunderts hoch spannend. Meiner Ansicht nach ist unsere GEsellschaft tief geprägt von marxistischem (oder verwandtem) Gedankengut und ist zudem durch den Holocaustsonderstatus dazu gezwungen, in jeder Bearbeitung der kommunistischen Verbrechen eine Relativierung der NS-Verbrechen zu sehen. Sie stuft daher den Kommunismus fatalerweise als viel zu ungefährlich ein und empfindet dementsprechend die Haltung der Kirche gegen Kommunismus als zu hart und gegenüber dem NS zu lax. Etwas davon findet sich auch in dem Urteil über Adenauer und seinen Umgang mit der Nazizeit. Dabei wird vergessen, dass er ja ein entschiedener Gegner des NS war!

    • Okay, wow, interessant.
      Danke für die Erläuterung.
      Was ich gerne sicher richtig verstanden haben will: Du findest tatsächlich, dass Homosexualität strafbar sein sollte? Ich deute diesen Absatz so, dass du findest, dass man als Christ(in) nicht für eine Legalisierung sein muss.

      • NEIN ;). Ich finde nicht, dass Homosexualität strafbar sein sollte. Aber ich meine, dass ein Christ nicht für eine Legalisierung sein MUSS (also im Sinne des ethischen „Imperativs“). Ich PERSÖNLICH finde es gut, dass der Staat nicht in Schlafzimmer guckt, und dass man dafür ins Gefängnis käme, finde ich ziemlich monströs. Laut Jesus implizit und laut Katechismus explizit darf ein Katholik Homosexuelle nicht diskriminieren. Und will es eben (hoffentlich!) auch nicht.

      • Ich fürchte, da kann ich nicht folgen. Du bist zwar der Meinung, dass es falsch ist, Homosexualität zu bestrafen, aber du findest es okay, wenn Leute es trotzdem tun? Oder meinst du das so, dass du diesen Aspekt deiner Ethik unabhängig vom Christentum siehst und deshalb findest, man kann auch ein guter Christ sein, wenn man das anders sieht als du und sich wünscht, dass Homosexuelle eingesperrt werden? Aber das passt ja wieder nicht dazu, dass du schreibst, Katholiken dürften Homosexuelle nicht diskriminieren? Wie kann man denn einerseits Homosexuelle nicht diskriminieren dürfen, wenn es gleichzeitig keinen Imperativ gibt, was dagegen zu haben, dass Homosexualität strafbar ist?

      • Zu dem „Homosexuelle nicht diskriminieren“ ist übrigens „wegen ihrer Veranlagung, für die sie nichts können, allein oder in unkluger oder liebloser Weise“ dazuzudenken.

        Heißt konkret: einen bedauerlicherweise Homosexuellen, der das nicht auslebt, darf man nicht diskriminieren. Auch beim praktizierenden Homosexuellen fällt „Du Schwuchtel“ aus… aber Dinge wie „Bestrafung für die konkreten Taten im Auftrag des zuständigen Gesetzgeber“ oder auch „gar nicht erst einladen zu einer Party, bevor er am End noch seinen Partner mitbringt“ fällt – ohne das hier zu bewerten, aber – jedenfalls nicht unter Diskriminierung im Sinne des Katechismus.

  4. Ich versuche es erst einmal mit etwas anderem, weil ich weiß, dass das ein heikles Thema ist: Ich kann für eine Legalisierung von Hasch sein, auch, wenn ich es nicht rauche. Ich kann gegen eine Legalisierung sein, OBWOHL ich es selbst rauche. Ich kann als Christ je nach Anschauung und Haltung für oder gegen eine Legalisierung sein. Es gibt zwar ethisch das Gebot, nicht süchtig zu sein, aber keines, das per se den Konsum von Waren verbietet, die süchtig machen KÖNNEN. Ob ich als Christ dafür oder dagegen bin, hängt also von weitergehenden Fragen ab. Noch eine andere Frage wäre, WIE Haschischkonsum bestraft würde.

    Dann fange ich mal mit deiner letzten Frage an, und stelle eine Gegenfrage: Was ist Homosexualität? Seit wann gibt es überhaupt dieses Konzept? Nach katholischer Lehre Sünde ist nicht homosexuell „sein“, „empfinden“, „fühlen“, sondern nur eins, die homosexuelle HANDLUNG. Eine Bestrafung der Handlung stellt also keine Diskriminierung von Homosexuellen dar, weil es nicht ihr Sein, sondern ihre Tat bestraft. Deshalb kann ich nicht PER SE (d.h. unter allen Umständen) als ethische Pflicht sehen, für eine Legalisierung von Homosexualität zu sein. Anders sieht es aus, wenn Homosexuelle in Russland verprügelt oder in islamischen Ländern hingerichtet werden. Im ersteren Fall ist der Lynchmob unabhängig von irgendeiner Tat unterwegs (und selbst wenn, wäre es eben ein Lynchmob), im zweiten Fall ist das angewendete Recht Unrecht.

    Eine Sanktionierung muss nicht in Haft bestehen. Weshalb dein Kommentar dazu ein wenig „populistisch“ ist, weil du suggerierst, wer für ein Verbot von Homosexualität sei, sei automatisch für das Einsperren, was aber ja nicht zwangsläufig der Fall sein muss. Wie gesagt, das entspricht nicht meiner Meinung, aber ja, ich denke, dass ein Christ ein guter Christ sein kann, und gleichzeitig homosexuelle Handlungen bestraft sehen will. Ich würde aber dennoch in einer Diskussion hier immer die Homosexuellen verteidigen und für ihr „Recht auf Sünde“ gemäß ihrem freien Willen plädieren. Ich würde auch daran erinnern, dass gewisse religiöse Dinge einfach nicht ins Strafrecht gehören, sondern privat sind, schließlich sind wir alle Sünder und werden doch nicht vor einem weltlichen Gericht bestraft für unser Lügen, unsere Unwahrhaftigkeit, etc. etc. Ich kann also auf der Ebene der Verhältnismäßigkeit argumentieren. Auf der Ebene der Nächstenliebe kann ich nur im Hinblick auf spezielle Umstände argumentieren. Also, wenn Homosexuelle irgendwo in Afrika in schreckliche Gefängnisse gesperrt und dort womöglich zum Opfer von Gewalt werden, wenn sie in arabischen Staaten hingerichtet werden etc. Dann ist dies aber keine Frage der Bewertung von Homosexualität, sondern eben allgemein christlich: Nächstenliebe, Barmherzigkeit, etc. Dann besteht natürlich eine ethische Pflicht zur Unterstützung der homosexuellen MENSCHEN. DAS ist dann aber eben keine Unterstützung der homosexuellen Handlungen. Legalisierung derselben IST aber eine Unterstützung der Handlungen, und DESHALB kann für einen Christen keine allgemeine (damit meine ich unter ALLEN, wirklich ALLEN Umständen) Pflicht geben, für sie einzutreten. Langer Rede kurzer Sinn: Es besteht die christliche Pflicht, Homosexuellen Menschen beizustehen. Es besteht keine Pflicht, ihre konkrete Handlung zu unterstützen.

    Ich möchte noch einmal zum besseren Verständnis betonen: Natürlich finde ich meine Meinung besser als die von Christen, die eine Bestrafung von Homosexualität wünschen würden, und ich würde immer versuchen, sie davon zu überzeugen, aus oben genannten Gründen. Wenn aber die Frage ist, ob ich einen Christen aufgrund seines Christseins darauf verpflichten würde, das Begehen einer Sünde zu unterstützen, würde ich von meinem jetzigen Standpunkt aus sagen nein, dazu kann keine PFLICHT bestehen, das heißt ich muss in der Diskussion den Dissenz aushalten, kann ihm sein Christsein nicht absprechen, sondern muss mit ihm um das bessere Argument ringen!

    Und zur Sicherheit: Ich kenne keinen einzigen Christe (Katholiken), der überhaupt eine Bestrafung von Homosexualität will. Die Katholiken, die ich kenne, wünschen sich lediglich, dass ihr Recht auf Freiheit von Homosexualität geachtet wird ;).

    • Anmerkung ehrlichkeitshalber: Das ist seit der Abschaffung des $ 175 so; vorher war das anders. Der Konservative pflegt nunmal immer das letzte Zugeständnis im nachhinein für eine unbedingt nötige Folgerung aus den Menschenrechten und das nächste als halben Weltuntergang zu betrachten.

      Siehe dazu momentan die Diskussion um den Inzestparagraphen (laut Definition genauso freiwillig – für das andere gibt es den Tatbestand „Mißbrauch“ und laut hl. Thomas *weniger* widernatürlich als Homosexualität),

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