Ablass Teil 1: Kaputte Fenster und Martin Luther

„Ablass – und kein Ende“, so titelt eine Verlautbarung der VELKD (Vereinigung der deutschen Lutheraner), in der das Thema aus lutherischer Sicht aufgearbeitet wird. Da wir uns gerade in einem außerordentlichen Heiligen Jahr befinden, verknüpft mit besonderen Ablässen, und da dieses Jahr ausgerechnet unter dem Motto der Göttlichen Barmherzigkeit steht, dachte ich: Perfekter Zeitpunkt, um mal über den Ablass zu bloggen.

Okay, jetzt ist die Blogbetreiberin völlig durchgeknallt. Erst behauptet sie, das Patriarchat sei toll, dann legt sie noch einen drauf auf den ultra-konservativen Scheiterhaufen und meint, der Mann sei das Haupt der Frau und jetzt das: Ablass? Im Ernst?

Ich stelle dem ganzen mal ein Zitat einer unverdächtigen Person voran:

„Wer gegen die Wahrheit der apostolischen Ablässe redet, der soll gebannt und verflucht sein.“ (Martin Luther, These 71)

Erst vor ein paar Tagen hat mir ein Protestant wohlwollend gesagt, dass ja Luther gar keine neue Kirche hat gründen wollen, er hätte nur gegen den Ablass gepredigt. Diese Ansicht ist weit verbreitet. So etwa betonte der „Skandalprediger“ Olaf Latzel aus Bremen (dessen Predigt manche Katholiken wegen ihrer Islamkritik gelobt haben, ohne zu bemerken, dass der Hauptfeind in der Predigt der Katholizismus ist!): „Als Luther gesagt hat (…) einen Reliquienkult und diesen ganzen Ablass, das dürft ihr nicht.“ An dem einleitenden Zitat können wir ziemlich eindeutig ablesen, dass diese Ansicht schlicht falsch ist. Ich erinnere mich, dass es in mir als Protestantin größte Verwunderung hervorrief, als ich das, was von der evangelischen Kirche als Fanal zu Freiheit etc. gepriesen wird, dann tatsächlich einmal las. Ich stellte fest: Entweder, niemand in meiner Kirche hat die Thesen gelesen, oder man hat sie gelesen und ignoriert sie, wissend, dass sie sonst keiner gelesen hat und man behaupten kann, was man will.

Eines jedenfalls wusste ich nach der Lektüre: Luther war nicht gegen den Ablass.

Was ist denn eigentlich ein Ablass?

Natürlich dachte ich damals: „Tja, der war halt auch noch katholisch. Wir haben es besser. Wir wissen, dass der Ablass Quatsch ist“. Das Problem liegt auf der Hand: Kein Protestant und hierzulande nur mehr wenige Katholiken wissen überhaupt, was der Ablass ist, weshalb sie natürlich auch nicht wissen, dass er Quatsch ist. Es wird lediglich geglaubt, dass dem so sei. Spannend ist, dass, obgleich es eindeutige Definitionen seitens der Kirche gibt (die zu verstehen dann natürlich noch einmal eine Aufgabe ist), offenbar landauf landab Erklärungen vorherrschen, die eher auf individuellen Phantasien antikatholischer Spinner beruhen, als auf Tatsachen.

Nur zwei kurze Beispiele aus einem nahezu unendlichen Pool:

„Ablass, der – in der katholischen Kirche Lossprechung von Sünden“ (erster Eintrag, wenn man das Wort bei Google eingibt)

„Der Ablass ist in der katholischen Kirche eine Tat, um Gottes Gnade zu erlangen nach einer begangenen Sünde. Das kann die Beichte sein, eine Wallfahrt oder ein Kirchenbesuch.“ (Kinderzeitmaschine, eine Homepage, die historisches „Wissen“ an Kinder vermittelt)

Demgegenüber nun einmal die amtliche Definition:

Ablass ist der Nachlass zeitlicher Strafe vor Gott für Sünden, deren Schuld schon getilgt ist; ihn erlangt der entsprechend disponierte Gläubige unter bestimmten festgelegten Voraussetzungen durch die Hilfe der Kirche, die im Dienst an der Erlösung den Schatz der Sühneleistungen Christi und der Heiligen autoritativ verwaltet und zuwendet. (CIC can. 992)

Das Schwierige ist, dass man erst einmal gewisse Begriffe verstehen muss, die ebenfalls gänzlich missverstanden werden. Man muss wissen, was Sünde, Buße, Reue, Strafe ist. Und – Vorsicht, catholic content – Fegefeuer.

Begriffschaos: Sünde, Sühne, Schuld und Strafe

Ich bringe ein Beispiel, das meiner Ansicht nach schon extrem inflationär gebraucht wird, aber offensichtlich ist es einsichtig. Es ist nur ein Vergleich, also nicht ganz 1:1, aber recht anschaulich.

Ein Junge macht in Fenster kaputt beim Fußballspielen. Standardsituation. Allerdings hat er es absichtlich getan. Nun kommt der Eigentümer. Der Junge kann bereuen, dass er das Fenster kaputt gemacht hat. Und der Eigentümer kann es vergeben. Aber was machen wir mit dem Fenster? Es ist immer noch kaputt und muss repariert werden. Darüber hinaus steht Hausarrest an, denn es geht nicht nur darum, dass das Fenster kaputt ist, sondern auch darum, dass er es absichtlich getan hat und lernen muss, dass man so etwas nicht tut, d.h. er muss sich bessern („läutern“).

In einer Welt, in der das protestantische Sündenverständnis uns vorgaukelt, es gäbe zwar Sünde, aber was das genau ist, wissen wir nicht mehr so genau, es ist eher ein diffuses Weg-von Gott-Sein; da gibt es nach der Vergebung durch die Taufe einfach keine zerbrochenen Fenster und keinen Hausarrest mehr. Gott vergibt die Sünde und das Fenster ist wundersamerweise wieder heil. Das, lieber Leser, ist Quatsch. Wir alle wissen, dass Sünde Folgen hat, und zwar unabhängig davon, wie sehr sie uns leid tut!

Wer Herr der Ringe gelesen hat, erinnert sich etwa daran, dass das paradiesische Auenland nach der Zerstörung durch das Böse eben nicht wieder perfekt ist, als sei das Böse spurlos vorübergegangen. Es hat Spuren hinterlassen. Wer durch einen Menschen verletzt wurde, weiß, dass auch die Vergebung nicht ändert, dass die Verletzung zugefügt wurde und auch noch Auswirkungen hat. Wenn jemand ermordet wurde, bleibt die Person tot, trotz der Reue des Mörders und der Vergebung der Angehörigen, etc. etc. Die Welt ist voller zerbrochener Fenster und Katholiken sehen das ein. Der evangelische Junge zuckt also mit den Schultern, reckt die Hände in den Himmel und fragt sich, wieso das Fenster immer noch kaputt ist. Dann sagt er sich, dass das wohl einfach ein dem Verstand unzugängliches Mysterium sei, er kann jedenfalls nichts dafür und hat mit dem kaputten Fenster auch nichts mehr zu tun, Gott hat ihm schließlich vergeben, und spielt weiter. Der katholische Junge überlegt, wie lange er nun auf Taschengeld verzichten muss, um das Fenster  reparieren lassen zu können und geht dann nach Hause in der traurigen Erwartung des Hausarrests.

Diese Strafe kann ihm keiner abnehmen. Keiner? Doch. Die Eltern beschließen nämlich, dass der Delinquent, wenn er statt dessen zur Dorfgemeinschaft, die er durch sein Tun geschädigt hat, etwas beiträgt, den Hausarrest erlassen bekommt. Außerdem hat eben diese Dorfgemeinschaft in weiser Voraussicht einen Fonds für unartige Jungs eingerichtet, aus dem er einen Betrag bekommt, damit er mit seinen 5 Euro Taschengeld nicht sein Leben lang das Fenster abstottern muss.

Der Ablass ist eine Äußerung der Barmherzigkeit Gottes

Ablass ist also eine Maßnahme, die die Konsequenzen der Sünde tilgt. Das ist etwas Nettes!

Okay. Aber wieso Fegefeuer? Das ist doch nichts Nettes?! Doch. Ist es.

Lustigerweise hat mir diese Wahrheit ausgerechnet ein evangelikales Buch über Heiligung erläutert. Dort wurde beschrieben, dass, da Gott vollkommen rein ist, man nicht mit Gott komplett vereint sein könne, wenn man selbst noch etwas Unreines an sich hat. Wir müssen also „heilig“ werden, d.h. alles ablegen, was uns von Gott trennt. Dazu haben wir eine Lebensspanne lang Zeit. Aber was, wenn wir es nicht schaffen? Wenn der Seele im Sterben noch eine Menge Schmutz anhaftet, obwohl es ihr natürlich unglaublich leid tut? Dann hat sie im Purgatorium (der offizielle Name des Fegefeuers: Reinigungsort) die Möglichkeit dazu, rein zu werden. Wer einmal etwas bereut hat, der weiß, dass Reue ein brennendes, unangenehmes und schmerzendes Gefühl ist. Darum verbinden wir den Begriff des Purgatoriums mit dem Feuer: Feuer reinigt und tut weh, und das tut es eben auch, wenn wir merken, wie sehr wir noch von Gott entfernt sind. Der Schmerz, den wir dann verspüren ist nicht ein von außen zugefügter, sondern der innere Schmerz, den wir verspüren, weil wir Gott lieben und zu ihm wollen, aber noch nicht können, weil uns noch zu viel von der kompletten Hingabe und der vollkommenen Liebe abhält. Je intensiver wir bereuen, desto mehr wird aus uns ausgemerzt, was uns von Gott trennt. Es kann also sein, dass schon im Leben nach der Reue kein bisschen von den Konsequenzen der Sünde an uns hängen bleibt. Wir gehen umgewandelt daraus hervor.

Es ist wichtig, dies zu verstehen: Das Fegefeuer ist ein Segen, denn gäbe es diesen Ort nicht, müssten alle Seelen, die nicht während ihres Lebens vollkommen rein werden, in die Verdammung eingehen, nicht, weil Gott sie strafen willl, sondern, weil sie selbst (noch) nicht vollkommen „ja“ zu Gott sagen können. Der Ablass beschleunigt den Vorgang, der, um es in kuschelpädagogischer nachkonziliarer Friede-Freude-Eierkuchen-Diktion zu sagen: „…aus unserem Nein ein Ja macht“. Er verkürzt also die Zeit, die wir in der Läuterung verbringen müssen.

Voraussetzung für einen Ablass ist also nun logischerweise, dass man seine Sünden bereut und gültig gebeichtet hat. Dann kann man aus dem „Schatz der Kirche“ (der Fonds, in den alle Heiligen eingezahlt haben) in Anspruch nehmen, dass man die Sündenstrafe, die aus der Sünde resultiert, nicht mehr abbüßen muss bzw. durch das Ablasswerk (ein Gebet, ein frommes Werk) sozusagen sinnbildlich erbracht hat, tatsächlich dann aber durch die Großzügigkeit der Kirche.

Wenn also irgendwer behauptet, Ablass sei Vergebung der Sünden für Geld oder ein gutes Werk, der hat einfach keine Ahnung, wovon er redet. Die Sünde wird nur durch einen vergeben, durch Gott und nur durch eine Einrichtung, die sakramentale Beichte, die er selbst eingesetzt hat (wie übrigens auch Lutheraner bekennen sollten, sonst sind sie keine waschechten Lutheraner, aber die gibt es ohnehin nur selten).

Ablass ist das Gegenteil von Werkgerechtigkeit

Häufig wird dabei kritisiert, dass man durch den Ablass lehre, dass der Mensch durch eigenen Verdienst Vergebung erlangen könne. Das ist wie gesagt falsch, denn die Vergebung ist ja nicht an den Ablass, sondern an Reue und Beichte geknüpft. Aber es ist sogar falsch, zu meinen, der Ablass lege den Akzent auf die eigenen Werke. Das Gegenteil ist der Fall.

Nehmen wir einmal an, ich hätte mir als Sühneleistung für eine Sünde etwas richtig Heftiges auferlegt. Ich faste ein Jahr lang bei Wasser und Brot. Danach würde ich mich ja wohl richtig gut und fromm fühlen, nicht wahr? Ich habe eine Buße vollbracht, die es in sich hat. Man, bin ich heilig. Das ist eine Gefahr, der alle ausgesetzt sind, die ihre eigene Sünde ernst nehmen. Der Ablass nun verdeutlicht mir, dass meine Fähigkeit, für eine Sünde Reparation zu leisten, eine Gnade Gottes ist, wie die Vergebung selbst. Wenn ich etwa für einen Ablass eine Kirche besuche und zwei, drei kleine Gebete spreche, habe ich objektiv viel weniger geleistet und doch mehr erhalten, weil ich mich mehr auf die Gnade verlasse und weniger auf meine Bußleistung.

Außerdem kann ich die allermeisten Konsequenzen der Sünde ohnehin aus eigener Kraft nicht vollständig beheben, bin also auch nach der Vergebung auf Gottes Hilfe angewiesen. Das hört sich erst einmal nicht so nett an. Man bedenke aber z.B., dass ja Sünden auch Auswirkungen auf die Psyche haben. Da kann es sein, dass ich mustergültig bereut habe, aber in mir ist doch etwas zerbrochen, das ich selbst nicht wiederherstellen kann. Es geht also nicht darum, dass Gott etwas an Sünde zurückbehält, wie gesagt, die Sünde ist komplett weg, aber Sünde ist nicht das einzige Übel, nicht das einzige Problem, mit dem wir kämpfen.

Exkurs: Dies ist auch ein Grund, wieso man um nichts in der Welt auf die katholische Lehre, die exakt zwischen Sünde, Schuld, Strafe etc. unterscheidet, verzichten darf. Wenn man hier vereinfacht, kommt man bei Konzepten heraus, die uns das Leben schwer machen, weil sie unrealistisch sind. So etwa gibt es in manchen protestantischen Kreisen die Vorstellung, mit Gottes Vergebung seien alle Probleme getilgt – und sollte jemand dann noch ein Problem haben, etwa, weil er ganz einfach spürt, dass da noch etwas ist, was nicht weg ist durch die Vergebung, wird daraus geschlossen, dann habe Gott eben noch nicht vergeben, oder man selbst habe nicht bereut, oder man habe eben nicht genug Glauben. Da stehen die Pforten zur religiösen Psychose weit offen!

Also, anstatt mir vorzugaukeln, ich könne alle Fenster, die ich zerschossen habe, selbst reparieren, mir dann etwas darauf einbilden und auf die Strafe pfeifen, vertraue ich mich auch in Sühne und Läuterung völlig seiner Macht und seiner Kirche an, und nicht meinen eigenen Bußübungen, Sühneleistungen oder Reparationen- weniger Werkgerechtigkeit geht nicht!

Unrechter Gebrauch

Zurück zur Historie: Luther hat nicht gegen den Ablass gepredigt. Als Sankt Peter neu gebaut werden sollte, wurden Ablässe gegen Geld gegeben. Und es gab Ablassprediger, die beim Geldsammeln dann deutlich über das Ziel hinausgeschossen sind. Grundsätzlich kann natürlich auch Geld geben ein gutes Werk sein – und nicht einmal das Leichteste! Wer will es denn schon loswerden? Allerdings ging es soweit, dass behauptet wurde, das Ablasswerk genüge. Die anderen Bedingungen, etwa Reue, wurden unterschlagen. Luther war gegen unkorrekte Unterweisung der Gläubigen in Sachen Ablass und dagegen, dass sich Kirchenfürsten darüber bereicherten– dagegen war die Kirche übrigens auch, und schärfte ihren Leuten ein, dass man die Menschen richtig belehren solle. Aber wie so oft – als Deutsche wissen wir es nur allzugut – machen die Kirchenleute diesseits der Alpen gern, was sie wollen, egal, was Rom ihnen sagt.

In Teil zwei dieser umfangreichen Abhandlung geht es um die Sinnhaftigkeit des Ablasses für uns heute, und, falls euch das schon klar ist, geht es in Teil drei um die Praxis.

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7 Kommentare

  1. Erst jetzt entdecke ihren Blog. Grossartig erklärt ! Wahrscheinlich muss ich es 2 mal lesen 😉 Ich freue mich auf Teil 2.

  2. in letzter Zeit dachte ich manchmal: Mensch, wir bräuchten in unseren Tagen auch mal wieder einen Chesterton. Nun, ich seh hier Potential für eine NachfolgerIN 🙂 …

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