Das Jüdische im Christentum #1

Vorbemerkung: Eine Offenbarung für mein Glaubensleben ist der Römische Katechismus. Dieser Katechismus, der nach dem Beschluss des Trienter Konzils 1566 herausgegeben wurde, legt sehr klar, aber gleichzeitig tief die katholische Lehre dar, und zwar zum Gebrauch der Priester, die ihre Gemeinde unterweisen sollten.

Hier fand also ein gegenreformatorischer Priester das Kompendium, in dem zusammengefasst war, was zu lehren sei, damit das gläubige Volk gut unterrichtet über den eigenen Glauben ist und sich nicht irgendwelchen Irrlehren hingibt. Sinnvollerweise werden indirekt damit auch im Volk übliche Missverständnisse zur Sprache gebracht, und es wird insistiert, dass der Pfarrer seiner Gemeinde einzuschärfen habe, dass sie nicht dieses oder jenes „vulgärkatholische“ Fehlkonzept haben solle. Um ein einfaches Beispiel zu nennen: Explizit erinnert der Katechismus daran, dass man weder den Heiligen ein Opfer bringt, noch etwa zu ihnen betet wie zu Gott, sondern, dass es sich beim Gebet zu den Heiligen um eine Bitte handelt, für uns zu beten. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber wer weiß, was der gemeine Germane damals sich nicht so alles in seinem Hirn zusammengeschustert hat – Luthers Kritik zeigt jedenfalls, dass da zum Teil ganz schöne Irrtümer herrschten, und zwar nicht nur bei denen, die er retten wollte, sondern auch bei ihm selbst, und er war immerhin selbst Mönch und Priester.

Dieser Katechismus ist nun auch deshalb so spannend, weil er den Glaubensstand von 1566 zeigt. Dieser ist – oh Wunder – nicht anders als der von heute, bloß fällt auf, dass gewisse Dinge anders formuliert werden. Was hat der Katechismus von 1566 mit dem Judentum zu tun? Darauf komme ich noch zu sprechen.

Alter und neuer Bund – Hermeneutik des Bruchs?

Bereits die Briefe des Neuen Testaments machen uns sehr deutlich, dass das Christentum im Judentum wurzelt. Ich empfehle dazu das Studium des Römerbriefes, Kapitel 11, 11-24. Harter Tobak für Universalreligionsfantasten, aber so ist die Bibel halt. Ein Auszug: „Mit dem ersten Brot, das Gott zum Opfer gebracht wird, ist nämlich die ganze Ernte gesegnet; und sind die Wurzeln eines Baumes gut, dann sind es auch die Zweige. Einige Zweige dieses Baumes – ich spreche von Gottes auserwähltem Volk – sind herausgebrochen worden. An ihrer Stelle wurdet ihr als Zweige eines wilden Ölbaums aufgepfropft, so dass ihr von den Wurzeln und Säften des edlen Ölbaums lebt.“ (Röm 11,16ff).

Hier wird erstens deutlich, dass das Volk Israel ein edler Ölbaum ist, im Gegensatz zu den Heiden, die leidglich ein wilder Ölbaum sind. Zweitens, dass die Wurzeln des Baumes unangetastet bleiben, dass aber drittens die, die nicht glauben, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen sind. Im weiteren Verlauf wird allerdings auch gesagt, dass, wer glaubt, auch sofort wieder eingepfropft werden wird!

Nicht umsonst wird auch in den Evangelien ständig auf die Schrift, d.h. das Alte Testament, hingewiesen. Es soll deutlich werden, dass die, die Christus bekennen, in einer Tradition mit den Vätern und Propheten stehen. Das ist nur logisch und eigentlich die einzige Art, ein Christ zu sein: Natürlich weist das Alte Testament auf Christus hin, denn Gott gab ja die Verheißung, die sich in Christus erfüllt hat. Damit man aber diese Erfüllung der Verheißung annehmen kann, muss man beim Lesen der Verheißung klar erkennen können, dass das dort geschilderte auf die Person Jesu zutrifft. Wenn Gott also wollte, dass die Menschen Jesu erkennen können würden (wovon man ausgehen kann), würde er die Geschichte des Volkes Israel auch so vorbereiten, dass das zumindest möglich ist. Dementsprechend weisen die Autoren des Neuen Testaments unermüdlich darauf hin, wo die Schrift Christus verkündet. Für Menschen wie Paulus, selbst Schriftgelehrter, eigentlich selbstverständlich. Diese Sichtweise erschließt uns, wenn wir sie anwenden, ganz besondere Schätze im Glauben. Die Kirche hat diesen Blickwinkel immer eingenommen. Wir sehen es z.B. im Gottesdienst. Anders als die heutigen Juden, aber ebenso wie die Juden vor Christus, haben die Katholiken einen Tempel, einen Hohepriester und ein Opfer: Christus. Und bereits das Opfer Abels weist auf Christus hin, indem es wohlgefällig war. Das Opfer des Hohepriesters Melchisedech weist konkreter auf die Eucharistie hin, da es aus Brot und Wein bestand. Und zuletzt ist das Opfer Abrahams, der bereit war, seinen eigenen Sohn zu opfern, die Synthese aus diesen beiden Opfern und zeigt: Das Opfer, das vollkommen ist, kann nur Gott selbst bringen, und er bringt es, indem er das ihm Höchste und Liebste gibt, seinen eigenen Sohn. All diese Begebenheiten aus dem Alten Testament sind also „pädagogisch“ in dem Sinne, dass sie das Volk Gottes im Vorhinein darüber aufklären, wie Gott die Erlösung wirken wird. Natürlich wird keinem der Alten aufgegangen sein „Aha, Gott wird seinen Sohn opfern!“; aber als es dann vollbracht war, da kamen eben viele auf die Überlieferung zurück, die ihnen ja mehr als geläufig war, und ihnen „gingen die Augen auf“ und sie erkannten, was Gott dem Volk Israel hatte sagen und beibringen wollen.

Die ist nur ein Beispiel unter vielen, aber sicher eines der eindringlichsten. Denn nur das Fehlen eines Tempels nimmt ja die Juden aus der Pflicht, ihren Opferkult betreffend. Würde ein Tempel wiedererrichtet, so müssten die Opfergesetze wieder angewandt werden. Es werden aber wohl nur wenige Menschen behaupten wollen, dass ein Opfer von Stieren und Böcken Sünden tilgen und die Menschen mit Gott versöhnen könnte. Es ist also so, dass das Opfer des Neuen Bundes allein perfekt und vollkommen ist und all das leisten kann, was die Väter und Propheten des Alten Bundes sich gewünscht haben. Obwohl also die Begriffe Alter und Neuer Bund einen Bruch suggerieren, handelt es sich zumindest aus Sicht der ersten Christen um eine Kontinuität!

Die Kontinuität der katholischen Lehre als Herausforderung für das jüdische Selbstverständnis

An diesem Beispiel erkennt man aber auch gut ein Problem: Der Katholizismus würde für einen Außenstehenden oder gar einen Juden immer als vereinnahmend aufgefasst werden. Die Patriarchen der Juden sind unsere Patriarchen, die Propheten der Juden sind unsere Propheten, der Gott der Juden ist unser Gott und die Erwählung, die er Israel hat zukommen lassen, hat er in Christus uns allen geschenkt.

Frühere Epochen hatten damit überhaupt kein Problem. Der Katechismus von 1566 (da ist er wieder!) zitiert unaufhörlich das Alte Testament. David, Jesaja, Jeremia, alle werden als Zeugen für Christus, als Zeugen der Erfüllung der Verheißung herangezogen. Das heißt zum einen, dass der Katholizismus nicht „antijudaistisch“ sein kann in dem Sinne, dass er das Judentum ablehne. Das Judentum wird insofern und insoweit abgelehnt, in dem es als dem Christentum gegenübergestellt christliche Lehren ablehnt. In dem Augenblick aber wird alles abgelehnt, sei es Humanismus, Islam, Hinduismus, Hedonismus oder welche Religion, Weltanschauung oder Lebensphilosophie auch immer.  Wann immer und insofern etwas der Lehre der Kirche nicht widerspricht, wird es auch nicht abgelehnt. Daher etwa auch die skrupellose Inkulturation: Was immer an Bräuchen mit dem Christentum vereinbar war, konnte in den gemeinsamen Ölbaum aus Heiden-und Judenchristen eingebaut werden. Der Katholizismus sieht die Juden als von Gott erwähltes Volk, dem die Verheißung gegeben wurde, um am Ende auch die Erfüllung (in Christus) zu genießen und diesen zu bekennen (was ja auch viele Juden nach Jesu Auferstehung getan haben, womit sie zu den ersten Mitgliedern und auch zu den ersten Märtyrern der heiligen katholischen Kirche geworden sind).

Der Katechismus der katholischen Kirche sagt unter Nr. 61: Die Patriarchen, die Propheten und weitere große Gestalten des Alten Testamentes wurden und werden in allen liturgischen Traditionen stets als Heilige verehrt.

Natürlich ist es für einen Juden ein Ärgernis, wenn ein Katholik Abraham und Josef, Israel und Isaak, David und Jesaja als Teil der katholischen Kirche betrachtet. Aber so ist es nun einmal.

Political correctness

Man kann also der Kirche nicht vorwerfen, sie würde das „jüdische Element“ vernachlässigen. Aber wo ist es denn eigentlich in der heutigen Glaubenspraxis und Lehre hin? Es wurde vertuscht. Und zwar nicht in erster Linie von Judenfeinden, sondern im Gegenteil, von denen, die sich davor fürchten, gegenüber dem Judentum Anstoß zu erregen. Mir ist zuerst in der evangelischen Kirche aufgefallen, dass es üblich war, möglichst keinen Zusammenhang zwischen Altem und Neuem Testament zu herzustellen. Im Religionsunterricht wurde mir ziemlich unverhohlen erklärt, dass Christen zwar glauben würden, das Alte Testament wiese auf Christus hin, aber in Wirklichkeit sei das ja natürlich gar nicht so. Ich bitte einen denkfähigen Menschen, mir zu erklären, wie man Christ sein kann, wenn man nicht glaubt, dass Israel das auserwählte Volk ist um den Messias hervorzubringen, und dass dieser Messias dann Christus sei. Semitophile Menschen, die in einer Friede-Freude-Eierkuchen-Welt leben und denken, dass es sofort zu einem zweiten Holocaust führt, wenn man mit einem Juden nicht einer Meinung ist, versuchen also, einfach beides zu glauben: Dass Jesus der Messias ist, und eben gleichzeitig nicht. Man stelle sich kurz vor, Juden würden dasselbe versuchen, und erklären, Maria sei die heilige Jungfrau, die im Alten Testament erwähnt wird, aber eben gleichzeitig auch nicht. Richtig. Würde ein Jude das versuchen, würde man ihn fragen, wieso er seine Religion so sinnlos relativiert. Bei einem Christen dagegen ist es ein Ausweis von Toleranz.

 

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Ein Kommentar

  1. […] Im ersten Teil dieser epischen Abhandlung ging es bereits darum, dass das Christentum das (vorchistliche) Judentum als Teil seiner Identität begreift. Die ist eine Herausforderung für Juden, weil dies natürlich eine dramatische Infragstellung ihrer Kontinuität mit ihren Wurzeln darstellt. Wie aber sieht es mit Antijudaismus in der Kirche aus, und wieso können wir jüdische Bräuche nicht übernehmen? Und was lehren uns jüdische Konvertiten? […]

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