Das Jüdische im Christentum #2

Im ersten Teil dieser epischen Abhandlung ging es bereits darum, dass das Christentum das (vorchistliche) Judentum als Teil seiner Identität begreift. Die ist eine Herausforderung für Juden, weil dies natürlich eine dramatische Infragstellung ihrer Kontinuität mit ihren Wurzeln darstellt. Wie aber sieht es mit Antijudaismus in der Kirche aus, und wieso können wir jüdische Bräuche nicht übernehmen? Und was lehren uns jüdische Konvertiten?

Christentum ohne Judentum funktioniert nicht

Wenn die Kirche sich nicht mehr getraut, ihre jüdischen Wurzeln beim Namen zu nennen, dann schießt sie sich zwei Eigentore. Ich durfte einmal eine sehr schöne Debatte im Deutschlandfunk mit anhören, in deren Verlauf ein Jude im Alleingang den christlichen Glauben rhetorisch zerfetzte, ohne, dass ihm die evangelische Leiertüte etwas hätte entgegensetzen können. Sie konnte es nicht, weil sie sich nicht traute, das Alte Testament für sich zu beanspruchen – wäre ja nicht so gut angekommen. So behauptete der werte Herr, dass es natürlich Blödsinn sei, dass man das Christentum zu den abrahamitischen Religionen zähle. Den Islam durch Ismael ja, aber wo bitte habe denn das Christentum irgendeinen Bezug zu Abraham. Während ich ansonsten kein Fan der Diktion von den abrahamitischen Religionen bin, weil häufig ideologisch verbrämt, ist in diesem Fall natürlich nur eine Antwort möglich: Jesus Christus als derjenige, der den Bund beispielhaft, perfekt und als einziger vollkommen erfüllt hat; diesem werden alle Christen durch die Taufe eingegliedert. Wir sind also nicht Kuckuckskinder, die sich bei Abraham eingeschlichen haben, wir sind auch mehr als „Adoptivkinder“, die in den Bund aufgenommen wurden, weil Gott nett ist, wir sind ein Teil des Leibes Christi, und damit Erben eines Bundes, der den Abrahams darin übersteigt, dass Christus eben mehr ist als Abraham und Abraham bereits diesen (indirekt) bekennt. Natürlich muss man dazu zumindest ungefähr wissen, wer Christus gemäß unserer Lehre ist. Dass ein Jude in ihm im besten Falle eine Sozialreformer, einen Weisheitslehrer oder einen etwas durchgeknallten (oder fehlinterpretierten) Schriftgelehrten sehen kann, ist klar; aber sollte ein Christ nicht darüber aufklären, dass dies nicht der Fall ist?

Ohne das Alte Testament und ohne das Judentum kann die Kirche nicht glaubwürdig behaupten, im Plan Gottes von Anfang an vorgesehen gewesen zu sein. Sie erweist sich dann als Gebilde, das durch spinnerte Juden, die meinten, den Messias gefunden zu haben, erfunden und konstruiert wurde. Dann ist aber auch der gesamte Rest der Kirche obsolet. Das wird einen Menschen, der sich mit der Lehre der Kirche (und ich meine damit nicht „tu dies, tu das“, sondern die wahre philosophische, anthropologische, transzendente und überhaupt Tiefe der Lehre) nicht auskennt, nicht weiter stören, denn er weiß gar nicht, was alles er damit in den Mülleimer der Geschichte befördert. Aber wer auch nur eine Ahnung der Zusammenhänge der christlichen Wahrheit hat, wie einzelne, vielleicht unbedeutend scheinende Bibelpassagen sich zusammenfügen mit antiken Erkenntnissen zu einem großen Ganzen, das tatsächlich katholisch alle Daseinsebenen umfasst, wer auch nur annähernd weiß, wie wenig er noch von diesem Gebilde der Lehre verstanden hat, und doch schon bereits in diesem unzureichend erleuchteten Stadium aus dem Staunen nicht mehr herauskommt, dem ist ein wenig daran gelegen, nicht aus falsch verstandener „Versöhnlichkeit“ gegenüber Glaubenswahrheiten indifferent zu sein.

Judenfeindlichkeit unter Christen oder im Christentum?

Ein weiteres Eigentor ist, dass nur aus der Unkenntnis gegenüber der Wertschätzung, die die Lehre dem Judentum entgegenbringt, die festverwurzelte Überzeugung stammen kann, das Christentum sei judenfeindlich. Viele Christen waren (und sind) judenfeindlich, aber nicht wegen der Lehre der Kirche, sondern trotz derselben und gegen dieselbe. Man behauptet doch gerne, Menschen in früheren Zeiten seien so unwissend gewesen. Nun, gerade in Dingen der Lehre war es tatsächlich deutlich schwieriger als heute, informiert und up-to-date zu sein: Man konnte sich keine Enzykliken herunterladen und den Katechismus online lesen. Und ebenso waren die Menschen damals ganz genauso wie heute auch immer ganz gut in der Lage, die Lehre der Kirche abzulehnen, weil sie meinten, es besser zu wissen. Ein Beispiel ist etwa die Behauptung, die Juden seien „Gottesmörder“. Die katholische Kirche hat immer klar gelehrt, dass die Schuld an Jesu Leiden und Tod dem einzelnen Sünder anzulasten ist und der Gesamtheit der Menschen: Um wieder auf mein neues Lieblingsbuch zurückzukommen: Der Katechismus von 1566 sagt, dass, um diese Gesamtheit der Menschen zu repräsentieren, eben Heiden – als Repräsentanten der Völker –  und Juden – als Repräsentanten des auserwählten Volkes –  gemeinsam Jesus ans Kreuz gebracht hätten. Derselbe Katechismus rügt dann die sündigenden Christen: Mit Verweis auf die Bibel wird dargelegt, dass ja die Juden Christus nie und nimmer gekreuzigt hätten, wenn sie ihn als Christus erkannt hätten, während die Christen, die behaupten, ihn erkannt zu haben, dennoch sündigen und so Jesu Leid vermehren. Klingt nicht so richtig judenfeindlich. Nun kann die Kirche das solange wiederholen, bis sie schwarz wird: Wenn ein Mann bei seinem jüdischen Nachbarn noch Schulden hat und ein anderer meint, er habe tiefere Einblicke in den Glauben, als die Kirche, dann werden diese beiden versuchen, das Dorf gegen den Juden aufzuhetzen und dafür die Religion als Rechtfertigung anführen. Das funktioniert heute noch genauso, nur geht es dann eben um Kommunion für Wiederverheiratete oder um den Zölibat oder um was auch immer, wo ein „moderner“ und „aufgeklärter“ Mensch meint, er wisse es nun einmal besser als die Gemeinschaft der Heiligen. Ich bin auch davon überzeugt, dass die Verdrängung einer ganzheitlichen Betrachtung der Schrift eher zu solchen Missverständnissen führt. Wer die Bibel nicht mehr (wie in der Antike und im Mittelalter) im übertragenen Sinne liest, sondern ausschließlich im wörtlichen (wozu die Reformation mit sola scriptura ebenso verführt wie eine einseitig historisch-kritische Auslegung, die die Schrift auf historische Begebenheiten reduziert) Sinne, der bezieht eben den Kreuzestod Christi auch nicht mehr auf die eigene Sündhaftigkeit, sondern sieht darin nur ein einmaliges, historisches Ereignis. Abgesehen davon, dass es natürlich der menschlichen Bequemlichkeit entspricht, sich dem eigenen Gewissen und der eigenen Verantwortung zu entziehen, indem man sagt „Das war nicht ich, das waren die Juden“: Die Kirche aber lehrt explizit und buchstäblich etwas anderes und hat das auch immer getan. Dies würde aber augenfälliger sein, wenn die Bedeutung des Alten Testaments betont würde, anstatt marginalisiert, um ja niemanden zu beleidigen!

Warum dann aber nicht Pessach feiern?

Wenn wir uns dagegen fragen, wieso wir nicht einfach jüdische Feste feiern und jüdische Bräuche weiterverfolgen, dann muss man darauf hinweisen, dass durch die 2000-jährige Geschichte der Kirche vieles, was einmal jüdisch war, schlicht nicht mehr als solches erkennbar ist. Dagegen ist es nicht möglich, jüdische Feste und Normen zu übernehmen. Zum einen sind ja die Normen und Gesetze gegeben, weil die Verheißung noch nicht erfüllt war. In Christus aber ist auch das Gesetz erfüllt. Man darf also nicht mehr behaupten, etwa Beschneidung oder diese oder jene Vorschrift seien heilsnotwendig. Natürlich kann man etwa aus medizinischen Gründen beschneiden, aber eben ausdrücklich nicht aus religiösen. Denn man würde damit an die Stelle des Bundes in Christi Blut etwas anderes setzen! Ebenso sind die jüdischen Feste die Spiegelung des Heilsgeschehens von Christus her in die Vergangenheit. Pessach z.B. bedeutet die Herausführung aus dem Zustand der Sünde, die Erlösung, das Opfer Christi etc. Da dieses aber ja nun tatsächlich stattgefunden hat, können wir nicht mehr dahinter zurück. Außerdem wäre es tatsächlich in hohem Maße „übergriffig“, nicht nur das historische Judentum vor Christus, sondern auch das heutige Judentum für sich in Anspruch zu nehmen! Das würde ja bedeuten, den anderen in seinem Glauben gar nicht ernst zu nehmen.

Es ist sicher lohnend und spannend, zu erforschen, welche Bestandteile aus der jüdischen Glaubenspraxis Eingang ins Christentum gefunden haben. Dazu habe ich schon einiges Interessantes auf amerikanischen Blogs gelesen. Es wäre auch wahnsinnig interessant und wichtig, vor allem für die Katholiken mit jüdischen Wurzeln, auszuloten, welches Brauchtum etwa in der katholischen Kirche beibehalten werden kann, ohne in Konflikt zu kommen mit der vollständigen Erlösung durch Christus. Da ich selbst in hohem Maße nicht nur ein Israelfan bin, sondern auch dem Judentum sehr verbunden, ist das auch für mich persönlich eine spannende Angelegenheit. Es dürfte aber gar nicht so leicht sein, dies zu tun, da die political correctness eben auch vor allem davor zurückschreckt, etwas Jüdisches als ebenso (genuin) christlich zu bestimmen. Wo man gar kein echtes Interesse daran hat, die Folgerichtigkeit von Judentum und Christentum im christlichen Sinne und bezogen auf die christliche Offenbarung darzulegen, da wird man auch nicht versuchen, die jüdischen Spuren im Katholizismus zu entdecken. Könnte ja „negative“ Folgen haben. Konvertiten z.B.

Glaubenszeugnisse

Womit wir beim letzten wichtigen Punkt wären: Zahlreiche Heilige der katholischen Kirche sind jüdischen Konvertiten (bzw. aus konvertierten Familien). Und die haben bezogen auf die Wahrheit des Evangeliums und die Notwendigkeit, Christ zu werden, natürlich kein Blatt vor den Mund genommen. Aber sie konnten es sich ja auch leisten. Und nicht nur Teresa von Avila und Edith Stein sind solche großartigen Glaubensgestalten: Eines der beeindruckendsten Glaubenszeugnisse legte Eugenio Zolli ab – der Oberrabiner von Rom während des zweiten Weltkriegs konvertierte 1945 zum Katholizismus und nahm den Namen Pius‘ XII. an- weil dieser so große Anstrengungen zur Rettung der Juden unternommen hatte. Die Geschichte seiner Bekehrung ist sehr eindringlich (es lohnt sich, sie nachzulesen!), und ich denke, sie zeigt deutlich, wie die Auseinandersetzung mit dem Judentum auch heute noch Juden zu Christus führen kann, dass es also nicht um einen Bruch mit der jüdischen Tradition, sondern vielmehr um die Vollendung der jüdischen Tradition geht (was dann eben auch eine Art von Bruch zur Folge hat). Dies ist aber wie gesagt in vielen Kreisen ein viel größeres Ärgernis als die Ablehnung des Judentums es sein könnte! Aber es ist doch nun einmal so: Uns kann nur gleichgültig sein, ob andere für Christus gewonnen werden oder nicht, wenn wir unseren Glauben nicht wirklich für wahr halten. Wenn wir ihn aber nicht wirklich für wahr halten, lohnt sich ein derart anstrengender und fordernder Glaube wie das Christentum keineswegs :).

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