Bloß eine Magd – Frauen und das Evangelium

Ich könnte ein Buch zu diesem Thema schreiben…also: Ohne Anspruch auf Vollständigkeit!

Vor kurzem wurde auf meinem Blog kommentiert, dass jemand sich mit dem „männlich konnotierten“ Gottesbild des Christentums nicht so recht anfreunden kann. U.a. wurde dort gesagt, neben der Tatsache, dass Gott ein Mann sei (was ja nicht stimmt), sei es zusätzlich degradierend, dass die höchste Frau lediglich dessen Magd sein dürfe.

Dies ist sicher nicht der Hauptkritikpunkt und recht sorglos dahingtippt, aber ich sehe darin eine Denkrichtung, die ich häufig erlebe, und die ich ganz und gar gefährlich finde. Und zwar bezogen auf unser Christsein, nicht auf Geschlechterfragen.

Ich nehme an, dass sich der Einwand etwas relativiert dadurch, dass ja Gott nun einmal kein Mann ist, sondern Geist, und damit weder Mann noch Frau (s. Katechismus der katholischen Kirche).

Dennoch bleibt das Streben einiger Frauen danach, bloß ja so mächtig, toll, angesehen etc. sein zu wollen, wie Männer es angeblich sind. Ob Männer das nun tatsächlich sind, ist dabei gar nicht so sehr  die Frage, und lässt sich pauschal auch nicht klären. Aber jedenfalls scheint es das latente Gefühl zu geben, weniger wert zu sein.

Erst einmal konkret zu Maria: Sie bezeichnet sich selbst als Magd, während sie gleichzeitig sagt, Gott habe sie erhöht, und sie werde nun seliggepriesen werden durch alle Zeiten. Tatsächlich ist Maria laut Lehre unserer Kirche das höchste aller Geschöpfe.  Jesus selbst ist kein Geschöpf, deshalb gilt er eh nicht. Maria steht über den Engeln.

Aber: Angesichts eines über alle Maßen großen, vollkommen, allwissenden, allmächtigen, allumfassenden, unsterblichen Gottes, was sollte es da Höheres geben, als diesem Gott dienen zu dürfen? Und wichtiger: Angesichts eines Gottes, der uns so liebt, dass er sich selbst für uns hingibt, wie könnten wir diese Freundschaft anders vergelten, wie sollten wir uns etwas anderes wünschen, als ihm zu dienen? Wenn ich es tatsächlich als etwas zu Niedriges ansehe, Magd des christlichen (und wahren) Gottes sein zu dürfen, dann stimmt etwas mit meinen Gewichtungen nicht! Weder scheint mir die unendliche Größe Gottes und die demgegenüber unendliche Niedrigkeit des Menschen auch nur annähernd klar zu sein, noch die unbeschreiblich und unfassbar große Liebe, die er uns gegenüber hat. So ganz korrekt werden wir das natürlich nie einordnen, aber es könnte wenigstens schon einmal in die richtige Richtung gehen…

Und wo ist die Bergpredigt, wo ist die Erniedrigung, die Selbstverleugnung dann in unserem Leben konkret? Ich sage nicht, dass das einfach, angenehm, leicht oder machbar ist, ich sage nur: Das ist der Anspruch, vor dem alle Christen stehen, und wir müssen uns immer wieder fragen, meine ich, ob wir diesen Anspruch eigentlich noch ernstnehmen, oder für ein Ammenmärchen halten. Ich muss dabei an einen meiner Lieblingsfilme denken – Becket, den genialen Film nach einem Drama, das das Leben und die völlige Umkehr des weltlichen und verweltlichten Thomas Becket darstellt – bis er zum Bischof von Canterbury eingesetzt wird, um dann dem König die Kirche zu unterwerfen (so ist jedenfalls der Plan), ist die christliche Botschaft für ihn eben nur das: Eine nette Sache, die keine konkrete Bedeutung hat. In dem Augenblick, in dem er aber der Kirche vorstehen soll, vollzieht sich eine Wende, und er beginnt, das Evangelium wirklich zu leben. Es wird plötzlich plastisch, konkret, und wirkt sich als gestalterische Kraft derart unwiderstehlich aus, dass es sein ganzes Leben verändert.

Natürlich ist es ein alter Vorwurf, dass die Kirche (bzw. die Hierarchie, bzw. die Männer, oder wer immer eben gerade „böse“ ist) Jesu Lehre benutze, um den, der eh schon im Staub liegt, auch dort zu halten. Dem widerspricht das Lebenszeugnis der Heiligen, die aus einer privilegierten Stellung heraus freiwillig in den Staub gegangen sind, um dort Gott zu dienen. Und das waren übrigens sehr häufig Männer. Obwohl sie angeblich ja alle so wahnsinnig machtversessen sind, hat dieses Geschlecht doch die schönsten und ehrwürdigsten Beispiele hervorgebracht, wie die Liebe zu Christus tatsächlich alle Macht und allen Ruhm geringschätzt.

Ich wünsche mir als Christ natürlich, dass das Evangelium auch mich so erfassen möge. Ob man es dann in all seinen Auswirkungen immer noch mag, wenn es gschieht (und ob man tatsächlich so inbrünstig darum bittet, wie man denkt), ist eine andere Frage!

Das Evangelium ist in dieser Hinsicht für Frauen also ziemlich unbequem. Manch einer lehnt nämlich ab, Frauen als „Dienende“ zu begreifen, weil er meint, nach so vielen Jahrtausenden der Unterdrückung „der“ Frau sei doch nun die Zeit gekommen, als Frau eben nicht mehr dienend und demütig zu sein. Tja, ein Trugschluss. Das Evangelium gilt für alle, und es gilt immer noch, und nur, weil es ganz schreckliche Unterdrückung und schockierendes Unrecht gegenüber Frauen gibt (übrigens auch gegen Männer – sollte man nicht vergessen!), heißt das nicht, dass Jesu Anforderungen an uns deshalb für Frauen nun heutzutage weniger gelten würden!

Es betrübt mich sehr, wenn ich sehe, wie sehr weltliches Denken in unser Glaubensleben einsickert. Wenn wir anfangen, zu denken, eine höhere Position sei die bessere, dann ist Zeit für einen U-Turn in Sachen Hierarchie. Dann ist es Zeit, sich radikal an Christus umzuorientieren, was die Gewichtung von Macht und Ansehen in der Welt betrifft. Maria ist das höchste Geschöpf, weil sie dazu in der Lage war, ihre Niedrigkeit wirklich und wahrhaftig einzusehen. Sie allein ist so demütig, wie es unserer Lage entspricht. Und darum ist sie erhöht worden. Auch Christus ist erhöht worden, indem er erniedrigt worden ist. Dieses Wissen, dieser Glaube sind der Welt eine „Torheit“, aber wir glauben das ganz fest. Wenn wir merken, dass wir das nicht mehr glauben, dann müssen wir beten, zu einem guten Priester gehen, der uns das noch einmal erklärt, und die Bibel lesen. Es passiert uns ganz leicht, dass wir anfangen, unsere Prioritäten falsch zu setzen, weil die Welt uns das immer vorlebt. Aber unser Glaube ist der krasseste Gegenentwurf gegenüber allem, was die Welt hoch und wichtig schätzt.

Der Christ ist in seiner Ohnmacht stark, in seiner Schwäche mächtig (es lohnt sich, die Briefe des Neuen Testaments zu lesen! Die legen sehr genau dar, was unser Glaube diesbezüglich ist!). Wenn also Maria eine wahre Magd des Herrn ist, eine Dienerin Gottes, dann ist das im Prinzip der höchste Titel, den man einem Menschen verleihen kann. Jedenfalls ist es wichtiger und ehrenvoller, Magd des Herrn zu heißen, als Königin der Engel. Wir finden natürlich den Glanz einer Königin betörender und wollen uns in diesem Glanz vielleicht auch ein bisschen sonnen – das ist auch in Ordnung. Aber Magd des Herrn, das ist ein vorzüglicher Titel, und Maria selbst hat ihn sich gegeben als sie vom Heiligen Geist erfüllt war!

Natürlich könnte ein kritischer Leser nun fragen, wenn dem so ist, wieso es dann in der Kirche überhaupt eine glanzvolle „Spitze“ mit Marmor, Gold und Palästen gibt, wenn doch unser Ziel das Gegenteil von weltlicher Macht ist.

Dazu könnte man nun auch wieder einen eigenen Artikel bringen. In Kürze: Wir sind dazu aufgefordert, Gott mit den Talenten zu dienen, die wir haben. Es kann sinnvoll sein, Macht auszuüben, und zwar dann, wenn es mir gegeben ist, durch Talente, die mir Gott gegeben hat, besonders gut führen, leiten und unterweisen zu können. Es ist nur wichtig, dass ich innerlich völlig frei bin von Machtstreben. Besonders oft ist es aber sogar so, dass die, die ganz klar nicht nach Amt und Würden streben, von Gott genau dazu berufen werden – wahrscheinlich eben weil sie sich ihrer Niedrigkeit bewusst sind und sich nicht über sich selbst erheben würden. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Jona ließ sich lieber von einem Wal fressen, als Prophet Gottes zu sein, Jeremiah fand, dass er zu jung sei, und Moses meinte, er könne nicht gut genug sprechen. Wenn es also nun Gottes Wille ist, dass wir Macht ausüben, dann besteht die Demut darin, das zu tun. Zuerst sollte man aber genau um sich schauen, was gefragt ist. Übrigens besteht eine tatsächlich große Macht in der Aufgabe der Frau als Mutter: Sie ist nicht nur die erste Repräsentantin der Liebe Gottes gegenüber einem neuen Menschen, sie beeinflusst maßgeblich die neue Generation – gerade auch die Männer. Es ist ziemlich töricht, diese Macht generell ablehnen zu wollen (die niemand anders ausüben kann, da nun einmal niemand anders ein Kind neun Monate lang im Leib trägt oder es stillen kann), und dafür nach irgendetwas anderem zu streben. Ich schreibe „generell“, weil es natürlich etwas anderes ist, ob man als konkrete Frau nun einmal eine Berufung zur geistlichen Mutterschaft hat, oder durch sonst irgendeinen individuellen Grund nicht Mutter werden will oder kann, oder ob man generell, das heißt grundsätzlich diese Rolle an sich ablehnt.

Ich möchte nicht missverstanden werden: Ich bin in jedem Fall dafür, tatsächliche Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Aber an erster Stelle muss für einen Christen die innere Freiheit stehen, nicht die äußere. Für mich sind zwei frappierende Beispiele für diese Haltung bei den frühen Christen zu finden. Die erste ist ganz offensichtlich: Das Martyrium ist auch ein Zeugnis für die innere Freiheit und Hoheit, sich nicht einmal dadurch beeinflussen zu lassen, dass man gerade umgebracht wird. Aber auch auf einer ganz anderen Ebene wird deutlich, dass die frühen Christen das sehr ernstgenommen haben: Hätten sie äußere Freiheit und Macht hochgeschätzt, dann hätten sie sich sofort gegen die Sklaverei wenden müssen, die im römischen Reich normal und akzeptiert war. Ganz explizit aber wurde ein Drang zu sozialreformerischen Aktivitäten auch abgelehnt, als die Kirche noch überhaupt keine äußere Macht hatte. Es kann ihr also zu diesem Zeitpunkt nicht darum gegangen sein, Menschen niedrig und unfrei zu erhalten, um selbst mehr Macht ausüben zu können. Zwar hat dann das Christentum am Ende doch dazu geführt, dass man als Christ an Sklavenhaltung nicht festhalten konnte, und die Kirche hat sich später (als sie dann Macht hatte!) gegen Versklavung und Erniedrigung des Menschen eingesetzt, und dafür, auch im Bereich des äußeren Lebens eine der menschlichen Würde angemessene soziale Ordnung zu schaffen; aber es ist eben für einen Christen nicht der Kern, dass er machen kann, was er will, sondern, dass er der sein kann, der er sein soll.

Bezogen auf den Ausgangspunkt dieses Artikels, der Frage nach der Position der Frau, bedeutet das für mich: Wo Diskriminierung herrscht, ist man als Christ gerufen, auf die Würde der Frau hinzuweisen. Aber keineswegs darf man dem Irrtum anheimfallen, allein die Frau sei Grenzen und Zwängen ausgesetzt. Und noch weniger darf man meinen, alle Zwänge könnten beseitigt werden. Das können sie nicht, weil Grenzen in der Natur unserer Welt liegen. Das letzte Mal, als Menschen (ein Mann und eine Frau) der Ansicht waren, sie könnten sich über die ihnen gesetzte Grenze hinwegsetzen, ist das für die ganze Menschheit ziemlich böse ausgegangen. Als Töchter der neuen Eva müssen wir diesen Fehler nicht wiederholen, sondern dürfen erst einmal herausfinden, was Frausein überhaupt so alles bedeutet, bevor wir meinen, uns darüber erheben zu müssen. Ich glaube nicht, dass ein Leben ausreicht, um es herauszufinden! Wer als Frau mit sich im Reinen ist, für den kann es keinen Minderwertigkeitskomplex in Bezug auf den Mann geben. Und wer als Christ mit Gott im Reinen ist, der kann keinen Minderwertigkeitskomplex in Bezug auf weltliche Macht haben.

Eine Krankheit, die übrigens gar nicht die Bibel oder die Kirche, sondern die Frauen selbst haben, ist die Angewohnheit, alle Fähigkeiten und Eigenschaften in „männlich“ und „weiblich“ zu unterteilen, am besten auch noch mit Wertung. Es gibt in der Bibel ein Loblied auf die tüchtige Frau, das sehr farbenfroh und kräftig die perfekte Frau schildert: Als stark, unermüdlich, ausdauernd, fröhlich, als Herrin in ihrem Haus, als Wirtschafterin, als Versorgerin ihres Hauses. Dagegen beginnt das Loblied mit den Worten „Lieblich und schön sein ist nichts“. So. Und jetzt mal ehrlich: Wie viele Frauen finden sich eigentlich, denen lieblich und schön sein tatsächlich absolut und völlig „nichts“ ist? Hm? Vielleicht hat die Bibel ein viel diverseres, spannenderes und weniger stereotypes Bild vom Menschen, als viele Leute heute. Und ein realistischeres.

 

 

 

 

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2 Kommentare

  1. Ich denke „lieblich und schön sein ist Nichts“ ist als „lieblich und schön sein ist vergleichsweise nicht, verglichen mit dem, was jetzt kommt:“ zu interpretieren 😊

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