Luther und der Islam

Ein Gespräch des Deutschlandfunks mit Ute Reinholdt-Strienz, der Islambeauftragten der EKD:

DLF: Sehr geehrte Frau Reinholdt-Strienz, Sie mahnen in Ihrer jüngsten Verlautbarung eine Aufarbeitung der lutherschen Aussagen zum Islam an.

R-S: Ja. Sehen Sie, wir haben in der Vergangenheit ja Luthers Antisemitismus aufgearbeitet. Das hat uns gut getan. Wir mussten in Demut erkennen, dass wir da ein schweres Erbe mit uns herumgeschleppt haben, und es war wichtig, dies anzuerkennen. Da sind wir z.B. viel weiter als die katholische Kirche. Sie sträubt sich noch immer gegen ein Schuldeingeständnis.

Haben die jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Quellen aus den vatikanischen Archiven, die bisher zugänglich gemacht wurden, nicht gezeigt, dass die katholische Kirche, insbesondere Papst Pius XII., große Anstrengungen unternommen hat, um Juden im Dritten Reich zu retten?

Darum geht es nicht: Es führt eine blutige Spur direkt von Paulus nach Dachau.

Wie das? Vor seiner Bekehrung hat er doch als Jude Christen verfolgt?

Sehen Sie! Da beginnt er schon, der Antisemitismus! Und vergessen Sie nicht, dass in der katholischen Kirche Dogmen aufrechterhalten werden, die Juden ablehnen, und die als Affront aufgefasst werden müssen. Die Dreifaltigkeit, die Jungfrauengeburt…

Äh, ja. Nun, Frau Reinholdt-Strienz, kommen wir aber zum eigentlichen Thema zurück – der Islam…

…ist eine Religion, die unschätzbare Kulturgüter hervorgebracht hat. Sehen Sie, ohne den Islam wäre das gesamte Wissen der Antike untergegangen. Die katholische Kirche hat jahrhundertelang versucht, die heidnische Philosophie zu unterdrücken und zu dämonisieren.

Aber ist es nicht gerade in letzter Zeit immer evidenter geworden, dass die Gelehrten im Nahen und Mittleren Osten, die die Griechen übersetzt haben, zu einem großen Teil eben gerade Christen waren? Und haben nicht die Klöster das Wissen der Antike zu bewahren versucht?

Das ist reine Konstruktion. Wir wissen, dass die Katholiken gegen Schulen, gegen Bildung, gegen Universitäten waren. Erst Melanchthon und Luther haben hier Abhilfe geschaffen. Sie wollten Bildung. Vor allem auch für Mädchen. Hier sind sie wirklich Visionäre gewesen.

Wollte denn nicht schon Karl der Große eine Allgemeine Schulpflicht einführen? Für Jungen und Mädchen? Und sind nicht die ersten Universitäten Europas katholisch? Ich bin ein wenig verwirrt, Frau Reinholdt-Strienz. Aber jedenfalls ist der Islam da ganz anders als der Katholizismus?

Ja, natürlich. Bildung hat dort einen sehr hohen Stellenwert. Schauen Sie sich die Koranschulen an! Und dort wird ausschließlich das Wort Gottes gelehrt! Sola scriptura! Sehen Sie, Luther konnte das noch nicht so sehen, aber für uns heute ist doch ganz klar: Der Islam setzt Grundwerte des Protestantismus, Grundforderungen der Reformation mustergültig um. Die Schrift allein!

Was ist mit solus Christus? In Ihrem Impulspapier heißt es, es müsse etwa mit Blick auf das „solus Christus“ gefragt werden, „wie die darin zum Ausdruck gebrachte Exklusivität Jesu Christi in einer religiös pluralen Gesellschaft so zum Ausdruck gebracht werden kann, dass sie im Dialog nicht als anmaßend oder überheblich wahrgenommen wird“.

Das ist ein wichtiger Punkt. Zum einen stehen wir hinter der Exklusivität Jesu Christi. Ohne Abstriche. Jesus ist ein wichtiger Mensch, und zwar exklusiv für uns Christen. Dazu stehen wir, das bezeugen wir ganz klar. Andererseits muss man nicht immer von „Christus“ sprechen. „Prophet“ und „Jesus“ sind doch wunderbare Bezeichnungen, die die Rolle Jesu wunderbar illustrieren. Wir müssen da keine verbalen Barrikaden aufbauen.

Der Islam ist also dem Christentum gleichwertig in seiner Wahrheit?

Ach, ich bitte Sie! Wahrheit ist keine Kategorie der Postmoderne. Das Christentum ist von der Aufklärung so gründlich transformiert und geläutert worden von jedem vormodernen Ansatz. Und was danach noch übrig blieb, dessen hat sich Margot Käßmann angenommen. Ich kann nur sagen: Sicherlich fehlt dem Islam die Aufklärung noch. Daher so viele martialische Anklänge. Das Christentum war genauso in dieser Entwicklungsstufe! Denken Sie an die Hexenverbrennung! Die Kreuzzüge! Mehr Tote als Erster und Zweiter Weltkrieg zusammen!

Sind Sie da sicher? Neueste Forschung geht bei der Hexenverbrennung von 50.000 Toten aus.

Ja, da bin ich mir sicher. Das habe ich im Netz gelesen.

Nun, zurück zum Islam und den Prinzipien der Reformation. Was ist mit sola Gratia?

Wenn Sie von einem IS-Schergen gefangen genommen werden, dann sind Sie allein von seiner Gnade abhängig. Durch seine Gnade allein können Sie am Leben bleiben, wenn Sie konvertieren, oder getötet werden. Kann es einen stichhaltigeren Beleg dafür geben, wie wichtig das Prinzip „Allein durch die Gnade“ ist?

Sie meinen also, Luther hatte Unrecht mit seiner Ablehnung des Islam.

Aber sicher. Der Islam gehört zur EKD. Uns verbindet so vieles. Das Gebet etwa ist eine Brücke, die alle Kinder Abrahams vereint.

Wie soll die Stellungsnahme der EKD praktisch umgesetzt werden?

Zunächst werden wir 12 ½ Kommissionen einrichten.

So viele?

Ja, es gibt eine Menge zu tun. Eine Kommission wird z.B. versuchen, das Leben Jesu im Licht des Koran zu betrachten. Sicher können wir aus dem Koran eine Menge über den historischen Jesus lernen. Eine weitere Kommission wird sich mit Mohammed und Luther beschäftigen. Beide waren sich sehr nah in ihrer Impulsivität, der klaren Sprache, der Rigidität ihrer Ansichten. Da kann man über die persönliche Ebene zu einem fruchtbaren Austausch kommen. Nicht zu vergessen die Liturgiekommission. Der Islam hat uns Protestanten etwas voraus in der Einbeziehung des ganzen Körpers ins Gebet. Da fällt man nieder, verneigt sich…solch eine Sinnlichkeit im Gebet ist uns Christen doch völlig fremd. Wir überlegen, ob sich Gottesdienstkonzepte umsetzen lassen, die die islamische Gebetshaltung integrieren. Auch die Hadsch als geistlicher Weg ist so eine Frömmigkeitsform, die wir als Christen sicher in unseren Glauben integrieren könnten. Wir möchten den ökumenischen Pilgerweg Eisenach – Mekka anlegen und so interreligiösen Austausch ermöglichen. Auch auf gesellschaftspolitischer Ebene muss Zusammenarbeit ausgelotet werden. Nehmen wir die Steinigung. Sie ist auch im Alten Testament bekannt. Also eine biblische Strafe. Wie weit haben wir Christen uns doch vom Zeugnis der Schrift entfernt! Der Islam regt uns da zu einer grundlegenden Reform an.

Am Ende des Prozesses soll dann ein Papier stehen, in dem wir uns von jeder Aussage des Christentums abgrenzen werden, die dem Islam widersprechen könnte. Wir werden Abstand nehmen von den zeitbedingten Verurteilungen der Vergangenheit.

Sehr geehrte Frau Reinholdt-Strienz, vielen Dank für diese interessanten Ausführungen. Viel Erfolg bei Ihren Bemühungen zur Aufarbeitung eines weiteren dunklen Kapitels der Reformationsgeschichte.

Sehr gerne.

 

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6 Kommentare

  1. „Ohne den Islam wäre das gesamte Wissen der Antike verloren gegangen.“ Das ist einfach nicht wahr. Bitte nachlesen bei Remi Brague , Michael Hesemann u. a. Die obige Behauptung ist historisch überholt.

  2. Ob da wohl der/die/das Ökumeneverantworliche*r einverstanden ist. Man kann doch nicht so über die lieben Schwestern und Brüder in der Schwesterkirche reden. Da denke ich müssen sich die beiden mal gemeinsam in einen Kreis mit gestalteter Mitte setzen und über die Aussagen der Frau Reinholdt-Strienz einen offenen Dialog führen. Immerhin gibt es doch sehr viele Schwestern und Brüder in der kath. Schwesterkirche, welche sich um Reformen bemühen. Diese Christ*innen wünschen sich schliesslich auch nichts sehnlich, wie dass sich einst alle Christ*innen (auch solche welche dieses Binäre Geschlechtersystem ablehnen) unter dem grossen imaginären Dach der reformierten Kirche zusammenfinden. Da kann man dann in Friede*in, Freude*in und Eierkuch*im gemeinsam sich um eine gestaltete Mitte treffen. Gemeinsam wohlriechende Brote und wundervolle Öle teilen und sich zuguterletzt gegenseitig verheiraten. Wenn das erst von so eibem voĺlig unsialmischeb Is Kampfer gesehen wird, der will da sofort mitmachen. „Guck mal Ali, da kann man im Stuhlkreis sitzen und darf Männer heiraten“ – „Boah krass hey Muhammad! Da müssen wir hin“ – „Ja wer braucht schon 72 Jungfrauen, wenn er mit FAIRstand einen Ökumenischen Pilgerweg für die bedrohte Waldameise machen kann“- „Mohammad willst du mich heiraten?“ – „ich weiss nicht Ali, die bieten ja nur Homoehe an und ich glaube ich bin im falschen Körper geboren, nenn mich ab jetzt Khadija“

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