Spitzfindigkeiten Teil 2: Frei-assoziative Exegese mit feministischem Einschlag und esoterischem Regenwurm

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Welcome back zur Skagerrakschlacht unter den theologischen Auseinandersetzungen (…not…), der Frage, ob Frauen während der Messe ihr Haupt bedecken sollen bzw. müssen, oder nicht. Hanna Maria Jüngling hat eine klare, leider recht paranoide Einstellung dazu. Nachdem sie lang und breit etwas dargelegt hat, was nicht stimmt, nämlich, dass die Kopfbedeckung in der katholischen Kirche unüblich gewesen sei, beginnt die zweite Hälfte des ersten Teils ihres vor martialischer Militärdiktion strotzenden Artikels (Kämpfe toben, nein, gleich ganze Stellvertreterkriege, es gibt Propaganda und Alarmglocken schrillen, offenbar besteht die akute Gefahr, dass die gesamte katholische Tradition geschlossen zum Wahabismus übertritt) mit dieser falschen Ausführung, weshalb man den gesamten ersten Absatz unter dem Fachwort „Fail“ zusammenfassen kann:

Der heilige Paulus habe angeblich den Schleier für die Frauen vorgeschrieben, wenn sie beten. Hier stellt sich sofort die Frage, wieso dann, wenn das so sein sollte, das Lehramt seit Jahrhunderten darauf keinen gesteigerten Wert gelegt habe?

Blödsinn, wie bereits in Teil 1 meiner Vendetta dargelegt. Der CIC schreibt es bis 1917 zweifelsfrei und klar und deutlich vor, dass Frauen ihr Haupt zu bedecken haben. Im Judentum ist die Verschleierung üblich, wobei viele Frauen es dort als modisch empfinden, Perücken zu tragen, was zu der abstrusen Situation führt, dass u.a. in Indien Götzen geopfertes Haar zu Perücken für orthodoxe Jüdinnen verarbeitet wird, aber das ist jetzt nicht das Thema. In der orthodoxen Kirche ist es ebenfalls bis heute Brauch. Angesichts dieser beiden Tatsachen ist es also höchst unwahrscheinlich, dass die ungeteilte Kirche diesen Brauch nicht gekannt hätte. Hiermit wäre also die Hauptargumentationslinie bereits ad absurdum geführt, lasst die Sektkorken knallen, es gibt keinen Grund, wieso wir davon ausgehen sollten, Frauen hätten früher keine Kopfbedeckung in der Kirche getragen.

Diese Frage wird in aller Regel damit beantwortet, dass Papst Linus, der zweite Papst, in einem Schreiben, dessen Echtheit umstritten ist, den Frauen einen Gebetsschleier vorgeschrieben habe.

Hab noch nie was von Linus‘ Schreiben gehört, aber wie oben beschrieben, muss man diese Frage gar nicht beantworten, da die Grundannahme falsch ist.

Abgesehen von der Umstrittenheit der Echtheit kommt mir unweigerlich die Frage hoch, seit wann für uns maßgeblich ist, was ein Papst von Anno dazumal vorgeschrieben hat, handelt es sich dabei doch weder um eine Glaubens- noch um eine echte Sittenfrage…ich dachte, niemand dürfe alte Verordnungen („proxima-Regeln“) von Päpsten gegen neuere Gepflogenheiten ausspielen? Ist die „Tradition“ hier etwa anti-traditionell und macht es wie die Progressiven und Protestanten und zieht aus den Tiefen der Kirchengeschichte nebensächliche oder inzwischen aufgegeben Ansichten, die für den Glauben selbst keine Bedeutung haben, oder nicht weiter verfolgte Bräuche aus den Truhe, erklärt sie zu „urchristlichen“ Wahrheiten und will damit die jüngste Tradition (die regula fidei proxima) stürzen?

S.o.

So. Jetzt geht’s aber los. Paulus. Frauenfeind Nr. 1 in schlecht reformierten Kreisen. Nur zur Sicherheit: Wir sind katholisch. Paulus ist bei der Frage nach der Kopfbedeckung für uns wichtig, aber überhaupt nicht allein maßgeblich. D.h. selbst WENN der Apostel NICHT das gesagt hätte, was allgemein geglaubt wird, würde es immer noch genügend VERNÜNFTIGE Gründe für eine Kopfbedeckung geben. Hanna Maria Jüngling scheint davon auszugehen, dass für Schleierträgerinnen Paulus das ausschlaggebende Argument sei. Dem ist nicht so. Ich habe einen guten Freund, der sinngemäß sagte, ein guter Katholik habe es nicht nötig, mit der Bibel zu argumentieren. Sehe ich auch so. Das kann man unter seinesgleichen tun. Für die Welt reicht die Vernunft völlig aus. Insofern wären ihre Einlassungen maximal an fundamentalistische Evangolen gerichtet. Aber egal.

Ich sehe mir die Stelle im 1. Korintherbrief an und muss gestehen, selten eine auf den ersten Blick so verworrene und in sich unlogische Schriftstelle gelesen zu haben – wenn man sie rein normativ und nicht als eine erörternde Darlegung liest.

Aha. Es beginnt mit einer Überhebung, die nicht von schlechten Eltern ist. Schon mal von „Theologie auf den Knien“ gehört? Der Heilige Paulus ist nicht bloß heilig, seine Schriften haben es in den Kanon geschafft. Es gehört also Chuzpe dazu, zu behaupten, was er geschrieben hat, sei unlogisch und verworren. Viel wahrscheinlicher ist es, wenn ich eine Schriftstelle nicht verstehe, dass ich verworren und unlogisch bin. Und eben auch leider nicht genug Ahnung habe von der historischen Situation, der Situation allgemein, den üblichen Lebensformen etc. Natürlich sind wir da alle auf Forschung angewiesen und auch dann können wir vieles nicht mit Sicherhiet sagen, ist nunmal 2000 Jahre her. Aber deshalb ist nicht die Schriftstelle verworren. Ach ja, und übrigens, wer behauptet, man müsse etwas rein normativ lesen? Mir fällt bei Traditiophoben häufig auf, dass sie, wenn sie argumentieren, einen Begriff mit einem Attribut kennzeichnen, um ihn zu konnotieren. Also, statt einfach „normativ“ spricht man von „rein normativ“, womit suggeriert wird, es fehle eine gewisse mehrdimensionale Herangehensweise und die Sache sei irgendwie einseitig/ defizitär. An sich kein Problem, wenn nicht im Anschluss dann so getan würde, als sei der betreffende Begriff gar nicht anders zu haben, also, als sei normativ generell unter Ausschluss anderer Möglichkeiten. Nun sehe ich kein Problem darin, die Stelle sowohl als erörternd als auch als normativ aufzufassen, zumal normativ und erörternd in keiner Weise Gegensätze darstellen und einander überhaupt nicht in die Quere kommen. Vielleicht meinte Frau Jüngling etwas anderes und hat bloß kein passendes Wort gefunden, passiert ihr öfter.

Man findet diese einzige themengebundene Schriftstelle (alleine das verweist schon auf die relative Bedeutungslosigkeit des Themas) im Korintherbrief (1. Kor. 11, 2 ff). Ich markiere den Text bereits so farbig, wie ich ihn als eine Erörterung verstehe und werde das genau begründen:

  • [Vers] Ich lobe euch, dass ihr in allem an mich denkt und an den Überlieferungen festhaltet, wie ich sie euch übergeben habe.
  • Ihr sollt aber wissen, dass Christus das Haupt des Mannes ist, der Mann das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi.
  • Wenn ein Mann betet oder prophetisch redet und dabei sein Haupt bedeckt hat, entehrt er sein Haupt.
  • Eine Frau aber entehrt ihr Haupt, wenn sie betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt. Sie unterscheidet sich dann in keiner Weise von einer Geschorenen.
  • Wenn eine Frau kein Kopftuch trägt, soll sie sich doch gleich die Haare abschneiden lassen. Ist es aber für eine Frau eine Schande, sich die Haare abschneiden oder sich kahl scheren zu lassen, dann soll sie sich auch verhüllen.
  • Der Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Abbild und Abglanz Gottes ist; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes.
  • Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann.
  • Der Mann wurde auch nicht für die Frau geschaffen, sondern die Frau für den Mann.
  • Deswegen soll die Frau mit Rücksicht auf die Engel das Zeichen ihrer Vollmacht auf dem Kopf tragen.1
  • Doch im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau.
  • Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt; alles aber stammt von Gott.
  • Urteilt selber! Gehört es sich, dass eine Frau unverhüllt zu Gott betet?
  • Lehrt euch nicht schon die Natur, dass es für den Mann eine Schande,
  • für die Frau aber eine Ehre ist, lange Haare zu tragen? Denn der Frau ist das Haar als Hülle gegeben.
  • Wenn aber einer meint, er müsse darüber streiten: Wir und auch die Gemeinden Gottes kennen einen solchen Brauch nicht.

Diese Stelle ist in der Argumentation, wenn man sie nicht strukturiert liest, mehrfach gebrochen und unlogisch und stünde außerdem im krassen Widerspruch zu allem, was wir über israelitische Normen aus dem Alten Testament wissen – und das kann man gerade beim heiligen Paulus nicht annehmen, denn er war ein Schriftgelehrter:

Liebe Frau Jüngling. Der heilige Paulus hat als Schriftgelehrter, der er war, Christen verfolgt, weil er der Ansicht war, sie würden gegen „israelitische Normen“ verstoßen. Der heilige Petrus hat sich von Gott davon überzeugen lassen, dass weder die Beschneidung noch das koschere Essen Bedeutung für Christen haben. Auch dies verstößt meines bescheidenen Wissens nach eindeutig gegen die „israelitischen Normen“. Zu meinen, Paulus sei demnach unfähig, israelistische Normen umzudeuten oder anders zu verstehen, oder für unnötig zu halten oder ihr Gegenteil für nötig, ist also ziemlich gewagt, finden Sie nicht? Zumal sowohl die Speisegebote als auch natürlich vor allem das Gebot der Beschneidung DEUTLICH wichtiger sind als die Frage nach Kleidung.

Die markierten Verse 2+3 kann man als Einleitung verstehen. Der Apostel lobt die korinthische Gemeinde für ihren Eifer, beginnt aber gleich mit dem Thema, das er behandeln will, einer Reihenfolge.

Mein Deutschlehrer hätte mich geschlagen für so etwas. Also, er spricht über die Hierarchie zwischen Mann und Frau, ja, soweit korrekt. Es wäre schön, wenn man eine Interpretation nicht auch noch interpretieren müsste…

Auf den ersten Blick erscheint sie wie eine Hierarchie, auf den zweiten Blick aber muss man innehalten und zugeben, dass in Vers 3 ein Stolperstein steckt, den niemand, ohne häretisch zu argumentieren, außer acht lassen darf (s.u.).

Gut, das s.u, schauen wir uns dann unten an.

Schon Vers 4 ist merkwürdig und mutet absurd an, wenn man sich vergegenwärtigt, was im damaligen Judentum üblich war und was die Schrift uns im Alten Testament über den Mann und seine Kopfbedeckungen überliefert: Es war nach jüdischer Auffassung eben gerade KEINE Schande für den Mann, verhüllt zu beten, sondern sogar üblich, dies zu tun – bis heute ist das im Judentum so.

Merkwürdig und absurd sind merkwürdige und absurde Wertungen einer Dame gegenüber Aussagen des Heiligen Apostels Paulus. Sorry, wenn ich mit der Autoritätskeule komme, aber er ist nun mal ein heiliger Apostel, und du nicht. Wiederum scheint man Frau Jüngling in Erinnerung rufen zu müssen, dass es sich hier um das Christentum handelt und die jüdischen Bräuche und Gesetze nicht maßgeblich sind. Es mag vielleicht verwundern, dass dem bereits bei Paulus so ist, aber zwischen „ich verwundere angesichts dessen“ und „es ist absurd“ ist dann doch noch ein großer Unterschied. Offenbar hat sich durch das Christentum etwas verändert in der Auffassung dazu, wie ein Mann beten soll. Übrigens frage ich mich  – damit kenne ich mich überhaupt nicht aus – wie überhaupt die Gemeinde aus Korinth zusammengesetzt war, und wie es unter den Diasporajuden, Proselyten und Heidenchristen jeweils mit der Gebetskleidung aussah. Offensichtlich geht Paulus davon aus, dass ohne Kopfbedekung zu beten eine matter of course sei, also damals jedem völlig klar. Das können wir nun merkwürdig, absurd oder affengeil finden, wir könnten es erst einmal hinnehmen, oder?

Wir finden durchweg die Kopfverhüllung gerade der heiligsten Männer in Israel, wenn sie mit Gott reden: Moses muss beim brennenden Dornbusch zwar seine Schuhe ausziehen, aber sein Gesicht verhüllen: (…) Auch der Prophet Elias verhüllt in der Gottesbegegnung sein Gesicht: (…)

Kurze Zwischenfrage: Wieso leugnet die Autorin eigentlich so vehement die Möglichkeit einer Verhüllung aus schlichter Gottesfurcht, wenn sie ebendies selbst zitiert?

Es ist also vollkommen abwegig, zu glauben, der heilige Paulus, der doch ein Schriftgelehrter und Gesetzeslehrer war, könnte entgegen den Vorschriften und Phänomenen so argumentiert haben, wie er es in diesem Vers 4 referiert!

Wie bereits oben gesagt, dieselbe Argumentation möchte ich bitte über Beschneidung und Essvorschriften. Die Antwort ist heute politisch inkorrekt und mag erstaunen aber sie ist schlicht: Paulus ist nicht bloß Schriftgelehrter und Gesetzeslehrer, er ist Christ. Man höre und staune!

Da die besagte Stelle häufig auch so verstanden wurde, als dürfe der Mann keine langen Haare tragen, möchte ich auch darauf eingehen:

Och nö. Off-topic, und zwar in der Länge, in der Hugo in Les Misérables auf die Schlacht bei Waterloo eingeht, 20 Seiten, bloß weil ein unwichtiger Verwandter einer ätzenden Nebenfigur dort gekämpft hat. Ups. Jetzt bin ich selbst off-topic. So schnell kann’s gehen.

Mehrfach wird im Alten Testament über bartlose und geschorene Männer unter den Heiden ein hartes Urteil gesprochen. Im Gesetz des Moses ist das Abscheren der Haare rundum sogar verboten (daher die sehr langen Schläfenlocken der gläubigen Juden) und der Bart darf nicht gestutzt werden! Weiterhin war es sogar das Zeichen des Gottgeweihten (Nasiräer), dass er besonders lange Haare trug – als Mann! Und auch von Paulus selbst wird uns berichtet, dass er aufgrund einer solchen zeitlichen Weihe sein Haar lang wachsen ließ (Apg. 18, 18) und es nach dem Ende des Gelübdes in einem rituellen Opfer abscheren und verbrennen ließ. Wohlgemerkt tat er das bereits als Christ.

!!! Christ!!! Jawohl!!!

Die Weihe des Mannes war also nach biblischem Brauch mit langem Haar verbunden. So kennen wir es auch vom Richter Simson und anderen alttestamentlichen Gestalten.Nun war es im Abendland über Jahrhunderte weg üblich, längere Haare zu tragen und alle möglichen Kopfbedeckungen zu erfinden – für Männer nicht anders als für Frauen. Im Orient, vor allem bei den Arabern, aber auch den Indern, finden wir Schleier auch bei Männern.

Stopp mal kurz. Ein Schleier ist etwas anderes als ein Tuch. Und eine Verhüllung ist in südlichen Ländern allein aus sonnentechnischen Gründen sinnvoll. Außerdem redeten wir bisher von kultischer Verhüllung, was etwas anderes ist als die allgemeine. Nichts spricht gegen Hüte und Mützen außerhalb der Kulthandlungen. Versucht sie gerade wirklich die Existenz männlicher Kopfbedeckungen als Argument gegen die „Hut-ab“-Regel in der Kirche anzuführen? Sind wir im Irrenhaus?

Auf dem Grabtuch von Turin, das nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen echt sein muss, sehen wir das Antlitz des Gekreuzigten … mit mindestens schulterlangen Haaren!

Spätestens hier frage ich mich…was uns die gute Frau eigentlich sagen will. Hat irgendwer behauptet, dass es für die Aussage, was „lang“ ist, eine Angabe in cm und inch gäbe? Lang und kurz ist natürlich eine kulturell und modebedingt relative Sache. Da staunste, was? Ein Traditionalist spricht von Relativität. Unfassbar aber wahr.

Es war dagegen bei den Römern und Griechen, also den Heiden, nicht Sitte, dass Männer lange Haare trugen oder ihren Kopf bedeckten. Eine Auswertung antiker Texte ergab, dass das griechisch-römische Heidentum weitgehend ohne männliche Kopfbedeckung und ohne Langhaarigkeit auskommt, wohingegen Kopfbedeckungen bei Frauen deren hohen sozialen Staus anzeigten, wenn sie überhaupt welche trug. Kopfbedeckung war also hier ein Ausdruck weiblicher Eitelkeit und eine Demonstration des Reichtums, kombiniert mit Haarschmuck und Frisurenkult. Letzteres erfährt an anderer Stelle beim heiligen Petrus eine Absage (1. Petrus 3,3).

Stimmt nicht. Anständige verheiratete Frauen trugen in der Antike Kopfbedeckungen bzw. Tücher. Alles andere wäre auch abseits aller Sittsamkeitsfragen dumm, weil man sich ja vor der Witterung schützen wollte

Wir können also schon hier fragen, ob der heilige Paulus nicht auch eine heidnische Position referieren könnte, etwa so, wie auch der heilige Thomas von Aquin Meinungen vorträgt, denen er aber nicht zustimmt, sondern nach ihrer Darstellung mit triftigen Gründen etwas entgegenhält. Immerhin ist die Korinthergemeinde eine Gemeinde im Gebiet des Heiden mit einer überspannten charismatisch-esoterischen Schlagseite!

Ich liebe ja die logische Schlussfolgerung. WENN Paulus bereits in Vers 4 den advocatus diaboli machen wollte, dann könnte er wohl kaum diese Ansicht im klaren Indikativ vortragen. Er müsste wenigstens andeuten, dass er etwas referiert, worauf er dann eingehen will. Er könnte rhetorisch fragen oder so etwas wie „ist uns nicht gesagt, dass“ oder „es heißt, dass“ etc. schreiben. Es kommt aber lediglich die sehr klare Aussage: „Wenn ein Mann betet oder prophetisch redet und dabei sein Haupt bedeckt hat, entehrt er sein Haupt.“ Zudem müsste am Ende ganz klar Bezug auf die abgelehnte These genommen werden und sie müsste berichtigt werden. Man kann nicht die Gegenposition vertreten und dann nur sagen „Stimmt aber nicht.“ Wenn man ohne Hinweis die Gegenposition wortreich erläutert, muss man die eigentliche Position erst recht erläutern. Hier klingt es eher nach Basta denn nach advocatus diaboli, zumal es keinen Bruch in der Argumentation gibt, es sei denn, man konstruiert ihn.

Auch die folgenden Verse (Verse 5 – 10) scheinen wie aus einer anderen Denkwelt zu kommen. Im Judentum war und ist es, wie gesagt, für den Mann üblich, beim Beten das Haupt zu verhüllen. Die Frau dagegen war in der öffentlichen Synagogenversammlung erst gar nicht zum Beten oder Prophetischreden zugelassen… sollte aber auch ihr Haupt verhüllen – nicht anders als der Mann.

Sie scheinen IHNEN aus einer anderen Denkwelt zu kommen. Es ist eben die Denkwelt des Heiligen Paulus. Wenn man mich vor die Wahl stellen würde, wem ich eher glaube, ihm, oder Ihnen, fällt mir dieWahl nicht schwer…sorry…

Bemerkenswert ist hier bei Paulus eher, dass überhaupt die Frau ganz selbstverständlich öffentlich in der Kirche beten und weissagen darf wie ein Mann! Es wird der Frau gerade nicht abverlangt, dass sie in der Kirche zu schweigen habe.

Ach, und hier ist es jetzt also plötzlich okay, so ganz anderes zu verkünden als die israelitischen Normen? Ich dachte, er sei Schriftgelehrter und Gesetzeslehrer? Und er sagt etwas, das konträr ist zum jüdischen Verständnis? Ist ja schön, wenn Menschen sich am laufenden Band selbst widerlegen, dann hat man nicht so viel Arbeit damit.

Es findet sich aber im gesamten Gesetz des Moses nicht eine einzige Anweisung über eine Kopfbedeckung der Frau.

Wurde bereits in den Kommentaren auf dem Cathwalk auseinandergenommen. Sagen wir nur so viel: Das stimmt nicht.

Schleier werden in durchaus zweifelhaften Umständen erzählt. So wird z.B. berichtet, dass Prostituierte an ihrer Verschleierung erkennbar waren. Über Jakobs Sohn Juda wird in der Begegnung mit Tamar berichtet: „Juda sah sie und hielt sie für eine Dirne; sie hatte nämlich ihr Gesicht verhüllt.“ (Gen. 38, 15) Eine alltägliche Bekleidung der Frauen und Männer mit Tüchern war ansonsten sicher nicht unüblich (was bis heute im Orient gilt), etwa so wie auch heute noch in Indien, allerdings ohne „Ideologie“, sondern als variantionsreicher Brauch.

Sagen wir lieber: Es war notwendig und vernünftig, allerdings verlassen wir hier schon wieder den Bereich des kultischen.

Die Argumentation hinsichtlich der unverschleierten Frau ist ins sich verworren: eine Frau, die sich nicht verschleiert, soll die Haare abschneiden, weil sie „wie“ eine Frau mit geschorenen Haaren sei?

Hier benutzt der Heilige Paulus etwas, was Hanna Maria Jüngling ihm wohl nicht zutrauen würde: Rhetorik nennt man das, eine in der Antike hochgeachtete Kunst. Allerdings ist es nicht einmal besonders kompliziert, führt aber Frau Jüngling bereits hinters Licht. Er sagt eben NICHT „Eine unverschleierte Frau soll die Haare abschneiden“, sondern „Wenn eine Frau kein Kopftuch trägt, soll sie sich doch gleich die Haare abschneiden lassen. Ist es aber für eine Frau eine Schande, sich die Haare abschneiden oder sich kahl scheren zu lassen, dann soll sie sich auch verhüllen.“

Ich muss dazu sagen, ich kenne das griechische Original nicht. In der deutschen Übersetzung bezieht sich das „doch gleich“ auf antike korinthische Selbstverständlichkeiten. Es ist, darüber muss offensichtlich nicht diskutiert werden, eine Schande, wenn eine Frau sich die Haare abschneiden muss. Eine Frau, die keinen Schleier tragen will, gleicht einer, die sich die Haare abschneiden lässt, also kann sie auch gleich die Haare komplett abschneiden. Also: Kein Schleier ist so gut wie keine Haare. Capisci? Was ich übrigens nicht verstehe: Wieso wird eigentlich nicht so argumentiert, dass es hier offensichtlich um antike Bräuche ginge, die für uns schlicht so nicht mehr relevant seien? Das wäre zumindest eine logisch nachvollziehbare Argumentation! Dem steht dann natürlich entgegen, dass die Kirche es für relevant gehalten hat. Aber das glaubt Hanna Maria Jüngling ja trotz des CIC nicht.

Viele Theorien über die Entehrung der Frau durch Abscheren der Haare in der Antike wurden schon vorgebracht – keine davon ist je eindeutig bewiesen worden. Aber selbst wenn es so wäre, müsste man fragen, wie es kommt, dass die hartnäckigen Schleierverfechter offenbar kein Problem damit haben, wenn die Katholikin sich seit 1950 das Haar abschert, obwohl weibliche Kurzhaarfrisuren nun tatsächlich in älterer Zeit überall in der Kirche undenkbar waren?! Nicht der Schleier, sondern langes Haar der Laiin ist wirklich „Tradition“ in der gesamten Kirche gewesen!

Ich kenne keine Katholikin mit geschorenen Haaren, wohl aber mit kurzen. Differenzierung Madame. Nun, der Grund ist wohl schlicht der, dass die absolute Haarlänge als Mode aufgefasst wird, der Schleier aber als geistliche Angelegenheit. Offenbar ist die Kirche zu einer feingliedrigen Differenzierung fähig, die man kaum glauben kann. Sie scheint zwischen zeitgebundenen und allgemeinen Regeln zu unterscheiden. Wahnsinn. Ich bin immer wieder erstaunt über die geistige Flexibilität dieser Kirche.

Der rigide Satz aus Vers 5 „Ist es aber für eine Frau eine Schande, sich die Haare abschneiden oder sich kahl scheren zu lassen, dann soll sie sich auch verhüllen“ ist beim besten Willen nicht logisch verstehbar. (…)

Nö, nachdem man den Begriff der Logik seines Inhaltes beraubt hat, ist das nicht logisch zu verstehen. An sich aber ist er einzig logisch, denn er folgt ja auf oben genanntes Statement. Eine korinthische Frau soll folgendes verstehen: Den Schleier im Gottesdienst nicht zu tragen, ist schändlich. Um ihr dieses Verständnis zu erleichtern, bedient sich der Apostel eines naheliegenden Vergleichs aus der korinthischen Kultur. Jeder Korintherin ist offensichtlich klar, dass Haare abschneiden pfui ist (zeitgebundene korinthische Kultur). Und genauso schändlich wie das ist eben das Fallenlassen des Schleiers im Gottesdienst. Heute würde der Apostel vielleicht an die Gemeinde von Paris schreiben: „Jeder von euch weiß, dass weiße Socken in Sandalen gar nicht gehen. Und ebenso geht eben kein Schleier im Gottesdienst gar nicht. Wenn es also gar nicht geht, weiße Socken in Sandalen zu tragen, dann tragt eben auch den Schleier!“. Es ist augenfällig, dass er in Deutschland ein anderes Beispiel hätte finden müssen, aber er war eben allen alles!

Ist das Haarescheren ein Zeichen der Unehrenhaftigkeit – was bedeutet es, wenn die Frau doch ohnehin einen Schleier trägt und niemand sehen kann, ob sie Haare hat oder keine?

Ehrenhaftigkeit ist nur in zweiter Linie eine gesellschaftliche Sache. In erster Linie geht es darum, ob die Frau ehrenhaft oder unehrenhaft IST, unabhängig davon, ob das jemand sieht oder nicht. Abgesehen davon: Textverständnis: Null. Paulus bedient sich eines Vergleichs. Es geht nicht um das Austarieren des Ehrenhaftigkeitsgrades.

Wenn aber der Schleier nach alttestamentlicher Sitte die Prostituierte anzeigen sollte, wieso soll die Frau, wenn sie sich die Haare nicht abgeschnitten hat, also nicht entehrt ist, dann dieses Zeichen der Entehrung tragen?

Offensichtlich hat sich laut Paulus die Sachlage seit der Geschichte mit Tamar dramatisch verändert. Soll vorkommen. Dass der Schleier kein Zeichen der Entehrung ist, hat Paulus sofort deutlich gemacht. Übrigens ist doch die Stelle im alten Testament nun weder normativ noch erörternd, es ist schlicht eine Geschichte: Und in der wird ein Gesicht (nicht Haupt) verhüllt – was natürlich immer auch ein Zeichen der Schande/ der Scham sein konnte. Auch heute noch legen wir z.B. die Hände vor’s Gesicht aus unterschiedlichsten Gründen – angefangen bei Angst, Entsetzen, aber eben auch Scham und sogar nach dem Kommunionempfang. Bewahre uns Gott vor einer Eingebung bei Frau Jüngling, uns DAS erklären zu wollen!

Der Satz klingt in der Sache wirr und überspannt und man muss esoterische Denkwelten bemühen, um hier einen Sinn zu kreieren.

Aha. Wie kommen wir von Verhüllung zu Esoterik? Es ist wie mit den Prüfungsthemen. Man hat Regenwürmer vorbereitet, es kommen aber Elefanten dran. Man sagt „Elefanten leben auf der Erde. Und in der Erde, da leben die Regenwürmer…“ Für die, die bis zum nächsten Teil durchhalten wollen: Der Esoterikregenwurm ist ab jetzt ein dezentes, aber bestimmendes Leitmotiv. Übrigens hat sich der Artikel für mich hier dann endgültig disqualifiziert: Wer Teile der Paulusbriefe als wirr und überspannt bezeichnet, der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank, Punkt, aus, basta.

Das aber passt nicht zum nüchternen Duktus der Heiligen Schrift… Und dies immer vor dem Hintergrund, dass das gesamte Alte Testament nicht ein Wort zu dieser Frage vermeldet, also objektiv keine von Gott gebotene Norm vorliegt.

Wer bestimmt hier eigentlich, wie die Bibel zu sein hat? Und ist das Hohelied Salomos nüchtern? Sind die Psalmen nüchtern? Sind die Schilderungen des Alten Testaments nüchtern? Gottgebotene Normen gibt es nicht nur im Alten Testament.

Der heilige Paulus, der sonst so klar und plausibel, so tief und logisch argumentiert, und sich vor allem nie mit solch eher magischen und nebensächlichen Themen beschäftigt, soll einen solchen Satz als seine Position vorgetragen haben?

Jep. Hat er. Offensichtlich.

Ich vermag das nicht zu glauben.

Pech.

Eher nehme ich an, dass er hier, wie bei Vers 4, eine Position aufgreift, die in der ohnehin schwärmerischen und geistlich hochmütigen charismatischen Korinthergemeinde für Wirbel gesorgt haben könnte. Die überspannte Kopftuchdebatte passte gut in einen charismatischen Kontext.

Wieder das eigentliche Feindbild der Hanna Maria Jüngling. Charismatismus. Damit setzt Sie sich auch an anderer Stelle ähnlich hysterisch auseinander. Der Regenwurm unter den Elefanten…

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