Über die Bedeutung des Wodka Martini in Zeiten des Sojalismus

*Achtung, dieser Artikel erhebt keinen Anspruch auf dogmatische, theologische oder auch nur inhaltliche Korrektheit. Er ist vollkommen subjektiv. Warnung Ende*

Wenn ich genervt bin von der Orientierungslosigkeit der Postpostmoderne (gibt es eigentlich für diese abartige Epoche, in der wir leben, einen Begriff? Ich schlage „Sojalismus“ vor.), wenn mich Käßmanns Pazifismus, Geschlechterforschung und unklar gehaltene kirchliche Verlautbarungen ärgern; wenn ich angesichts der politischen Situation nur noch mit Otto Ludwig Piffl sagen kann: „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst“, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: Ich höre System of a Down, so richtig laut, oder ich schaue einen Actionfilm an.

Wenn ein Mensch in tausend Jahren unsere Kultur einordnen wird, dann werden an der Spitze die Schriften Benedikts XVI., die Musik von Arvo Pärt und James Bond stehen.

Äh, gut , Punkt 1 und 2 sind einsichtig. Aber James Bond auf einem katholischen Blog? Gewalt ist ja nun eher nicht das Markenzeichen des Christentums, Ehebruch und Unzucht haben auch nicht den allerbesten Ruf.

Aber ich bekenne mich schuldig: Ich bin ein Fan; und nach längerer Abstinenz weiß ich jetzt auch wieder, warum. Bei James Bond ist die Welt noch in Ordnung. Der Mann ist stark, die Frau schutzbedürftig, ein Mensch entscheidet sich entweder für das Gute oder für das Böse. Das Leben ist Kampf, ein Kampf, den man auf sich nimmt unter großen Opfern, und obgleich man immer wieder zweifelt, weiß man am Ende doch, wofür man kämpft. Auch der starke Mann hat seine Schwächen, sein Zaudern und sein Scheitern, und auch die schutzbedürftige Frau kann mal zuschlagen. Klar umrissene Gesetzmäßigkeiten, die die ewigen Wahrheiten umkreisen, ohne deshalb totalitär zu werden. Die Versuche, in Filmen der jüngeren Vergangenheit dem Protagonisten das zu verleihen, was man gemeinhin „Facettenreichtum“ nennt, womit man aber „moralische Indifferenz“ meint, wurden offenbar letztlich dann doch aufgegeben. Eine weise Entscheidung. Es lohnt sich einfach nicht, mitzufiebern, wenn man für die Integrität des Hauptcharakters nicht bürgen kann. 007 (nebst einer ganzen Reihe von Filmen) wagt es, in einer Zeit ohne Prinzipien und ohne Wahrheit unverschämt old school zu sein. Klare Linien, auch nach einem Gefecht mit anschließender Explosion perfekt glänzende Schuhe, der Smoking sitzt.

James Bond ist (noch, Dank sei Gott und Produzenten, die wissen, wie man Geld verdient) frei von Homolobby, Gendergaga, Tofu und künstlicher Verhütung. Dafür gibt es Autos, deren CO2-Ausstoß kriminell sein muss und es wird Alkohol konsumiert. Mainstream-Kino als subversive Beleidigung all der Götzen der Sojalatte-Gesellschaft. Es handelt sich überdies noch um ein echtes Gesamtkunstwerk; welche Filmreihe könnte kontinuierlich derart hochwertige Musik vorweisen. Im letzten Film läuft übrigens u.a. Vivaldis Dixit Dominus und man bekommt eine Rundfahrt durch den nächtlichen Vatikanstaat…

Der Wermutstropfen ist die fahrlässige Haltung gegenüber dem 6. Gebot. Allerdings zweifle ich keineswegs daran, dass Bond am Ende die Frau seines Lebens findet (leider wurden zwei davon ja schon ermordet, eine direkt nach der Hochzeit) beichtet und zum Katholizismus konvertiert. Diese Storyline ist sicher schon fest eingeplant, aber da die Reihe dann unwiderruflich vorbei wäre, müssen wir über dieses Manko großzügig hinwegsehen, ganz im Sinne einer an der Lebensrealität von Geheimagenten ausgerichteten Pastoral. Aber der Chauvinismus? Naja…in einer Welt, in der ein Blick zuviel in eine geöffnete Bluse über die soziale Existenz eines Mannes entscheiden kann, kann man schon fast erleichert aufatmen angesichts der Tatsache, dass ein solcher Film noch gedreht werden darf. Übrigens meine ich, dass die bondsche Dekadenz signifikant anders (und deutlich sympathischer) ist, als die Dekadenz, der wir in unserer Gesellschaft begegnen. In ersterer finden wir Wertschätzung der Dinge, Wissen um die eigene Endlichkeit und Schmerz, weil man keine Erlösung erhofft. Letztere ist geprägt von Unwissen um den tatsächlichen Wert der Dinge, Ignorieren der eigenen Endlichkeit und Desinteresse gegenüber den Fragen, die schmerzlich sind.

Wenn ich das Vergnügen eines Bond-Films mit Filmen und Serien vergleiche, die gerade en vogue sind, kommt mir 007 schon fast biedermeierlich tugendhaft vor: Jedenfalls kann ich explizit pornographischen Auswüchsen und der bewussten Verwischung von Gut und Böse zu Gunsten einer Weltsicht, die eigentlich nur noch machiavellistisch ist, nichts abgewinnen. Von der Geißel der modernen Medienlandschaft, die tausende Seelen ins Verderben reißt, der „romantischen Komödie“, wollen wir hier gar nicht anfangen!

Wenn wir also abseits von umfassend katholischem Filmgenuss und alten Hollywoodschinken (die häufig – nicht immer – sowohl in Sachen Gewalt, als auch in Sachen Erotik, als auch den Respekt vor Gott und dem Religiösen betreffend, einwandfrei und astrein sind) unserem geschundenen Bewusstsein ein wenig Ruhe und geordnete Verhältnisse gönnen wollen: Gute alte Action ist nie verkehrt, und eigentlich ist sie mittlerweile auch schon Counterkultur in kommerziellem Gewand.

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4 Kommentare

  1. *Sehr* guter Artikel. *Sehr sehr* guter Artikel.

    Als mir persönlich immer spontan einfallendes Fallbeispiel für diesen Pseudo-Facettenreichtum merke ich mal die Herr-der-Ringe-Verfilmung an (die mir trotzdem gefällt, aber das steht auf einem anderen Blatt).

    Also, was passiert? Peter Jackson fühlt sich genötigt, aus dem Faramir des Buches einen „Farfromthebookamir“ und Boromir-redivivus zu machen, der dann eine Entscheidung trifft, die *nach dieser Vorgeschichte* völlig banane ist – er muß sie aber treffen, damit wir wieder in das Handlungsgleis kommen – „We shouldn’t even be here“…

    Schön und gut, künstlerische Freiheit, es haben sich auch schon viele darüber aufgeregt; wirklich interessant wird’s dann aber bei der *Begründung* dazu.

    Faramir (wie er im Buch beschrieben ist) war dem Regisseur zu eindimensional.

    Hony soit qui mal y pense.

    Denn: er war ihm zu eindimensional-*gut*. Ein guter Mensch darf nicht geduldet werden, oder was?
    Denn: Offensichtlich hatte niemand ein Problem, den *tatsächlich* in der Vorlage *sehr* facettenreichen gestalteten Charakter Denethor, der dort eigentlich zu den Guten gehört, zu einer eindimensional-*bösen* Figur herabzuschreiben… und auch was Saruman angeht, hätte man aus dem noch einiges an Facette herausholen können.

    • 100% d’accord. Übrigens liebe ich „Farfromthebookamir“. Ja, es ist spannend, dass das Unbehagen gegenüber klaren Linien (fast) nur die Guten trifft. Übrigens ist HdR auch im Umgang mit Aragorn, der eigentlich keinerlei inneren „Konflikt“ bezüglich seiner Herkunft und Aufgabe erlebt, sehr „frei“; und das nicht zu Gunsten eines irgendwie stimmigeren Charakters, sondern zu Gunsten einer kitschig-amerikanischen „erkenne, wer du bist“-Romantik. Aber HdR ist ein anderes Thema ;).

      • bzgl. Aragorn würde ich Peter Jackson übrigens verteidigen, weil er lediglich um der filmischen Dramatik willen eine Entwicklung, die Aragorn so oder so ähnlich tatsächlich durchmachte (siehe „The Tale of Aragorn and Arwen“) in die Jahre 3018 usw. hineinverlegte. Wobei Eowyn ursprünglich von Tolkien tatsächlich als Aragorns „love interest“ vorgesehen war (hab ich gehört… selber hab ich die HoME aber erst bis Band 5 oder so gelesen).

        Auch wenn in der Tat das Ergebnis ein wenig auf amerikanisches Erkenne-wer-Du-bist hinausläuft.

        Immerhin ist das ganze aber nicht so verhunzt wie gerüchteweise die „Unendliche Geschichte“ – deren Moral von Amerikanern, die das Buch nicht gelesen haben, als „Don’t give up on your dream (but GO FOR IT)“ zusammengefaßt, mehr oder weniger präzise das Gegenteil von dem, was Michael Ende sagen wollte… aber ich schweife wiedermal ab…

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