Sensationaller Fund in Stuttgart: Apokryphes Paulusevangelium entdeckt!

„‚Wer also zu stehen meint, der gebe acht, dass er nicht fällt‘ (1. Kor 10,12). Das schreibt Paulus im heutigen Sonntagsevangelium.“

Erster Satz der Katechese zum Sonntagsevangelium, ein mediales Angebot der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Selbst für die ganz Bibelfesten eine herausfordende Aufgabe: Finde den Fehler.

Seit Sonntag fragen sich also nun viele Menschen im Einzugsgebiet dieser Diözese und anderswo: Warum musste ich auswendig lernen, aus welchen verschiedenen Textgruppen die Bibel besteht? Von wem war Beethovens Requiem? Und, die wichtigste Frage: Wer schrieb Schillers „Die Leiden des jungen Werther“?

Aber gut – wer sich noch nie einen Versprecher geleistet hat, der werfe den ersten Stein. Im Jahr der Barmherzigkeit sollte man sich nicht hartherzig an solchen verzeihlichen Fehlerchen aufhängen– vielmehr sollte es einen gläubigen Menschen mit Schmerz erfüllen, wenn einer deutschen Diözese das Geld fehlt, um jemanden einzustellen, der den Text einer Katechese gegenliest und prüft – und auch für eine schöne, würdige Bibelausgabe fehlt offensichtlich das Geld. Vielleicht sollten wir der armen Diözese mehr spenden, damit ihre Medienschaffenden unseren Glauben besser und effektiver stärken können!

Es ist schwer und mühsam, den Text auseinanderzunehmen. Denn das übliche Geschwurbel ist derart schwer zu fassen, dass man kaum weiß, wo man ansetzen soll. „Die Welt ist nicht mehr so und so“ (nein?), und überhaupt (ach ja?) und es sind sowieso immer die anderen, die sich ändern müssen (klar, seh ich auch so…), schwarz und weiß reicht nicht (Wer hätte das behauptet?), Gebote sind schön und gut (ja, aber hallo), aber sie reichen nicht (Behauptet auch keiner.), sie müssen an die Realität angepasst werden (Meinst du nicht, als Gott die Gebote gegeben hat, hatte er doch irgendwie „Realität“ vor Augen? Meinst du nicht, Gott hat ein bisschen mehr Ahnung von der Realität als du und ich?); und so geht es weiter, Platitüde um Platitüde. Am Ende lernen wir: Wir müssen mit unserer Schuld alleine fertig werden (Beichte???) und wenn wir nicht fallen wollen, müssen wir flexibel sein. Letzteres ist eine gute Einsicht für einen Judoka, für’s Christentum nur mit Einschränkung zu gebrauchen, aber na gut. Sportler konnten hier so richtig was mitnehmen für ihren Alltag, und das ist doch genau das, was Kirche tun soll: Praktikables für den Alltag anbieten.

Das Anhören solcher Beiträge ist sehr mühsam, weil man nach ein paar Sekunden Mühe hat, den Worten zu folgen: Als Selbstschutz vor übermäßigem Synapsenverlust überträgt das Hirn nur noch „blablablablabla- blabla-blablablablabla-bla. Blabla.“

Ich musste mir den Beitrag also mehrmals anhören, um ihm einen Sinn zu entlocken, und der war dann nicht so erfreulich.

Wissen und Sicherheit sei der Gegenpol zu Glauben und Hoffen, so heißt es in dem Beitrag. In dem Augenblick, in dem ich dies hörte, pries meine Seele den Herrn, dass Benedikt XVI. im Klausurkloster lebt und nicht mitbekommt, dass in seiner Heimat Menschen nicht begriffen haben, was er kleinschrittig, in Geduld und Demut den Menschen immer und immer wieder vorgelegt hat: Dass Glaube und Verstand kein Gegensatz sind. Dass sie zusammengehören. Dass Gott, der Schöpfer des Alls, der alles geordnet hat, auch das Denken ordnet und dass etwas, das nicht vernunftgemäß ist, auch nicht glaubensgemäß sein kann. Unser Glaube ist keine Fabel, sondern das Vertrauen darauf, dass wahr ist, was uns Zeugen berichtet haben. Und dazu ist es nicht zuletzt auch hilfreich, zu wissen – z.B. um den Unterschied zwischen Evangelium und Epistel oder zwischen Matthäus und Paulus. Wenn man nicht genug über den Glauben weiß, ist natürlich die Gefahr groß, dass man das eigene Unwissen als Standard und als dem Wesen des Glaubens eigen auffasst. Und dann ist es auch natürlich, die zu diffamieren, die treu das Glaubenswissen und die Glaubenstradition bewahren.

Nein, ich kann nicht leugnen, dass es Menschen gibt, sogar Christen und selbst Katholiken, die meinen, besser zu sein als andere. Wer wüsste sich frei von solch eitlen Anwandlungen? Aber diese kann man als alles Mögliche bezeichnen, nicht aber als „rechtgläubig“. Wer rechtgläubig ist, der weiß, dass er selbst der größte Sünder ist, und dass seine eigenen Sünden Christus ans Kreuz gebracht haben. Der Rechtgläubige meint nicht, gesund zu sein, aber zu wissen, wo er einen Arzt findet. Anstatt ihm hinterherzulaufen, neidet man ihm diese Einsicht und stellt sie als unnötig und altmodisch dar – um sich dann zu wundern, wieso einen der Krebs des Glaubenszweifels auffrisst und die Abkühlung der Liebe zu Gott uns frieren lässt.

Übrigens ist gerade ein harter Epistltext (und auch das tatsächliche Evangelium des Sonntags war hart) doch ein Anlass, auf die eigene Unzulänglichkeit zu schauen. Die richtige Frage ist nicht, wo meinen andere, zu stehen, während sie fallen, sondern, wo meine ich zu stehen. Wo fühle ich mich stark, wo verlasse ich mich auf mich selbst und wähle dann im Angesicht der Versuchung doch die Sünde, weil ich nicht auf den festen Grund, auf Gott, sondern auf den Sand meiner eigenen angeblichen Leistung gebaut habe? Das geht sehr viel tiefer als ein oberflächliches Befolgen von Geboten.

Wer Glauben mit „Nicht wissen“ oder „nicht genau wissen“ übersetzt, der nimmt dem Glauben seine persönliche Dimension – denn unser Glaube ist doch in erster Linie ein vertrauens- und liebevolles Verhältnis zu Gott, und wie soll man jemanden lieben, den man nicht kennt? Wir müssen also Gott kennen und kennenlernen, wenn wir Christen sein wollen. Wir können uns nicht herausreden damit, dass man ja nichts sicher wüsste und dass die Welt kompliziert sei. Das war sie schon immer, nicht erst seit der Moderne. Und schon immer hat sich die Kirche bemüht, durch genaues Unterscheiden zu erkennen, was inwieweit gut oder schlecht ist. Zu meinen, man würde im Glauben nichts wissen, das ist zuletzt ein Hohn auf das Kreuz, das gut sichtbar in der Welt aufgerichtet ist. Dieses Kreuz sagt uns: Wir sind nicht allein in der Welt. Wir sind auch mit unserer Schuld nicht allein in der Welt. Wir müssen sie nicht nur nicht allein tragen, wir müssen sie gar nicht tragen, weil Gott sie von uns nimmt. Auch das wäre am Ende doch wahrer Hochmut: Zu meinen, man selbst trage die Last, die Sünde der Welt. Dem ist nicht so.

Und ein letztes: Die christliche Gemeinde in Korinth mag das Problem der Arroganz gegenüber anderen gehabt haben – verwunderlich wäre das nicht, ist es doch eine allgemein menschliche Schwäche. Aber die Korinther haben sich von Paulus belehren lassen. Und das wünsche ich auch heute allen, die meinen, wer am Glaubensgut festhalte, sei ein schlechter Christ: Kaum etwas sagt Paulus in seinen Briefen nämlich deutlicher, als dass die Lehre, die er und seine Mitstreiter verkünden, genau zu beachten sei. Übrigens waren Petrus und Paulus derart „flexibel“ in ihrem Glauben, dass sie dafür den Märtyrertod erlitten. Sie sind nicht gefallen, als es drauf ankam, weil sie wussten, dass sie in der Wahrheit fest gegründet sind.

 

Advertisements

7 Kommentare

  1. Genau so.

    Ich würde nur anmerken: der Rechtgläubige weiß, daß er ein großer, aber nicht unbedingt, daß er „der größte“ Sünder ist. In seinem Realismus hält er es für möglich, daß neben vielen, die besser sind als er, auch der ein oder andere herumläuft, der noch schlechter ist.

  2. Da Üble ist, daß der Onkel das Wissen gering redet. Immerhin mal was neues. Sonst wird immer Glauben unter Wissen gestellt. Gab´s aber auch schonmal; in der luth. Orthodoxie hieß das sacrificium intellectus!

  3. Na, so schlecht und schwurbelig wie ich nach deiner Rezension erwartete, fand ich den Impuls aber nicht. Auch der Stil ist jetzt nicht gerade brilliant, aber auch nicht so langweilig und salbungsvoll-nichtssagend, wie ich ihn mir nach der Lektüre deines Verrisses vorgestellt hatte.

    Klar, der Priester wendet sich gegen die „Rechtgläubigenfraktion“. Seine Interpretation des Paulusevangeliums 😉 in diese Richtung ist schlüssig und wirkt keineswegs aufgesetzt oder konstruiert. Die Aussage ist leicht zu erfassen und wird auch nicht missbräuchlich da hineininterpretiert.

    Wer sich da angegriffen fühlt, reagiert verständlicherweise mit Abwehr. Allerdings ist das von dir angeführte Abwehrargument nicht tragfähig, es beruht auf einer offensichtlichen Teekesselchen-Verwechlung, die du eigentlich erkannt haben müsstest.

    Du unterstellst dem Priester ein fideistisches Glaubensverständnis, wo er Glauben (gut) gegen Wissen (schlecht) ausspiele und damit für eine Art „blindes“ Glauben gegen besseres Wissen eintrete. Das tut der Mann aber nicht. Vielmehr ist der Fideismus, den du dem Priester da unterstellst, eigentlich eher eine Karikatur des evangelikalen oder dogmatisch rigiden Glaubens- und Wahrheitsverständnisses, das du selbst in anderen Beiträgen zu vertreten scheinst, soweit ich sie gelesen habe.

    Was das Negativbild des „allzu Rechtgläubigen“ kennzeichnet, ist ja nicht, dass er Wissen höher als Glauben bewertet, sondern eher im Ggt., dass er selbstgewiss ist und seinen Glauben nicht in Frage stellt und in kategorische Sätze packt. Es geht also um den unredlichen und vernunftwidrigen Umgang mit (vorgeblichem) Wissen, das diese für andere etwas nervige und Paulus zufolge auch für einen selbst nicht ungefährliche „hypergläubige“ Selbstgewissheit mancher religiöser Menschen charakterisiert.

    Nicht die Sicherheit des „Wissens“ oder gar der „Vernunft“ wird hier dem „Glauben“ gegenübergestellt, sondern die trügerische Sicherheit der Selbstgewissheit und Rechthaberei.

    Mit „Wissen“ und „Sicherheit“ ist also offensichtlich nicht der „Intellekt“ und die „Gewissheit“ dessen gemeint, der „achtsam“, redlich und kritisch mit sich und mit den Dingen ins Gericht geht, wie es Paulus ja auch an anderen Stellen des Briefes verlangt, sondern die unbelehrbare Ignoranz und Selbstgewissheit desjenigen, der sich mit einem „Glaubenssystem“ seine eigene stimmige Welt zusammenbastelt und sich darin sicher und geborgen und anderen überlegen fühlt. Also das, was man üblicherweise heute als „Fundamentalismus“ bezeichnet.

    Interessant ist deine Erwähnung Ratzingers in diesem Zusammenhang, denn da legst du den Finger tatsächlich in die Wunde und zitierst ein in konservativ-gläubigen Kreisen selten wirklich durchdachtes Dilemma seiner Theologie. Durch seine klare Absage an jede verstandesfeindliche Gläubigkeit und an vernunftwidriges Denken und Tun überhaupt, hat Ratzinger die Tür zur Befreiung des religiösen Glaubens aus der Falle der „unhinterfragbaren Wahrheiten“ ja eigentlich aufgestoßen und die (schon bei Thomas und Bonavent angelegte und in der Neuscholastik perfektionierte) Trennung zwischen „übernatürlichem“ Glauben und „natürlichem“ Wissen fast schon überwunden. Die Wende zur „Geschichtlichkeit“, wie sie Ratzinger versteht, war im Grunde ein Befreiungsschlag oder hätte es werden können.

    Leider ist er diesen Schritt aber dann nicht zu Ende gegangen, vielleicht fehlte ihm da der Mut zum Risiko (das er ja selbst beschreibt: Man läuft Gefahr, dass sich alles doch als falsch herausstellt, und dieser Gefahr muss man sich stellen und darf vor ihr nicht weglaufen), vielleicht auch nur ein kreativeres Verhältnis zur Realität oder der Sinn für ihre Vielschichtigkeit, ich weiß es nicht.
    Statt dem Glauben die Realität zuzuordnen (nicht unterzuordnen, natürlich) und damit dieses Risiko spirituell zu durchleben (m.E. die einzige Form, um im Glauben Fortschritte zu machen), hat er sich aber in seinem weiteren Lehren und Wirken allzuoft entschieden, die Realität dem „Glauben“ unterzuordnen und anzupassen, und dann steht „Glaube“ leider eben nur noch in Anführungszeichen und ist nicht mehr echt, weil man sich gegen besseres Wissen etwas einreden muss, statt der tiefen Überzeugung zu folgen.

    Diese Rückwendung von der schon aufgestoßenen Tür zurück in den „blinden“ Fideismus ist die Tragik Joseph Ratzingers.

    • Ich entschuldige mich, dass ich bisher nicht geantwortet habe.
      Zum Thema schwurbelig: Damit meine ich etwa die Schlussfrequenz, die pseudovielschichtig bedeutungsvoll Worte aneinanderreiht. Zugegeben: Dass ich das unerträglich finde, ist höchst subjektiv,

      „Vielmehr ist der Fideismus, den du dem Priester da unterstellst, eigentlich eher eine Karikatur des evangelikalen oder dogmatisch rigiden Glaubens- und Wahrheitsverständnisses, das du selbst in anderen Beiträgen zu vertreten scheinst, soweit ich sie gelesen habe.“
      Dafür hätte ich gerne einen Beleg ;). „Rigides Glaubens- und Wahrheitsverständnis“: Ja, genauso rigide wie die katholische Kirche: Es gibt eine Wahrheit, das ist Christus, es gibt einen wahren Glauben, den an Jesus Christus. Evangelikal ist aber alles andere als das. Zum evangelikalen Verständnis gehört nämlich u.a. ein Glaube an die Heilige Schrift, die zum Teil das „lebendige Wort“ Christus sogar ersetzt (ohne, dass das reflektiert würde). Inwieweit ich also ein evangelikales Verständnis aufweise, ist mir nicht ersichtlich! In deiner Analyse finde ich weder meinen Beitrag noch den Videoinhalt wirklich wieder. Natürlich ist die Grundaussage leicht zu erfassen. Klar ist auch, dass damit selbstgerechter „Pharisäerglaube“ gemeint ist. Aber was selbstgerechter Pharisäerglaube IST, da liegt der Beitrag falsch, und zwar nicht zu knapp. Ich zitiere indirekt einige der problematischen Aussagen, woauf du nicht eingehst. Etwa „Wissen und Sicherheit ist der Gegenpol zu Glauben und Hoffen“. Eine Aussage, die so pauschal nicht stimmt, weil wir im Glauben GeWISSheit haben und im Hoffen Sicherheit. Der Zusammenhang zwischen diesen Worten ist also einfach komplexer. Auch der Ansatz, früher sei die Welt eben weniger komplex gewesen und heute sei alles anders, leistet dem Ignorieren kirchlicher Gebote (und allgemein christlicher Gebote) Vorschub und ist schlicht nicht wahr. Ich glaue, ich lege sehr genau dar, was problematisch ist.

      Ansonsten gehst du selbst ja ziemlich ins Fabulieren über. Im Christentum wurden und werden Glaubenswahrheiten durch Hinterfragen und Nachforschen erst formulierbar. Kein Dogma ist vom Himmel gefallen. Was du als Dilemma bezeichnest, ist also schlicht keines. Ich wüsste auch kein Verhältnis zur Realität, das mehr Ebenen aufwiese als das des orthodoxen katholischen Glaubens, mit seiner vierfachen Schriftauslegung und dem Bezug des gesamten Seins auf seinen Schöpfer. NATÜRLICH ordnen wir die Realität dem Glauben zu – dass das in den Augen Mancher als Unterordnung aufgefasst wird, kann ich gut verstehen. Nur glauben wir eben, dass WAHR ist, was wir glauben, nicht, dass es MÖGLICH ist. Das muss man sich nicht einreden, denn es ist in der Welt evident, dass es kein Glaubenssystem gibt, das die Realität mit allen ihren Facetten so schlüssig einzuordnen weiß, wie der katholische Glaube. Da eben darin nichts Irrationales IST, gibt es eben keinen Gegensatz zwischen Realität und Glaube, sondern beides ist eins. Ein Zweifelnder wird das sicherlich als „einreden“ bezeichnen, ich kann das aber ehrlich gesagt nicht nachvollziehen. Es ist eben KEIN blinder Glaube, wenn man sich die Realität ansieht und davon Rückschlüsse auf den Glauben zieht. Daran ist nichts Tragisches, es ist einfach wunderschön. Aber ich bin auch gerne eine tragische Person, wenn ich darin mit Benedikt XVI vereint bin :).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s