Sehr geehrter Marquis von O. …

…Sie haben ja gar keine Ahnung.

Darf ich Sie darüber aufklären, was einen guten Katholiken ausmacht? Sie mögen vielleicht in Ihrer postkonziliaren Gemeinde noch kein Exemplar dieser Gattung aufgetrieben haben und sind auf Ihre Phantasie angewiesen. Und die ist offensichtlich nicht besonders reich.

10. Ein guter Katholik sitzt in der dritten Reihe Mittelschiff – denn in diesen traurigen Zeiten dient die erste Reihe als Kommunionbank und in der zweiten sitzen die Familien mit Kindern, damit die auch etwas mitbekommen. Alternativ bietet sich auch das Knien an dem Seitenaltar an, an dem sich der Tabernakel befindet; oder, ganz klassisch, vor dem Marienbild. Oder man setzt sich unauffällig in die Ecke. Denn da den guten Katholiken wie so manchen Heiligen schnell mal eine religiöse Extase erfasst oder er angesichts der Betrachtung des Kreuzestodes Christi in Tränen ausbricht, möchte er bei der Heiligen Messe lieber nicht im Fokus stehen. Wenn Sie zu spät kommen, so würde er darüber nur den Kopf schütteln, wenn die Rubriken danach verlangen. Dagegen sorgt er sich, was Ihnen wohl zugestoßen sein mag, dass Sie den Höhepunkt des Christenlebens fast verpasst hätten. Und – keine Sorge – für fahrlässig Unpünktliche hat er bereits seit Mitternacht in der Kirche auf dem Boden gelegen und Sühnegebete gesprochen. Kommen Sie also ruhig weiter zu spät! Der Mann verdient sich den Himmel damit!

9. Ein guter Katholik würde in der Kirche vieles tun – aber sicher nicht lachen. Fromme Menschen lachen nicht. Also wird er auch nicht über irgendein Outfit lachen. Ein weiblicher guter Katholik würde im Übrigen natürlich niemals eine Hose tragen. Frauen in Hosen. Wo hätte man denn so etwas gesehen! Übrigens ist die traditionelle Tracht des guten Katholiken die Toga. Die ist nämlich auf jeden Fall vorvorvorvorvorvorvorkonziliar und also auf jeden Fall gut. Aber vielleicht auch ein Rock…und damit Frauenkleidung…hm…darüber streiten die Gelehrten unter den guten Katholiken bereits seit dem Zweiten Vatikanum leidenschaftlich. Man kann sagen, die Einheit der Kirche hängt an dieser Frage.

8. Ein guter Katholik benutzt kein Buch als Gebetbuch, das vorn ein Adobezeichen ziert und dessen Inhalte zum Teil infantil sind. Ein guter Katholik kann das gute Liedgut auswendig und betet, wenn schlechtes erklingt. Das Autogramm des Papstes hat ein guter Katholik sich bestimmt nicht ins Gotteslob eintragen lassen.

7. Gute Katholiken sind die Einzigen, die noch Kinder in nennenswerter Zahl vorweisen können. Allerdings werden diese Kinder natürlich alle mit der Rute zu lebensfeindlichen Misanthropen erzogen. Daher ist es in einer gut katholischen Kirche auch bei hoher Kinderdichte natürlich immer eines: Mucksmäuschenstill. Schließlich haben wir hier keinen Spaß.

6. Kommunionhelfer sind direkt vom Satan eingesetzte Störtrupps, die eine würdige Kommunion verhindern sollen. Ein guter Katholik wartet nach der Messe vor der Kirche und zieht arglos vorbeigehenden Helfern eins über die Rübe. Dann schnell Weihwasser drauf und Exorzismus beten, dann wegrennen. Wer das Formular mit den entsprechenden Gebeten zum Exorzismus über Kommunionhelfer braucht, kann es bei mir anfordern unter kleinetherese@opfert-betet-geißelt-euch.com.

5. Vor Empfang der Kommunion vollführt der gute Katholik ein altes, auf dem Konzil von Ephesos eingeführtes Ritual. Dazu gehören komplette Prostration, Purzelbaum und Küssen des Messgewandes des Priesters (darum geht er nicht zum Kommunionhelfer – dem kann er nicht das Messgewand küssen).

4. Ein guter Katholik kniet grundsätzlich und immer, ist doch klar. Möglichst auf dem Steinboden oder so unangenehm am Rand der Kniebank, dass es möglichst viel Schmerz zum Aufopfern ist.

3. Der gute Katholik spricht natürlich NICHT mit. Denn die gute Messe ist eine stille. Wer das Vaterunser mitspricht, outet sich als postkonziliar und das muss ja nun wirklich nicht sein.

2. Der gute Katholik hat ein Recht darauf, jeden Tag in die Messe zu gehen. Er weint, wenn eine Werktagsmesse ausfällt. Ihre Fehlsonntage notiert er sich aus Nächstenliebe, und macht Sie auch gleich auf die nächste Beichtgelegenheit aufmerksam. Denn obwohl Sie ihm alles erdenkliche Oberflächliche und Dümmliche unterstellen, möchte er die Ewigkeit insgheim mit genau Ihnen im Himmel verbringen. Daher möchte er, dass Sie so schnell wie möglich in den Stand der Gnade zurückkehren.

1.Ein guter Katholik hat kein Lieblingsbuch. Bücher verführen zu Irrlehren und Häresien. Ein Katholik lernt lieber gar nicht erst lesen, bevor er sich solchen Gefahren aussetzt! Auswendig kann ein guter Katholik aber natürlich die letzte Ausgabe des Index der verbotenen Bücher. Nur für den Fall, dass einer seiner Mitbrüder doch lesen kann. Mit dieser Taktik fährt die katholische Kirche übrigens seit 2000 Jahren sehr gut: Sie hat effektiv dafür gesorgt, dass in Europa keine Universitäten gegründet wurden, hat das Geistesleben weitgehend unterdrückt und darauf geachtet, dass Forschergeist und Wissensdrang mit der Inquisition aus den Klöstern vertrieben werden. Schauen Sie sich die geistige Wüste an, die 2000 Jahre Christentum in der Welt hinterlassen haben!!!

0. Sie können es natürlich nicht ahnen, aber Sie haben SO viel vergessen! Die Mantilla ist Ihnen keine Erwähnung wert, dabei ist diese Tracht der katholischen Salafisten doch nun wirklich ein Schandfleck auf der Landkarte des Säkularismus. Und bedenken Sie die epileptischen Anfälle, die einen guten Katholiken beim Anblick einer Messdienerin befallen. Sie haben ebenfalls weder die systematische Verweigerung des Friedensgrußes erwähnt, noch die Eigenart, sich beim Betreten der Kirche hinzuknien und bis nach vorne auf Knien zu robben, da man ansonsten das Allerheiligste beleidigen würde. Und wussten Sie nicht, dass regelmäßig die Leichen verhungerter guter Katholiken vor Tabernakeln aufgefunden werden? Sie vergessen natürlich auch die zahlreichen magischen Medaillons, mit denen sich ein guter Katholik behängt, die derart klimpern, dass man einen guten Katholiken bereits aus 250m Entfernung hört, so wie einstmals die Leprakranken. Das ist auch gut, denn dann kann man fliehen, bevor einem ein Skapulier um den Hals geworfen und zugezogen, oder bevor man prophylaktisch mit Weihwasser bespritzt wird (dieses Schicksal ereilt vor allem unverheiratete Frauen in Hosen – da weiß man nie, was für ein Dämon da drin ist!). Auch die Devotionalien scheinen Sie zu übersehen. Welcher gute Katholik verließe das Haus ohne kitschige polnische Andachtsbildchen? Da geschlechtliche Akte und körperliche Nähe verpönt sind (keine Ahnung, wie das mit den vielen Kindern funktioniert, bei den guten Katholiken), werden diese Bildchen geherzt, geknutscht und an die Brust gepresst. Und natürlich umklammern die Hände eines guten Katholiken während der heiligen Messe pausenlos den Rosenkranz, um für jeden liturgischen Missbrauch sogleich einen Sühnerosenkranz gen Himmel zu senden.

Ich nehme es Ihnen nicht übel, dass Sie sich nur ein derart unvollkommenes Bild über die guten Katholiken machen konnten, denn die Spezies scheint mir fast ausgestorben und ist nur noch in oberbairischen Bergdörfern und auf den Philippinen anzutreffen. Daher erlaube ich mir, Sie aufzuklären. Ich verbleibe untertänigst Ihre gemäß dem paulinischen Gebot schweigende Dienerin etc pp,

Sr Oberin Anna SCKSLBCVBSCMS (Sühnecongregation der Kleinen Schwestern des Letzten bei der Beschneidung Christi vergossenen Blutstropfens und der Heiligen Katharina vom Berge Sinai )

P.S.: Unseren Konvent dürfen Sie als Mann nicht betreten. Sobald Sie sich aber zur Kastration haben durchringen können, heißen wir Sie gerne als Besucher unserer kleinen Gemeinschaft willkommen, wenn Sie sich ein authentisches Bild vom guten Katholizismus machen wollen!

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10 Kommentare

  1. Hochverehrte Sr. Oberin,
    Ihr Artikel zeugt von wahrer Kenntnis der seltenen Spezies, die Sie beschreiben. Wir sind darüber äußerst beglückt. Doch betrifft es Uns peinlich, dass Sie vergessen haben, die Existenz dieser Spezies im französischen Hochadel gebührend hervorzuheben, sofern dieser die Kämpfe gegen die sogenannte Revolution und die in ihrer Folge stattgefunden habende Erhebung gegen den Kirchenstaat überlebt hat. das könnte daran liegen, dass die Angehörigen dieses Standes die hl. Messe von den kleinen Balustraden in ihren Kirchen verfolgen. Fehlt ein geeigneter Raum vielleicht in Ihrem Kloster?
    Mit allen dem ersten Stande gebührenden Respektsbeweisen,
    Théodore Henri Palamède d’Orléans, duc de Guise etc.

    • Sehr verehrter Duc de Guise,
      ich habe sogleich vollkommene Reue erweckt ob der unverzeihlichen Unzulänglichkeiten meines Briefes und versichere Ihnen, dass ich mich darob angemessen geißeln werde! Natürlich dürfen weder der französische Hochadel noch der polnische Durchschnittsgläubige in dieser Aufzählung fehlen! Tatsächlich würde ich mich freuen, wenn unsere Schwesternschaft Sie als Gönner gewinnen könnte, der uns eine derartige Balustrade (deren Bau wir Tag und Nacht von Gott und dem Heiligen Joseph erbitten) ermöglicht!
      Ich verbleibe untertänigst,
      Sr Oberin Anna SCKSLBCVBSCMS
      Vive le Sacré-Coeur de Jesus, Espoir et Salut de la France! Vive le Coeur Immaculé de la Sainte Vierge! Vive le Roy!

  2. Toller Text.

    Witzigerweise gibt es vereinzelt Leute, die das Ritual mit Prostratio, Purzelbaum und Küssen des Meßgewandes tatsächlich ziemlich genau so aufführen 🙂

    • Es stecken durchaus Wahrheitskörnchen in dem Text. Meiner bescheidenen Ansicht nach ist ein solches Ritual auch kein Problem, insofern es tiefe Ehrerbietung ausdrückt. Der Marquis dagegen stellt Frömmigkeit unter Generalverdacht, oberflächlich und nur zur Schau gestellt zu sein. Ich frage mich, wann er selbst das letzte Mal zu Tränen gerührt war, als er an Christi Geburt oder Leiden oder eine andere Liebestat Gottes gedacht hat, und ob er dabei nicht in sich ein leises Verlangen danach verspürt hat, sich vor Gott niederzuwerfen. Ich nehme an, es ist die eigene Abgestumpftheit und Emotionslosigkeit gegenüber Gott, die dazu führt, dass man meint, wer seine Gefühle ausdrückt, sei scheinheilig.

      • Aber was soll der Purzelbaum? (Keine rhetorische Frage jetzt, vielleicht weiß das ja jemand…)

        Den Rest drückt ja gemäß üblicher liturgischer Körpersprache Richtiges aus…

    • Je nun: Die Kastration ist zwar nicht vorvorkonziliar, aber zumindest doch gut vorkonziliare Praxis guter Katholiken. Wer soll denn sonst in der Kirche hoch singen? Das Weib soll schließlich schweigen!
      Ich verbleibe untertänigst,
      Sr Oberin Anna SCKSLBCVBSCMS

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