Lieber Atheist von nebenan…

Es haben schon sehr viel klügere Menschen als du und ich darüber nachgedacht, ob es Gott gibt und wie er ist.

Ich möchte diese beiden Fragen einmal trennen. Warum? Weil die atheistischen Memes, die mein Facebookprofil mittlerweile mehr prägen, als meine Posts von Marienbildern, stets einen Zusammenhang herstellen, der einfach nicht geht. Zusammengefasst könnte man es so ausdrücken: Ich glaube nicht an Gott, weil er nicht so ist, wie ich will, dass er ist. Du wirst staunen, aber das ist eine Erfahrung, die alle Menschen machen, die versuchen, Gott auf den Grund zu gehen. Irgendwann merkt man: Diese und jene Vorstellung ist falsch, greift nicht, ist zu eng, zu klein. Gott ist irgendwie immer mehr, als man gedacht hat.

Aus dieser Erfahrung haben Menschen irgendwann als Attribut Gottes die Unermesslichkeit abgeleitet. Er muss unermesslich sein, wenn man ihn nicht ermessen kann. Logisch.

Da also das anders sein, als ich es gerne hätte, wirklich kein Beleg dafür ist, dass etwas nicht existiert, (nicht vollständige Liste der Dinge, die ich gerne anders hätte, die es aber trotzdem gibt: Krieg, Hass, die USA, Winter, meine Konfektionsgröße, Rosenkohl, weiße Haie, Regen) denk dir doch mal eine andere Beweiskette aus!

Nun sagst du „Die Existenz Gottes kann man nicht belegen“. Darauf würde ich erst einmal antworten, dass sich die Nichtexistenz nicht belegen lässt. Aber das ist ein Pattsituation. Ich meine, dass man sie belegen kann. Und zwar völlig rational. Hast du schon einmal erlebt, dass etwas aus dem Nichts entsteht? Ich nicht. Wenn ich ein Vakuum beobachten würde, würde ich nicht davon ausgehen, dass daraus nach ein paar Millionen Jahren ganze Galaxien entspringen. Und ein Vakuum ist ja noch nicht einmal nichts. Es ist bloß luftleer. Das ist schon ziemlich wenig, aber nicht nichts. Also. Jeder kann logisch nachvollziehen, dass aus nichts nicht etwas werden kann, weil alles, was ist, bedingt, dass etwas sei, woraus es hervorgeht. Alles muss von irgendwas oder irgendjemandem gemacht sein. Es gibt kein Huhn, ohne, dass ein Huhn davor ein Ei gelegt hätte, aus dem das Huhn entspringen kann.

Wer aber hat das erste Huhn gemacht? Ist das erste Huhn, oder seine evolutive Vorform, aus dem Nichts gefallen? Wie das? Nun, gemäß dem, was die Vernunft und die Wissenschaft lehren, wurde alles, was existiert, vorher geschaffen. Das gilt für einen Michelangelo und das gilt für Spaghetti Carbonara. Es ist also in hohem Maße unvernünftig, und jedenfalls von Wissenschaft und Vernunft nicht gedeckt, anzunehmen, die Welt, die komplett nach dieser Regel funktioniert, sei einfach so entstanden, ohne etwas oder jemanden, der es gemacht hat. Es ist vielmehr vernünftig, anzunehmen, dass am Anfang der Welt ein Schöpfer steht, also jemand, der den Knopf anschaltet, den Stein zum Rollen bringt, die Papiertüte zerplatzen lässt, so dass der Urknall ertönt. Da dieses Etwas Quelle allen Seins sein muss, muss es unerschaffen sein, und gleichzeitig Erschaffer. Dieses Phänomen, den unerschaffenen Erschaffer, benennen wir. Das ist gute wissenschaftliche Art, etwas, was man entdeckt hat, zu benennen. Wir benennen sogar Dinge, die wir nur als Theorie oder Modell entdeckt haben. Wir nennen unseren Schöpfer den Urpapiertütenzumzerplatzenbringer. Und weil das irgendwie unhandlich ist, und Thomas von Aquins Summa sicher einige tausend Seiten mehr umfassen würde, wenn er jedes Mal, wenn er jenes Wesen erwähnt, Urpapiertütenzumzerplatzenbringer schreiben müsste, haben wir das Ganze gefällig abgekürzt: Gott.

Es mag einige seltene Individuen geben, die tatsächlich felsenfest davon ausgehen, dass alles völlig chaotisch ist und aus dem absoluten Chaos zufällig eine Welt entstanden ist, die zufällig genau so aufgebaut ist, dass sie die zufällige Evolution in das zufällig ziemlich grandios komplexe System aus Quarks und Atomen und Aminosäuren und Genen und Mineralien und Lebewesen und diesem und jenem ermöglicht hat. Und ganz zufällig war dann am Ende alles so, dass der Mensch entstehen konnte. Diese Menschen müssen in der ständigen Sorge leben, dass alles ganz plötzlich auch wieder weg sein kann! Ganz ehrlich: Ich sehe in der Welt, wohin ich blicke, Folgerichtigkeit, ein komplex aufeinander abgestimmtes System aus unzähligen Interdependenzen, die wir gar nicht alle kennen. Wie wahrscheinlich (die Frage nach der Wahrscheinlichkeit ist eine rationale und wissenschaftliche Frage!) ist es, dass all dies nicht nur zufällig passiert ist, sondern auch noch ohne, dass es induziert wurde? Die Wissenschaft beschäftigt sich mit der Untersuchung von Gesetzmäßigkeiten. Und eine Welt, die auf Gesetzmäßigkeiten beruht, soll einfach so hervorgeploppt sein? Das ist nicht rational und nicht wissenschaftlich, aber das nimmt natürlich niemandem das Recht, das zu glauben (es soll ja auch Leute geben, die an das fliegende Spaghettimonster glauben. Auch unwahrscheinlich, aber gut. Wir leben in einem freien Land).

Die theoretische Annahme, Gott gebe es nicht, kann rational und wissenschaftlich erst dann in den Bereich des Wahrscheinlichen rücken, wenn z.B. jemand beweist, dass aus nichts etwas entstehen kann. Solange dieser Beweis aussteht, das Gegenteil aber evident ist, gibt es keinen Anlass, anzunehmen, es gäbe keinen Schöpfer.

Wir können und müssen darüber nachdenken, wie Gott ist. Welches seine Eigenschaften sind. Was er von uns erwartet, und vor allem, was er von uns nicht erwartet. Das alles kann man diskutieren, dafür setzt man seinen Verstand ein und dafür prüft man, wenn man denn so viel Vertrauen in die eigene Erkenntnisfähigkeit setzen will, verschiedene Glaubensformen auf innere Kohärenz und auf Plausibilität. Und hierhin gehört deine Kritik an all den Dingen, die Menschen von Gott behaupten. Es gibt Menschen, die behaupten, man dürfe andere Menschen töten, wenn sie die eigene Meinung nicht teilen. Es gibt Menschen, die denken, dass jeder, der etwas Bestimmtes nicht glaubt, verdammt wird. Das sind komplexe Fragen, bei denen wir auch erst einmal klären müssten: Was versteht derjenige unter „glauben“? Was für ein Bild von Gott hat der Mensch, und ist es plausibel, deckt es sich mit den Erfahrungen, die Menschen mit Gott machen, oder ist es eine Projektion eigener Bedürfnisse auf Gott? Man darf aber nicht Projektionen auf Gott damit verwechseln, dass es Gott nicht gäbe, nur, weil Menschen auf ihn projizieren. Wie ich eben versucht habe darzulegen, gibt es eine wissenschaftliche Wahrscheinlichkeit für die Existenz Gottes, die unabhängig ist von dem, was Menschen über Gott denken. Da sprechen wir noch nicht von der Offenbarung, also dem, was der Mensch aus sich heraus nicht über Gott wissen könnte, was Gott ihm aber zeigen wollte. Wir befinden uns noch in einem Bereich, der sich durch die Vernunft erschließen lässt:

Es gehört nämlich ein ziemlich verwegener Glaube dazu, davon auszugehen, dass aus nichts etwas werden kann, ohne, dass jemand es anstößt. Das ist in etwa so, als würde ich fest davon ausgehen, dass eine Beethovensonate einfach irgendwann ertönt. Ohne Klavier. Ohne Pianisten. Einfach so.

 

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4 Kommentare

  1. On a related note…:

    „Während es Atheismus als philosophische Überzeugung ’schon immer‘ – also, soweit wir wissen, mindestens seit den alten Griechen – gegeben hat, ist der naturwissenschaftlich argumentierende ‚New Atheism‘, wie er z.B. von Richard Dawkins vertreten wird, im Grunde nichts als metaphysische Blindheit. Und genau das macht ihn so langweilig – oder, vornehmer ausgedrückt: philosophisch dürftig.“

    http://mightymightykingbear.blogspot.de/2016/01/et-invisibilium-oder-vielleicht-habe.html

  2. Berufsbedingt ist für mich alles, was eine positive Wahrscheinlichkeit hat – eine noch so kleine Wahrscheinlichkeit, die nicht exakt Null ist – in gleicher Weise möglich; und schaue ich mich immer nach sicheren Beweisen.

    Es *ist* möglich, daß ein Sturm einen Schrotthaufen durchweht und hernach steht ein perfektes Flugzeug da. (Es geht aber nicht ohne Sturm! Und in diesem Falle auch nicht ohne die notwendigen Schrotteile.)

    Es *ist* möglich, daß ein Affe auf einer Schreibmaschine fehlerfrei den ganzen Shakespeare schreibt. (Es geht aber nicht ohne Affen und ohne Schreibmaschine.)

    Aber es ist *nicht* möglich, wirklich überhaupt nicht, daß etwas aus dem Nichts entsteht. (Die Spontanentstehung von Materie-Antimaterie-Teilchenpaaren, von der die Physik berichtet, ist eine ziemlich geheimnisvolle Eigenschaft des Raumes, der aber ist nicht nichts.)

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