Ein Plädoyer für den Wickelrock von jemandem, der ihn nicht ausstehen kann

Dr. Maximilian Krah beklagt die „Häresie des Hässlichen“ und spricht damit vermeintlich das Todesurteil über Wickelröcke. Während ich den grundlegenden Gedanken unterschreibe – den, dass Schönheit ein „Attribut Gottes“ ist, also, dass das Schöne (ebenso wie das Gute und das Wahre!) Gott auszeichnet, zu ihm gehört, zu ihm führt und ihn erlebbar macht – stört mich am Ton der ausgeführten Gedanken, dass über die Feststellung, was denn nun schön und was hässlich sei, entweder der Autor als geisterfüllter Prophet mit göttlicher Autorität die Definitionsgewalt zu haben scheint, oder, dass die Definition völlig dem Mainstream überlassen wird.

Der Genauigkeit halber: Ich habe weder im fundamentalistisch evangelikalen noch im traditionalistisch katholischen Raum eine besondere Vorliebe für Wickelröcke beobachten können. Lange Röcke, ja, im evangelikalen Bereich bevorzugt in der Qualität „Jeans“, im katholischen Bereich eher Wolle oder Leinen, aus einer grundsätzlichen Ablehnung des Jeansstoffes heraus (woher diese Ablehnung kommt, ist mir noch ein Buch mit sieben Siegeln, aber vielleicht werde ich einen tieferliegenden Sinn noch bei irgendeinem Kirchenvater finden. Oder bei Thomas. Bei Thomas findet man eigentlich eine Antwort auf alles, was Katholiken tun oder lassen.). Lassen wir nun aber einmal außer Acht, ob die Klassifizierung der Kleidungsstücke bei Maximilian Krah stimmt.

Wichtiger ist, dass er einem oberflächlichen, dem Zeitgeist entsprechenden Schönheitsbegriff anhängt, indem er pauschal dem grauen wadenlangen Rock den Kampf ansagt. Das ist schade, denn unser Schönheitsbegriff sollte weiter sein und der Gesellschaft aufzeigen, das so manches, was sie „schön“ nennt, maximal „hübsch“ ist, und einiges, was sie als „hässlich“ bezeichnet, in Wirklichkeit wahrhaft „schön“. Ich habe noch keinen schöneren Menschen gesehen, als eine Nonne im Habit, die sich ihrer Berufung bewusst ist, sich daran erfreut und sie lebt. Das strahlende Lächeln, die leuchtenden Augen sind das Schönste, was ich je gesehen habe. Natürlich ist das Ordensgewand ein besonderes, aber schauen wir uns mal seine Bestandteile an: Normalerweise ist es lang, und normalerweise hat es einen Schleier. Damit setzt sich die Nonne, abgesehen von jedem geistlichen Inhalt, äußerlich von der Mehrheitsgesellschaft ab (außer in Berlin Neukölln, Duisburg, Essen, Dortmund, Hannover Steintor…äh…ja…you get my point). Nicht jede von uns kann ein Ordensgewand tragen, aber so manche möchte sich als „ausgesondert“ und für Gott bestimmt kennzeichnen. Dieses Bedürfnis ist vielleicht unter „wiedergeborenen“ Christinnen grundsätzlich etwas größer als unter Katholikinnen. „Formal“ bedeutet es aber offensichtlich 1. lang und nicht selten 2. Schleier. Der kann manchmal auch ein Tuch, ein Häubchen oder einfach nur ein Haarband sein. Das hat erst einmal nichts mit Prüderie zu tun. Seit eh und je ist das „sich Verhüllen“ Ausdruck von Respekt gegenüber dem Göttlichen, ein Zeichen der Anbetung und ein Sichtbarmachen des Göttlichen, indem man selbst sozusagen „zurücktritt“.

Zum einen ist da also das Bedürfnis, dem Göttlichen Raum zu geben, und zum anderen der Wunsch, ein Zeichen zu sein. Darin liegt noch nichts Schlechtes, keine Überheblichkeit, kein Wunsch, andere zurechtzuweisen; und wer allein darin bereits solches sieht, der sollte sich eher fragen ob seine Motive wirklich lauter sind. Denn darum geht es eigentlich: Nicht, was ich trage, zählt, sondern warum ich es trage. Um mich zu profilieren, oder um die Schönheit Gottes in die Welt zu tragen?

Und hier ist Krah meiner Ansicht nach ein wenig zu optimistisch. In unsere Handlungen schleichen sich sehr schnell eigennützige und ungute Motive ein, und ein Mensch, der regelmäßig sein Gewissen erforscht, kann seine Schwäche auch ganz unskrupulös anerkennen und annehmen. So sehr ich damit d’accord bin, dass Mode sich ändert und Moral mit ihr, so sehr bin ich davon überzeugt, dass die menschliche Schwäche sich nicht ändert. Aus „Ich kleide mich schön, um Gott zu gefallen“ wird ganz schnell mal ein wenig Eitelkeit. Und der Mann, der sich bloß unschuldig an der Schönheit der Frau erfreut, wird auch ganz schnell mal von anderen Gedanken geplagt. Dazu muss man kein leibfeindlicher Traditionalist mit religiöser Psychose sein, es reicht, wenn genügend Testosteron ausgeschüttet wird. Unsere kirchliche Tradition ist nicht leibfeindlich, aber sie weiß um die Schwäche und sie bittet uns nachdrücklich, unsere Verantwortung wahrzunehmen und, wo es ohnehin Versuchung genug gibt, nicht noch einander Versuchung zu sein. Das ist nicht messbar in konkreten Rocklängen und Ausschnittstiefe. Aber Biologie zu leugnen, und dem rein Geistigen anzuhängen, ist nun wahrlich keine Eigenheit des katholischen Glaubens! Das hat auch nichts mit der angeblichen Leibfeindlichkeit zu tun, die der Kirche oder bestimmten Kreisen ständig angedichtet wird. Gruppen, die einer solchen verdächtig sind, sind Randerscheinungen oder zum Teil mit Rom überworfen, was an der Orthodoxie dieser Gruppen zumindest gewisse Zweifel aufkommen lässt. Und unrechter Gebrauch hebt den rechten Gebrauch nicht auf: Nur, weil ein paar Hanseln den Minirock aus leibfeindlichen Gründen ächten, bedeutet das noch lange nicht, dass es keine vernünftigen Gründe gäbe. Und die gibt es zuhauf. Z.B. Praktikabilität – was mache ich, wenn ich mich zufällig mal bücken muss? Aber das ist einem Mann, dem es nur darum geht, etwas „Schönes“ zum anschauen zu haben, natürlich herzlich wurscht. Wobei man auch die Frage stellen könnte, inwieweit es da tatsächlich noch um „Schönheit“ geht und nicht bereits um Tieferliegendes. In allem Maß zu halten ist sicher auch in Modefragen das beste Rezept.

In allem also ist zuerst Gott und seine Ehre zu suchen, und dann ist zweitrangig, worin sie gefunden wird: Darin, durch betonte Schlichtheit auf eine Herrlichkeit hinzuweisen, die der Mensch ohnehin nicht begreifen kann, oder darin, durch betonte Pracht eine Skizze dieser Herrlichkeit zu sein. Ebenso sinnvoll wäre es, der leeren Trappistenkirche zu unterstellen, sie wolle den prachtvollen Dom zurechtweisen, und ihm sündhafte Prachtentfaltung vorwerfen, weil sie ihm den vegoldeten Stuck neidet!

Katholiken sollen sich der Welt nicht gleichstellen. Wenn wir zeitgemäß und modern herumlaufen, dann tun wir das im Idelafall nicht, um die Welt zu beeindrucken, sondern, um Zeugnis abzulegen. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass die betont schlichte Kleidung meiner Bekannten aus der Brüdergemeine für mich immer ein starkes und beeindruckendes Zeichen für den Primat Gottes vor der Welt war, ohne, dass ich das bewusst so bezeichnet hätte! Das Asketische daran war für mich „schön“ und obgleich ich persönlich eine eher barocke Persönlichkeit bin, würde ich mich niemals dazu aufschwingen, andere Ideale in Bausch und Bogen als psychotisch oder schlecht zu brandmarken.

Ein weiterer Punkt stört mich an der gesamten Diskussion, und zwar der schlecht verhüllte Chauvinismus. Immer ist es die Frau, und meist ihr Körper, der zum Schlachtfeld wird, wenn es um Moral geht. Ich finde es nicht in Ordnung, dass die Frau, die in unserer Gesellschaft immer um alles Mögliche ringen muss,  ihr Aussehen zum Politikum erhoben sieht. Da sollte Katholizismus wohltuend anders sein. Ich bin nicht dazu da, visuelle Bedürfnisse ästhetisch anspruchsvoller Menschen zu erfüllen. Ich kann das tun, in Freiheit. Aber ich bin nicht dazu verpflichtet und ich wehre mich dagegen, wenn es über den Umweg einer religiösen „Pflicht“ gar zum Ausweis einer gesunden, zeitgemäßen Frömmigkeit erklärt wird, dies zu tun!

 

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3 Kommentare

  1. Die Lösung liegt doch auf der Hand – Und als Thomas soll ich dies ja schreiben, besonders heute (28.1.): Jeans sind häßlich und unbequem, darum passen Jeansröcke gut in ein protestantisches Umfeld, aber garnicht in ein katholisches!

    Eine Frage bleibt mir aber doch: Warum hab ich dieses Blog erst jetzt so richtig entdeckt?

    Grüße vom Niederrhein Thomas

    • Und wieder einmal bringt Thomas Aquinas die einzig logische Antwort…;) Danke! Das ist die Lösung! Wobei ich als Frau doch sagen muss, dass ein Jeansrock vom Stand des Materials her ungleich vorteilhafter ist als Leinen oder andere biologisch abbaubare Stoffe 😉

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