Flüchtlinge: Warum die „goldene Mitte“ keine Option für Christen ist

Ich tue mich schwer mit der gegenwärtigen Flüchtlingsdebatte. Da gibt es die vielgerügte Fraktion „Gutmensch“. Leute, die Teddybären und Trinkwasser verteilen, passioniert Erfolgsgeschichten von Flüchtlingen via social media verbreiten und ebenso passioniert „Naziposts“ teilen und kommentieren. Menschen, die das Wort „Willkommenskultur“ prägen. Und dann gibt es die Warner, die Mahner, die Menschen, die sich um Sicherheit, Freiheit und Wohlstand in diesem Land sorgen. Sie weisen auf gefälschte Pässe und syrische Blankopässe hin, die es Djihadisten erlauben, als Flüchtlinge getarnt nach Europa zu reisen, darauf, dass viele Flüchtlinge durch unbedachte Äußerungen deutscher Politiker erst auf die Idee gebracht werden, zu kommen, darauf, dass dieser Flüchtlingsstrom die Stabilität Europas gefährdet. Ganz Mutige, die keine Angst vor dem „Nazilabel“ haben, betonen auch die Gefährdung europäischer Identität.

Alle diese Punkte tragen einen Kern Wahrheit in sich. Die Situation ist eben das, was jeder Kommentator vor seinem Artikel bemerkt, bevor er diese Bemerkung dann unbeachtet wieder ausklammert, um effektiv seine doch einseitige Meinung zu postulieren: komplex.

Als besonders kritisch und nicht selten verschwörungstheorieaffin entpuppen sich Teile der konservativen Katholiken. Und das ist eine Schande. In diesem Milieu muss ich mir nicht nur hinter vorgehaltener Hand anhören, dass dies alles ein perfider Plan der USA sei, um Europa zu…ja, was eigentlich?…keine Ahnung, jedenfalls, um uns zu schaden (zur Ehrenrettung: Diese Theorie kommt natürlich nicht aus diesem „Lager“), oder, dass die Meisten ja gar keine echten Flüchtlinge seien. Ich muss mir auch anhören, dass ja die ECHTE Nächstenliebe in diesem Fall u.U. ja gar nicht das „Hereinlassen“ sei. All das kann sein, ist aber nicht ausschlaggebend – und zum letzten Punkt ein kurzer Exkurs: Dies stimmt insofern, als dass gerade die afrikanischen Männer, die nach Europa kommen, in ihrer Heimat fehlen – sie werden gebraucht für den Aufbau einer Zivilgesellschaft, für die wirtschaftliche Entwicklung etc. Nun ist es aber Heuchelei (oder Dummheit), zu behaupten, die Lage in Afrika sei allein ihretwegen so schwierig, und wenn Abdou und Kofi nach Hause gingen, würden sie eine blühende Wirtschaft aufbauen können. Dass sie zu Hause mit einer durch europäische Politik klein gehaltenen und blockierten Wirtschaft und mit durch europäischem Geld an der Macht gehaltenen Diktatoren ebenso konfrontiert sind wie mit hausgemachten Problemen, sollte man zumindest auf dem Schirm haben!

Man muss eigentlich nur ganz kurz Jesus zu Wort kommen lassen. Er fragt, als er das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt, wer dem unter die Räuber gefallenen Mann der Nächste war. Mein Nächster ist der Mensch, dem ich begegne, und der Hilfe braucht. Mein (katholischer!) Religionslehrer, der ansonsten ein ziemlich schlechter Religionslehrer war, sagte einmal zum Thema Fundamentalismus: Christentum ist immer radikal. Es gibt keine halbe Nächstenliebe. Entweder man übt Nächstenliebe, dann ist man radikal. Oder eben nicht. Dann ist man kein Christ. Nebenbei gesagt: Es ist übrigens völlig gleichgültig, ob der Mensch, dem es schlecht geht, aus eigener Schuld oder durch Fremdverschulden in Not gerät. Würde Gott nach der Devise „Wer selbst Schuld ist, verdient kein Mitleid“ handeln, dann wäre Jesus nicht am Kreuz für unsere Sünden gestorben. An denen sind wir nämlich auch „selbst schuld“.

Ich leugne die Sicherheitsproblematik nicht. Auch nicht die Integrationsfrage. Und auch nicht tausend andere Probleme, die uns in diesen Menschen erwarten. Zuerst aber begegnen uns hier Menschen und das ist eine Tatsache, die von konservativer Seite erstaunlich hartnäckig ignoriert wird. Woran mag das liegen? Dass diese Menschen „anders“ sind? Anders aussehen? Sich anders benehmen? Natürlich liebe ich mein Land. Ich bin Patriotin, und ich scheue mich nicht, in Konflikte zu geraten, weil ich, nicht selten absichtlich provokant, deutsche historische Empfindlichkeiten mit Füßen trete und schaue, wie weit ich meinen Migrationshintergrundsbonus ausreizen kann. Ich liebe die europäische Kultur und ich würde mir wünschen, dass sie bis zum Ende der Welt existiert. Aber, ganz ehrlich: Wir wären nicht die erste untergegangene Hochkultur und auch nicht die Letzte. Und in einem können wir uns sicher sein: Keine Hochkultur geht unverdient zu Grunde. Zu Grunde gehen Hochkulturen, die Gott nicht achten und Menschen opfern. In solch einer Gesellschaft leben wir, und es sollte uns nicht wundern, sollte sie untergehen. Es kann nicht erste Sorge eines Christen sein, sein Land zu erhalten. Und auch nicht die zweite. Die erste Sorge ist, seine Seele in der Gnade Gottes zu erhalten und die zweite, die Seele seines Nächsten. Wenn nun Millionen von arabischen Menschen hierherkommen und uns irgendwann verdrängen, dann – so what. Das ist vielen Völkern vor uns passiert (und kann im Übrigen nur geschehen, wenn Deutsche keine Kinder bekommen, und daran werden sie ja nun nicht durch Ausländer gehindert sondern durch den eigenen Geiz und die eigene Gier).

Was ich hinter allen Befürchtungen und Einwänden sehe, sind zum einen verhärtete Herzen, die sich hinter „Vernunft“ und „Maß“ verstecken. Und ich erkenne da keine Liebe, sondern Furcht. Wer aber fürchtet, der liebt nicht genug – oder er liebt die falschen Dinge. Er liebt seinen Lebenstandard, seine Sicherheit, sein Wohlergehen. Das alles sind Dinge, die Christen schätzen. Wer diese Dinge aber nicht angesichts eines leidenden Menschen gerne hintanstellt, der sollte sich mit der Bergpredigt vielleicht noch einmal beschäftigen. Das Christentum hat der Welt und insbesondere Europa unzählige Segnungen gebracht und ist eine Wurzel für eine nach vorn gerichtete, konstruktive, fortschrittliche Lebensphilosphie. Sein Sinn ist aber, das Heil zu bringen, nicht Eigenheim und Mercedes.

Und hier liegt auch die eigentlich Antwort, die wir Christen auf die Flüchtlingsproblematik hätten, wenn wir denn Zuflucht zu unserem Glauben nähmen:

Was wäre tragisch an einer arabischen Bevölkerungsmehrheit, wenn diese Menschen lebendige Glieder des Leibes Christi wären? Was wäre tragisch an einem niedrigeren Lebenstandard, wenn man ihn mit Christen teilt? Und wieso sollen Taufen vom Himmel fallen wie an Pfingsten, wenn der Herr doch damals eine Kirche gestiftet hat, die die Aufgabe bekommen hat, Menschen für Christus zu gewinnen?

„Geht hin zu allen Völkern“, sagt Christus. Nachdem wir aufgehört haben, das zu tun, kommen die Völker zu uns. Zu uns kommen entwurzelte, verzweifelte Menschen. Und diese Menschen brauchen, wie wir alle, Christus. Wenn wir helfen, dann sollen wir nicht helfen, „wie die Heiden“: Um uns gut zu fühlen, um endlich mal wieder ein so richtig gutes Gewissen zu haben, oder gar, um bei einer echt aufregenden Sache dabei zu sein. Wir sollen helfen, weil wir Christus in uns tragen und weil wir Menschen mit Christus in Berührung bringen, wenn wir ihnen so begegnen, wie er ihnen begegnen würde. Alles andere ist scheinheilig. Wir haben der Welt ein Evangelium zu verkünden. Das ist radikal, und da gibt es keine halben Sachen, keine goldene Mitte, kein als rational getarntes Abwägen. Das erfordert Mut zur Nachfolge – und das sind wir unseren im Nahen Osten ausharrenden Geschwistern schuldig: Sie fliehen nicht, sie bleiben. Das ist ihr Martyrium. Wir dürfen nicht in bürgerliche, egoistische Ängste flüchten, sondern müssen unsere Herzen öffnen. Das ist unser Zeugnis.

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