Interkulturelle Kompetenz- eine Einbahnstraße

Als schwarze Deutsche hat man derzeit in Deutschland wirklich die A*-Karte gezogen, könnte man etwas vulgär sagen. Der dumme Deutsche motzt mich an, weil ich als Flüchtling das Straßenbild von „arisch-blauäugig“ zu „Subsahara-Dschungel“ umpräge (es gibt Deutsche, die viel Geld für einen Urlaub in diesem Ambiente zahlen!). Der dumme Immigrant macht mich an und will meine Telefonnummer, läuft mir 10 Minuten lang hinterher und nervt mein modern-unnahbares Selbstbild, weil ich meine Burka heute zu Hause vergessen habe und also als Frau erkennbar bin. (Inter)kulturelle Kompetenz ist eine Einbahnstraße. Sie geht nicht von Deutschen Richtung Ausländer, sie geht von deutscher Intelligenzia Richtung Rest, und das ist ein sehr schmales Rinnsal, das auf einen reißenden Strom trifft, der es gnadenlos verschlingt.

Wenn ich gerade, auch im Hinblick auf die Flüchtlinge, etwas zu dem Thema mitbekomme, dann sind es meist tendenziell überforderte liebenswürdige Bürger, die sich Mühe geben, ja nicht anzuecken. Das fängt nicht beim Bürgermeister an, der jungen Mädchen von Miniröcken abrät (was rein inhaltlich ja lobenswert ist) und hört nicht auf beim freiwilligen Helfer, der behauptet, dieses oder jenes problematische Verhalten „sei eben so“ und läge am Kulturkreis.

Sicherlich ist der Gedanke, Lebensweisen zu untersuchen eine sehr europäische Herangehensweise an andere Kulturen. Sarazenen und Osmanen hielten es ihrerzeit ja eher mit dem Zersäbeln anderer Kulturen, der IS macht es nicht anders. Der beflissene Europäer schreckte zwar auch vor Zerstörung nicht zurück, aber nicht, bevor er nicht die kulturellen Eigenheiten von den Besseren seiner Landsleute gewissenhaft hat aufzeichnen lassen. Aber ist es wirklich unmöglich, diese Herangehensweise auch Sarazenen nahezubringen? Ich finde, dass unsere Kultur viel zu bieten hat. Und ich finde, es kann nicht sein, dass wir uns bemühen, zu verstehen, wieso der andere etwas tut, ohne zu erwarten, dass der andere sich auch an uns anpasst.

Die blockierende Angst eines Teiles unserer Gesellschaft vor „Überfremdung“ muss ernstgenommen werden. Zum einen, weil jeder es verdient, dass man ihn Ernst nimmt, zum anderen, weil sie gefährlich ist. Wenn sie sich von den leeren Hirnen der Nazis bis in die furchtsamen Herzen der Durchschnittsbürger vorgearbeitet hat, wird es schwierig, ihr rational zu begegnen. Und das kleine Körnchen Wahrheit, das in den Ängsten steckt, sollte man herausarbeiten, um realen Gefahren zu begegnen. Immigranten wünschen sich hierher zu kommen, weil unsere Gesellschaft eine ist, in der Vertrauen, Ehrlichkeit und Sicherheit einen hohen Stellenwert genießen. Eine solche Gesellschaft ist nicht selbstverständlich und sie will erhalten werden, zumal sie von verschiedensten Seiten bedroht wird. Wir müssen aufhören, im Sinne der German Angst unser Deutschsein zu leugnen. Es geht nicht darum, dass Frauen keine Kopftücher tragen sollten oder dass das Feierabendbier zur Pflicht erklärt wird, es geht darum, dass eine gesellschaftliche Übereinkunft von einer Mehrheit getragen werden muss.

Und hier kommen wir nun zum zweiten Teil des Problems: WER trägt in Deutschland denn noch diese Übereinkunft mit? Und sind es wirklich die Werte, die ein Überfremdungsgegner schützen will? Ist es nicht vielmehr so, dass man „plurale Gesellschaft“ sagt und „Wohlstand“ meint? Man sagt „Sicherheit“, „Ordnung“, „Meinungsfreiheit“, „Gleichberechtigung“, aber man meint „Auto“, „Doppelhaushälfte“, „Recht auf Verantwortungslosigkeit“ und „Degradierung des Menschen zum Produkt“. Eine Gesellschaft, die auf ausgehöhlten Werten gebaut ist, ist nicht integrationswürdig. Eine Frau, die aus einem starken kulturellen Umfeld kommt, kann sich doch nicht ernsthaft wünschen, ihre Kinder in eine Gesellschaft zu integrieren, die sich selbst vergessen hat und die Spaß und Geld and die Stelle von Wahrhaftigkeit und Tugend gesetzt hat. Welche bayrische Mutter z.B. würde sich freuen, wenn ihr Kind den farbenfrohen Dialekt gegen schlechtes Hochdeutsch, hausgemachte Kirchweihnudeln gegen China-Instantsuppe und das Dirndl gegen eine zerissene Jeans und ein T-Shirt mit einem obszönen Spruch eintauscht? Kann ich das dann von einer syrischen oder türkischen Mutter erwarten?

Ich will nicht behaupten, dass Menschen, denen diese Werte wichtig waren (ich meine Wahrhaftigkeit und Tugend, nicht Dirndl und Kirchweihnudeln), jemals die Mehrheit eines Volkes gestellt hätten, aber es ist ein Unterschied, ob diese Werte wenigstens allgemein als erstrebenswert anerkannt werden oder ob sie flächendeckend als überholt gelten. Interkultureller Kompetenz muss also kulturelle Kompetenz vorausgehen. Solange ein Deutscher nur mit den Daten 1933, 1945 und 1989 etwas anfangen kann, wenn Weihnachten 800 und Schlacht von Lepanto ihm nichts sagen, wenn 1099, 1492, 1555, 1618, 1806 oder 1815 keine Gefühle auslösen, dann brauchen wir mit Integrationsbemühungen gar nicht anfangen, denn dann wird ein traditionsbewusster Osmane, Perser oder Araber schlicht nichts finden, was die Mühe lohnen würde.

Ganz im Sinne grün-roter Friede-Freude-Eierkuchen-Mentalität beginnt also Integration bei uns. Aber eben nicht, indem man versucht, für alle möglichen individuellen und kollektiven Unarten anderer Kulturen Verständnis aufzubringen, sondern, indem man die Unarten der eigenen Kultur bekämpft und ihre Eigenheiten kennt, liebt, lebt und weitergibt. Wer das ernsthaft tut, hat keine Zeit mehr, Angst vor anderen zu haben.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s