Eine Sache der Balance

Empathie, Emotion und Ratio gehören zusammen. Nichts zeigt mir das gerade so deutlich, wie die Flüchtlingskrise. Wer ernsthaft vom bequemen Sofa aus räsonnieren kann, das Deutschland am Besten mit einer Politik à la Australien gedient wäre (Flüchtlinge außerhalb Europas „lagern“ und nach bestimmten – auch wirtschaftlichen- Kriterien ausgewählt einreisen lassen), der hat nicht nur nicht verstanden, dass Hilfe, die auf Gegenleistung beruht, ein Geschäft ist, und keine Hilfe; dem fehlt auch Empathie. Der Gedankengang ist in sich logisch, nachvollziehbar und aus deutscher Sicht vorteilhaft, aber nicht aus Sicht des 22-jährigen syrischen Muslim, der im Raster als „männlich, jung, muslimisch“ dann leider unvorteilhaft herüberkommt ungeachtet seiner sanften, freundlichen, pünktlichen, ordentlichen, sauberen Wesensart eben nicht einreisen dürfte. Welcher mit Empathie gesegnete Mensch möchte sich hier zum Herren aufspielen, der Menschen sortiert?

Dann die Empathisten. Sie posten mit ihrem neuesten iPhone, das mit ein Grund für Vertreibungen, Vergewaltigungen und andere Greueltaten ist, eifrig ihre Entrüstung und Anteilnahme und sind ganz froh, in dieser Sache auf der „richtigen“ Seite zu stehen. Leider reicht das aber nicht aus, um Anteilnahme in Tatkraft zu verwandeln- zumal bei einem komplexen Thema, bei dem es auf adäquate Taten ankommt und nicht nur auf das Finden des „like“-buttons unter einem schwermütig-sinnreichen Meme.

Und die Emotionalisten, die offensichtlich überhaupt keine Tassen mehr im Schrank haben, regen mich traditionellerweise am Meisten auf – und zwar, weil das im Grund doch nichts anderes als eine Selbstbespiegelung ist. Den Empathisten mag noch das Schicksal eines anderen bewegen. Der Emotionalist ist lediglich besoffen von der Gefühlswallung, die ihn ergriffen hat. Der Emotionalist ist im Grunde die ganze Zeit mit sich selbst beschäftigt und freut sich über sein gutes Gewissen. Ganz ehrlich. „Es ist gut, dass ihr hier seid“??? (…weil ich mich dann um euch kümmern darf und damit eine Rechtfertigung für zwei Autos UND Eigenheim habe…) Nein. Es ist NICHT gut, dass ihr hier seid. Dass ihr hier seid bedeutet, dass da, wo ihr geboren wurdet, da, wo euer Herz und eure Erinnerungen hängen, da, wo ihr sein WOLLT, etwas mega nicht in Ordnung ist. Und leider – leider- haben unsere Politiker und indirekt auch wir selbst daran sogar einen unterschiedlich großen Anteil. Das ist überhaupt nicht gut. Besonders nervig an der deutschen Spielart dieser blauäugisten unter den blauäugigen Einstellungen ist die betont völkerverstehende Art und Weise. So erklärt etwa ein freiwilliger Helfer in Dresden, wie die Lebensart sich doch oft unterscheidet. Aber- ganz wichtig – bloß nicht werten. Das hört sich dann so an: Als eine afgahnische Frau, die vor ihrem Mann geflohen ist, im Lager ausgerechnet einen Mann aus der Familie des Ehemannes trifft, wird die Eskalation „in einer Art und Weise ausgetragen, äh, wie man, äh, das hierzulande nicht macht“ (Emotion beim Zuhören: ???). Doch, Hilfe naht: „Zum Glück war aber gleich ein Palästinenser da, der genau wusste, wie in solchen Kulturkreisen da gehandelt werden musste“. Also alles gut.

Ich wünsche mir eine Verbindung von diesen drei Herangehensweisen. Denn jede hat ihre Berechtigung, aber eben nur an dem jeweils passenden Ort. Ich wünsche mir Vernunft da, wo es um die Bewältigung konkreter Probleme geht (denn Gedankenspiele, die die Zukunft betreffen, fallen bei Deutschen naturgemäß meistens ziemlich düster aus), Empathie da, wo jemand vor einem Flüchtling steht (auch, wenn er zufällig kein niedliches Kind ist) und Emotion da, wo sie hingehört: Beim Wutausbruch angesichts unserer Politiker und ihrer Heuchelei zum Beispiel.

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