Der Friedensgruß

Manchmal habe ich das Gefühl, es gibt eine Sorte von Katholiken (vielleicht ist es auch einfach eine Art Mensch), die sich grundsätzlich auf die widersinnigste Art und Weise der eigenen Rechtgläubigkeit versichert.

Ich kenne das befriedigende Gefühl, zur Guerrilla der Frömmigkeit zu gehören, zur Résistance der Rechtgläubigen, zu den Partisanen der Immaculata, zur Volksfront von Judäa. Dieses Gefühl ist erhebend und lässt sich postwendend herstellen, indem man mit Mantilla bewaffnet eine Messe in der ordentlichen Form mitfeiert (für die ganz Militanten: In der ersten Reihe!), oder als letzter Kommunikant pflichtschuldigst auf dem kalten Steinboden kniende Mundkommunion empfängt, während alle anderen stehende Handkommunion erhalten haben. Oder niederkniet beim Schlusssegen. Ich möchte nicht missverstanden werden: Das sind in sich ehrenwerte Frömmigkeitsformen, die wertvoll sind, und was können wir schon dafür, wenn wir die einzigen sind, die sich an die römischen Vorgaben und die römische Tradition halten? Sollten wir davon abweichen, nur weil wir wenige sind? Nö. Aber wir sollten uns zwischendurch immer mal daran erinnern, dass es bei all diesen ehrenwerten Kampfeinsätzen keineswegs um Äußerlichkeiten gehen sollte, sondern, dass immer ein innerer Beweggrund dahinterstehen muss, der es u.U. nötig machen kann, das eine oder andere nach gesundem Maß, vernünftigem Urteil und frommer Klugheit auch mal zu unterlassen.

Mein Lieblingsbeispiel, das nach meinem persönlichen Dafürhalten eine Schieflage zwischen außen und innen offenbart, ist militante Friedensgrußverweigerung. Damit meine ich nicht die ältere Dame, die bereits so versunken in ihrer Anbetung ist, dass sie den Friedensgruß nicht mitbekommt und ebensowenig den kränklichen Herrn, der niemanden anstecken will. Ich meine damit, dass, wenn der liebenswürdige Novusordo-Mann, dem nicht bewusst ist, dass er irgendeine Empfindlichkeit trifft, oder die freudig lächelnde Novusordo-Frau, die vergessen hat, ihre Schultern zu bedecken, den Frieden Christi per Händedruck teilen möchten, dabei nicht nur auf keine Hand treffen, sondern auf a) einen betont eisigen Blick, b) ein demonstratives Nichtausstrecken der Hand oder c) gar ein offensives halbes Abwenden von den Personen rechts, links oder in der Vorderbank.

Ich erlebe derartiges sehr oft und empfinde es als ein großes Ärgernis. Ich kann nachvollziehen, aus welchen Gründen der Friedensgruß nicht gemocht wird. Da ist zum einen der Zeitpunkt: Manch einer braucht jede kostbare Sekunde, um sich auf die Kommunion vorzubereiten. Verständlich. Aber: Die Kommunion ist nicht nur meine individuelle Gemeinschaft mit Jesus, sondern auch meine Gemeinschaft mit der ganzen Kirche. Wenn ich es nicht schaffe, drei Sekunden von meiner persönlichen Zeit mit dem Heiland abzuknapsen und in 21…22…23…einmal nach rechts und links meine Hand auszustrecken, zu lächeln und „Der Friede sei mit dir“, zu sagen, dann ist mein spirituelles Zeitmanagement verbesserungsfähig. Andere sagen „Währenddessen wird der Tabernakel geöffnet und völlig unbeachtet wird der Heiland zum Altar getragen.“ D’accord. Ich würde sagen, hier greift wieder die Dreisekundenregel. Wenn man schnell genug ist, verpasst man nichts von dem Geschehen am Altar, denn da wird ja auch noch friedensgegrüßt. Naja, wendet der Dritte ein: Es dauert ja nicht drei Sekunden, oft verwandelt sich die ganze Kirche in einen Ameisenhaufen und alle suchen nach ihren Lieblingsgemeindemitgliedern, um sie zu herzen. Okay. Wieder kann ich den Einwand verstehen. Das ist zweifellos ärgerlich. Aber zum einen habe ich noch nie erlebt, das Gewusel seitens der anderen mich zum mitwuseln zwingt (vielleicht bin ich nur besonders behäbig). Ich habe meine drei Sekunden für den Friedensgruß und dann ist er für mich beendet, wer mich dann noch bedrängt, bekommt ein Lächeln und Schluss. Zum anderen kann ich das Bedürfnis, Frieden und Freude weitergeben zu wollen, anerkennen, auch, wenn ich mir eine bessere Katechese diesbezüglich wünschen würde- und bitte, zu welchem religiösen Thema würden wir uns nicht bessere Katechese wünschen? Wir singen das Glorialied ja auch nicht nicht mit, weil es ein bescheuertes Lied und kein Gloria ist. Wir singen es traurig mit, denken dabei das echte Gloria und freuen uns demütig, wenn das ausgewählte Lied wenigstens an ein Gloria erinnert!

Zurück zum Friedensgruß: Um das Maß voll zu machen, habe ich bereits mehrfach in tradiinternen Gesprächen mitbekommen, wie Menschen sich voller Zufriedenheit darüber äußerten, wie sie einen Friedensgruß explizit nicht mitgemacht haben. Ja, denke ich. Denen hast du’s aber gezeigt, diesen vermaledeiten Modernisten. Ich finde diese Einstellung traurig. Ich sitze oft in der Messe und frage mich, was die Menschen da tun. Aber ich sehe auch viel Guten Willen, und wie kann ich den leichter bejahen, als mit einem Lächeln und einem kurzen Händedruck? Ist es wirklich christlich, einen Menschen auflaufen zu lassen? Es ist ja keine Zeit, um dem anderen zu erklären „Ich habe nichts gegen dich, ich wünsche dir von Herzen den Frieden Christi, aber jetzt will ich den Heiland anbeten, der da zum Altar getragen wird, und mich gemeinsam mit dir auf Gott konzentrieren“. Der andere spürt eine Ablehnung, eine Unzufriedenheit, einen Keil. Und das möchte ich meinem Mitmenschen kurz vor der Heiligen Kommunion nicht zumuten, auch wenn es für mich drei Sekunden weniger Andacht bedeutet. Ich bin der Ansicht, dass, wer in die ordentliche Messe geht, sie auch ordentlich mitfeiern und ordentlich den Friedensgruß zurückgeben soll, wenn er ihm angeboten wird.

Diese militante Friedensgrußverweigerung hängt (zugegeben, etwas weitläufig) mit der sonderbaren Wesensgleichheit von Modernismus und modernem Antimodernismus zusammen. Allzuhäufig handelt es sich nämlich um zwei Seiten der selben Medaille. Der Modernist will machen, was er will, und denkt, Gott wolle, dass der Mensch macht, was der Mensch will. Der moderne Antimodernist will ebenfalls machen, was er will, und denkt, dass Gott naturgemäß das wolle, was der Antimodernist will. Die Bockigkeit des gemeinen Schafs ist beiden Strömungen eigen.

So sucht sich der moderne Antimodernist alles Mögliche, um es aufzuopfern – er beschämt eine fröhliche Runde (ausnahmsweise!) freitags grillender Katholiken durch das demonstrative einsame Salatblatt auf seinem Teller; er opfert sein Wohlbefinden in allen möglichen skrupulösen Gedankenspielen, in denen er versucht, zu erschließen, warum der andere gerade eine Sekunde lang nicht freundlich geguckt hat, und wer Schuld daran hat, und sie opfert sich, indem sie sich zum Gerede der Novusordianer macht, indem sie grundsätzlich (mit Mantilla) zuerst eine komplette Prostration und dann einen Kopfstand macht (eine alte, fast vergessene syro-malabrische Demutsgeste), bevor sie die Kommunion empfängt. Was manchen (ich rede wie gesagt von einer gewissen Zunft, wer nicht gemeint ist, soll sich auch bitte nicht angesprochen fühlen) offenbar nie einfällt, ist, einfach mal das aufzuopfern, was einem gerade von Gott in den Weg gelegt wird: Die Unbeholfenheit der Pastoralassistentin im Altarraum, die unerträglich tendenziösen Fürbitten, den wirklich unerträglichen Gesang des KiTa-Chores oder eben auch nur die kleine und voller Großmut aufzuopfernde Störung des Gesamtbildes und die Zurückstellung eigener Vorlieben durch das Austauschen eines Friedensgrußes an liturgisch unvorteilhafter Stelle.

Über die Art und Weise und den Zeitpunkt des Friedensgrußes und über den durch das Zweite Vatikanische Konzil eingeleiteten oder zumindest evident gewordenen Untergang des Abendlands kann ich mich dann nach der Messe aufregen. Zum Beispiel in einem Blog.

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