Politik von der Kanzel. Ein zweischneidiges Schwert, aber stumpf.

Zwecks Erfüllung der Sonntagspflicht suchte ich am Sonntag die katholische Kirche des kleinen Dorfes auf, in das es mich verschlagen hatte. Es handelte sich um ein Städtchen in der niedersächsischen Diaspora und dementsprechend erwartete ich gar nichts – ich habe in der niedersächsischen Diaspora schon entsetzliche und sehr schöne Messen erlebt, ich war mir also bewusst, dass alles möglich war. Meine Erwartungen wurden übertroffen.

Die Messe verlief erstaunlich schnurgerade, ohne störende Nebenbemerkungen und ohne  betont langsames, unbeholfenes, als würdevoll missverstandenes Herumgeschreite der allerdings unvermeidlichen Pastoralassistentin im Altarraum. Ein männlicher Messdiener ist ja mittlerweile mancherorts ein Ereignis, also schon einmal ein paar Pluspunkte. Dann kam die Predigt, während der ich von einem emotionalen Extremzustand in den nächsten geworfen wurde und einfach nicht wusste, ob ich das nun gut oder schlecht finden sollte.

Das Sonntagsevangelium handelte von der Brotvermehrung. Der Pfarrer begann mit den Worten, man könne dieses Evangelium ja gar nicht anders auslegen als mit Blick auf die Flüchtlingskatastrophe. Dem musste ich innerlich erst einmal heftig widersprechen. Mein Inneres stand also auf und rief in den Kirchenraum: „Aber Herr Pfarrer, was für ein Unsinn, natürlich kann man das Evangelium auf verschiedenste Weise auslegen. Aber es ehrt Sie, dass Sie es überhaupt als Ihre Aufgabe ansehen, in der Predigt das Evangelium auszulegen!“ Zum Glück ist mein Inneres unsicht- und unhörbar, deshalb haben auch seine weiteren vehementen Einwürfe niemanden gestört- außer mich selbst natürlich. Der nächste Einwurf kam nämlich schon beim nächsten Satz, dass es ja hier „ganz klar natürlich darum geht, dass, wenn wir etwas teilen, es mehr wird.“ Auch hier hatte ich als eingefleischter Wortsinnverfechter natürlich etwas einzuwenden: Ganz klar geht es hier darum, dass die Leute hungrig waren, und dass Brot vermehrt wurde. Das ist natürlich als Zeichen für etwas anderes geschehen. Das ist aber ein großer (!) Unterschied. Und natürlich ist es ganz klar, dass sich durchaus nicht alles vermehrt, was man teilt. Aber gut. Ich bin eben penibel. Man kann es auch übertreiben und der Pfarrer war eindeutig guten Willens: Andere Pfarrer habe ich nämlich auch schon sagen hören: „Es geht hier ganz klar nicht darum, dass Jesus hier Brot vermehrt.“ Insofern: Weiter gehts.

Anstatt nun aber ausgeprägt geistlich zu erläutern, wie und was wir zu teilen haben und was dann dadurch mehr wird, folgte ein politischer Ausruf der Hilflosigkeit. Ein schwankendes Hin und her. Er habe letztens in einer Kirche Menschen gesehen, die arabisch aussahen. Da habe er gedacht „Da stimmt doch etwas nicht.“ Äh. Ja. Genau. Weil wir im Jahre 2015 immer noch nicht in unser Weltbild integriert haben, dass „Araber“ nicht dasselbe wie „Muslim“ (oder genauer gesagt: „Sunnit“) ist, auch, wenn es von beiden Sorten Menschen genügend gibt, die uns genau das gerne suggerieren, damit das Verschwinden einer Menge nichtmuslimischer Araber nicht so sehr auffällt. Lieber Herr Pfarrer, klicken Sie in Ihrem Weltbildbrowser auf den Aktualisierungsbutton! Er habe dann mit einer Frau gesprochen, die in sehr gutem Deutsch (das sehr gute Deutsch wurde im Laufe der Predigt noch mehrfach betont) sagte, sie seien chaldäisch-katholische Christen. Nun hätten sie sich auch bekreuzigt und seien auch alle zur Kommunion gegangen, das hatte also seine Richtigkeit, und sie hätte die Wahrheit gesagt. Mein Inneres äußert ein zweites verständnisloses „Äh. Ja. Genau.“ Waren ihre Worte so zweifelhaft? Ich verweise wiederum auf den Weltbildaktualisierungsbutton. Nachdem er dann noch darauf einging, dass ihn ein kleiner Steppke in ebenfalls sehr gutem Deutsch dann zum Grillen eingeladen habe, ging es zur Politik über.

Ich befand mich im schizophrenen Zustand der Halbfreude. Gut, wenn jemand von der Kanzel mal versucht, religiöse Formeln mit politischen Inhalten zu füllen. Schlecht, wenn es derart unbeholfen geschieht, dass man bei jedem innerlich dem Pfarrer zugerufenen „Amen, praise the Lord“ sofort ein „Gott bewahre!“ hinterherrufen möchte. Es sei wichtig, die Bürgerkriegsflüchtlinge aufzunehmen (Amen, praise the Lord!). Wir sollten nicht festhalten, was wir haben, sondern teilen. Uns ginge es noch sehr gut im Vergleich zu anderen. Mein Inneres hustet. Ich schätze, dass 90% der Kirchgänger ein Auto haben, 75% einen großen Fernseher, und 95% zu viel zu essen. Keiner wird in einer Wellblechhütte wohnen, sie haben zu 100% fließendes Wasser (auch warm!) und wahrscheinlich alle eine Waschmaschine, einen Handmixer, Elektrizität, einen Herd und ein echtes Bett mit Matratze und Decke. Von Kleidung mal abgesehen. Außerdem muss, bis auf die Überbleibsel preußischer Behörden und den Rundfunkbeitrag niemand mit Willkür gegen sein Hab und Gut (oder gar Leben) rechnen. Uns geht es nicht „im Vergleich“ gut. Uns geht es gut. Wir haben nur verlernt, einen vernünftigen Maßstab ans „Gutgehn“ anzulegen. Nach seinem Ausflug in kleinbürgerliche Tiefstapelei zur moralischen Rechtfertigung des eigenen Überflusses dann der berechtigte Einwand, es müsse aber möglich sein, Ängste zu artikulieren und dafür nicht stigmatisiert zu werden. Amen, praise the Lord.

Nur – ist es nicht eine genuine Aufgabe der Kirche, diese Ängste lösungsorientiert anzugehen? Zur Selbstkritik anzuleiten: Wovor hast du Angst? Vor wem hast du Angst? Warum? Was tust du dagegen? Erinnerst du dich daran, dass in der Liebe keine Furcht ist, und dass, wenn du Furcht hast, du versuchen musst, in der Liebe zu wachsen? Nö. Ängste muss man artikulieren dürfen. Es bleibt prosaisch. Und geht dann ans Eingemachte:

Man könne nicht jeden aufnehmen. Deshalb könnten nicht alle zu uns kommen, die aus wirtschaftlichen Gründen kämen, auch, wenn man das natürlich verstünde, man könne nicht ganz Afrika aufnehmen (Am…äh…praise the Lord?) Das ist natürlich klar. Aber ist das die Botschaft Christi? Du kannst nicht jeden aufnehmen? Sicher braucht es Realpolitik. Aber Realpolitik von der Kanzel? Und ist nicht für einen Christen ein jeder Mensch als Individuum hilfsbedürftig und hilfsberechtigt? Kann es für die Kirche überhaupt „Wirtschaftsflüchtlinge“ geben? Aber, sagte nun der Pfarrer und ich erwartete ein Bekenntnis zur überfließenden Liebe Christi, ein Manifest der Einheit der Völker vor dem Herrn, ein Aufruf zum Gebet für- und miteinander, ein Erinnern an die weltumspannende Gemeinschaft aller Getauften in Christus und an die Pflicht des Einzelnen, an Ort und Stelle zu tun, was Not tut…(der Leser, der deutsche Verhältnisse kennt, schmunzelt, weil er weiß, dass ich bei solchen Erwartungen selbstredend enttäuscht werden würde).

ABER man müsse auch da vorsichtig sein. Selbst konservative Wirtschaftsunternehmen würden davor warnen, alle Wirtschaftsflüchtlinge abzuweisen. Denn die, die da kämen, seien ja oft gut ausgebildet und hätten dementsprechend auch das Geld für die Flucht gehabt. Die könnten für uns sehr wichtig sein. Mir bleibt die Luft weg. Mein Inneres sinkt mit einem entseelten Seufzer ohnmächtig zu Boden. Der reine, genuine kleinbürgerliche Egoismus, gepredigt des sonntags in der katholischen Kirche. Fachkräftemangel ist nun also der Grund, weshalb ein katholischer Kirchenmann davor warnt, gut ausgebildete Afrikaner abzuweisen. (Ich hätte den Fachkräftemangel eher zum Anlass genommen, zu fragen, wo die mehr als 100.000 Kinder pro Jahr sind, die in Ausbildungsberufe strömen könnten, wenn man sie nicht abgetrieben hätte…) Wo der Sinn für die Wohlfahrt aller doch genau das Gegenteil in Erinnerung rufen müsste: Dürfen wir Afrikas oder Albaniens Zukunft abschöpfen? Nein. Und darum muss politisch und wirtschaftlich ein Menge getan und noch mehr unterlassen werden, damit Menschen nicht alles zusammenkratzen, was sie haben, um nach Europa zu kommen und dann in Venedig gefälschte Handtaschen zu verkaufen. Aber dieser Horizont ist weit weg von dieser Predigt, die zu kurz gedachten ist und am Ende doch nur auf das eigene Wohlbefinden zugeschnitten. Es ist schade, dass die katholische Kirche so oft nicht mehr den kleinen, aber feinen Unterschied ausmacht.

Anstatt die Liebe auszurufen und den Menschen zu sagen „Habt keine Angst“: ein Hilferuf des status quo einer kleinbürgerlichen Gesellschaft, der von herzergreifender Gutwilligkeit samt Mangel an elijanischem Feuer nur so überquillt. Während der Großteil der Predigt also von der Angst vorm Teilen handelt, wird zum Schluss einfach noch einmal in den Raum geworfen, dass es mehr wird, wenn man teilt, und als wäre nichts geschehen, folgt eine würdige und schnurgerade Eucharistiefeier ohne Abweichungen vom Messbuch (man soll es nicht glauben, das gibt es).

Ich verdränge die verstörende Predigt, bete den Heiland an und singe am Schluss Maria breit‘ den Mantel aus in der Intention, doch bitte politisch unzureichende Predigten zu verhüten.

Nach der Messe schleppe ich mein immer noch ohnmächtiges Inneres nach draußen, nehme das Fläschchen mit Riechsalz, helfe meinem Inneren auf und mache mich auf den Rückweg. Vorher nehme ich noch eine kleine Gedenkplakette wahr, die mich vollends verwirrt. Sie erinnert an die Glockenweihe des Kirchleins, dessen Glocken unter anderem „Aggiornamento“ und „Für das Leben“ heißen. In meinem Kopf passt nichts mehr zusammen und ich beschließe, dass eine vollständige Evaluierung dieser Sonntagsmesse nicht gelingen kann.

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