Allons, enfants de la patrie…

bastille

Am 14. Juli 1790 musste der König von Frankreich einen Eid auf die Nation ablegen. Ein gesalbter König, der nur wenig später von dieser Nation umgebracht werden würde. In meiner deutsch-romantischen Feinsinnigkeit und mit einer gehörigen Portion Chauvinismus kann ich mich über so einen Tag als Festtag nur wundern und bin wieder einmal dankbar, einer Nation anzugehören, die ihre dunklen Kapitel mit öffentlichen Selbstgeißelungen begeht und in alle Ewigkeit memoriert, um umso penetranter anderen ihre Verfehlungen unter die Nase zu reiben und sich dabei insgeheim gut zu fühlen.

Die schwarzen Legenden, die der Kirche Hexenverbrennung, Inquisition und Völkermord, vorwerfen, werden eifrig gepflegt: wider besseres Wissen, wider den aktuellen Stand der Wissenschaft und einfach nur aus der Bequemlichkeit heraus, dass es Mühe machen würde, ein bewährtes Weltbild der Realität anzupassen:

Währenddessen beklagt niemand die Opfer der französischen Revolution. Kollateralschäden von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind das, notwendige (oder zumindest in Kauf zu nehmende) Opfer auf dem Weg hin zu einer besseren Welt.

Erst letzte Woche durfte ich in einem Vortrag anhören, Marie-Antoinette habe gesagt, wenn das Volk kein Brot habe, solle es Kuchen essen. Neben mir stand ein typischer deutscher Bildungsbürger offensichtlich konservativer Prägung, der unwillig seiner Frau zuraunte, das sei doch erwiesen, dass sie das nie gesagt habe. Ich muss sagen, dieser kleine, unscheinbare aber bedeutende Akt des zivilen Ungehorsams gegen sozialistische Legitimationsversuche eines rachsüchtigen „Justiz“mordes hat mir Mut gemacht.1830 juli

Mein Weg vom linksliberal-grünen Lager hin zu den denkenden Menschen ging über die Lektüre von Stefan Zweigs Meisterwerk „Marie-Antoinette“. Die literarische Biographie stellte mir diese Frau so lebhaft vor Augen, dass ich nicht umhin konnte, mich zu fragen, ob sie eigentlich etwas dafür konnte, dass sie zu diesem unglücklichen Zeitpunkt Königin von Frankreich war. Hatte sie sich das gewünscht? Sich zur Wahl gestellt? Den Posten an sich gerissen? Sich an die Macht geputscht? Und wie viel Freiheit hatte so ein König, zu tun und zu lassen, was er wirklich will? Wie viel Freiheit hat er, überhaupt etwas persönlich zu wollen?

Bis dato hatte ich mich noch nie gefragt, ob es in Ordnung war, den französischen König nebst Gattin zu guillotinieren: Ich hatte noch nie erlebt, dass das jemand in Frage gestellt hätte. So ein König ist doch was Schlechtes, oder?

Nun kann man sagen, Stefan Zweigs Zugang sei nicht wissenschaftlich. „Wir sind doch objektiv“. Nun, dann frage ich mich, wieso die Schilderungen in den Geschichtsbüchern zum Thema Sklaven in den Südstaaten oder Holocaust den Schrecken verdeutlichen (da sind subjektive Gefühle nämlich okay), dagegen aber völlig gefühllos konstatieren, ein Gericht habe den König eben für schuldig befunden. Bei den Opfern der Grande Terreur wird dann lediglich die eine oder andere Zahl in den Raum geworfen und ansonsten wird so getan, als sei das ein unrühmliches Intermezzo einer rühmlichen Sache. Aber dann kam ja Napoleon, und ohne den wären Freiheitsbäume, Gleichheit und das allgemeine Wohlergehen der Menschen niemals bis in deutsche Lande gedrungen, und das wäre ja nun wirklich eine Katastrophe gewesen.

Überhaupt kann es einem denkenden Menschen nicht gefallen, dass generell bei Revolutionen so getan wird, als sei das etwas Gutes, was nur manchmal ein bisschen aus dem Ruder läuft. Normalerweise geht man doch bei Evaluierungen eines Ereignisses so vor: Was war die Zielsetzung? Wurde sie erreicht? Was sind gute Folgen? Was sind negative Folgen? Wie stehen sie zueinander? Allen Revolutionen, vergangen und gegenwärtig, die mir gerade so durch den Kopf gehen, folgten Chaos, Gewalt, Brutalisierung. Die vorgeblichen Ziele (etwa: Verbesserung der Lage der Bevölkerung) traten nicht ein, sondern normalerweise herrschten danach Terrorregime. Die einzigen, die trotz geköpfter Könige einigermaßen zivilisiert aus allem herauskamen, waren die Engländer, aber die haben spannenderweise aus dem republikanischen Debakel gelernt und sind zu dem Schluss gekommen, dass Stabilität besser ist, als keinen König zu haben. Ebenso haben es nun die Ägypter gemacht, die sich ebenfalls für einen starken Herrscher und gegen Chaos positioniert haben. Die positiven Folgen beschränken sich dagegen vor allem auf einige Ideale und Ideologien, die während großer Revolutionen Hochkonjunktur haben und inflationär beschworen werden. Um diese offensichtliche Schieflage etwas zu beheben, wird in der allgemeinen Rezeption einfach so getan, als hätten sich bedeutende Dinge erst durch die Revolutionen durchsetzen können. Als hätte es den Begriff der Freiheit vorher nicht gegeben, oder als sei es nun wirklich besser, von einem anarchistisch-atheistischen Terrorregime, meinetwegen auch parlamentarisch legitimiert, zum Tode verurteilt zu werden, als durch ein königliches Gericht. Klar. Das erschließt sich mir vollkommen. Wenn ich schon umgebracht werde, dann wenigstens legitimiert durch den Volkswillen. Auch ist es durchaus besser, in der von Stalin gebeutelten Ukraine zu verhungern, als im zaristischen Russland.

Nun ja, ich werde jedenfalls nicht die Marseillaise anstimmen, sondern lieber das hier. Die Königshymne und gleichzeitig Lied auf meinen persönlichen Lieblingskönig, Henri IV und auf’s „savoir vivre“. Und als Nationalfeiertag schlage ich den 25. August vor, den Todes- und Gedenktag des Hl. Ludwig IX. Dass man aus Nostalgie auf die Tricolore nicht gänzlich verzichten will, kann ich gut nachvollziehen. Wenn man nicht direkt wieder auf das Königswappen zurückgreifen will, so bin ich zumindest bin für eine Anreicherung durch die Lilie von Bourbon und das Sacré-Coeur.espoir-et-salut-f-tissu-gm

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Ein Kommentar

  1. Mit Gedenktagen ist das immer so eine Sache: Irgendwann wissen die meisten Leute nicht mehr, wessen da eigentlich gedacht oder was da gefeiert werden soll. Oder man will es garnicht wissen, ganz bestimmt nicht, daß am französischen Nationalfeiertag ein entsetzliches Massacker gefeiert wird, das beschönigend „Sturm auf die Bastille“ heißt. Immerhin, man muß den Revolutionsfranzosen zugute halten, daß siie „Gleichheit und Brüderlichkeit“ bis zur Konsequenz geführt haben, nach dem Prinzip, „… und willst du nicht mein Bruder sein, schlag ich dir die Fress ein“, ähm – den Kopf ab. In der Tat: Nur ohne Kopf sind alle Menschen gleich! Konseauenz ist ihnen zugute zu halten – gut war es gleichwohl nicht!

    Einer Demokratie scheint mir als „nationaler“ – hm, wittere ich da einen Widerspruch zwischen Demokratie und national? – Feiertag einzig der Tag der Annahme der Verfassung angemessen: Für Frankreich wäre das sogar ein Tag welthistorischer Bedeutung, nämlich der 31. August, an dem die Erklärung der Menschenrechte angenommen wurde (Allerdings: Frauen waren damit nicht gemeint und das lag nicht nur an der französischen Sprache, wo ja homme=Mensch=Mann ist.). An welchem Tag wurde eigentlich das Grundgesetz beschlossen? Immerhin, die USA haben nicht den Tag der Boston Tea Party (16. Dezember), die das Signal für den Unabhängigkeitskampf der nordamerikanischen Kolonien gab, zum Nationalfeiertag gemacht, sondern den 4. Juli, an dem die Declaration of Independence angenommen wurde.

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