Satire und Blasphemie

Ich bin Witzen nicht abgeneigt. Auch nicht Witzen über Religion. Der Pfarrer, der Priester und der Rabbi, die sich treffen, um über’s Wasser zu laufen, der Heilige Geist, der bei der innertrinitarischen Diskussion um den Ort des Jahresurlaubs je nach Konfession auf den Vorschlag „Rom“ bzw. „Wittenberg“ jeweils mit „Au ja, da war ich noch nie“ reagiert (genau wie Maria, wenn sie von Jesus gefragt wird, ob sie Lust hat, nach Lourdes zu fahren) oder auch weniger harmlose und deutlich respektlosere Absurditäten („Jeder nur ein Kreuz“, „Er hat Jehovah gesagt“): Nichts von alledem erfüllt mich mit dem Verlangen, Regenbogenflaggen zu verbrennen, mich in die Luft zu sprengen oder pikiert und gestreng in die Runde zu blicken. Es ist schön, dass Gott viel größer ist, als wir, es ist gut, dass sein Abstand so groß ist, dass er den Überblick hat und zwischen Witz, losem Wort und wirklicher Respektlosigkeit oder gar Boshaftigkeit sicher viel besser unterscheiden kann als wir. Aber Gott ist eben auch nah. Er ist Mensch geworden, er ist uns nah im Heiligen Sakrament. Er ist nicht unnahbar. Abgesehen davon sind wir berufen, Gott zu lieben. Während ich durchaus mit Menschen, die ich liebe, Witze machen kann, ja, mit freundlichem Spott auch mal „mit ihnen“ über sie lachen kann, würde man doch immer versuchen, einen lieben Menschen nicht zu verletzen, nicht auf seine Kosten zu lachen. Wenn dies für den Umgang untereinander gilt, so sollte es doch eine Selbstverständlichkeit sein, dass es für unser Verhältnis zu Gott erst recht gelten sollte.

An den Diskussionen darum, was Satire darf und was nicht, stören mich Verabsolutierungen der oben angeschnittenen Zugänge. Der eine versucht, die Frage zu reduzieren auf den Umgang mit dem Nächsten: Dann wird davon gesprochen, dass „religiöse Gefühle“ verletzt werden. Wir beleidigen also nicht etwa Gott, sondern die Gefühle unseres Nächsten. Ich möchte nicht behaupten, dass es nicht im Sinne der Nächstenliebe wäre, darauf zu achten (s.o.), dass man den Nächsten nicht verletzt. Aber wir alle wissen, dass jeder Mensch unterschiedlich ist, dass wir in niemanden hineinblicken können: Wenn wir auf jede Empfindlichkeit penibel achten wollten, so könnten wir gar nicht mehr kommunizieren. Und auch unser Gegenüber hat eine Verantwortung, zu reflektieren, ob das, was gesagt wird, persönlich gemeint ist oder eben nicht. Bei Blasphemie geht es nicht darum, ob ich mich beleidigt fühle in meinen religiösen Gefühlen. Denn das würde bedeuten, dass Gott gar keine eigenständige Person ist, sondern eine individuelle Projektion oder Konstruktion. Blasphemie ist auch dann blasphemisch, wenn niemand zugegen ist, wenn es niemand sieht oder weiß. Denn sie richtet sich direkt gegen Gott. So kann man z.B. bei einem Film wie Monthy Pythons „Leben des Brian“ durchaus diskutieren, ob hier Gott selbst angegriffen wird, oder nicht doch etwa bestimmte Verhaltensweisen des Menschen, bestimmte religiöse Neurosen, oder auch einfach die Stereotype des pathosdurchtränkten Sandalen- und Jesusfilms. Wenn jemand sich beleidigt fühlt, weil er diese Art von Film mag oder einer der dargestellten Neurosen selbst verfallen ist (im Hinblick auf den konservativen Katholizismus kann man etwa durchaus manchmal Tendenzen erkennen, wo eine Volksfront von Judäa gegen die Judäische Volksfront polemisiert und andersherum…), so ist es in der eigenen Verantwortung, den Film nicht zu anzuschauen und gut. Abgesehen davon ist das Haftbarmachen für subjektive „Verletzungen“ persönlicher Gefühle in jeder Hinsicht nicht wünschenswert und einer freien Gesellschaft abträglich. Wenn ich Gurken nicht mag, und dies verbal auszudrücken wage, verletze ich dann die Gefühle des Spreewaldgurkenhändlers in unzulässiger Weise?

Verbunden mit der Reduzierung der Beleidigung Gottes auf „Beleidigung religiöser Gefühle“ wird auch gerne behauptet, Gott könne man doch gar nicht beleidigen, weil er unendlich erhaben sei. Wer davon ausgehe, man könne dies, so habe man ein sehr enges Gottesbild bzw. einen sehr schwachen/kleinlichen/rachsüchtigen/humorlosen Gott. Da ist wieder die sprachliche Ungenauigkeit Vater des Gedankens: Natürlich kann ich auch einen unendlich humorvollen und großmütigen Gott beleidigen. Eine andere Frage ist, ob dieser sich beleidigt fühlt. Als Subjekt ist Gott sicherlich der Letzte, der nach einem respektlosen Spruch über Jesus als Rache erst mal eine unheilbare Krankheit schickt. Davon unberührt bleibt, dass der, der die Beleidigung tätigt, diese Intention hat und damit eben auch absichtlich seinen Schöpfer und Erlöser verachtet. Dieser Tatbestand ist unabhängig von Gottes Reaktion darauf.

Ich stehe auf dem Standpunkt, dass die Intention ein wichtiger Anhaltspunkt dafür ist, wo Satire aufhört und Gotteslästerung anfängt. Ich würde meine Seele nicht für einen guten Spruch verkaufen, meine Großmutter schon eher… Es gibt im religiösen Bereich ja auch viele Dinge, die nicht in erster Linie etwas mit Gott zu tun haben, über die man mit Fug und Recht lachen sollte.

Advertisements

4 Kommentare

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s