Nebenkriegsschauplatz Musik

Eines der nebensächlicheren Scharmützel an der religiösen Front an denen sich konservative Katholiken gerne aufreiben, ist die Musik, insbesondere die Kirchenmusik. Ich amüsiere mich häufig über die Vehemenz, mit der persönliche Vorlieben mit göttlicher Legitimation umkränzt werden, um sie zum einzigen würdigen und passenden Rahmen des gottesdienstlichen und liturgischen Handelns zu erheben. Dabei möchte ich nicht völlig berechtigte Kritik an textlich unzureichenden und theologisch fragwürdigem Liedgut diskreditieren. Manchmal wird aber so getan, als gäbe es sprachlich und theologisch seichte Texte erst seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Abgesehen davon, dass das nicht stimmt, ist es auch etwas kulturchauvinistisch, naiv-kindliche und süßlich-verweichlichte Texte in Bausch und Bogen zu verurteilen, und nicht wenigstens anzuerkennen, dass sie eben einem nicht übermäßig begabten aber wohlmeinenden Geiste entsprungen sind. Allerdings mache ich mich selbst dieser Art von intellektueller Arroganz sehr oft schuldig…

Mir geht es hier um eine gewisse Geschichtsvergessenheit: Angesichts einer sehr fruchtbaren liturgischen Erneuerung scheinen Teile der traditionellen Katholiken (entschuldigt den Pleonasmus…) vor ihrem inneren Auge eine Vergangenheit zu imaginieren, in der in einer blühenden Glaubenslandschaft der gregorianische Choral landauf landab von allen Bevölkerungsschichten geliebt und gepflegt wurde, in participatio actuosa und mit perfekter Intonation. Ich persönlich bin der Ansicht, dass der unbegleitete liturgische Gesang und insbesondere der gregorianische Choral tatsächlich die angemessenste Form der Kirchenmusik ist, und zwar in erster Linie, weil der Text an erster Stelle steht und es sich dabei immer und zuerst um in Klang gegossenes Gebet handelt. Insofern bin ich in bester Gemeinschaft mit unseren orthodoxen Geschwistern, die jegliches Instrument aus dem Gottesdienst verbannen, und auch ich würde Orgeln keine Träne nachweinen. Damit stehe ich natürlich allein und wissend, dass dies lediglich eine persönliche Meinung ist, unterwerfe ich mich den musikalischen Forderungen anderer. Was das kleine und unerhebliche Problem mit sich bringt, dass derart unterschiedliche Wünsche an einen herangetragen werden, dass man sie unmöglich alle erfüllen kann. Die alte Schlesierin würde am Liebsten nur die Schubertmesse singen, der Pater sagt mir zwei Minuten später in der Sakristei, wie entsetzt er war, als er einmal in einer Gemeinde zelebriert hat, in der doch tatsächlich zum Sanctus das Sanctus aus der Schubertmesse (ja, eben derselben) gesungen wurde, und ob die Menschen denn gar kein Gespür dafür hätten, dass das gar nicht ginge (nein, haben sie nicht, aber sie waren auch nicht in einem Priesterseminar, in dem sie Gregorianik lernen mussten). NGL-geprägte Freunde fragen mich, ob sie nicht als Gemeindelieder in der Alten Messe auch einmal etwas charismatisches Liedgut singen könnten (äh…tatsächlich ein Gedanke, der mir nie gekommen wäre.).

Was ich sagen will: Sicher gibt es objektive Gründe, das eine oder andere zu bevorzugen. Es gibt aber auch subjektive und individuelle. Wenn etwa eine Gemeinde mit Choralgesang überfordert ist und überhaupt nicht beten kann beim Singen, dann sollen sie doch lieber Schuberts Sanctus singen – mit grottenschlechter Intonation und geschmacklosen Portamenti rauf und runter, aber mit Schmackes und viel Gefühl.

Was die Ablehnung des Neuen Geistlichen Liedguts angeht: Ich bin selbst ein Feind desselben aufgrund meiner Ansicht nach mangelnder musikalischer Qualität und weil es einfach viel bessere alte Sachen gibt (ich glaube, das ist die korrekte Umsetzung des Begriffs „konservativ“). Die (oft viel hochwertigere) moderne amerikanische „worship“-Musik gehört für mich ins Private, vielleicht in Andachten. Sprachlich ist es so, dass das moderne, seiner Poesie beraubte Deutsch kaum geeignet ist, Glaubensaussagen einer gewissen geistlichen Tiefe zu transportieren, anders als das Englische, das viel natürlicher auch theologische und geistliche Sachverhalte einbinden kann, ohne dann völlig gestrig zu wirken. Die Frage nach dem NGL berührt das Problem des säkularisierten Alltags: Wo Andachten, private Gebetstreffen und der Glaube im Alltag kaum noch stattfinden, wird alles, aber auch ALLES in den Gottesdienst, also in die Hl. Messe gezwängt, auch, wenn es aus ästhetischen oder geistlichen Gründen nicht passt. Denn ansonsten könnte man diese Lieder ja jederzeit außerhalb des gottesdienstlichen Rahmens singen, zur Erbauung und Unterweisung etc.

Allerdings werde auch ich zum Verfechter der Legitimität dieser Musik, wenn mir reaktionäres Pseudotraditum aus der Tatsache, dass es „neu“ ist, abzuleiten sucht, dass es deshalb auch „schlecht“ sei. Ich sage dann gerne, dass es im 15. und 16. Jahrhundert (im Allgemeinen unverdächtig für nachkonziliare Verfehlungen) Gang und Gäbe war, bekannte Schlager in Messen umzuarbeiten, wie etwa das Lied „L’homme armé“. Hier geht’s zur Messvertonung durch Palestrina. Ich habe mehrfach dazu angeregt, „Hit me Baby, one more time“ in eine Messkomposition umzuarbeiten, und würde mittlerweile sagen, „Atemlos durch die Nacht“ ist ebenfalls ein Anwärter auf Sakralisierung. Zur Illustrierung der Absurdität dieser Verkürzung „neu=schlecht“ sage ich auch gerne, dass es Palestrina nie zum erfolgreichen Kirchenmusiker gebracht hätte, wenn diese Herangehensweise triumphiert hätte, und dass wir dazu verdammt wären, bis heute immerzu nur Quintorgana zu hören. Und das ist nun Musik mit deutlich mehr Verve und Spritzigkeit, als der Durchschnittsdeutsche in seiner Heiligen Messe verkraften würde. Das ist ja schnell. Unfassbar.

Womit wir beim dritten Streitpunkt wären, der für Unfrieden sorgt in einer Zeit, in der wir nun wirklich echte Probleme haben: das „Tempo“. Es ist so, dass der Deutsche seine romantische Schwermut nun derart verabsolutiert, dass jede Synkope (die NICHT primär eine moderne Erscheinung ist!) und jedes Tempo oberhalb von Lentissimo largo quasi morendo als geradezu frivol eingestuft wird. Abgesehen davon sind wir ja in der Kirche. Da jibet nix zu lachen ergo auch keinen Grund, freudig zu singen. Vor nicht allzulanger Zeit durfte ich einer koptischen Liturgie beiwohnen und konnte erleben, mit wie viel Tempo und rhythmischer Lebendigkeit die Liturgie dort gesungen wird. Es gibt für mich keinen Grund anzunehmen, dass der gregorianische Choral in derart entstellender Weise elegisch gesungen wurde, wie mancher Kirchgänger das gerne hätte. Und noch weniger kann ich annehmen, dass etwa „Nun danket alle Gott“ als marche funèbre angelegt gewesen sein könnte. Leute, das ist katholische Kirchenmusik, wir singen dem Herrn ein neues Lied! Das ist kein buddhistisches Mantrasingen zur meditativen Transzendierung des eigenen Selbst.

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Ein Kommentar

  1. Kann fast allem zustimmen.

    Außer dem mit der Orgel. (Allein schon, weil mit der Orgel auch die ergreifende Orgelweiheliturgie wegfallen würde. 😉 )

    Und hin und wieder muß Gemeindegesang schon auch sein. In der Alten Messe gibt es dazu eine *sehr* geniale Einrichtung: der Priester steht vorne und sorgt, wenn ich es mal so formulieren darf, dafür, daß das Beten der ganzen Messe erledigt wird. Das läßt der Gemeinde die Freiheit, außer dem Mitbeten der Meßtexte sich auf Wunsch auch mit einer Meßandacht, dem Rosenkranz oder auch mit Gemeindegesang dem heiligen Geschehen anzuschließen.

    Natürlich ist das Schubert-Heilig, das nun einmal keine Übersetzung und keine Paraphrase des lateinischen Sanctus ist, sondern eine Meditation über die Worte „Heilig, heilig, heilig“, vielleicht nicht ganz passend *in der neuen Messe*; für diese wurde es aber auch nicht verfaßt. Es wurde für die alte Messe verfaßt, vom Volk zu singen während der Zelebrant vorn das Sanctus leise auf lateinisch betet; das ist (trotz aller liturgiereformerischer Kritik) völlig unproblematisch…

    (wenn es auch wohl nur unter „machen-wir-auch-mal“ verbucht werden und nicht der Gregorianik, der Polyphonie, der durchkomponierten Messe etc. den Platz rauben sollte.)

    Charismatisch geprägtes Liedgut?

    Der Theoretiker in mir sagt „gibt keinen Grund, das nicht auch zuzulassen.“

    Der Gefühlsmensch sagt, das charismatische Liedgut, das ich so kenne, steht mit ein paar allerdings bemerkenswerten Ausnahmen (wie dem Marienlied der Gemeinschaft Emmanuel „Du hast getragen Den, der alles trägt“) gegenüber dem sonstigen NGL und worship-and-praise deutlich ab; „muß ich nicht unbedingt haben“…

    Zum Thema Synkope:

    Die ist klasse.

    Aber: liebe Orgelspieler, während der Synkope bitte irgendeinen Ton spielen oder notfalls mit der flachen Hand auf den Spieltisch hauen. Sonst haut’s nämlich jede Strophe die ganze Gemeinde aus dem Rhythmus heraus. (Ich klopf ja selber auf die Bank, aber so laut, oder laut „eins!“ zu rufen, trau ich mich dann doch nicht.)

    (Ebenso: Wenn ein Lied mit einer ganzen Note endet, auf die eine ganze Pause folgt bzw. mit einer verbundenen ganzen und halben, auf die eine halbe Pause folgt… dann *bitte* spielt beide Takte durch! und wenn nicht, dann laßt doch den zweiten Takt im ganzen weg… aber nach einem halben Takt abbrechen und die nächste Strophe anspielen: wenn einer ein Lied kennt und weiß, wie es sich anhören sollte, bekommt er Ohrenschmerzen davon.)

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