Kann denn Sünde Liebe sein?

In seinem Blogeintrag „Kann denn Liebe Sünde sein“ kritisiert Heiko Heinisch die Haltung (und vor allem die Aussagen) der katholischen Kirche. Ich kann allerdings außer pauschalen Verurteilungen keine wirkliche Argumentation erkennen. Dementsprechend unstrukturiert ist auch meine Replik, denn man kann sich an diesem und jenem, eigentlich an jedem Satz abarbeiten, was ich dem werten Leser und meiner psychischen Gesundheit nicht zumuten will. Heinisch beschwert sich nicht nur über die aktuelle Kritik der Kirche an der Homoehe, er holt die alten Stereotypen und unzutreffenden Behauptungen hervor:

„Nach wie vor ist Sexualität das große Thema der Katholischen Kirche. Ob es um Aidsprävention geht (Ablehnung von Kondomen), um vor- oder außerehelichen Sex oder Homosexualität – es gibt nur ein erlaubtes Modell einer „sündenfreien“ Sexualität: Heterosexueller Sex zwischen Ehepartnern zum Zweck der Fortpflanzung. Alles andere – und insbesondere Homosexualität – wird verdammt und als schwere moralische Verfehlung und Gefahr für die Gesellschaft denunziert. Die Katholische Kirche lehnt das Selbstbestimmungsrecht des Menschen und damit einen Teil der Menschenrechte im Namen einer „höheren“ Moral und Wahrheit ab.“

Lieber Herr Heinisch, nach wie vor ist Sexualität eines der großen Themen der Menschheit. Und die Themen, die die Menschen betreffen, betreffen auch die Kirche. Schon vor der Pubertät spielen Mädchen mit Puppen und versorgen ihre imaginären Kinder (das ist ein Fakt, wir brauchen nicht darüber diskutieren, ob das nun biologisch, gesellschaftlich oder durch eine Mischung von beidem bedingt ist) und mit der Pubertät beginnt sich der Mensch mit den Vorgängen zu beschäftigen, die letztlich dazu führen, dass die Puppen durch echte Babys ersetzt werden können. Wir verlieben uns, wir entlieben uns, wir erleiden emotionale Achterbahnfahrten und nicht selten auch emotionalen Schiffbruch. Wir sind auf der Suche nach Liebe und Glück. Leider sind wir umgeben von einer Welt, die Sexualität auf eine Silbe verkürzt hat – semantisch und inhaltlich. Wenn die Werbung eines Sexshops züchtiger und angezogener ist als die Shampoowerbung im Fernsehen oder das Werbeplakat von H&M, wenn Sex im Film und in Magazinen hochglanzpoliert ist mit bis ins Absurde retuschierten Fotos, wenn schon in der Schule pornographische Darstellungen und enthemmte Wortwahl uns den Sinn für den Zauber und das Geheimnisumwitterte der Erotik rauben, bevor wir überhaupt Sensoren dafür haben, dann wird uns die Suche nach einer integrierten, ganzheitlichen Sexualität nicht leicht gemacht. Und da die Kirche allen helfen will, denen es die Welt nicht leicht macht, darum ist und bleibt Sexualität ein bestimmendes Thema. So weit gebe ich Ihnen völlig Recht.

Dann beginnt das unumgängliche Stochern in antikatholischen Ressentiments. Man weiß mittlerweile nicht nur durch Anwendung des Menschenverstands, sondern auch durch Zahlen, dass Kondome bei Aidsprävention nicht in dem Maße helfen, wie man es uns glauben machen wollte. Die Gründe dafür liegen u.a. in der größeren Risikobereitschaft und dem durch massive Propaganda geschürten Irrglauben, es gäbe eine 100%ige Sicherheit. Die Nennung dieses alten Huts muss einen bereits am Ende des ersten Absatzes skeptisch machen ob der Seriosität des Artikels.

Die Kirche lehnt das Selbstbestimmungsrecht nicht ab. Sie sagt aber klipp und klar: Wenn du dich selbst entgegen Gottes Geboten bestimmst, wirst du am Ende darunter leiden und anderen Leid bescheren. Denn die Gebote sind von dem gemacht, der dich gemacht hast, von dem, der dich und deine Bedürfnisse besser kennt, als du dich selbst. Er hat sie für dich gemacht, so wie der Staat Ampeln an Straßen nicht installiert, damit du nicht rasen kannst, sondern, um dich und andere zu schützen. Der Staat kann dir aber nicht verbieten zu rasen und ebenso kann die Kirche nicht verbieten, dass du emotional an die Wand fährst.

Anschließend wird der Missbrauchsskandal beschrieben. Man kann unumwunden zugeben, dass es sich hier um ein schreckliches, indiskutables, schwerwiegendes und umfangreiches Versagen handelt. Mit persönlicher Schuld von Individuen, was konkreten Missbrauch betrifft, aber auch, was Vertuschung etc. angeht. Allerdings muss man bereits hier vorsichtig mit Verurteilungen sein (s. berühmtes Papstzitat). Denn woher weiß ich, aus welchem Grund genau Bischof X Priester Y nicht der Justiz ausgeliefert hat? Angst? Verwerflicher Grund, aber möglich. Mitleid und Vertrauen in die Beteuerungen, es nicht wieder zu tun (die ebenfalls durchaus integer sein konnten)? Naiv aber ebenfalls möglich. Eiskaltes Ignorieren der Not der Opfer um den Schein zu wahren? Absolut verwerflich und völlig im Rahmen der Möglichkeiten. Aber was hat denn nun dieser Skandal mit der Homoehe zu tun? Ganz klar:

„Es gehört schon eine Menge Chuzpe dazu, nach all diesen Vorkommnissen Liebe und Sexualität zwischen frei handelnden Menschen als unmoralisch und gegen Gottes Willen gerichtet zu denunzieren, nur weil diese Menschen das gleiche Geschlecht haben. Wieso glauben Vertreter der Kirche hartnäckig weiter daran, dass ausgerechnet sie Autorität in Fragen von Sexualität und Moral haben? Es stünde ihnen besser an, zur Sexualität anderer zu schweigen, sich ein wenig in Demut zu üben und in Klausur zu gehen, um die kirchlichen Moralvorstellungen einer Prüfung zu unterziehen. Wenn die Katholische Kirche sich dazu durchringen könnte, das Selbstbestimmungsrecht des Menschen und, damit verbunden, die Menschenrechte vorbehaltslos anzuerkennen, fände sie vielleicht zu einer Ethik, die die Würde und das Glück des einzelnen Menschen in den Vordergrund stellt.“

Wow. Erstmal ist man sprachlos. Mir leuchtet die Logik natürlich unmittelbar ein: Weil innerhalb der Kirche Menschen gegen die erklärte Lehre der Kirche handeln, ist es unverschämt („Chuzpe“), wenn die Kirche ihre Lehre auch gegenüber der Außenwelt aufrechterhält. Kommt da noch irgendjemand mit? Ich nicht. Menschen fehlen immer wieder aus unterschiedlichsten Motiven. Dies bedeutet nicht, dass sie nicht trotzdem erkennen könnten, was das angemessene, gute Verhalten WÄRE, aus welchem Grund auch immer sie sich dann für schlechtes Handeln entscheiden. Ebenso enthebt die eigene Fehlbarkeit nicht von der Verpflichtung, andere auf Verfehlungen hinzuweisen, es sei denn, man möchte, wenn man wie Kain gefragt wird, wo Abel ist, keine bessere Antwort parat haben als „Bin ich meines Bruders Hüter?“.

Allerdings wird hier durchaus eine berechtigte Frage gestellt: Wie kommt die Kirche dazu, zu lehren, dass außerehelicher Geschlechtsverkehr eine in sich schlechte Handlung sei? Nun, da könnte man doch einmal aufhören, zu polemisieren, und sich tatsächlich erst einmal informieren. Wenn seit 2000 Jahren etwas gelehrt wird, was manchmal nicht einmal der Lebensrealität der Päpste entsprochen hat – und es wird trotzdem aufrechterhalten: Ist da keine Neugier? Kein „Hm, entweder die sind bescheuert oder…schauen wir uns das doch mal genauer an!“? Nehmen Sie den Katechismus zur Hand. Schauen Sie sich um auf katholischen Internetseiten, die auf dem Boden der Lehre stehen (kleiner Tipp: Versuchen Sie es NICHT bei der Deutschen Bischofskonferenz. Von kirchensteuerfinanzierten Insitutionen kann man nicht erwarten, dass sie das Evangelium unverkürzt verkünden). Informieren Sie sich über die „Theologie des Leibes“!

Warum glauben Kirchenvertreter „hartnäckig“, dass sie die Autorität haben? Das ist unglücklich gefragt. Sie glauben das gar nicht. Sie lehren im besten Falle in der Autorität CHRISTI dessen Lehre, und ja, warum sie an den glauben? Weil sie mittels Vernunft und göttlicher Offenbarung erkannt haben, dass diese Lehre wahr ist. Ein Kirchenvertreter hat normalerweise viel Zeit damit verbracht, das Lehrgebäude zu inspizieren und er wird, wenn er das gründlich getan hat, sehen, wie ein Stein kunstvoll auf den anderen gefügt ist zu einem Gebäude unvergleichlicher Schönheit. Er sieht sogar, wie dieses Gebäude Teil des Gesamtkomplexes „Schöpfung“ ist, der ebenfalls architektonisch kunstvoll verwoben ist. Das nennt man Demut und Theologie auf Knien: Bewunderndes Ergründen der weisen und liebevollen Ordnung Gottes. Der demütige Kirchenvertreter kennt das Gebäude gut. Er wird er insistieren, dass es zum Einsturz kommen wird, und dass viele der lebendigen Steine, die dieses Gebäude bilden, zu einem emotionalen und geistlichen Tod kommen werden, wenn man wie ein trotziges Kind meint, man wisse es schon besser und könne diesen und jenen Stein herausnehmen, um damit radikale Kondomgegner zu steinigen.

Man könnte die Haltung der Kirche zusammenfassen mit „Kann denn Sünde Liebe sein?“. Die Verwirrung in Sachen Liebe ist kein modernes Problem. Die Lehre der Kirche in dieser Hinsicht war noch nie bequem: Als Jesus ihnen das mit der Ehe erklärt, sind die Jünger entsetzt; und die Kirche hat in ihren Reihen hoch geehrte Märtyrer, die die Wahrheit seiner Lehre mit ihrem Blut bezeugt haben, von Thomas Morus bis Maria Goretti. Die Verwirrung in Sachen Liebe ist uralt, weil Menschen ihr Verhalten rechtfertigen wollen. Daher werden seit Urzeiten mit dem Wort Liebe alle möglichen Inhalte geschönt und legitimiert.

Die Kirche akzeptiert aber nur eine Definition: GOTT IST DIE LIEBE. Wenn etwas der Ordnung Gottes widerspricht, kann es nicht Liebe sein. Da muss die WELT in Klausur gehen und zu einer Ethik finden, die dem Liebesbedürfnis des Menschen gerecht wird und ihn nicht zu einem Objekt des jeweils Stärkeren oder seiner eigenen Schwächen herabwürdigt.

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