1000 Gründe, dankbar zu sein, katholisch sein zu dürfen #1

Ich dachte, ich nenne die Reihe mal „1000 Gründe“. Ich bin mir zwar sicher, dass mir noch viel mehr einfallen, aber wir wollen mal klein anfangen.

Es gibt Momente, in denen es mich trifft wie der Schlag. Ich bin katholisch. Bäm. Die Erkenntnis trifft mich bevorzugt in Phasen der relativen Laxheit, und in einer 1000stel Sekunde werde ich aus der bequemen Heilszuversicht wieder in den Zustand eines gerade paulisierten Saulus katapultiert.

Das letzte Mal, als das geschah, saß ich in einem evangelischen Festgottesdienst. Zur Kollektensammlung wurde „Geh aus mein Herz, und suche Freud“ gesungen. Ich liebe dieses Lied. Es ist wundervoll. Ich singe es im Sommer beim Kartoffelschälen oder beim Radfahren, wenn mein Herz der Freude an Gottes Schöpfung spontan Ausdruck verleihen möchte. Da ich Blumen, Mode und lateinische grammatische Endungen an deutschen Worten sehr mag, gefällt mir vor allem die Stelle, wenn davon die Rede ist, dass Narcissus und Tulipan sich schöner anziehen als Salomonis Seide. Das einzige Problem ist, dass das Lied gefühlte 666 Strophen hat und dass in einem Gottesdienst ohne liturgische Handlung im engeren Sinne nach der ausgedehnten Predigt nichts anderes bleibt, als eine unüberschaubare Menge dieser Strophen zu singen. Als musikalisch begabter Mensch kann man sich die Langeweile, die ab der 4. Strophe unweigerlich einsetzt, vertreiben, indem man Unter- und Oberstimmen erfindet, Verzierungen, Läufe und ganze Passeggiaten. Das geht aber nicht, wenn der Organist ebenso nach Zerstreuung sucht und sich darin ergeht, nach Kontrapunkt und Bachschem Satz die Grenzen impressionistischer, expressionistischer und nicht einzuordnender Arrangements auslotet und so unvorhersehbar spielt, dass die eigenen Varianten nicht mehr passen.

Der genaue Moment der Epiphanie war, als ich an besagter vierter Strophe angelangt war, das „Gottesdienstblatt“ (Programm, könnte man auch sagen) wendete und zu meinem schieren Entsetzen nicht auf die Punkte „Fürbitte. Vaterunser. Segen. Schlusslied“ stieß, sondern auf weitere sechs Strophen Paul Gerhardt. In diesem Augenblick sandte ich ein kleines Dankgebet gen Himmel für die Heilige Messe, die ein Fenster zur Ewigkeit, nicht zur ewigen Langeweile öffnet, wo eine halbe Stunde ehrwürdige Feier sich anfühlt wie „eine Ewigkeit“, und doch ganz kurz erscheint, wo die liturgischen Texte in  biblischer Weise kurz und knapp das Wesentliche aussagen und wo ein gescheites Kirchenlied in 5 Strophen alles gesagt haben muss, was zu sagen ist.

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