Damals, mit der Studentengemeinde in Israel oder: Unverarbeitete Traumata der Anna M.

Es war im Jahre des Herrn 2013, als ich mit einer Gruppe der K(etzerischen) H(ochschul)g(emeinde) nach Israel fuhr. Um jedwedem Missverständnis vorzubeugen: Nette Leute. Fast alle. Und die, die nicht so nett waren, trotzdem tolle, bemerkenswerte, besondere, von Gott geliebte Individuen. Es hätte so schön sein können. Wenn nicht jedes zweite Wort der jeweiligen Referenten zu verschiedenen Themen (ihres Zeichens Theologen, Historiker oder o graus- beides) „verorten“ gewesen wäre. Ereignisse vor 90 n.Chr.im Heiligen Land, Pardon – Israel und Palästina! – geschahen nicht. Sie wurden verortet. D.h. jemand hat, aus legitimen oder nicht so legitimen Gründen aber jedenfalls integer – ihm ist nichts vorzuwerfen, er war ja nur ein unwissender, unaufgeklärter Semit- Ereignisse an einer Stelle verankert, um etwas damit zu erreichen oder eine ihm persönlich wichtige Erfahrung auszudrücken.

Das Grauen begann bereits noch in Deutschland, als einer der Referenten bei einem Vortreffen die Jerusalemer Stadtgeschichte erläuterte und sagte „Hier ist der Ort, den man als Ställe Salomos bezeichnet. Also- *höhöhö*- wenn es Salomo denn gegeben hat.“ NOT FUNNY. Wirklich nicht witzig. Als wir gerade im Flugzeug saßen und ich glückstrahlend, aber ohne, dass es jemand mitbekam, meinen Rosenkranz um meine Finger wand, um die Wallfahrt (für mich war und blieb es eine Wallfahrt. Studienfahrt. Ph. Was soll das sein. Bin ich Frührentnerin?) standesgemäß zu beginnen, war es eben dieser Referent, der sich zu mir umwandte und schelmisch sagte „*höhö*, eigentlich müssten wir jetzt ja Rosenkranz beten, *höhö*?“ -ohne Worte-.

So ging es weiter. Meinen Ruf als weihwasserschwitzende Konvertitin hatte ich natürlich schnell weg, schließlich kann ich nie die Klappe halten. Bei einem Abendgespräch meinten vier der angehenden Theologen (alle, die sich außer mir im Raum befanden), sie seien das letzte Mal vor der Erstkommunion zur Beichte gegangen. Einer sagte „Das gibt mir nichts“, die andere „Gott vergibt mir auch so“. Auch dem sonntäglichen Kirchgang hatten sie nicht viel abzugewinnen: „Ich kann auch zu Hause beten“ und „Das gibt mir nichts“ waren die vorauszusehenden, aber im Kontext von zukünftigen Lehrern der katholischen Religion doch bestürzenden Aussagen. Als ich dann, dreist wie eh und je, das Problem dieser Aussagen zusammenfasste in der Frage „Und was ist dann an euch katholisch?“, wurde die Frage natürlich nicht beantwortet (wie auch), sondern ich wurde angeraunzt: „Sprich mir nicht mein Katholischsein ab“. Bäm. – Da war es wieder. Ich Rechthaber. Egal, ob ich eine ehrlich gemeinte Frage stelle: Ich spreche anderen ihre Identität ab. Wow. Vermessen. Ich meine doch tatsächlich, katholisch sein habe etwas mit katholischen Ansichten, Lehren und Lebenseinstellungen zu tun. Was für eine antiquierte Sichtweise. Katholisch ist, was ich dafür erkläre!

Noch viele weitere Ereignisse dieser Art trugen sich zu auf dieser Fahrt. Sie lassen einem das Blut in den Adern gefrieren. Was die christliche Identität betrifft, möchte ich von diesen vielen traumatisierenden und immer noch nicht endgültig verarbeiteten Geschehnissen eines herausgreifen, das auch die einzige Waffe gegen diese Art von Katholik offenbart: Zum Ende hin wollten wir vom See Genezareth über Caesarea nach Tel Aviv. Ein Umweg hätte über Nazareth geführt, ein unwichtiges, arabisches Kaff. Ich: Können wir dann über Nazareth fahren? Anderer: Ach, da gibt’s eigentlich nichts. Nur so ne Kirche. In dem Augenblick fiel bei mir der Groschen: Worum geht es diesen Menschen? Um sich. Egozentrik pur. ICH brauche das nicht, MIR gibt das nichts, ICH entscheide, ob gelb gelb ist oder nicht doch lieber grün. Ich, Ich, Ich. Und das einzige, was legitim ist, ist, ebenfalls die eigenen Bedürfnisse in den Fokus zu stellen. Ich erniedrigte mich also und sagte „Naja, also…wisst ihr…da gibt es nur so eine Kirche…aber…für mich persöööööönlich…wäre das soooooooo wichtig!? So eine wichtige Erfahrung. Ich fänd es so schön, wenn es möglich wäre *Pudelblick*“

Das Gebet am Ort der Menschwerdung, die italienisch-spanisch-englische Beichte in der Verkündigungskirche von Nazareth und das Steinfresko, auf dem Kreuzritter- ohne Witz- abgebildet sind mit dem Spruch „Deus lo vult“ waren ein absoluter Höhepunkt dieser Wallfahrt, auch wenn ich mich, um dies erleben zu dürfen, bis in die tiefsten Tiefen der individualistisch-relativistischen Ichbezogenheit hinabgedemütigt habe. #wersichselbsterniedrigt

Advertisements

Ein Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s