Paris vaut bien une messe!

Langs ist’s her- ich war überzeugte Protestantin und beweinte die Opfer der Bartholomäusnacht (das tue ich immer noch). Die bösen Katholiken, glaubenslos und machiavellistisch, metzeln die unschuldigen Protestanten (natürlich durchweg fromm, dem Gewissen treu und tapfer): Allen voran böse Königinnen, die in fantastischen Spielfilmen von Patrice Chéreau aussahen wie die Personifikation der Bösen Stiefmutter aus Schneewittchen. (Bitte nicht das unsägliche Machwerk Henri IV  ansehen – in Film gegossenes Grauen à la Tudors, nur im schlechten Kontinentaleuropäischen Look – Anmerkung am Rande) …Angesichts dieser Gemengelage ist Vereinfachung des historischen Kontexts geradezu geboten, damit man nicht etwa auf die Idee käme, die Situation sei etwas komplexer als das.

Und da war er nun, Henri de Navarre, Frauenheld, dem Alkohol zugeneigt, ein Humanist unter Fanatikern, ein Lebemann unter freudlosen Asketen. Er war schon intuitiv mein Lieblingskönig, als ich noch dachte, ich sei glühende Sozialistin, und als ich Heinrich Mann noch nicht gelesen hatte (Wer es noch nicht gelesen hat: „Die Jugend des Henri IV“ ist ein an feiner, phantasievoller Schönheit und sprachlicher Sinnlichkeit und Poesie nicht leicht zu überbietendes Werk! Um es mit den Worten der Salafisten auf dem Marktplatz zu sagen: Lies!). Man muss ihn einfach gern haben. Und dann, nach all den Strapazen, Mordversuchen, erstochenen Freunden, Ängsten hat er alles erreicht. Er besiegt alle politischen Feinde, kann König von Frankreich werden und – konvertiert. Arrgh. Er bleibt nicht der Papaphobie treu. Wie sollte ich das mit meiner damals noch protestantischen Identität sinnvoll verknüpfen?

Heute liegt das Problem anders herum: Wer seine Konversion mit den Worten „Paris ist eine Messe wert“ begründet, wird unter Katholiken nur schwerlich Freunde finden. Jedenfalls ist das an Respektlosigkeit kaum zu überbieten. Dabei war er doch ohnehin ein grottenschlechter Calvinist: Le vert-galant, oder „womanizer“, wie man heute sagen würde, wie er sogar in der Königshymne ziemlich freimütig besungen wird, der Trunkenbold, der Lebenshungrige. Wahrscheinlich konnte er einfach seinen Freunden nicht völlig in den Rücken fallen und nicht zugeben, dass einer, der das Leben liebt und guten Wein zu schätzen weiß, bei den Katholiken einfach unter Seinesgleichen und besser aufgehoben ist!

Übrigens: Wer sich in seiner Tugend angegriffen fühlt, weil hier die Trinitas aus Saufen, Kämpfen und Frauen Verführen als ultimative Eigenschaft des perfekten Königs gilt, dem sei eine kitschig-romantisch verfälschende Protzfassung ohne Text empfohlen! Aber nur halb so schön. Jedenfalls ist eine Hymne, die nicht zuerst das Blutvergießen preist, sondern das Schöne Leben, ein Zeichen für geistige Gesundheit und allgemeine Vernunft eines Volkes.

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