Ein offener Brief

Meine lieben homosexuellen Freunde!

Eigentlich möchte ich diesen Brief so beginnen: Meine lieben Freunde. Aber leider ist gerade in Deutschland eine Diskussion im Gange, die es nötig macht, euch auf eine derart indiskrete und unangemessene Art und Weise zu adressieren.Eine Entwicklung, die Menschen in sexuelle Orientierungen unterteilt. Und ausgehend von der Haltung zu diesen Orientierungen werden wir eingeteilt in Menschen, denen man zuhört, die man mit Respekt behandelt und deren Argumente man anhört und pauschal gutheißt. Und in die, die man mit dümmlich-pauschalen Memes in sozialen Netzwerken niederbrüllen darf, deren Argumente man  gar nicht erst zulässt, die man mit Unterstellungen überflutet, die man einfach mit Labels belegt, die sie sofort aus der Mitte der Gesellschaft herauskatapultieren. Ich möchte nicht mit Labels belegt werden, die nicht auf mich zutreffen. Ich möchte nicht, dass man über mich behauptet, ich würde euch nicht mögen oder ablehnen. Es wird nichts helfen, wenn ich dem Spiegel oder der Welt oder der Zeit schreibe, es wird auch nichts helfen, wenn ich gegen jede tendenziöse Talkshow protestiere und mich über jede unseriöse Radioreportage beschwere. Darum wende ich mich heute an euch. Denn wenn wir uns nicht voneinander abwenden, dann kann uns keine ideologische Agenda trennen.

Es ist mir völlig egal, was ihr in euren Schlafzimmern tut. Oder in Autos. Oder in öffentlichen Toiletten, im Flugzeug, im Wald oder wo auch immer. Ihr seid nicht meine Freunde geworden, weil ihr irgendwie sexuell seid, nicht einmal, weil ihr wunderbare, interessante, warmherzige, tolle Menschen seid, sondern, weil es etwas gibt, das uns verbindet, über alle gemeinsamen Interessen und gemeinsamen Erlebnisse hinaus: Das Geheimnis der Freundschaft eben.

Und doch fühle ich mich genötigt, jetzt einmal anzusprechen, dass wir auseinanderdividiert werden sollen. Man suggeriert uns (und manche von euch gehören auch gleichzeitig zu denen, die solches behaupten), dass man, um einen Menschen zu achten, zu respektieren und zu lieben, alles toll und gut finden muss, was dieser Mensch tut und/oder denkt und/oder fühlt. Das ist nicht meine Definition von Freundschaft. Wenn es eure ist, dann haben wir aneinander vorbei gefreundet. Ich liebe euch abseits von euren Fähigkeiten, Stärken, Schwächen etc. Bitte verlangt von mir nicht, dass ich gutheiße, was meinem Verständnis nach niemals gut sein kann. Zwingt mich nicht, zu wählen zwischen göttlichem Gesetz und euch. Ich muss dazwischen nicht wählen, denn das eine schließt das andere nicht aus, solange ich euer Verhalten als nicht gut bewerten darf und selbst damit klar zu kommen habe, dass ihr eben nicht so seid, wie ich euch gern hätte- was ebenso euer gutes Recht ist, wie es das meine ist, nicht so zu sein, wir ihr MICH gern hättet. Ich muss nur dann wählen, wenn ihr aus meiner Abneigung gegen homosexuelle Handlungen und aus meiner Befürwortung der menschlichen Fähigkeit, durch Sexualität am Schöpfungswirken Gottes teilzuhaben, eine Abneigung gegen euch als Person konstruiert.

Tut das nicht. Denn ich habe mit euch viele schöne Dinge erlebt, gute Zeit verbracht und euch liebgewonnen. Ihr habt meine Freundschaft, meine Loyalität. Ich kann nicht mehr geben. Ich kann euch nicht Bestätigung eurer Handlungen geben. Und wenn ihr diese Bestätigung wirklich nicht braucht, weil euer tiefstes, allertiefstes Inneres euch tatsächlich sagt, dass es okay sei, eure Organe in einer anderen Weise zu benutzen, als es die Natur vorgesehen hat, dann braucht ihr auch gar keine Bestätigung dieses Sachverhalts durch mich. Ich bitte euch ja auch nicht, meine Lebensweise zu bestätigen. Ich bitte euch, mir Rückmeldung zu geben, euch mit mir auszutauschen, in manchen Dingen Einigkeit zu entdecken und in anderen Spannung und Dissenz auszuhalten. Um der Freundschaft willen. Wenn ihr keine Zweifel habt, dann könnt ihr meine Meinung akzeptieren, ohne dagegen zu hetzen und ohne die gegenteiligen Ansichten ungerecht zu diffamieren. Ihr müsst euch nicht abgelehnt fühlen, weil ich eure Handlungen ablehne. Ihr seid doch wohl mehr als euer Sexualleben, oder? Und als Freundin habe ich den Anstand, mich damit einfach gar nicht zu beschäftigen – wenn ihr mich lasst. Wenn ihr dagegen Zweifel habt, die euch Anerkennung suchen lassen, dann prüft euch selbst.

Liebe Grüße, euch in Freundschaft verbunden,

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s